Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kampf gegen Spekulanten: Europäische Union plant Verbot von Länder-Ratings

Rating-Agenturen stürzen mit ihren Bewertungen ganze Staaten in die Krise, treiben Zinsen in die Höhe - nun will die EU ihre Macht drastisch beschneiden. Laut "Financial Times Deutschland" ist ein zeitweiliges Verbot von Länder-Ratings vorgesehen, es könnte schon 2012 in Kraft treten.

Rating-Agentur Standard & Poor's in New York: Scharfe Vorgaben aus Brüssel Zur Großansicht
DPA

Rating-Agentur Standard & Poor's in New York: Scharfe Vorgaben aus Brüssel

Hamburg - Spanien wurde in dieser Woche schon herabgestuft, Frankreich wird noch überprüft: Die Staaten in Europa zittern vor dem Urteil der Rating-Agenturen, an den Märkten sorgen sie regelmäßig für Kurskapriolen. Nun plant die EU offenbar, den Einfluss der Agenturen zu beschränken.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will ihnen künftig notfalls sogar verbieten, Urteile über kriselnde EU-Länder zu veröffentlichen. Das berichtet die "Financial Times Deutschland" in ihrer Donnerstagsausgabe.

In einem vertraulichen Vorabentwurf für eine Reform des Gesetzes zu den Rating-Agenturen schlägt Barnier vor, dass die neue Wertpapieraufsicht ESMA das Recht erhält, die Veröffentlichung von Einschätzungen über die Zahlungsfähigkeit von Staaten "vorübergehend zu untersagen".

Der Kommission geht es um Staaten, die über Finanzhilfen verhandeln - etwa über Gelder aus dem EU-Rettungstopf EFSF oder vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Verbot könne verhindern, dass ein Rating in einem "unangebrachten Moment" komme, "mit negativen Folgen für die Finanzstabilität des Staates und möglichen destabilisierenden Effekten auf die Weltwirtschaft", heißt es im Entwurf.

Gesetz könnte schon 2012 verabschiedet werden

Barnier ist der Überzeugung, dass die Rating-Agenturen in einem solchen Moment die Lage nicht immer richtig einschätzen. Daher fordert er die Möglichkeit eines Bewertungsverbots. Derzeit erhalten Griechenland, Irland und Portugal EU- und IWF-Gelder. Viele Experten spekulieren aber, dass mittelfristig weitere Länder Hilfe brauchen - etwa Italien und Spanien.

Damit ein Ratingverbot möglich wird, müssen neben laufenden Hilfsverhandlungen eines Staates weitere strikte Kriterien erfüllt sein. So müssen durch die Bewertung Probleme in anderen Ländern drohen oder das EU-Finanzsystem als Ganzes gefährdet sein. Die ESMA soll sich zudem mit anderen Aufsehern abstimmen.

Inwieweit dann die neuen Regeln greifen, hängt davon ab, wann das Gesetz in Kraft tritt. Barnier will das Papier bis spätestens November vorlegen, bis dahin sind Änderungen möglich. Dann müssen noch das Europäische Parlament und die Mitgliedsstaaten zustimmen. Vor Herbst 2012 wird es kaum in Kraft treten können.

Insgesamt geht Barnier die Anbieter hart an. So drängt er die 27 EU-Mitgliedsstaaten sicherzustellen, dass Investoren sie stärker zivilrechtlich zur Verantwortung ziehen können, wenn ihnen durch "mangelhafte Ratings" Schaden entsteht. Für komplexe strukturierte Finanzprodukte sollen außerdem zwei Ratings vorgeschrieben sein.

jok/dpa-AFX/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 354 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Deldenk
Breen 20.10.2011
Man bekämpft nicht die Ursachen der schlechten Lage, sondern verbietet, daß jemand darauf hinweist. Willkommen in der DDR 2.0!
2. Toll
Ottokar 20.10.2011
Zitat von sysopRating-Agenturen stürzen mit ihren Bewertungen*ganze Staaten in die Krise, treiben Zinsen in die Höhe - nun will die EU ihre Macht drastisch beschneiden. Laut "Financial Times Deutschland"*ist ein zeitweiliges Verbot von Lander-Ratings vorgesehen, es könnte schon 2012 in Kraft treten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,792864,00.html
dann sind alle Schulden weg. Ohne diese Ratings hätte niemand bemerkt das z.B. Griechenland schon lange Pleite ist und andere Länder, nahe Deutschland, auf dem besten weg sind Pleite zu gehen
3. Sinnvolles Vorgehen gegeb Brandstifter!
Benjowi 20.10.2011
Nachdem diese "Ratings" -seit der großflächigen "AAA"-Bewertung von offensichtlichen Ramsch-Papieren sind diese ohnehin mehr als fragwürdig-in letzter Zeit ganz offensichtlich selektiv als politische Waffe in einem genauso offensichtlichen Wirtschaftskrieg eingesetzt werden, ist dieser Schritt nur folgerichtig. Daß der größere Teil der Schuld an dem Desaster trotzdem in vielen Ländern bei den jeweiligen Politikern zu such ist, ist ohnehin sonnenklar. Nur hilft es einfach nicht, dauernd Öl ins Feuer zu gießen, um daran noch betrügerisch zu verdienen!
4. Wunderbar...
fernossi 20.10.2011
Zitat von sysopRating-Agenturen stürzen mit ihren Bewertungen*ganze Staaten in die Krise, treiben Zinsen in die Höhe - nun will die EU ihre Macht drastisch beschneiden. Laut "Financial Times Deutschland"*ist ein zeitweiliges Verbot von Lander-Ratings vorgesehen, es könnte schon 2012 in Kraft treten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,792864,00.html
immer schoen den Ueberbringer schlechter Nachrichten bestrafen. Das ist letztlich einfacher als Ursachen anzugehen.
5. Meinungsfreiheit
ak-73 20.10.2011
Zitat von sysopRating-Agenturen stürzen mit ihren Bewertungen*ganze Staaten in die Krise, treiben Zinsen in die Höhe - nun will die EU ihre Macht drastisch beschneiden. Laut "Financial Times Deutschland"*ist ein zeitweiliges Verbot von Lander-Ratings vorgesehen, es könnte schon 2012 in Kraft treten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,792864,00.html
Unmöglich. Die Meinungsfreiheit erlaubt es Menschen gegen Bezahlung andere Menschen zu beraten, ob es sinnvoll ist bestimmte Staatsanleihen aufzunehmen. In der Tat lassen diese Bestrebungen die euopäischen Regierungen wie billige Finanz-Betrüger erscheinen, die ihren Schuldenberg verschleiern wollen. Die Annahme der Märkte müsste sein, das die Wahrheit noch viel schlimmer ist als die bisherigen Annahmen und Preise würden steigen. Ausser sparen und es dem Wähler mal beizubringen hilft nix. Ende des auf Pump finanzierten Wohlstands und Wachstums. Alex
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wie Rating-Agenturen arbeiten
Geschichte
Die Geschichte der Rating-Agenturen reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz sich über den Kontinent ausdehnte. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor's, Moody's und Fitch.
Standard & Poor's
Standard & Poor's (S&P): Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's. Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
Moody's: John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service, die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch
Fitch Ratings: 1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings. Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.
Wie die Agenturen arbeiten
Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten und vergeben dazu verschiedene Bonitätsnoten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements.
Die Noten der Rating-Agenturen
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall
Bedeutung der Noten
Je schlechter sie die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, umso teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern zum Beispiel auch institutionelle Investoren.

Hochspekulative Anleihen (Moody's: Ba1, S&P: BB+, Fitch: BB+) gelten als "Ramsch". Wird eine Anleihe als spekulativ eingestuft, müssen beispielsweise Zentralbanken sie verkaufen.
Kritik
Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen (Ratings) Mathematik und welcher Meinung ist. In der Finanzkrise wurden Rating-Agenturen an den Pranger gestellt: Weil sie Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben.

Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: