JP Morgan Chase: Bankchef Dimon spielt Milliardenverluste herunter

Von , New York

Seine Bank JP Morgan Chase setzte mehrere Milliarden Dollar in den Sand. Jetzt musste sich Vorstandschef Jamie Dimon vor dem US-Senat rechtfertigen. Er entschuldigte sich erneut - wies die Schuld aber weitgehend anderen zu.

Jamie Dimon vor dem Senat: "Wir wurden falsch informiert" Zur Großansicht
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Jamie Dimon vor dem Senat: "Wir wurden falsch informiert"

Es hätte eine knallharte Inquisition werden können, doch am Ende blieb es bei höflichem Geplänkel. Wall-Street-Ikone Jamie Dimon, der Vorstandschef der skandalgeplagten Großbank JP Morgan Chase, musste am Mittwoch vor dem Bankenausschuss des US-Senats Rechenschaft ablegen. Erneut entschuldigte er sich für die jüngsten Fehlspekulationen, die seine Bank mindestens drei Milliarden Dollar gekostet haben. Die Schuld wies er aber anderen zu.

Die missglückten Derivaten-Spekulationen, die im Mai Schlagzeilen gemacht hatten, erklärte Dimon mit dem Versuch, Risiken in anderen Bereichen seiner Bank abzufedern. "Diese Strategie schuf jedoch ein Portfolio, das noch größer war, und resultierte schließlich in noch komplexeren und schwerer zu steuernden Risiken", sagte Dimon vor den Senatoren. "Als Folge haben wir viele Leute hängenlassen, und das tut uns leid."

Das war eine Beschönigung des Milliarden-Flops der größten US-Bank, der die Branche in Aufruhr versetzt und zu Forderungen nach neuer Staatskontrolle der Wall Street geführt hatte. JP Morgan feuerte mehrere Top-Manager, die an der Zockerei beteiligt waren. Dimon behielt zwar das Vertrauen des Aufsichtsrats, doch auch sein Image ist angekratzt. Kritiker fordern neuerdings seinen Rücktritt aus dem Direktorat der New Yorker Filiale der US-Notenbank.

Vor Beginn seines Auftritts in Washington machten sich im Anhörungssaal mehrere Demonstranten lautstark bemerkbar. "Dieser Mann ist ein Krimineller, er gehört ins Gefängnis!", rief ein Protestler. Andere skandierten: "Stoppt Zwangsversteigerungen!"

"Kein ausreichendes Verständnis für das Risiko"

Dimon begründete die riskanten Finanzwetten mit den neuen Kapitalvorschriften des internationalen Regelwerks Basel III, das die Banken weltweit sicherer machen soll. Um die neuen Vorschriften einzuhalten, habe JP Morgan sein Risikomodell geändert, diese Änderungen nach den Milliardenverlusten aber wieder rückgängig gemacht. Das zuständige Chief Investment Office (CIO) sei beauftragt gewesen, ein Portfolio von rund 350 Milliarden Dollar "konservativ" zu managen. Doch die CIO-Händler hätten kein "ausreichendes Verständnis für das Risiko" gehabt. Aber auch das Top-Management hätte dies genauer überprüfen sollen - "und da schließe ich mich selbst ein".

Dennoch nannte Dimon dies ein "isoliertes Ereignis", das im größeren Zusammenhang gesehen werden müsse. "Wir werden ein bisschen Shareholder-Geld verlieren, und dafür fühlen wir uns schrecklich - aber kein Geld von Klienten, Kunden oder Steuerzahlern war von diesem Vorfall beeinträchtigt", beharrte er. JP Morgan bleibe profitabel.

Senatoren beider Parteien verzichteten darauf, Dimon hart anzugehen, und stellten meist nur höfliche Detailfragen. Der demokratische Ausschussvorsitzende Tim Johnson sprach zwar von einem "Trading-Debakel", zeigte sich aber verständnisvoll: "Keine Finanzinstitution ist immun gegen schlechtes Urteilsvermögen."

