Verschollener Firmenchef Karl-Erivan Haub Tengelmann trauert - und muss handeln

Karl-Erivan Haub galt als strategischer Kopf bei Tengelmann. Seine Familie geht davon aus, dass er tot ist, und ordnet die Unternehmensführung neu. Wie macht das Handelsimperium ohne ihn weiter?

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Mit einem großen Fest beging Tengelmann im September vergangenen Jahres das 150. Firmenjubiläum. In fünfter Generation führte Karl-Erivan Haub gemeinsam mit seinem Bruder Christian das Unternehmen. Eine Zeitung fragte den Tengelmann-Chef anlässlich des Jubiläums, ob er sich bereits Gedanken darüber mache, wie er einmal in die Familienchronik eingehen wolle. Karl-Erivan Haubs Antwort: "Darüber soll die nächste Generation befinden. Ich habe ja auch noch eine ganze Weile Zeit."

Nur ein halbes Jahr später ist der 58-Jährige während einer Skitour in den italienisch-schweizerischen Alpen verschollen - und die Familie muss nicht nur mit dem tragischen Unglück zurechtkommen, sondern auch die Leitung des Familienimperiums neu sortieren. Denn Karl-Erivan Haub war derjenige, der Tengelmann nach außen hin repräsentierte und sehr klar politisch Stellung bezog. Er galt auch als strategischer Kopf in der Unternehmensführung.

Traueranzeige auf tengelmann.de
Tengelmann

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Die Familie hat die Hoffnung aufgegeben, den Vermissten lebend zu finden. Mit einer großen Anzeige trauert Tengelmann auf seiner Webseite um den verschollenen Chef. Eineinhalb Wochen nach dem Verschwinden seines älteren Bruders hat Christian Haub die alleinige Geschäftsführung der Unternehmensgruppe übernommen. Er trat bisher kaum öffentlich in Erscheinung und hatte sich als Co-Chef bislang vor allem um das US-Geschäft gekümmert. Der 53-Jährige lebt mit seiner Frau und vier Kindern in den USA.

Familie muss zwei Verluste verkraften

2018 wird in die Tengelmann-Geschichte als schicksalhaftes Jahr eingehen. Am 6. März war Seniorchef Erivan Haub im Alter von 85 Jahren gestorben. Fast genau einen Monat später verschwand sein ältester Sohn während der Skitour am Matterhorn. Karl-Erivan Haub trainierte für die Patrouille des Glaciers, ein extrem anspruchsvoller Ski-Wettkampf der Schweizer Armee, an dem auch zivile Teams teilnehmen dürfen. Wichtig sei "entsprechendes Training, um den körperlichen, psychischen und technischen Anforderungen des Wettkampfes zu genügen", schreiben die Veranstalter. Die Teilnehmer müssen in der Lage sein, "unvorhergesehene Situationen unter extremen Bedingungen in äußerst unwirtlichem Gelände selbstständig zu meistern".

Laut einem Bericht hatte Haub bereits 2014 an dem Wettkampf teilgenommen. Er war ein disziplinierter Abenteurer. Neben Skitouren lief er bis zuletzt Marathonrennen. Die Disziplin hatte er schon als Kind von seinem Vater mit auf den Weg bekommen. "Hartes Arbeiten und nichts verprassen", sei das Motto gewesen, erzählte Haub einmal.

Der Sohn musste das Unternehmen neu ordnen

Haub senior hatte in den Siebzigerjahren mit der familieneigenen Lebensmittelkette Tengelmann den Konkurrenten Kaiser's Kaffee übernommen und war so zeitweise zum größten Lebensmittelhändler in Deutschland aufgestiegen. Beim Namen Tengelmann denken die meisten Deutschen heute noch an die Supermärkte, doch der gleichnamige Familienkonzern hat mit dem einstigen Kerngeschäft nichts mehr zu tun.

Tengelmann agiert inzwischen wie eine Holding, zu der eigenständige Firmen wie die Baumarktkette Obi und die Billigläden Kik und Tedi gehören. Diese werden von externen Managern geführt. Hinzu kommt ein großes Immobilienportfolio und Internetbeteiligungen.

Als Karl-Erivan Haub im Jahr 2000 die Geschäfte übernahm, war das Imperium extrem unübersichtlich geworden. Der neue Chef räumte auf und verkaufte Tochterfirmen, etwa den Süßwarenhersteller Wissoll und die Drogeriemarktkette kd. Den Lebensmitteldiscounter Plus versuchte Haub zunächst noch auf Kurs zu bringen. Doch 2008 verkaufte er die Läden zum größten Teil an die Edeka-Tochter Netto und einige Filialen auf Geheiß des Kartellamts an andere Wettbewerber wie Rewe.

