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Karge Online-Einnahmen: Das Internet, ein Armenhaus für Musiker

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Viele Musiker hofften dank des Internets auf einen Geldsegen - doch laut einer neuen Studie sind die Einnahmen aus dem Online-Vertrieb lächerlich. Bei Plattformen wie Last.fm muss ein Song 1.546.667-mal gespielt werden, damit ein Künstler gerade mal den US-Mindestlohn erhält.

Apple-Chef Steve Jobs: Niedrige Tantieme für Musiker Zur Großansicht
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Apple-Chef Steve Jobs: Niedrige Tantieme für Musiker

Hamburg - Als das Internet sich in der Welt ausbreitete, war die Euphorie in der Musikszene groß. Für Bands sah das Netz zunächst wie ein Gottesgeschenk aus. Es eröffnete neue Vertriebskanäle, über die auch unbekannte Künstler Zugang zum globalen Musikmarkt bekommen. Man hoffte auf die Demokratisierung der Kunst, auf einen Putsch gegen die großen Plattenlabels - und auf sprudelnde Gewinne.

Leider kam alles ganz anders als erhofft. In Online-Musikläden fließt viel weniger Geld als erwartet, und dieses fließt selten in die Taschen der Musiker. Das Internet ist jetzt nur noch "das Paradies, das es gegeben haben sollte", schrieb ein Blogger namens The Cynical Musician kürzlich. Sein Artikel ist eine bittere Abrechnung mit Online-Läden wie iTunes und mit Web-Radios wie Spotify und Last.fm.

Wie wenig sich im Netz verdienen lässt, zeigt eine Statistik auf der Seite Information is Beautiful. In mühsamer Kleinarbeit haben Mitarbeiter der Plattform die Vergütungsmodelle von Plattenfirmen, Internetradios und Online-Verkaufsportalen in den USA recherchiert. Sie haben ausgerechnet, wie viele Songs oder Alben ein Künstler über verschiedene Online-Vertriebskanäle jeweils verkaufen muss, um auf den monatlichen US-Mindestlohn von 1160 Dollar zu kommen (siehe Grafik unten).

Die Auswertung zeigt: Wer einen guten Plattenvertrag ergattert, verdient noch immer deutlich mehr, als wenn er seine Songs etwa über Apples virtuellen Musikladen iTunes verkauft.

12.399 MP3s für den Mindestlohn

In etwa ebenbürtig sind sich Offline und Online nur beim reinen Albenverkauf. Doch genau dieses Konsumentenverhalten hat insbesondere Apple mit seinem iTunes-Shop verändert. Seit man bequem jeden Song einzeln herunterladen kann, kaufen sich nur noch Hardcore-Fans das komplette Album, alle anderen begnügen sich mit wenigen MP3s. In Deutschland wurden 2009 nur rund 50 Prozent der Online-Umsätze durch den Verkauf von Alben erwirtschaftet. 40 Prozent entfielen nach Angaben des Bundesverbands Musikindustrie auf Einzelsongs.

Grafik von "Information is Beautiful": Schrumpfende Einnahmen im Internet Zur Großansicht
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Grafik von "Information is Beautiful": Schrumpfende Einnahmen im Internet

Der Verkauf einzelner MP3s aber ist für Künstler mit Plattenvertrag keine lukrative Einnahmequelle - schon gar nicht über den iTunes-Store oder über den Online-Warenhändler Amazon. In beiden Fällen fressen Vertriebsgebühren den Gewinn fast völlig auf. Der Künstler verdient nur neun Cent pro Lied. Laut Information is Beautiful müssen die Songs eines Künstlers monatlich 12.399-mal heruntergeladen werden, damit er auf den US-Mindestlohn kommt.

Fairer ist da noch der Verkauf einzelner Songs über das Portal CD Baby. Der amerikanische Online-Händler vertreibt die Musik unabhängiger Musiker ohne Plattenvertrag. Einrichtungsgebühr und Tantieme sind gering, der Musiker erhält rund drei Viertel des Verkaufserlöses. Dafür ist die Reichweite des Dienstes deutlich geringer als die von iTunes oder Amazon.

1160 Dollar für 1.546.667 Streams

Noch schlechter ergeht es Musikern, die ihre Songs über Internetradios vertreiben. Die zahlen registrierten Künstlern zwar jedes Mal etwas, wenn sie einen ihrer Songs spielen - aber nur den Bruchteil eines Cents. Um beispielsweise über Last.fm den US-Mindestlohn einzunehmen, müssten die Songs eines Künstlers 1.546.667-mal abgerufen werden - pro Monat.

Das aber schaffen nur die ganz großen Stars. So wurden die Songs von Madonna laut Last.fm-Statistik insgesamt rund 54 Millionen Mal gespielt - über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg. Bekannte Künstler wie die Teenierocker Tokio Hotel (rund 10,9 Millionen Abrufe) oder der französische House-Produzent Laurent Garnier (rund 1,2 Millionen Abrufe) dagegen verdienen im Internetradio nur Peanuts.

Der Cynical Musician richtet angesichts solcher Zahlen einen frustrierten Appell an die Netzgemeinde: Der Verkauf von Musik, schrieb er, sei als Einnahmequelle für den Künstler mehr und mehr untauglich.

Was der Musikzyniker nicht erwähnt, ist die gewaltige Marketingmacht, die das Internet bisweilen entfesselt. Soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace, Web-Radios wie Last.fm oder Spotify, Netlabels wie Audioactivity oder Minusn haben einen großen, nichtmateriellen Vorteil: Sie helfen unbekannten Musikern dabei, ihre Fangemeinde zu vergrößern.

Das Netz hat schon Rockstars geschaffen: Künstler wie die Arctic Monkeys, die in sozialen Netzwerken auf Fanfang gingen. Sie veröffentlichten Demoversionen ihrer Debütsongs auf Plattformen wie MySpace und auf der eigenen Homepage. Und traten eine Online-Bewegung los.

Der Hype war so groß, dass die Band bei Konzerten in England riesige Stadien füllte. Ganz ohne Plattenvertrag.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 171 Beiträge
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1.
Walter Sobchak 18.04.2010
Was fuer ein Unsinn. Dann sollen die Kuenstler ihre Musik selber zum Download anbieten. Oder sich einen richtigen Job suchen.
2.
Motorpsycho 18.04.2010
Woher kommt eigentlich der Anspruch, von etwas Leben zu können, wonach offensichtlich keine Nachfrage herrscht und einen auch niemand beauftragt. Ich falte ja auch keine Papierhütchen, setze mich damit in die Fußgängerzone und beschwere mich, dass ich damit nicht über die Runden komme.
3. ein paar Fragen
itsmikel 18.04.2010
- Was bekommt der Künstler, wenn sein Lied im Radio gespielt wird, wieviel ist das pro Hörer (ca.) - Was bekommt er pro verkaufter CD (ca.) Ich hab mal gelesen, das bei den großen Künstlern die Haupteinnahmequelle inzwischen die Konzerte sind. Stimmt das?
4.
Tsardian 18.04.2010
Zitat von MotorpsychoWoher kommt eigentlich der Anspruch, von etwas Leben zu können, wonach offensichtlich keine Nachfrage herrscht und einen auch niemand beauftragt. Ich falte ja auch keine Papierhütchen, setze mich damit in die Fußgängerzone und beschwere mich, dass ich damit nicht über die Runden komme.
Wäre mir neu das nach Musik keine Nachfrage herrscht.
5. ja und?
DerBlicker 18.04.2010
Zitat von sysopViele Musiker hofften dank des Internets auf einen Geldsegen - doch laut einer neuen Studie sind die Einnahmen aus dem Online-Vertrieb lächerlich. Bei Plattformen wie Last.fm muss ein Song 1.546.667 mal gespielt werden, damit ein Künstler gerade mal den US-Mindestlohn erhält. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,689372,00.html
seit wann besteht ein Anspruch von digitaler Musik leben zu können? Von Konzerten kann man prima leben. Wer als Musiker keine Konzerte spielen kann, der ist auch keiner. Ich bin froh, dass durch das Wegfallen der Platteneinnahmen, endlich die Retortenmusiker aus den Studios aussortiert werden.
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Grafik: CO2-Ersparnis von MP3s Zur Großansicht
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Grafik: CO2-Ersparnis von MP3s


Online-Musik: Was an Spotify innovativ ist
Angebot
Das Angebot ist überraschend groß - alle wichtigen Plattenfirmen (Universal, Sony BMG, EMI, Warner), viele kleinere Label, sind dabei. Allerdings ist Spotify bisher nur in sieben Ländern offiziell nutzbar, nicht aber in den USA und auch nicht in Deutschland.
Design
Die Spotify-Software (Mac und Windows) ist schlank, schnell und sehr einfach in Google-Logik zu bedienen: Man tippt in ein Suchfeld Künstler, Songtitel und den Namen eines Albums ein, sieht sofort eine Auswahl an Treffern aus dem Katalog und ist mit einem Klick auf der Seite mit allen Suchergebnissen zu einem Künstler. Zur Suchmaschinenlogik gehören auch Vorwärts- und Zurückknöpfe und eine History, die alle gespielten und noch zu spielenden Stücke anzeigt. Die Oberfläche ist sehr reduziert und sehr angenehm zu bedienen - das Google-Gefühl.
Geschwindigkeit
Obwohl Spotify die Musik streamt, gab es beim Selbstversuch keine Verzögerung. Ein Klick, und man hört sofort, was man hören will oder springt an die Stelle des Songs, die man auswählt. Das geht meist sogar schneller als bei der lokalen iTunes-Bibliothek auf dem Mac. Denn Spotify streamt nicht nur von seinen Servern, sondern nutzt zudem auch die Rechner der Kunden für eine Peer-to-Peer-Infrastruktur.
Freiheit
Anders als etwa LastFM folgt Spotify nicht der Radio-, sondern der iTunes-Logik: Man kann hören, was, wann, an welcher Stelle und in welcher Reihenfolge man will. Und: Man kann mit seinem Zugang auf beliebig vielen Rechnern Musik hören.
Playlisten
Spotify-Nutzer können in beliebig vielen Abspiellisten Songs sammeln. Die sind mit dem eigenen Login dann auf jedem Rechner mit Spotify-Software verfügbar, und sie lassen sich einfach per Drag-and-Drop ex- und importieren, veröffentlichen, weitermailen. Denn eine Playlist ist nur ein Link zum Spotfiy-Server.
Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
DPA
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...


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