Künftiger Personalchef Blessing Das ist der Mann, der bei VW aufräumen soll

Als Stahlmanager baute er Tausende Stellen ab, jetzt wird Karlheinz Blessing Arbeitsdirektor bei Volkswagen. Eine schlechte Nachricht für die Beschäftigten? Nicht unbedingt: Der Mann könnte dem angeschlagenen Konzern guttun.

Stahlmanager Blessing: Unauffällig in der Menge
DPA

Stahlmanager Blessing: Unauffällig in der Menge

Von


Karlheinz Blessing soll neuer Arbeitsdirektor bei Volkswagen werden. Er ist also der Mann, der 600.000 durch den Abgasskandal tief verunsicherte Beschäftigte aus der Krise führen soll. Die Entscheidung soll der Aufsichtsrat an diesem Mittwoch durchwinken.

Vorstandswechsel dieser Tragweite sind schon mal mit größerer Euphorie in die Öffentlichkeit getragen worden. Der "Tagesspiegel" meldete die Personalie zuerst. Bei VW heißt es dazu lapidar, das sei Sache der Arbeitnehmerseite.

Warum nur? Der Mann ist doch eine gute Wahl. Einer, der bereits bewiesen hat, dass er Strukturen verändern kann, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen. Als Personalchef bei der Dillinger Hütte rang er den Beschäftigten Zugeständnisse ab, die die Zukunft des Stahlwerks erst sicherten. Später übernahm er den Vorstandsvorsitz und den der Saarstahl AG gleich dazu. Auch in dieser Rolle war er eher als Krisenmanager unterwegs denn als Schönwetterkapitän. Rund 5000 Stellen fielen weg. Die Belegschaft nahm die Zumutungen ohne größere Proteste hin, was nicht zuletzt als Verdienst Blessings gilt, der immer den Ausgleich sucht zwischen betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit und den Interessen der Arbeiter.

Schwierige Suche

Womöglich sind sie auch einfach nur vorsichtig bei Volkswagen. Einerseits wegen der Krise infolge des Abgasskandals. Andererseits weil man schon eine ganze Weile auf der Suche nach einem Nachfolger für Horst Neumann ist, der Ende November in den Ruhestand wechselte. Vor rund einem Jahr bereits hatte man Blessing angefragt, doch der wollte nicht, weil er im Saarland noch einige Dinge zu Ende zu bringen hatte. Auch Betriebsratschef Bernd Osterloh war im Gespräch. Dem Vernehmen nach hätte er nur nicken müssen, und die gesamte VW-Belegschaft hätte sich für ihn eingesetzt.

In Wolfsburg ist es im Laufe der Zeit zum ungeschriebenen Gesetz geworden, dass die IG Metall den Kandidaten für den Personalvorstand vorschlagen darf. Ein Umstand, an dem auch der neue Chef Matthias Müller nicht rüttelt, obwohl ihm erst jüngst die Vertreter des Großaktionärs Katar unmissverständlich klargemacht hatten, dass der Kotau vor den Arbeitnehmern nicht das ist, was sie sich unter Shareholder Value vorstellen.

Doch Osterloh lehnte den Posten ab. Er selbst sagt, dass er den Wechsel ins Arbeitgeberlager als Verrat an seinen Leuten empfinden würde, und tatsächlich wäre es schwer zu erklären gewesen, warum es besser ist, ein in die Disziplin eingebundener Vorstand zu sein, als ein Betriebsratschef, hinter dem die Arbeiter stehen, die Reihen fest geschlossen. Vielleicht hat er sich auch nur vor Augen geführt, wie es sich anfühlt, Leuten den Laufpass zu geben, die ihn einst gewählt haben. Schon 2016 könnte es zu den ersten Stellenstreichungen kommen, wie das "Handelsblatt" aus Konzernkreisen erfahren hat. Die Unruhe ist jetzt schon groß, vor allem die Leiharbeiter werden die Leidtragenden sein.

