Kampf gegen Krise: Euro-Zentralbank senkt überraschend Leitzins

Mitten in der Schuldenkrise überrascht die Europäische Zentralbank die Märkte: Unter der Leitung des neuen Präsidenten Draghi senkt die Notenbank den Leitzins auf 1,25 Prozent. Offenbar wollen die Währungshüter so einen Absturz der Wirtschaft verhindern.

EZB-Präsident Draghi: Erste Sitzung unter seinem Vorsitz Zur Großansicht
REUTERS

EZB-Präsident Draghi: Erste Sitzung unter seinem Vorsitz

Frankfurt am Main - Paukenschlag unter dem neuen Präsidenten Mario Draghi: Der Rat der Europäischen Zentralbank senkte überraschend gleich bei der ersten Sitzung unter Vorsitz des Italieners den Leitzins auf 1,25 Prozent. Das teilte die EZB in Frankfurt mit.

Die meisten Ökonomen hatten trotz der drohenden Rezession und der Staatsschuldenkrise zunächst keine Zinssenkung erwartet. Denn die Inflation im Euro-Raum liegt weit über dem Zielwert der Währungshüter von knapp unter zwei Prozent. Das spricht eher für höhere Zinsen.

Doch für die EZB steht angesichts der Schuldenkrise in der Euro-Zone ( Aktuelles zur Lage in Griechenland im Live-Ticker) offenbar im Mittelpunkt, einem Absturz der Wirtschaft entgegenzuwirken. Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher - und kann so die Konjunktur ankurbeln.

Der Leitzins ist der Satz, zu dem Banken sich bei der EZB Geld leihen können, um es an die Wirtschaft weiter zu geben. Er bildet damit eine Untergrenze für alle in Euro vergebenen Kredite.

Die EZB hatte unter Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet wegen gestiegener Risiken für die Preisstabilität den Leitzins zuletzt in zwei Schritten von 1,0 auf 1,5 Prozent angehoben. Als sich die Schuldenkrise verschärfte und sich die Konjunkturerwartungen verschlechterten, legten die Währungshüter eine Zinspause ein.

Dax legt mehr als drei Prozent zu

Die Sitzung wurde zum ersten Mal von Mario Draghi geleitet. Trichet war nach acht Jahren an der Spitze der Institution Ende Oktober ausgeschieden. Am Nachmittag wird Draghi die Gründe für die Zinsentscheidung in Frankfurt erläutern. Am Abend will er zum G20-Gipfel nach Cannes reisen, um sich in die Beratungen der Staats- und Regierungschefs einzuschalten.

Neben der überraschenden Zinssenkung dürfte Draghi in der Pressekonferenz auch zu einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion Stellung nehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Mittwochabend nach einem Krisentreffen in Cannes nicht mehr ausgeschlossen, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen könnte.

Der Dax Chart zeigen legte nach Bekanntwerden der Zinsentscheidung deutlich zu. Nach schwachem Start am Donnerstag gewann er zeitweise mehr als drei Prozent auf 6156 Punkte. Händler Markus Huber von ETX Capital sagte: "Erst mal wirkt die Zinssenkung positiv. Die wichtigere Frage ist aber, ob der Markt dies als besonnene Entscheidung oder als Zeichen großer Probleme wertet."

cte/dpa/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Olaf 03.11.2011
Zitat von sysopMitten in der Schuldenkrise überrascht die Europäische Zentralbank die Märkte: Unter der Leitung des neuen Präsidenten Draghi senkt die Notenbank den Leitzins auf 1,25 Prozent. Offenbar wollen die Währungshüter so einen Absturz der Wirtschaft verhindern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795692,00.html
1,25% Leitzins. Wer leiht sich eigentlich Geld von wem für diesen Zinssatz? Und was machen die eigentlich, wenn sie bei 0% angekommen sind?
2. Verkehrte Welt
Hardliner 1 03.11.2011
Zitat von sysopMitten in der Schuldenkrise überrascht die Europäische Zentralbank die Märkte: Unter der Leitung des neuen Präsidenten Draghi senkt die Notenbank den Leitzins auf 1,25 Prozent. Offenbar wollen die Währungshüter so einen Absturz der Wirtschaft verhindern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795692,00.html
Verkehrte Welt: Diejenigen, die Schulden haben und die Schulden machen werden belohnt, die Sparer werden wieder einmal besch..... Man kann es auch so ausdrücken: Die Seriösen gucken in die Röhre, wer aber über seine Verhältnisse lebt, den belohnen die Zentralbanker.
3. Soso
Solid 03.11.2011
Erst im Juli wurden die Zinsen angehoben. Angeblich aus Angst vor den gewaltigen Anstiegen der Verbraucherpreise. Nun, die Verbraucherpreise sind seither noch schneller gestiegen (weniger wegen der Löhne als mehr wegen der Energiepreise) und dennoch zieht man schon jetzt die Notbremse. Wobei das Seil mit 1,25% schon reichlich kurz ist. Viel Spielraum bis zu negativen Zinsen gibt es da ja nicht mehr. Ganz offensichtlich zeigt dieser Zickzackkurs der EZB, dass die Reichen und Mächtigen so langsam die Kontrolle verlieren. Dazu passt auch der kleine 55 Mrd € schwere "Rechenfehler" im Finanzministerium. Offensichtlich weiß man an der Spitze nicht mehr, was man machen soll...
4. Titel nicht überlegt
ratxi 03.11.2011
Zitat von sysopMitten in der Schuldenkrise überrascht die Europäische Zentralbank die Märkte: Unter der Leitung des neuen Präsidenten Draghi senkt die Notenbank den Leitzins auf 1,25 Prozent. Offenbar wollen die Währungshüter so einen Absturz der Wirtschaft verhindern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795692,00.html
Das hat Ndrangheta, äh, tschuldigung, Draghi, bestimmt sehr weise überlegt.
5. Kaum an der EZB-Spitze...
wassollsauch 03.11.2011
... macht Herr Draghi das, was die Südschienenländer immer gemacht haben, wenn sie in ihren Schulden versinken: Geld ins System pumpen und damit die Inflation anfachen. Das war es dann endgültig mit der deutschen Stabilitätspolitik in der EZB. Jetzt bin ich ein echter Zwangsfiskaleuropäer und ich fühle mich echt sch...e dabei!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Leitzins
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 117 Kommentare
Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.