Einige Weggefährten beschreiben Haub eher als Zahlenmenschen, denn als visionären Unternehmer. In Sachen Onlinehandel erkannte der Unternehmer das Potenzial aber früh. Das Familienunternehmen Tengelmann stieg bei Zalando ein, beteiligt sich unter anderem am Lieferdienst Delivery Hero, am Fahrdienstleister Uber und an Babymarkt.de. Auch im privaten Online-Krankenversicherer Ottonova steckt Tengelmann-Geld. Die Digital-Investments sollen zuletzt fast eine Milliarde Dollar wert gewesen sein. Insgesamt wird das Familienvermögen auf rund vier Milliarden Euro geschätzt.

Anstrengende Trennung vom Traditionsgeschäft

Auf die Idee, ins digitale Geschäft zu investieren, hätten ihn sowohl seine Mutter als auch seine Zwillingssöhne gebracht, erzählte Haub. So soll die Familienpatriarchin von ihrem ersten Tablet so begeistert gewesen sein, dass sie mit über 80 Jahren ihren Söhnen riet, unbedingt ins Internetgeschäft zu investieren. Haubs Kinder wiederum sollen dem Vater einst einen Wunschzettel übergeben haben, auf dem sie schon vermerkt hatten, wo er die Geschenke im Netz bestellen könne.

So erfolgreich Haubs digitale Investments sind, so schwer tat er sich mit dem bekanntesten Teil des Familienerbes: dem Lebensmittelhandel. Jahrelang dokterte die Familie am Kerngeschäft herum, musste Geld zuschießen. 2013 habe die Familie beschlossen, Kaiser's Tengelmann zu verkaufen, sagte Haub 2016 in einem SPIEGEL-Interview. Der Entschluss führte zu einem zwei Jahre währenden Übernahmekampf. "Es war für alle ein Höllenritt", beschrieb es Haub. Er wollte die Supermarktkette komplett an Edeka verkaufen. Konkurrent Rewe nahm das nicht hin, das Kartellamt intervenierte. Am Ende erteilte der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine sogenannte Ministererlaubnis. Der Großteil der Läden ging an Edeka, der Rest an Rewe.

Rechne man Verluste und Verkaufspreis gegeneinander auf, sei die Familie am Ende mit einem Minus rausgegangen, sagte Haub. "Aber der Lebensmitteleinzelhandel ist so etwas wie die Familien-DNA", erklärte er das lange Ringen.

Vielleicht fiel Haub der Abschied von diesem Teil des Geschäfts auch deshalb so schwer, weil er selbst im Lebensmittelgeschäft der Familie seine Karriere begonnen hatte. Der älteste von drei Brüdern machte eine Kaufmannslehre bei Tengelmann, studierte in der Schweiz Wirtschaftswissenschaften und arbeitete danach bei Nestlé und der Unternehmensberatung McKinsey. Nach der Wiedervereinigung war Haub in Ostdeutschland, um dort Standorte für Tengelmann-Läden zu finden. "Ich bin 1990 gleich rübergegangen und habe in einem Wohnwagen gelebt", berichtete er über diese Zeit. Ab 1992 arbeitete Haub dann offiziell für das Unternehmen seiner Familie.

Kann der Bruder den Clan weiterführen?

Karl-Erivan Haub habe "mehrere Unternehmen aufgebaut und immer ein Gespür für neue Trends und Themen bewiesen", schrieben Kik-Chef Patrik Zahn und der langjährige Haub-Geschäftspartner Stefan Heinig wenige Tage nach dem Verschwinden des Tengelmann-Chefs.

Das Alltagsgeschäft der Tengelmann-Unternehmen dürfte von der Tragödie um Haub wenig betroffen sein. Kik, Obi und Co. sind organisatorisch selbstständig und werden seit Jahren von familienfremden Managern geführt.

Christian Haub steht nun als alleiniger Chef der Tengelmann-Gruppe vor der Herausforderung, die Führung innerhalb des Clans zu übernehmen und sich um die langfristigen, strategischen Entscheidungen zu kümmern. "Mein Bruder wird nicht nur unserer Familie, sondern auch dem Unternehmen sehr fehlen", sagte Christian Haub laut einer Pressemitteilung von Tengelmann. Für ihn sei "der stets offene Austausch vor allem zu strategischen Themen wesentlicher Kern unseres engen Miteinanders" gewesen. "Neben dem persönlichen Verlust werde ich das am meisten vermissen."

Neuer Tengelmann-Chef Christian Haub
Tengelmann

Neuer Tengelmann-Chef Christian Haub

Gemeinsam mit seinem Bruder habe er den Konzern durch einen umfassenden Transformationsprozess geführt, sagte Christian Haub. Tengelmann sei "grundsolide und zukunftsfähig aufgestellt".

Zu den strategischen Neuerungen gehört, dass der Textildiscounter Kik in die USA expandieren soll. Und im Bereich Immobilien investiert Tengelmann neben der Verwaltung von Handelsimmobilien auch in den Bau von Wohnanlagen.

