Entwicklungshilfe: Kalifornier plant Drohnen-Kurierdienst

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Eine Idee wie aus einem Science-Fiction-Roman: Mit automatisch gesteuerten Drohnen will ein kalifornischer Unternehmer einen Kurierdienst aufbauen. Die Hightech-Helfer sollen armen Regionen einen Entwicklungsschub bescheren. Aber auch für Großstädte könnte das System interessant sein.

Entwicklungshilfe: Mit Drohnen zum Fortschritt Fotos
Matternet

Leipzig - Andreas Raptopoulos ist ein Mann mit vielen Ideen. Schon als junger Student entwarf der Designer ein Kleidungsstück, das sich in eine Art Kleinzelt verwandeln lässt und Obdachlosen wenigstens ein Minimum an Wetterschutz bietet.

Das Projekt, das Raptopoulos jetzt in Angriff nimmt, ist um einiges größer. Wenn seine Idee auf genügend Resonanz stoße, könnten rund eine Milliarde Menschen davon profitieren, sagte der gebürtige Grieche am Rande des OECD-Verkehrsforums, das Ende Mai in Leipzig stattfand. "Eine Milliarde Menschen, die fernab von befestigten Straßen leben und über Land nur wenige Monate pro Jahr überhaupt erreichbar sind."

Das Konzept hat Raptopoulos gemeinsam mit Studenten der Singularity University im Silicon Valley in einem zehnwöchigen Sommerseminar entwickelt. Es sieht vor, dass kleine Drohnen dringend benötigte Güter dorthin schaffen, wo Straßen nicht hinreichen - Medizin oder Blutkonserven, die im Notfall benötigt werden, ebenso wie zum Beispiel kleinere Ersatzteile für technisches Gerät. Bis zu zwei Kilogramm sollen die Fluggeräte in ihren Zehn-Liter-Boxen transportieren können - und zwar vollkommen eigenständig und ohne Eingriffe von außen.

Schnell und billig

Die Idee will Raptopoulos jetzt in dem eigens dafür gegründeten Start-up-Unternehmen namens Matternet zur Marktreife entwickeln. Um den technischen Aufwand zu begrenzen, planen die Entwickler ein Netzwerk von Stationen, an denen die Minihelikopter vollautomatisch andocken sollen. Die Stationen stehen in einem Abstand von maximal zehn Kilometern - so weit reicht die Akkukapazität der derzeit verfügbaren Drohnen - und nehmen entweder das Transportgut entgegen oder laden es in die nächste Drohne um, die anschließend mit vollen Akkus weiterfliegt. Die Reichweite des Transportsystems hängt also nur von der Anzahl der Relais-Stationen ab.

Hinzu kommt, dass sich der finanzielle Aufwand in Grenzen hält: In einer Studie für den Masru-Distrikt im südafrikanischen Lesotho ermittelten die Wissenschaftler von der Singularity University einen Bedarf für 50 Basisstationen und 150 Drohnen, was insgesamt rund 900.000 Dollar kosten würde. Für diesen Betrag könnte man gerade einmal zwei Kilometer einer einspurigen Straße asphaltieren. Darüber hinaus ließe sich das Netzwerk je nach Bedarf beliebig ausbauen. "Jede Station erweitert den Radius, in dem die Drohnen aktiv sein könnten", sagt Raptopoulos.

Über die Höhe des benötigten Startkapitals schweigt sich Raptopoulos aus. Er sei im Gespräch mit Investoren und Venture-Capital-Gesellschaften, sagt er dazu nur. Denkbar sei aber auch, dass private Geldgeber und Hilfsorganisationen sich am Aufbau erster Netzwerke beteiligten. Auf lange Sicht hofft er, die Kosten durch den Verkauf von Lizenzen wieder hereinzuspielen, wenn Privatunternehmer das System für ihr Geschäft nutzen wollen - so wie sie derzeit Lieferwagen kauften, die auf der Straße fahren.

Eine denkbare Einsatzmöglichkeit wäre ein Lieferdienst für abgelegene Farmen, die ihre Ernte zum Markt schaffen wollen. Oder die Luftbrücke von einem Krankenhaus auf dem Land zu einem Labor, das in der nächsten Stadt angesiedelt ist.

Angesichts der geringen Transportkapazität klingt das ein wenig danach, als wolle man einen Milchlaster durch eine Armada von fliegenden Eierbechern ersetzen. Doch der Einwand ficht Raptopoulos nicht an: "Die Drohnen fliegen von ganz allein, Tag und Nacht - und beliebig häufig", erklärt er. Ein vergleichbarer Kurierdienst mit Fahrer oder Piloten erfordere viel höhere Aufwendungen für Personal und technisches Gerät.

Gleichwohl hinke der Kostenvergleich mit der Straße, weil diese als Transportweg für die Menschen und für schwere Güter unverzichtbar bleibe, räumt Raptopoulos ein - doch als Ergänzung und vergleichsweise schnell installierbares Netzwerk seien die Drohnen eine gute Ergänzung.

So ein Netzwerk könne sogar sinnvoll sein, wenn Straßen vorhanden seien, fügt der Unternehmer hinzu: "Oft sind die wenig benutzbaren Straßen verstopft - wenn es schnell gehen muss, sind Drohnen unschlagbar." Der Geschwindigkeitsvorteil macht das System auch für Kurierdienste in den Metropolen interessant. Der Zehn-Kilometer-Flug von Station zu Station dauere 15 Minuten, rechnet Raptopoulos vor. Das schaffe in New York, Tokio oder Singapur kein Fahrradkurier.

Erste Tests erfolgreich

In den Großstädten verspricht das Geschäftsmodell auch eine ordentliche Rendite, die dazu beitragen könnte, den Preis für die Kunden in den Entwicklungsländern zu reduzieren. "Um kostendeckend arbeiten zu können, müssten wir für eine Sendung von einer Relais-Station zur anderen höchstens 70 Cent berechnen", erklärt Raptopoulos. Er ist aber überzeugt, dass mögliche Kunden deutlich mehr bezahlen würden, wenn sie erst Vertrauen in das System gefasst hätten. Ob die Behörden jedoch am Ende mitspielen, ist längst noch nicht ausgemacht. Dem einen oder anderen dürften surrende Drohnen mitten im Großstadtchaos wohl schlaflose Nächte bescheren.

Doch um den Kampf mit den Behörden will Raptopoulos sich später kümmern. Erst gehe es darum, das System ans Laufen zu bringen. In der Dominikanischen Republik und in Haiti wickelten Raptopoulos' Drohnen im vergangenen September die ersten Kurierflüge ab. Zu den aufmerksamen Beobachtern zählten NGO-Vertreter, die vor Ort Hilfsdienste leisten - aber auch Geschäftsleute, die sich am Aufbau einer Pilotanlage beteiligen sollen.

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Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS