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Kapitalismus-Kritik: "Die deutsche Wirtschaft wächst zu schnell"

Hans Christoph Binswanger war Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann - doch von Kapitalismus pur hält der emeritierte Professor nichts: Im Interview spricht er über Wachstumswahn, drohende Öko-Katastrophen und die Frage, wie sich Finanzkrisen verhindern lassen.

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Shopping in Dresden: "Auch Dinge, die man nicht kaufen kann, bringen Wohlstand"

Frage: Deutschlands Wirtschaft wächst in diesem Jahr voraussichtlich um 3,3 Prozent, Kommentatoren sprechen von "Aufschwung XXL". Sind wir auf einem stabilen Wachstumspfad?

Binswanger: Nein, überhaupt nicht. Die deutsche Wirtschaft wächst zu schnell. Ein mäßigeres Wachstum wäre besser.

Frage: Wirtschaftswachstum ist ein wichtiger Indikator für Wohlstand. Je mehr, desto besser, heißt es seit eh und je. Was ist daran falsch?

Binswanger: Regierungen und Wirtschaftsforscher schielen immer nur auf das Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandindikator. Dabei weiß man längst, dass die Zahl wenig über den tatsächlichen Wohlstand einer Gesellschaft aussagt. Sie misst nur das, was man kaufen kann. Aber auch Dinge, die man nicht kaufen kann, bringen Wohlstand, wie eine intakte Natur, gute Nahrung, frische Luft. Diese Dinge müssen in den Begriff des Wohlstands mit einbezogen werden. Die Wachstumsversessenheit muss ein Ende haben.

Frage: Und wenn wir so weiter machen wie bisher?

Binswanger: Dann steuern wir direkt auf eine ökologische Katastrophe zu und damit auf weitere viel schwerere Wirtschafts- und Finanzkrisen als die gegenwärtige. Die Staaten sind hoch verschuldet und können künftig keine großen Konjunkturpakete mehr schnüren.

Frage: Also lieber kein Wachstum?

Binswanger: Das nun auch nicht. Ohne Wachstum funktioniert das ganze System nicht. Firmen brauchen Geld - entweder Eigen- oder Fremdkapital. Banken und Investoren sind aber nur bereit, Geld vorzuschießen, wenn das Risiko, das sie dabei eingehen, bezahlt wird. Darum muss der Unternehmenssektor in seiner Gesamtheit Gewinne machen. Und schon braucht man Wachstum.

Frage: Bitte erklären Sie das genauer.

Binswanger: Gibt es kein Wachstum, nehmen die Firmen im Schnitt genauso viel ein, wie sie für Löhne, Energie und Maschinen ausgegeben haben. Das eingesetzte Kapital wird nicht entlohnt. Es lohnt sich also nicht, zu investieren.

Frage: Wie viel Wachstum braucht die Welt?

Binswanger: 1,8 Prozent pro Jahr, nach meinen Berechnungen. Angesichts eines weltweiten Wachstums von gegenwärtig fünf Prozent ist das wenig. Aber so wie jetzt kann es nicht weitergehen. Europa, auch Deutschland, muss künftig ganz langsam wachsen, die Schwellenländer dürfen etwas schneller sein.

Frage: Wie bremst man das Wachstum, ohne die Wirtschaft abzuwürgen?

Binswanger: Vor allem dürfen die Banken nicht mehr die Schaltzentrale der Wirtschaft sein. Aktuell können sie Geld schöpfen, so viel sie wollen. Künftig muss die Zentralbank wieder das Monopol auf die Kredit- und damit die Geldschöpfung haben. Und diese muss ihre Ziele erweitern: keine Inflation der Vermögenswerte und Aktien, keine Spekulationsblasen, und die Ressourcen unserer Erde dürfen nicht überbeansprucht werden.

Frage: Sie wollen die Banken entmachten? Ihrem ehemaligen Doktoranden Josef Ackermann dürfte das nicht gefallen

Binswanger: Solange die Banken über das Tempo der Volkswirtschaft entscheiden, werden wir von einer Krise in die nächste stolpern. Ganz entmachten will ich die Banken aber nicht: Sie behalten ihre wichtige Handelsfunktion. Schließlich sammeln sie kleine Beträge und geben große weiter. Und sie machen kurzfristig investiertes Geld zu langfristigem.

Frage: Viele Firmen besorgen sich Geld über die Börse. Steigen die Gewinne, steigen die Kurse. Wie soll man das bremsen?

Binswanger: Die Aktiengesellschaft ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts, wir müssen sie modernisieren. Mein Vorschlag: Ihr Kapital wird in Namensaktien und Inhaberaktien aufgeteilt. Erstere haben eine unendliche Laufzeit, werden aber nicht an der Börse gehandelt und dürfen außerbörslich frühestens nach drei Jahren verkauft werden. Die Inhaberaktien hingegen haben eine Laufzeit von 20 bis 30 Jahren und werden dann wieder zum ursprünglichen Kaufpreis zurückgenommen. Sie sind an der Börse handelbar.

Frage: Ähnlich wie Anleihen.

Binswanger: Genau. Das würde Spekulationen deutlich verringern, die sinnlose Maximierung der Gewinne bremsen und künftige Wirtschafts- und Finanzkrisen verhindern.

Das Interview führte Astrid Lipsky für das Magazin "DAS INVESTMENT"

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Mich wundern die 1,8 %
ReneMeinhardt, 12.12.2010
Warum nennt der Professor nicht das ökologisch-sinnvolle 0-%-Wchstum? Ansonsten sind seine Ansichten ganz OK.
2. Endlich...
onkel hape 12.12.2010
...mal eine vernünftige Äußerung eines Wirtschafts"weisen". Unkontrolliertes, ungebändigtes Wachstum führt, wie man beim Krebs sehen kann, in die Katastrophe. Die gebetsmühlenhafte Anbetung des "Wachstums-Fetisch" durch unsere neo-liberale Politiker-Kaste ist falsch und ein Irrweg, der keine zukunftsweisende Lösung für die globalen Probleme der Menschheit sein wird. Leider ist es dem Prof nicht gelungen, dem Studenten Ackermann, Prototyp des Raubtier-Kapitalisten, seine gesunde Sicht der Dinge einzutrichtern, schade.
3. Binswanger irrt
avollmer 12.12.2010
Er übersieht in seiner verkürzten Darstellung, dass gerade das deutsche Wirtschaftswachstum zu einem bedeutenden Teil kein quantitatives Wachstum mehr ist, sondern auch ein qualitatives. Produkte, Entwicklungen und Dienstleistungen werden nachhaltiger, werthaltiger und erfüllen damit seine Ansprüche an die Aspekte . Langlebige Autos, höherwertige Lebensmittel, umweltfreundliche Produkte, nicht nur LED statt Glühfaden, eine Vielfalt von innovativen Produkten, die einer nachhaltigen Lebensqualität zu Gute kommen, sorgt mit für das Wachstum. Er scheint noch das hirnlose "Mehr, Mehr, Mehr" der sechziger und siebziger Jahre vor Augen zu haben, wenn er das gegenwärtige Wachstum beurteilt. Aber es ist nicht mehr der billige und ressourcenhungrige VW-Käfer, der im Export reüssiert, es ist eher der 5er BMW, 6er Audi oder ein Porsche, die mit hoher Wertschöpfung Wachstum erzeugen. Hochwertige Produkte mit erweiterter Funktionalität dominieren den Markt. Das zieht sich durch alle Branchen, die zum deutschen Wachstum beitragen. Herr Binswanger sollte sich den aktuellen Konsum ansehen, das Investitionsverhalten von Unternehmen und die Wege in die Zukunft, die bereits beschritten werden, dann würde er seine Einschätzung revidieren. Die deutsche Wirtschaft wächst nicht zu schnell. Sie wächst als Ergebnis der gewachsenen Wertigkeit ihrer Produkte und Dienstleistungen. Man kann aus dem gleichen Rohmaterial eben ein paar Nägel und einen kleinen Goldbarren machen oder eine Grande Complication im Goldgehäuse, eine Quelle des Wachstums, die nicht zu Lasten von "intakte Natur, gute Nahrung, frische Luft" geht. Herr Binswanger, kommen Sie raus aus dem Elfenbeinturm. Das Wirtschaftsleben wird nicht von 1€-Shops und KiK-Filialen dominiert. Dort werden Sie keine Waren aus deutscher Fertigung finden.
4. Zins- u. Zinseszinses wird endlich Thema
apfelspross 12.12.2010
Worauf der Beitrag unausgesprochen abzielt, ist doch der durch den exponentiellen Trend von Zins- und Zinseszins ausgelöste Wachstumszwang, mit dem ein auch noch dem Verfall ausgesetztes Waren- und Dienstleistungsangebot unmöglich mitwachsen kann. Geld ist dadurch gegenüber dem, was es bezahlen soll, immer und jederzeit im systembeding-ten Vorteil, zumal dieses Geld über die unbegrenzte Euro/Dollar-Konvertibilität von unten zu der überschaubaren Anzahl der FED-Eigentümer wandert. Ziemlich unfair, dieses auf Selbstzerstörung programmierte Pyramidensystem - oder ?
5. Mein Gott..
bleys 12.12.2010
Der Wahnsinn vom unendlichen Wachstum wird immer noch verbreitet und gerechtfertigt o_O Bei durchschnittlich 1.8% verdoppelt sich das BIP ja "nur" noch alle 40 Jahre. Was für ein Schwachsinn. Dabei kann jeder selbst die Statistiken der letzten 40 Jahre zur Hand nehmen und mit den einfachen Rechenarten feststellen das wir über diese Zeit gesehen praktisch ein absolutes Wachstum hatten das immer gleich hoch war, prozentual also kontinuierlich gesunken ist. Aber das kann man auch seiner Couch erzählen, macht genau so viel Sinn. Die Konditionierung der letzten Jahrzehnte hat funktioniert. Die Tatsachen werden einfach ignoriert und ausgeblendet. Früher war ein Ketzer wer das damals "gültige" Weltbild in irgend einer Form in Frage stellte, heute sind es die Neoliberalen die das Wirtschaftssystem vorgeben und jeden in irgend eine Ecke stellen der es wagt da leise Kritik zu äußern. Der Crash wird kommen, da bin ich jetzt ganz sicher. Und er wird alles übertreffen was wir kennen oder uns in unseren kühnsten Träumen vorstellen können. Arme Welt....
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Heft 12/2010

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Hans Christoph Binswanger (81) kritisiert die Wachstumsversessenheit herrschender Wirtschaftstheorien. Der emeritierte Professor für Volkswirtschaft ist Doktorvater von Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann. Er lebt im Schweizer St. Gallen.
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Buchtipps

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