Johnson konfrontierte Dimon freilich mit seiner ursprünglichen Reaktion auf erste Berichte über die Spekulationsverluste, die Dimon als "Sturm im Wasserglas" abgewiegelt hatte. "Als ich dieses Statement abgab", sagte Dimon jetzt, auf den Tag genau zwei Monate später, "lag ich stockfalsch." Den Vorwurf, er habe die Öffentlichkeit irregeführt, stritt er freilich kategorisch ab: "Wir wurden falsch informiert."

Ein Großteil der Debatte drehte sich um die geplante "Volcker-Regel", benannt nach Paul Volcker, dem Ex-Chef der US-Notenbank Fed. Die Regel ist Teil der Finanzreform und soll verhindern, dass Geschäftsbanken auf eigene Rechnung spekulieren. Ihre exakte Formulierung bleibt aber bis heute umstritten. Dimon lehnte die Regel vor dem Senat als "unnötig" ab, vermied aber weitere Antworten: "Ich weiß nicht, was die Volcker-Regel ist, sie ist noch nicht geschrieben, das ist sehr kompliziert."

Am Ende der zweistündigen Sitzung kündigte der Ausschuss keine weiteren konkreten Maßnahmen an. "Die heutige Anhörung ist eine Mahnung daran, dass wir nicht unachtsam werden dürfen", sagte Johnson, bevor er Dimon für seine Anwesenheit dankte. Am Montag muss der Bankchef erneut im Kongress erscheinen: Dann hat ihn der Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses vorgeladen.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Zu kompliziert!
alcowe 13.06.2012
Schonmal aufgefallen das Banker wenn sie in der Klemme stecken sich immer mit der Ausrede "zu kompliziert" herausreden? Dabei hat das Finanzsystem sich selbst erschaffen und jede Kompliziertheit ist nur künstlich und so gewollt. Dient es immerhin der Gewinnmaximierung.
2. Ein Krimimeller
herr_kowalski 13.06.2012
Zitat von sysopSeine Bank JP Morgan Chase setzte mehrere Milliarden Dollar in den Sand. Jetzt musste sich Vorstandschef Jamie Dimon vor dem US-Senat rechtfertigen. Er entschuldigte sich erneut - wies die Schuld aber weitgehend anderen zu. JP Morgan: Jamie Dimon verteidigt sich vor dem Senat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,838736,00.html)
nicht mehr und nicht weniger. In den USA allerdings im Heiligenschein einer Ikone. Passt zu deren System.
3. Immer die anderen ...
fridolinkiesewetter 13.06.2012
was wohl ein Psychologe zu stabil externalen Attributionsmustern sagen würde... Das ist doch die gleiche Argumentationschiene wie an der Börse. Waren die Märkte "unberechenbar" oder verhielten sich nicht gemäß den Erwartungen der Experten gemäß, dann sind die Märkte plötzlich "politisch". Alle Modelle, die die Wirtschaft lehrt sind nur Annäherungen und wenn es um den Klüngel der "Wirtschaftslenker" geht wird es in höchstem Maße irrational. Dann funktionieren die wackeligen Modelle nichtmal mehr Annäherungsweise.
4.
levelup 13.06.2012
Zitat von sysopSeine Bank JP Morgan Chase setzte mehrere Milliarden Dollar in den Sand. Jetzt musste sich Vorstandschef Jamie Dimon vor dem US-Senat rechtfertigen. Er entschuldigte sich erneut - wies die Schuld aber weitgehend anderen zu. JP Morgan: Jamie Dimon verteidigt sich vor dem Senat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,838736,00.html)
Klar doch, sind die anderen Schuld. Sind sie doch immer. Den Typen und Co enteignen bis in die vierte Generation, genauso wie seine "Mitarbeiter".
5.
sverris 14.06.2012
Banker: "Oh, Herr Anleger, ich habe grad Ihre Ersparnisse verbrannt. Tut mir leid."
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