Fragwürdiger Russland-Deal Strafanzeige gegen Ex-RWE-Chef Großmann

Eine russische Firma hat nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen Strafanzeige gegen Jürgen Großmann erstattet. Sie wirft dem früheren RWE-Chef Prozessbetrug vor. Der Unternehmer widerspricht.

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  Früherer  RWE-Chef Großmann
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Früherer RWE-Chef Großmann


Dem Unternehmer Jürgen Großmann droht neuer juristischer Ärger. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat die russische Firma Rustenburg Strafanzeige gegen den ehemaligen Vorstandschef von RWE erstattet.

Die Anzeige wegen Prozessbetrugs ist bereits am 9. Oktober 2015 bei der Staatsanwaltschaft Hamburg eingereicht worden, war bisher aber noch nicht öffentlich bekannt. Sie richtet sich neben Großmann auch gegen den RWE-Manager Florian Kolb.

Die Russen werfen Großmann und Kolb vor, in einem Prozess vor einem Londoner Schiedsgericht falsch ausgesagt zu haben. Die Höchststrafe für Prozessbetrug liegt in besonders schweren Fällen bei zehn Jahren Gefängnis.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage, in dem Fall zu ermitteln. Rustenburg bestätigte, die Anzeige abgegeben zu haben, wollte ihren Inhalt aber nicht kommentieren.

Die Firma Rustenburg gehört zur Sintez-Gruppe, dem Konzern des Moskauer Milliardärs und Oligarchen Leonid Lebedew. Hintergrund der Strafanzeige ist ein seit Jahren gärender Streit zwischen Großmann und Lebedew.

2008 wollte der damalige RWE-Chef mit Lebedews Hilfe auf dem russischen Markt Fuß fassen. Gemeinsam gaben sie bei einer Auktion ein Gebot für die Firma TGK-2 ab, einen bis dahin staatlichen Stromkonzern mit rund sieben Millionen Kunden und lukrativen Standorten. Eingereicht wurde das Gebot von einer Zweckgesellschaft, die zu Lebedews Sintez-Gruppe gehört. Diese erhielt den Zuschlag auch. Doch am 17. September 2008 kündigte RWE den TGK-2-Deal wieder auf. Sintez stemmte das Geschäft allein und ging laut Lebedew daran fast pleite.

"Es war Verrat"

Seit dem geplatzten Deal im Jahr 2008 strengt Lebedew Prozess um Prozess gegen RWE und Großmann an. Es geht um Schadensersatz in dreistelliger Millionenhöhe - und um persönliche Genugtuung. "Es war Verrat", sagte Lebedew im März 2015 im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Ich fühlte mich, als habe man mir in den Kopf geschossen."

Lebedew hat bislang jeden Prozess gegen RWE und Großmann verloren. Nun wirft seine Firma Rustenburg den Deutschen vor, sie hätten eines der Verfahren nur für sich entscheiden können, weil sie vor Gericht gelogen hätten.

Kolb habe vor dem Londoner Schiedsgericht ausgesagt, dass die Gebotsabgabe für TGK-2 nicht in Absprache mit RWE erfolgt sei, heißt es in der Strafanzeige. Tatsächlich habe Kolb die Firma Sintez explizit angewiesen, das gemeinschaftliche Gebot abzugeben. Auch habe er zugesichert, dass RWE sich an den Kosten für den Kauf beteiligen werde, sobald Sintez die TGK-2-Aktien an RWE weitergereicht habe.

Bei der Auktion von TGK-2 sei sogar ein externer Berater von RWE zugegen gewesen, heißt es in der Strafanzeige. Kolb soll das vor Gericht bestätigt haben. Der Berater sei aber nur "aus reiner persönlicher Neugier" dort aufgetaucht, habe Kolb gesagt.

Brief an Gerhard Schröder

Großmann ließ über seinen Anwalt Otmar Kury mitteilen, der Vorwurf des Prozessbetrugs sei eine "Falschverdächtigung", für die sich Lebedew noch verantworten werden müsse. Das Geschäft sei damals gescheitert, weil Lebedew immer neue Forderungen gestellt habe. Großmann selbst sei in die Verhandlungen kaum eingebunden gewesen.

