Rom versus Brüssel Der Käsekrieg

Italien boykottiert eine Vorgabe der EU, die Käseherstellung auch aus Milchpulver zulässt. Der Kampf um die Reinheit von Pecorino und Parmigiano dürfte letztlich vergeblich sein - und trifft dann auch Deutschland.

Von , Rom

Italienische Käsesorten: Mehr als 130.000 Italiener haben die Petition "Nein zu Milchpulver" unterschrieben
Corbis

Italienische Käsesorten: Mehr als 130.000 Italiener haben die Petition "Nein zu Milchpulver" unterschrieben


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Es war einmal eine kleine Käserei, in der Nähe von Manciano, in der Toskana, die machte aus der Ziegen- und Schafsmilch der Umgebung den besten Käse weit und breit.

Dann verordnete die EU hygienische, also nahezu keimfreie, gekachelte Produktionsräume und die italienische Regierung setzte bei der Umsetzung in nationales Recht noch einiges drauf, zum Beispiel Tische, Regale und Behälter aus Metall.

In der Käserei waren die Mauern aber aus Stein und die Geräte aus uraltem Holz. Also wurde sie geschlossen. So ging es überall in Italien zu. Und in anderen Ländern natürlich ebenso. Viele regionale Käsespezialitäten gibt es seither nicht mehr.

Das war vor etwa 15 Jahren. Jetzt folgt der nächste Käsestreich. Zunächst nur in Italien. Brüssel verlangt von der römischen Regierung, die Vorschrift zu streichen, nach der Käse dort nur aus frischer Milch gemacht werden darf. Auch in Bella Italia müsse erlaubt sein, was große Lebensmittelkonzerne seit Langem fordern und in vielen EU-Ländern auch längst dürfen, Käse industriell und kostengünstig unter Einsatz von Trocken- und Kondensmilch herzustellen.

"Käse ohne Milch"

Über ein solches "Diktat der EU", so die Zeitung "Corriere della sera", ist ganz Italien empört. Man diskutiert in den Medien, den Bars und zu Hause über "den skandalösen Vorgang", wie es die andere große Tageszeitung, "La Repubblica", nennt. Denn man ist stolz auf seinen sauberen Pecorino und seinen echten Parmigiano, auf Mozzarella di Bufala und Gorgonzola.

Die Brüsseler Bürokratie habe ihnen schon "Schokolade ohne Kakaobutter" zwangsverordnet und "Wein ohne Trauben", aus einem "Wine-Kit", mit Hefe, Tanninpulver und allerlei Chemie. Jetzt noch "Käse ohne Milch", das ist zu viel. Die in Italien gegründete und dort stark verbreitete Slow-Food-Bewegung, die sich für gesunde, natürliche Lebensmittel engagiert, ruft mit einer Unterschriftensammlung zum Widerstand auf. Mehr als 130.000 Italiener haben die Petition "Nein zu Milchpulver" schon unterschrieben, die Druck auf die Regierung machen soll, hart zu bleiben. Wenn der große EU-Markt einheitliche Regeln erfordere, dann müsse man eben das einzig richtige verordnen und überall nur Käse aus Milch zulassen. "Wir sind im Käsekrieg", sagt ein kämpferischer Slow-Food-Aktivist.

Der Widerstand ist heldenhaft, aber vergeblich: Die Aktivisten werden den Kampf verlieren. Und auch andere, etwa die Deutschen und die Franzosen, werden betroffen sein. Sie wissen es nur noch nicht. Denn der italienische Markt ist nur der erste Stein in der Mauer, die den "freien Markt" behindert und deshalb fallen soll. Dabei geht es um sehr viel Geld.

Milliardenmarkt Käse

Etwa die Hälfte der in Europa gemolkenen Milch wird zu Käse verarbeitet und auf einem gigantischen, nicht nur europäischen Markt gehandelt. Etwa ein Drittel des in aller Welt konsumierten Käses kommt aus der EU. Auch die Akteure sind multinational. Der Schweizer Konzern Nestlé macht als Weltmarktführer mit Milchprodukten einen Umsatz von mehr als 21 Milliarden Euro, ihm folgen die französischen Unternehmen Danone und Lactalis mit jeweils rund 15 Milliarden. Denen ist die toskanische Klein-Käserei so egal wie handgeschöpfter Käse von iberischen oder bayerischen Hochalmen. Ihnen geht es um die Supermarktregale.

Und was bei Gebäck und Eis, Joghurt und Babynahrung schon lange erlaubt ist, wollen sie jetzt auch beim Käse machen dürfen: Milchpulver statt frischer Milch verarbeiten. Pulver ist leichter zu transportieren, einfacher zu verarbeiten und deutlich länger und billiger zu lagern. Dass die Pulverisierung von Milch viel Energie verbraucht und das Ergebnis deutlich vitamin- und geschmacksärmer ist, spielt da keine Rolle.

Die kleinen Edelkäse-Produzenten könnten ja weiter Frischmilch verarbeiten, das werde ja nicht verboten, argumentieren EU und Konzerne unisono. Manche Spezialitäten seien ja sogar EU-rechtlich geschützt.

Doch das sei reine Augenwischerei, widerspricht der Slow-Food-Käseexperte Piero Sardo. Geschützt seien nur ein paar Dutzend Käsesorten und auch das nicht wirklich. Meistens gehe es da nur um die geografische Herkunft, nicht um die Herstellung. Sardo fürchtet, dass "Hunderte von lokalen Käsesorten aus kleinen Betrieben" auf der Strecke bleiben, weil sie preislich nicht mithalten können. "Wenn du die Tür aufmachst für Billigkäse aus Pulver und Kondensmilch, werden die den Markt überrollen." Und Brüssel sei der Türöffner.

