Von Stefan Kaiser
Hamburg - "Da gehe ich nicht wieder hin!" Mit diesem Satz hat sich Martin Blessing selbst unter Druck gesetzt. Mit "da" meinte er den staatlichen Bankenrettungsfonds Soffin, der die Commerzbank schon einmal mit 18 Milliarden Euro stützen musste. So etwas sollte unter Blessings Führung nicht noch einmal passieren.
Gesagt hat der Bankchef den Satz schon Anfang November, als erstmals klar wurde, dass sein Institut eine gewaltige Kapitallücke schließen muss, um die neuen Sicherheitsanforderungen der Politik und der Finanzaufsicht zu erfüllen. Als diese Anforderungen zwischenzeitlich sogar noch einmal erhöht wurden, sah es so aus, als müsste Blessing sein Wort brechen. Doch mittlerweile sind seine Chancen wieder deutlich gestiegen, es aus eigener Kraft zu schaffen.
Am Donnerstagmittag legte Blessing einen Plan vor, wie er die von der europäischen Bankaufsicht EBA attestierte Lücke von 5,3 Milliarden Euro bis Ende Juni schließen will. Sicherheitshalber will er sogar 6,3 Milliarden Euro auftreiben - man weiß ja nie.
Hintergrund ist eine Vorgabe der europäischen Regierungen. Sie hatten bei ihrem Gipfel Ende Oktober beschlossen, dass alle größeren europäischen Banken bis zum 30. Juni 2012 eine Kernkapitalquote von neun Prozent erreichen sollen - und zwar auch dann, wenn sie alle Staatsanleihen in ihrer Bilanz auf den Marktwert von Ende September 2011 abschreiben. In einem sogenannten Stresstest hatte dann die Bankenaufsicht EBA ermittelt, wie hoch die Kapitallücke bei jeder einzelnen Bank ist.
Dabei geht es gar nicht nur darum, neues Geld aufzutreiben. Die Kapitalquote ergibt sich aus dem Verhältnis von hartem Eigenkapital - also Aktien und Gewinnen - zu den riskanten Anlagen der Bank. Die Commerzbank
verfolgt daher eine Mischstrategie: Einerseits will die Bank ihr Eigenkapital erhöhen, andererseits will sie aber auch versuchen, die Kapitalanforderungen zu senken, indem sie ihr Geschäft massiv verkleinert. Je geringer die riskanten Anlagen der Bank, desto weniger Eigenkapital muss sie nach den Regeln der Aufsicht dafür vorhalten.
Gewinne einbehalten, Risiken abbauen
Einen guten Teil der geplanten 6,3 Milliarden Euro hat die Commerzbank so nach eigenen Angaben schon geschafft: Zwischen Ende September und Ende Dezember habe das Institut seine Kapitallücke bereits um drei Milliarden Euro verringert. "Das heißt: Wir haben schon knapp 60 Prozent der EBA-Kapitalanforderungen erreicht", jubilierte Bankchef Blessing am Donnerstag.
Bis Mitte des Jahres will Blessing die Kapitallücke dann um weitere 3,3 Milliarden Euro verkleinern.
Experten halten den Plan für schlüssig: "Das Paket ist überzeugend, lobt Analyst Neil Smith von der WestLB. "Die Bank hat deutlich mehr Kapital eingeplant, als sie müsste". Auch Dieter Hein vom unabhängigen Analysehaus Fairesearch ist optimistisch. "Der Plan klingt realistisch. Ob es wirklich so kommt, weiß aber nicht einmal die Commerzbank selbst. Das hängt maßgeblich davon ab, wie sich die Euro-Schuldenkrise und die Lage der Banken entwickeln."
Als einen Knackpunkt sieht Hein den eingeplanten Gewinn von 1,2 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2012. "Das ist ziemlich ambitioniert", meint der Experte - zumal gerade etliche Großbanken enttäuschende Zahlen für das vierte Quartal 2011 vorgelegt haben. Doch selbst wenn der Gewinn geringer ausfällt, kann die Commerzbank die Anforderungen der Aufsicht erfüllen. Schließlich hat sie bei ihren Planungen einen Puffer von einer Milliarde Euro eingerechnet. "Im Grunde", sagt Hein, "reicht ein Gewinn von 200 Millionen Euro."
Selbst wenn das nicht genügen sollte, hat die Commerzbank noch einen Notfallplan: Eine sogenannte stille Einlage des Versicherungskonzerns Allianz, die bisher nicht als Kernkapital gewertet wird, könnte in hartes Kernkapital umgewandelt werden, zum Beispiel in Aktien. So könnten weitere 750 Millionen Euro zusammenkommen.
Ein Machtkampf zwischen den Aufsehern gefährdet Blessings Plan
So logisch der Plan bei der ersten Betrachtung aussieht - dass er wirklich so umgesetzt wird, ist keineswegs sicher. Vor allem die europäische Bankenaufsicht EBA könnte das Paket noch torpedieren. Sie sieht es generell kritisch, wenn Banken die erhöhten Kapitalanforderungen vor allem durch eine Verkleinerung der Bilanzrisiken erfüllen wollen. Lieber wäre den Aufsehern, die Institute würden sich wirklich neues Kapital beschaffen.
"Ich bin mir nicht sicher, ob die EBA den Plan akzeptiert", sagt auch Bankenanalyst Hein. Er vermutet sogar einen Machtkampf zwischen den europäischen Bankaufsehern und der deutschen Finanzaufsicht BaFin. Die EBA könnte dabei zum Beispiel das ablehnen, was die BaFin genehmigt hat. "Die Commerzbank könnte die Leidtragende sein", sagt Hein.
Offiziell müssen die europäischen Banken ihre Kapitalpläne bis zu diesem Freitag bei ihren nationalen Aufsichtsbehörden vorlegen. Erst Anfang Februar will sich dann die EBA damit befassen. Dennoch zitierte die britische Zeitung "FT" schon am Donnerstag kritische Bemerkungen hochrangiger EBA-Beamter. Es erscheine "fast unausweichlich", dass die Commerzbank auf weitere Staatshilfen zurückgreifen müsse.
Auf Anfrage stellt die EBA dies anders dar: Die Behörde sei derzeit "nicht in der Position, den Plan zu kommentieren", heißt es. Auch die deutsche Aufsicht verweist auf die Einhaltung des offiziellen Prozederes: "Es ist zunächst einmal Aufgabe der BaFin, sich die Pläne im Detail anzuschauen und zu beurteilen", sagt ein Sprecher.
Commerzbank-Chef Blessing ahnt offenbar schon, dass von Seiten der Aufseher noch einiges auf ihn zukommen kann. Am Donnerstag gab er sich nur vorsichtig optimistisch. "Ich gehe gutgläubig davon aus, dass das ein regulatorischer und kein politischer Prozess ist."
Mit Material von Reuters
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