Kaffee-Streit Wie Melitta für die Würde der Filtertüte kämpft

Comedy-Star Mirja Boes spielt in einem Werbespot eine Sekretärin beim Kaffeekochen. Filter-Hersteller Melitta fand das gar nicht lustig und erwirkte gegen den Film eine einstweilige Verfügung. Die absurde Begründung: Der Spot ziehe Filterkaffee "durch den Kakao".

Von Laura Himmelreich

Comedian Mirja Boes im Film: "Spot zieht in pauschal-herabsetzender Weise Kaffeepapierfiltereinsätze 'durch den Kakao'"
Kaffee Partner

Comedian Mirja Boes im Film: "Spot zieht in pauschal-herabsetzender Weise Kaffeepapierfiltereinsätze 'durch den Kakao'"


Hamburg - Die Comedy-Darstellerin Mirja Boes hält einen gebrauchten, tropfenden Kaffeefilter zwischen den Fingern. Sie verzieht angeekelt ihr Gesicht und lässt den Filter in den Mülleimer plumpsen. Umständlich sucht sie nach einer frischen Filtertüte. Dann ist auch noch das Kaffeepulver aus. Am Bildrand läuft ein "Lohnkostenzähler" mit.

Die Botschaft des Werbespots ist klar: Mit Kaffeevollautomaten wären Sekretärinnen weniger genervt, der Chef könnte seine Arbeitskräfte schonen und würde so auch noch Geld sparen.

Gerade mal 18 Sekunden dauert der Werbespot des Automaten-Herstellers "Kaffee Partner" - aber fast 80 Seiten füllt das Schreiben mit dem der Filterproduzent Melitta gegen den Film angeht. Denn das Unternehmen sieht die Filtertüte durch den Spot "verunglimpft": Der Film reduziere die Zubereitung von Filterkaffee auf einen "ekelerregenden", "dreckigen", "langwierigen", "mühsamen" und "teuren" Vorgang, heißt es in dem Antrag. Gleich neun verschiedene Anwälte vertreten Melitta bei dem Verfahren. Sie sorgen sich um das Image des Filterkaffees - doch es geht auch um die Frage, was denn nun lustig ist.

Klar ist nur: Die Juristen verstehen bei dem Film keinen Spaß. "Abgesehen davon, dass der Spot nicht wirklich komisch ist", schreiben sie, "zieht er in pauschal-herabsetzender Weise Kaffeepapierfiltereinsätze und die betreffenden Maschinen 'durch den Kakao'." Melitta fordert den Automaten-Produzenten auf, den Film umgehend von der Website zu nehmen. Bei Zuwiderhandlung droht der Konzern mit einem Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro oder sechs Monate Ordnungshaft.

Melitta erwirkt einstweilige Verfügung

"Wir sind nicht obrigkeitshörig. Wir lassen uns nicht von so einem großen Konzern einschüchtern", sagt Michael Wiese, Sprecher von Kaffee Partner. Allerdings erwirkte Melitta vor Gericht eine einstweilige Verfügung. Kaffee Partner musste den Film daraufhin von seiner Seite nehmen, allerdings kursiert das Video mittlerweile ohnehin im Internet. Jetzt legt der Mittelständler Widerspruch ein. Zwischen Filter-Marktführer Melitta (1,23 Milliarden Umsatz, 3.385 Mitarbeiter) und dem Mittelständler aus Wallenhorst bei Osnabrück (100 Millionen Euro Umsatz, 500 Beschäftigte) tobt der Kampf um Humor und Filtertüte.

Für Kaffee Partner ist der Spot eine Parodie. Außerdem seien die gezeigten Filter überhaupt nicht von Melitta, sondern von einem Discount-Händler, sagt Unternehmenssprecher Wiese. Annette Kahre von Melitta kontert: "Uns geht es darum, unsere Marke zu schützen." Immerhin habe sich das Unternehmen den Begriff "Filtertüten" sogar markenrechtlich schützen lassen.

Tatsächlich ist die Debatte um die Grenzen von Humor nicht ganz neu: Die Zeitungen "taz" und "Bild" lieferten sich in den vergangenen Jahren einen ähnlichen Streit. Ein "taz"-Kinospot stellte einen "Bild"-Leser als einfach gestrickten Menschen in Jogginghose und Unterhemd dar. Das Oberlandesgericht Hamburg untersagte den Film als unzulässig herabsetzende Werbung, doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil wieder auf: Das Boulevardblatt werde nicht herabgewürdigt und der Spot werde von der Meinungsfreiheit gedeckt.

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