"Der Verlust unseres Bruders ist für unsere Familie eine Tragödie", sagte Christian Haub. "Aber sie gefährdet nicht den Weiterbestand unseres Familienunternehmens."

Zum 150-jährigen Firmenjubiläum im September zeigte sich Karl-Erivan Haub zuversichtlich, dass auch die nächste Generation das Familienunternehmen weiterführen will. Er und seine beiden jüngeren Brüder hätten insgesamt acht Kinder zwischen 22 und 28 Jahren, sagte er. "Ich bin ganz zuversichtlich, dass sie alle Interesse am Unternehmen haben werden."

insgesamt 11 Beiträge
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schocolongne 21.04.2018
1. Familien DNA
Das mit der Familien DNA im Lebensmittelhandel war wohl einmal so, das letztlich erfolglose agieren in dem Handels-Segment geht dann wohl auf einen Gendefekt zurück. Der Verkauf und damit praktisch die weitgehende Liquidierung von PLUS, einer der bekanntesten deutschen Handelsmarken, hat die Einkaufsmacht der ganzen Tengelmann-Gruppe erheblich geschwächt und läutete damit konsequent das absterben der gesamten Gen-Sequenz "Lebensmittelhandel" ein. Deren Rest dann folgerichtig "mit einem leichten Minus" dem Plus-Aufkäufer EDEKA hinterhergeworfen. Eine zweifelhafte Unternehmerische Leistung der Familie Tengelmann, es Strategie zu nennen, wage ich nicht.
Velociped 21.04.2018
2. Alleine auf Skitour
Alleine auf Skitour gehen, ist ein großes Risiko. Lawinen, Gletscherspalten aber auch bereits kleine Verletzungen können da schnell gefährlich sein, wenn niemand da ist, der vor Ort helfen kann oder auch nur die Rega ruft. Es gibt Geräte, die über Satellit die Position regelmäßig mitteilen, das wäre in dieser Situation hilfreich gewesen. Die Batterie eines LVS hält im Gegensatz zu einer in Kontext dieses tragischen Unglücksfalls verbreiteten Falschmeldung ziemlich lange - das Problem ist jedoch die geringe Reichweite von weniger als 100 Metern, die zudem dazu führt, dass Einzelgänger das Gerät häufig gleich gar nicht einschalten.
fat_bob_ger 21.04.2018
3. Wenn man vom Lebenseinzelhandel keine Ahnung hat,
Zitat von schocolongneDas mit der Familien DNA im Lebensmittelhandel war wohl einmal so, das letztlich erfolglose agieren in dem Handels-Segment geht dann wohl auf einen Gendefekt zurück. Der Verkauf und damit praktisch die weitgehende Liquidierung von PLUS, einer der bekanntesten deutschen Handelsmarken, hat die Einkaufsmacht der ganzen Tengelmann-Gruppe erheblich geschwächt und läutete damit konsequent das absterben der gesamten Gen-Sequenz "Lebensmittelhandel" ein. Deren Rest dann folgerichtig "mit einem leichten Minus" dem Plus-Aufkäufer EDEKA hinterhergeworfen. Eine zweifelhafte Unternehmerische Leistung der Familie Tengelmann, es Strategie zu nennen, wage ich nicht.
dann sollte man einfach mal ruhig sein. Der dt. Lebensmitteleinzelhandel ist der wettbewerbsintensivste Markt der Welt. Die Gewinnspannen sind niedriger als in Indien. Walmart und andere sind auf die allerkläglichste Art in D gescheitert. ALDI mischt den englischen Markt auf, warum wohl? Per Ferndiagnose würde ich mir kein Urteil über die unternehmerische Kompetenz erlauben. Von außen kann man nicht beurteilen, ob die Kostenstruktur, das Einkaufsvolumen, die Logistik so sind, dass man ohne großen Aufwand mit Aldi, Lidl oder REWE mithalten kann. Im Zweifel ist es dann besser, das Business zu verkaufen, bevor man es in Insolvenz bzw. Bankrott abwickeln muss, wie ein gewisser Herr Schlecker. BTW ich vermute, dass die meisten PLUS Märkte zu klein waren und massive Investitionen erforderlich gewesen wären, um die Marke zu erhalten. Mir ist jedenfalls wäre eine Familienführung lieber, die auf Kapitalerhalt durch kluge Investitionen setzt, als eine, die sich gerne mit alten Zöpfen schmückt.
slaritbartfass 21.04.2018
4. R.i.p. ...
... und vielen Dank für die Tengelmann Läden.
sternfeldthommy 21.04.2018
5. zu 3.
wenn die Gewinnspannen im Lebensmitteleinzelhandel angeblich so gering sind, dann erklären sie uns doch mal bitte, weshalb dann die Aldi Brüder, die mit großem Abstand reichsten Deutschen waren, direkt gefolgt von einem gewissen Dieter Schwarz, seines Zeichens Eigentümer von Lidl.. Jetzt bin ich aber gespannt...
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