In der Anklageschrift heißt es dagegen, Großmann und Lebedew hätten sich persönlich getroffen und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Großmann habe Lebedew unter anderem angeboten, bei einem von ihm organisierten Oldtimer-Rennen mitzufahren. Wie aus internen Dokumenten hervorgeht, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, hat sich Großmann zudem persönlich beim damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder für den TGK-2-Deal eingesetzt.

Lebedew nahm auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu der Strafanzeige nicht Stellung. Kolb und RWE reagierten nicht auf Anfragen.

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Seite 1
ihawk 26.03.2016
1. Großkapital
Da die Russen ja grundsätzlich die Bösen Buben sind, wird die Justiz sicherlich einen Weg finden auch diese Klage abzuschmettern.
Halcroves 26.03.2016
2. und immer wieder ist einer von den Nidersachsen dabei
"Großmann zudem persönlich beim damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder für den TGK-2-Deal eingesetzt"...von wegen demokratie - Oligarchie triffts eher... Wem interessiert denn noch der Prolet der die Arbeit versteht. Hin und her wird gezockt und Politiker mit Versprtechen gelockt. wie wäre es denn hiermit: Essen, 6.Juni 2011 Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Bouffier, der 15.Juni und damit der Tag, an dem wir Biblis B (Atommeiler) wieder anfahren könnten, rückt näher. Herr Minister Profalla sagte mir zu, mir bis dorthin wieder einen schriftlichen Bescheid zu geben, dass Sie ein evtl. Anfahren verhindern werden. Wann können wir mit diesem Schreiben rechnen? Grüße in die USA Jürgen Großmann (Unterschrift des damaligen RWE-Chef)
Wellness 26.03.2016
3. Unseriös
Jetzt zeigt sich wie die Verhandlungen um die Schröder Clique laufen.Das natürlich alles nicht eigennützig! Herr Großmann der die Zigarren Posen des Herrn Schröder ebenfalls generös beherrschte wird jetzt eingeholt. Im Würgegriff der Russischen Ölwirtschaft haben wir zum grossen Teil der NRW RWE Connection zu verdanken.Das die Trassen der North Stream gegen die EU Interessen Verstößen ist nebenbei bemerkt ein akzeptiert er Kollateralschaden.
spiritano 26.03.2016
4. Unternehmer???
So weit ich weiß, ist Herr Grossmann in seiner Funktion bei RWE so ziemlich das Gegenteil eines Unternehmers gewesen. Der Begriff des Unternehmers ist im deutschen Sprachgebrauch reserviert für Menschen, die eben nicht als (Top-) Manager agieren (manche sagen dazu böse "Legionäre"), sondern selbst und auf eigenes Risiko ein Unternehmen verantworten, das ihnen in der Regel auch gehört. Oder?! Das Problematische an Managern wie Herrn Grossmann ist ja gerade ihre seltsame Stellung: vom Unternehmen angestellt - aber den Aktionären verpflichtet.
Flari 26.03.2016
5.
Zitat von spiritanoSo weit ich weiß, ist Herr Grossmann in seiner Funktion bei RWE so ziemlich das Gegenteil eines Unternehmers gewesen. Der Begriff des Unternehmers ist im deutschen Sprachgebrauch reserviert für Menschen, die eben nicht als (Top-) Manager agieren (manche sagen dazu böse "Legionäre"), sondern selbst und auf eigenes Risiko ein Unternehmen verantworten, das ihnen in der Regel auch gehört. Oder?! Das Problematische an Managern wie Herrn Grossmann ist ja gerade ihre seltsame Stellung: vom Unternehmen angestellt - aber den Aktionären verpflichtet.
Vielleicht informieren Sie sich erst einmal über Jürgen Großmann. Unternehmer war und ist er seit langer Zeit, wobei er zwischen 2007 und 2012 *auch *Vorstandsvorsitzender der RWE gewesen ist. Wiki: Jürgen R. Großmann (* 4. März 1952 in Mülheim an der Ruhr) ist ein deutscher Manager und Unternehmer. Er war vom 1. Oktober 2007 bis zum 30. Juni 2012 Vorstandsvorsitzender der RWE AG. Er ist zudem ein deutscher Stahlunternehmer; von 1993 bis 2006 war er geschäftsführender Gesellschafter des Stahlwerks Georgsmarienhütte und ist seit 1997 Alleingesellschafter der Georgsmarienhütte Holding und als alleiniger Gesellschafter der Stego Vermögensverwaltung im Besitz der RGM Holding (https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Großmann)
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