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11. Mai 2012, 15:46 Uhr

Zockerei bei JP Morgan

Dimons Dämonen

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JP-Morgan-Chef Jamie Dimon galt als König der Wall Street, als Geldmanager, der sein Institut sicher durch die Weltfinanzkrise steuerte. Jetzt hat eine Abteilung seiner Bank zwei Milliarden Dollar in wenigen Wochen verzockt, und Dimons Ruf leidet: Der Kontrolleur hat die Kontrolle verloren.

Hamburg - "Fehler, Schlampigkeit, mieses Urteilsvermögen"... "Schlechte Strategie, schlecht ausgeführt, armselig überwacht"... "Ich weiß, das Ganze wurde getan, um Risiken einzudämmen... Es war unglaublich ineffektiv"... "Das waren ungeheuerliche Fehler, sie waren selbstverschuldet, das ist nicht die Art, wie wir ein Geschäft führen wollen."

Jamie Dimon war außer sich, als er mit den Analysten sprach. In einer eilig einberufenen Telefonkonferenz versuchte der Chef von JP Morgan Chase am Donnerstag, die Zocker-Eskapaden zu erklären, mit denen eine Abteilung von Amerikas größter Bank in nur sechs Wochen mindestens zwei Milliarden Dollar Verlust gemacht hatte. Die Spekulationsgeschäfte des sogenannten Chief Investment Offices (CIO), einer Abteilung, die rund 350 Milliarden Dollar verwaltet, könnten für das Institut sogar noch teurer werden: Die Finanzmärkte dürften die Bank abstrafen.

Ausgerechnet Jamie Dimon musste das passieren. Ausgerechnet jenem Manager, den seine Freunde mit dem Titel "König der Wall Street" adeln. Jenem Mann, der JP Morgan zur größten Bank der Welt machte, der das Traditionshaus weitgehend ohne Verwerfungen durch die Finanzkrise manövrierte. Der härtere Kapitalvorschriften als "antiamerikanisch" bezeichnet - und der lange argumentierte, seine Bank solle nicht wegen der Fehler leiden, die andere gemacht haben. Nach dem Motto: Was kann ich für die Trottel von der Konkurrenz?

Nun zeigt sich: Das, was nach der Dimon-Doktrin bei JP Morgan nicht hätte existieren dürfen, existiert eben doch. "Wir stehen dumm da", murrt König Dimon. Das "Wall Street Journal" titelt: "JP Morgan verzockt seine Krone."

Unkontrollierbare Banken

Dahin ist nun der Mythos von Dimons Unfehlbarkeit. In der Politik und den Hauptquartieren des internationalen Finanzkapitalismus wachsen neue Zweifel, ob die Kontrollierbarkeit der Banken nicht doch nur eine Illusion ist; ob die Finanzregeln, die Präsident Barack Obama 2010 erließ, ausreichen; ob die Geld-Goliaths mit ihren synthetischen Kredit-Portfolios und Billionen Dollar schweren Derivate-Deals nicht noch weit strenger kontrolliert werden müssen; ob der bislang weitgehend unregulierte Derivatemarkt nicht reglementiert werden sollte.

Mit Großbanken ist es wie mit Supertankern: Der Mann auf der Brücke hat nur begrenzt Einfluss darauf, was in den Maschinenräumen passiert. Der Bankenboss im Wolkenkratzer in New York überblickt ebenfalls nicht, was in den Handelsräumen in London passiert. Beide Systeme sind äußerst anfällig für menschliches Versagen.

Als mögliche Schuldige der JP-Morgan-Schlappe gelten zwei Männer. Da ist erstens der CIO-Mitarbeiter Bruno Iksil, ein Franzose, der jede Woche aus Paris nach London pendelt, nach Angaben ehemaliger Kollegen selten eine Krawatte trägt und oft in schwarzen Jeans ins Büro kommt. Für JP Morgan kaufte er große Mengen versicherungsähnlicher Produkte wie Kreditausfallversicherungen (CDS) und verkaufte sie weiter. Laut "Wall Street Journal" im falschen Moment: Er spekulierte offenbar auf sinkende CDS-Preise, dann gingen sie nach oben. Iksil galt bislang als einer der weltweit besten Derivatehändler. In der Finanzszene nennen sie ihn den "Wal von London" oder "Voldemort", nach dem Bösewicht in den "Harry Potter"-Büchern, der so mächtig ist, dass man seinen Namen nicht aussprechen darf.

Der zweite Verdächtige trägt den Namen Achilles Othon Macris. Er leitet die CIO-Abteilung. Der 50-Jährige sei der Architekt der Strategie, die zu JP Morgans Megaverlust führte, sagten mehrere Insider der Nachrichtenagentur Bloomberg. Macris hält demnach die griechische und amerikanische Staatsbürgerschaft und heuerte 2006 bei der Großbank an. Er soll die Expansion von JP Morgan in bestimmte Investmentbereiche vorangetrieben haben.

Fehler im System

Iksil und Macris selbst haben sich bislang nicht geäußert. JP Morgan nahm zu einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht Stellung. Schon jetzt aber zeigt der Fall, welch gewaltige Auswirkungen der Fehler einzelner Händler und Manager bei einer Großbank haben kann. Zwar wird der Zwei-Milliarden-Dollar-Schnitzer die Bank nicht in den Ruin treiben; allein im ersten Quartal 2012 machte JP Morgan rund 5,4 Milliarden Dollar Gewinn. Dennoch ist der Ruf beschädigt, der Aktienkurs sinkt - und es ist nicht klar, ob der Bank noch weitere Abschreibungen drohen. Laut Bloomberg sind manche von Macris' Positionen so groß, dass sie sich nicht auflösen lassen, ohne dass neue Verluste und Verwerfungen an den Finanzmärkten drohen.

Der Fall hat einige Parallelen zu anderen Gruselgeschichten aus der Finanzkrise. Er ähnelt zum Beispiel dem Skandal um Jérôme Kerviel, einem Händler der französischen Großbank Société Générale, der im Jahre 2008 durch Spekulationsgeschäfte einen Verlust von fast fünf Milliarden Dollar verursachte. Er ähnelt auch dem UBS-Skandal: 2011 meldete die Schweizer Großbank einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro; auch in diesem Fall hatte ein Händler das Geld verzockt - angeblich an allen Kontrollen vorbei.

Nun ist auch Dimon auf seine persönlichen Kerviels gestoßen, nun plagen auch ihn seine persönlichen Dämonen. Und Kritiker sehen in der Schlappe des Wall-Street-Königs einen neuen Beleg für ein krankes System, in dem es keine Fehler geben darf - in dem aber immer wieder Fehler passieren, weil es das Risiko belohnt. Dimon freilich will davon nichts wissen. Der Händler habe gegen das Prinzip Dimon verstoßen. Sagt Dimon. Nur deshalb habe dieser Fehler passieren können.

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