EU: Freier Markt wichtiger als Produkt-Qualität

Alles falsch, widerspricht die EU-Kommission, es gehe nicht um Qualitätsbestimmungen der EU, sondern um das "einwandfreie Funktionieren des EU-Binnenmarktes". Dafür sei man als "Hüterin der Verträge" zuständig. Von einem Diktat zu sprechen, sei absurd. Man sei schlicht verpflichtet, das zu tun, denn "die Notwendigkeit, die Qualität von Produkten zu gewährleisten," rechtfertige nicht "eine generelle Einschränkung des freien Verkehrs von Milchpulver".

Eine "Beschwerde seitens einer italienischen Instanz", so die Kommission in Brüssel gegenüber SPIEGEL ONLINE, habe das Ganze ausgelöst. Gemeint ist wohl der italienische Zweig des französischen Lactalis-Konzerns, heißt es in der Branche. Dem gehört der große italienische Käseproduzent Galbani ebenso wie die Mehrheit am Milchindustriekonzern Parmalat, eine der größten Molkereien Europas. Lactalis mochte sich dazu nicht äußern.

Im Mai 2005 leitete die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren ein und bat Rom um eine Stellungnahme. Die stehe bis heute aus, heißt es in Brüssel. Deshalb werde man jetzt aktiv.

Und offenbar seien die Italiener die einzigen Störenfriede auf dem Käsemarkt. Denn man habe "keine Kenntnis eines gleichen Verbots in einem anderen Mitgliedstaat". Erfahre man von einer "identischen Gesetzgebung" andernorts, werde man "dementsprechend handeln".

Auch deutscher und französischer Käse in Gefahr

Die Worte sind mit Bedacht gewählt. Denn natürlich weiß man in Brüssel, dass auch in Deutschland und in Frankreich nationale Gesetze den Einsatz von Milchpulver bei der Käseherstellung zwar nicht radikal verbieten - wie in Italien - aber auf marginale Mengen begrenzen. So verlangt auch das deutsche Gesetz, dass Käse ausschließlich aus Milch hergestellt wird. Milchpulver darf "lediglich zum Ausgleich von Schwankungen des Eiweißgehaltes in der Käsereimilch" um maximal drei Gramm pro Kilo zugegeben werden.

"Die Änderung dieser Vorschriften", so die Stellungnahme des Berliner Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gegenüber SPIEGEL ONLINE, "wurde und wird auf EU-Ebene nicht diskutiert."

Noch nicht. Denn die Begrenzungen in Deutschland und Frankreich störten die Weltmarkt-Produzenten kaum weniger als die italienischen, sagen Marktkenner. Der Angriff auf die Festungen Frankreich und Deutschland beginne, sobald die Burg Italien geschleift ist.

Noch verspricht die römische Regierung massiven Widerstand. Doch Landwirtschaftsminister Maurizio Martina bastelt schon vorsorglich am ehrenvollen Rückzug: Man werde auf jeden Fall darauf bestehen, dass die Milchpulver-Herkunft des Käses auf dem Etikett deutlich vermerkt werden müsse.

Selbst das werde schwierig, fürchtet der Hamburger Verbraucherschützer Armin Valet, denn nach der EU-Kennzeichnungspflicht seien Milchinhaltsstoffe, wie das umstrittene Pulver, gar nicht kennzeichnungspflichtig. Und dass diese industriefreundliche Vorschrift geändert würde, stehe derzeit nicht zur Debatte.

Zusammengefasst: Brüssel verlangt von der italienischen Regierung, eine Vorschrift zu streichen, wonach Käse dort nur aus frischer Milch gemacht werden darf. Stattdessen soll auch der Einsatz von Trocken- und Kondensmilch erlaubt sein. In Italien stößt das auf Widerstand. Mit einer Petition wollen viele Bürger Druck auf die Regierung machen, standhaft zu bleiben. Doch das dürfte schwierig werden.

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insgesamt 328 Beiträge
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Seite 1
GSYBE 04.10.2015
1. danke Italien
Jemand muss ja mal etwas gegen diesen künstlichen Chemiedreck machen.
Augustusrex 04.10.2015
2. Ganz klar
Diese EU mit ihren Instanzen ist eben nichts weiter als ein Soldknecht der Großindustrie. Es braucht natürlich niemand anzunehmen, dass der sowieso schon billige Käse dadurch noch billiger wird. Die Qualität wird sinken und die Profite werden steigen.
adolfo1 04.10.2015
3. Pfui Teufel
Die Bürokraten in Brüssel sollen dieses Mistzeug, Schinken aus Stückelfleisch, gespritztes Obst und Gemüse, genverseuchten Mais, etc. selbst futtern.
hhv45699 04.10.2015
4.
"" Dass die Pulverisierung von Milch viel Energie verbraucht und das Ergebnis deutlich vitamin- und geschmacksärmer ist, spielt da keine Rolle. "" Wie gehabt. Der normale EU Wahnsinn eben. Als Deutscher freue ich mich sehr diesen maßgeblich finanzieren zu dürfen.
tomkey 04.10.2015
5.
Lobbyisten der Nahrungsmittelkonzerne drehen die EU-Gestzgebung so, wie sie es brauchen. Der Verbraucher ist der Dumme. Ich finde das ist Käse!!
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