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Zockerei bei JP Morgan: Dimons Dämonen

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JP-Morgan-Chef Jamie Dimon galt als König der Wall Street, als Geldmanager, der sein Institut sicher durch die Weltfinanzkrise steuerte. Jetzt hat eine Abteilung seiner Bank zwei Milliarden Dollar in wenigen Wochen verzockt, und Dimons Ruf leidet: Der Kontrolleur hat die Kontrolle verloren.

Bankenboss Dimon: Blamage für den König der Wall Street Zur Großansicht
dpa

Bankenboss Dimon: Blamage für den König der Wall Street

Hamburg - "Fehler, Schlampigkeit, mieses Urteilsvermögen"... "Schlechte Strategie, schlecht ausgeführt, armselig überwacht"... "Ich weiß, das Ganze wurde getan, um Risiken einzudämmen... Es war unglaublich ineffektiv"... "Das waren ungeheuerliche Fehler, sie waren selbstverschuldet, das ist nicht die Art, wie wir ein Geschäft führen wollen."

Jamie Dimon war außer sich, als er mit den Analysten sprach. In einer eilig einberufenen Telefonkonferenz versuchte der Chef von JP Morgan Chase am Donnerstag, die Zocker-Eskapaden zu erklären, mit denen eine Abteilung von Amerikas größter Bank in nur sechs Wochen mindestens zwei Milliarden Dollar Verlust gemacht hatte. Die Spekulationsgeschäfte des sogenannten Chief Investment Offices (CIO), einer Abteilung, die rund 350 Milliarden Dollar verwaltet, könnten für das Institut sogar noch teurer werden: Die Finanzmärkte dürften die Bank abstrafen.

Ausgerechnet Jamie Dimon musste das passieren. Ausgerechnet jenem Manager, den seine Freunde mit dem Titel "König der Wall Street" adeln. Jenem Mann, der JP Morgan zur größten Bank der Welt machte, der das Traditionshaus weitgehend ohne Verwerfungen durch die Finanzkrise manövrierte. Der härtere Kapitalvorschriften als "antiamerikanisch" bezeichnet - und der lange argumentierte, seine Bank solle nicht wegen der Fehler leiden, die andere gemacht haben. Nach dem Motto: Was kann ich für die Trottel von der Konkurrenz?

Nun zeigt sich: Das, was nach der Dimon-Doktrin bei JP Morgan nicht hätte existieren dürfen, existiert eben doch. "Wir stehen dumm da", murrt König Dimon. Das "Wall Street Journal" titelt: "JP Morgan verzockt seine Krone."

Unkontrollierbare Banken

Dahin ist nun der Mythos von Dimons Unfehlbarkeit. In der Politik und den Hauptquartieren des internationalen Finanzkapitalismus wachsen neue Zweifel, ob die Kontrollierbarkeit der Banken nicht doch nur eine Illusion ist; ob die Finanzregeln, die Präsident Barack Obama 2010 erließ, ausreichen; ob die Geld-Goliaths mit ihren synthetischen Kredit-Portfolios und Billionen Dollar schweren Derivate-Deals nicht noch weit strenger kontrolliert werden müssen; ob der bislang weitgehend unregulierte Derivatemarkt nicht reglementiert werden sollte.

Mit Großbanken ist es wie mit Supertankern: Der Mann auf der Brücke hat nur begrenzt Einfluss darauf, was in den Maschinenräumen passiert. Der Bankenboss im Wolkenkratzer in New York überblickt ebenfalls nicht, was in den Handelsräumen in London passiert. Beide Systeme sind äußerst anfällig für menschliches Versagen.

Als mögliche Schuldige der JP-Morgan-Schlappe gelten zwei Männer. Da ist erstens der CIO-Mitarbeiter Bruno Iksil, ein Franzose, der jede Woche aus Paris nach London pendelt, nach Angaben ehemaliger Kollegen selten eine Krawatte trägt und oft in schwarzen Jeans ins Büro kommt. Für JP Morgan kaufte er große Mengen versicherungsähnlicher Produkte wie Kreditausfallversicherungen (CDS) und verkaufte sie weiter. Laut "Wall Street Journal" im falschen Moment: Er spekulierte offenbar auf sinkende CDS-Preise, dann gingen sie nach oben. Iksil galt bislang als einer der weltweit besten Derivatehändler. In der Finanzszene nennen sie ihn den "Wal von London" oder "Voldemort", nach dem Bösewicht in den "Harry Potter"-Büchern, der so mächtig ist, dass man seinen Namen nicht aussprechen darf.

Der zweite Verdächtige trägt den Namen Achilles Othon Macris. Er leitet die CIO-Abteilung. Der 50-Jährige sei der Architekt der Strategie, die zu JP Morgans Megaverlust führte, sagten mehrere Insider der Nachrichtenagentur Bloomberg. Macris hält demnach die griechische und amerikanische Staatsbürgerschaft und heuerte 2006 bei der Großbank an. Er soll die Expansion von JP Morgan in bestimmte Investmentbereiche vorangetrieben haben.

Fehler im System

Iksil und Macris selbst haben sich bislang nicht geäußert. JP Morgan nahm zu einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht Stellung. Schon jetzt aber zeigt der Fall, welch gewaltige Auswirkungen der Fehler einzelner Händler und Manager bei einer Großbank haben kann. Zwar wird der Zwei-Milliarden-Dollar-Schnitzer die Bank nicht in den Ruin treiben; allein im ersten Quartal 2012 machte JP Morgan rund 5,4 Milliarden Dollar Gewinn. Dennoch ist der Ruf beschädigt, der Aktienkurs sinkt - und es ist nicht klar, ob der Bank noch weitere Abschreibungen drohen. Laut Bloomberg sind manche von Macris' Positionen so groß, dass sie sich nicht auflösen lassen, ohne dass neue Verluste und Verwerfungen an den Finanzmärkten drohen.

Der Fall hat einige Parallelen zu anderen Gruselgeschichten aus der Finanzkrise. Er ähnelt zum Beispiel dem Skandal um Jérôme Kerviel, einem Händler der französischen Großbank Société Générale, der im Jahre 2008 durch Spekulationsgeschäfte einen Verlust von fast fünf Milliarden Dollar verursachte. Er ähnelt auch dem UBS-Skandal: 2011 meldete die Schweizer Großbank einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro; auch in diesem Fall hatte ein Händler das Geld verzockt - angeblich an allen Kontrollen vorbei.

Nun ist auch Dimon auf seine persönlichen Kerviels gestoßen, nun plagen auch ihn seine persönlichen Dämonen. Und Kritiker sehen in der Schlappe des Wall-Street-Königs einen neuen Beleg für ein krankes System, in dem es keine Fehler geben darf - in dem aber immer wieder Fehler passieren, weil es das Risiko belohnt. Dimon freilich will davon nichts wissen. Der Händler habe gegen das Prinzip Dimon verstoßen. Sagt Dimon. Nur deshalb habe dieser Fehler passieren können.

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1. Wer mit CDS
nesmo 11.05.2012
auf steigende Prämien setzt, der zockt. Da mag er eine Zeit lang glauben er hat gute Informationen wie der Markt sich entwickelt, aber letztlich haben diese Informationen auch alle anderen. Und dann ist es nur noch Zockerei. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, wann es daneben geht
2.
Prof. Dr. Karl Kowalski 11.05.2012
Was auch mal interessant zu wissen wäre: Wer hat denn diese 2Mrd USD gewonnen? Goldman Sachs? Irgendwo muß das Geld ja bleiben...
3. Schwachsinn
priapos 11.05.2012
JPM war schon 2008 am Ende, wurde von der Regierung gerettet und zusätzlich -quasi als Belohnung- zur Bank Holding company- gemacht. Diesem Beispiel folgte dann natürlich auch Goldman-Sachs. Es handelt sich bei JPM um eine 100%ige Zockerbude mit kompletter und wasserdichter Staatsdeckung. Dimon ist ein Schwerkrimineller der mit Firmeneinlagen gegen die eigenen Kunden wettet, und sich hier bei einem langfdristig angelegten hedge schwer in den Hintern gekniffen hat. das stört aber nicht weiter. Denn schliesslich hat JPM auch bei MF Global Kundeneinlagen beschlagnahmt. Diese Banken erklären den Menschen in Europa den Krieg, und Schäuble/Merkel decken diese Brut. Nicht umsonst deshalb, konnte der Goldman-Sachs Griechenland Verschulder Mario Draghi Chef der EZB werden.
4. Wiederholung
coyote38 11.05.2012
Ich habe es an anderer Stelle schon einmal geäußert und ich mache das gerne erneut: Die Bank gehört auf der Stelle verstaatlicht, die Investment-Sparte sofort geschlossen, die beiden fraglichen Banker sofort entlassen und ein lebenslanges Berufsverbot verhängt, Vorstand und Aufsichtsrat frist-, abfindungs-, kommentar- und bedingungslos rausgeschmissen. Ende. Wenn nicht so langsam mal ein politisches Exempel an diesen Glücksspiel-Raubrittern statuiert wird, dann werden wir die Hoheit über die Finanzmärkte niemals zurückgewinnen und die Herrschaften werden uns weiterhin ungebremst auf der Nase herumtanzen und die Gesellschaften mit der unerträglichen Mär von ihrer eigenen Unersetzbarkeit in den Ruin führen, indem hunderte Milliarden Euro und Dollar ohne Rücksicht auf Verluste zum Wohl von einigen wenigen Mega-Reichen vorsätzlich verbrannt werden.
5.
Freeflow 11.05.2012
Der Dimon wusste garantiert von der Zockerei, wie auch die Chefs von der Société Générale und der UBS. Meistens geht das ja auch gut, und wenn es mal in die Hose geht, muss halt ein Sündenbock über die Klinge springen. Ansonsten: Schuldenerlass weltweit und eine neue Finanzkultur, die von einem unabhängigen Gremium, das weltweite Geltung erhält, kontrolliert wird. Man wird ja noch mal träumen dürfen.
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