Er fremdelt mit den Insignien der Macht

Die schwierige Aufgabe wird nun aller Voraussicht nach Blessing übernehmen. Dass sie ihm gelingt, daran hegen Beobachter kaum Zweifel. Als Stahlmanager kennt er die Branche, die für ihren mitunter rauen Umgangston bekannt ist. Er weiß auch, dass ein Betrieb ohne Gewinne genauso wenig überleben kann wie ohne die Loyalität der Mannschaft. Und seine Jahre in Diensten der SPD haben ihn gelehrt, dass die große Bühne sich kaum für echte Verhandlungsfortschritte eignet.

Aber der polternde Auftritt ist ohnehin nicht sein Naturell: Blessing gilt als nüchterner Gesprächspartner, dem an einer Lösung gelegen ist und nicht daran, dass sein Gegenüber das Gesicht verliert. Was nebenbei die Chance bietet, sich auch zu späterer Zeit noch einmal an einen Tisch zu setzen. Mit Nachgiebigkeit sollte man das aber nicht verwechseln - Blessing kennt sehr wohl die Richtung. Und guten Argumenten hält er oft bessere entgegen.

Noch interessanter wird es, zu beobachten, wie sich der 58-Jährige in das Gefüge des Vorstands einfindet - sagt einer, der das System Wolfsburg gut kennt. Dort ist man nämlich gern mit großem Gefolge unterwegs und wird mit Herr Professor oder mindestens Herr Doktor angesprochen. Blessing sind solche Insignien der Macht eher fremd. Der promovierte Volkswirt bewegt sich bei offiziellen Anlässen eher unauffällig in der Menge und gelangt dabei sicherlich häufiger an Informationen, wie sie Hochmögenden im VW-Vorstand bislang allenfalls zögerlich zugetragen wurden.

Ein Grund mehr, dem Mann zu wünschen, er möge sich behaupten bei Volkswagen. Und nicht nur im Einvernehmen mit der Belegschaft den absehbaren Schrumpfungsprozess einleiten, sondern auch mit der Führungsriege den Abschied von den überkommenen Machtstrukturen. Dann könnte man tatsächlich von einer Zeitenwende sprechen, die in diesen Tagen ihren Anfang genommen hätte.

insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dirk1962 08.12.2015
1. Kluge Entscheidung
Endlich mal jemand, der nicht aus dem Klüngel eines Autobauer kommt. Als Arbeitsdirektor hat er die schwierige Aufgabe, Ruhe in der Belegschaft zu halten und falls erforderlich auch harte Einschnitte vorzunehmen. VW wäre gut beraten, sich auch vom ehemaligen Porsche Chef zu trennen und statt dessen einen Manager aus einer anderen Branche einzusetzen. Das könnte zumindest einen Teil des Vertrauens zurückbringen.
Mario Herger 08.12.2015
2. Eine Startup-Boom-Chance für Deutschland
Die VW-Krise sehe ich als die grösste Chance für die deutsche Startupszene und die deutsche Wirtschaft auf einen Innovationspfad zu setzen. (Positive) Innovation die typischerweise in solchen Konzernen abgewürgt wird, kann nun durch die entlassene Mitarbeiter in Startups losgelassen werden. Langfristig wird sich das als ein Glücksfall für Deutschland erweisen.
mictann 08.12.2015
3. Er kommt aus einem anderen Klüngel
Der nächste Großverdiener macht sich die Taschen voll. Wo sind die anderen Großverdiener und Versager hin? Wann geben sie ihr Geld zurück? Wozu muss noch einer durchgefüttert werden?
meisterfischer 08.12.2015
4.
Glückwunsch VW, niemand aus dem IG Metall Klüngel! Obwohl, ohne den Segen der allmächtigen, bei VW regierenden Gewerkschaft werden Sie es wirklich schwer haben. Ich wünsche Ihnen ein allzeit gutes Händchen bei dem was VW seit Jahrzehnten benötgt. Eine echte Kur, ein Beenden des Flaschenzugprinzips, bei dem eine Flasche die nächste zieht, Schluss mit dem Blick auf die IG-Metall Mitgliedschaft bei nach der Enstellungen oder bei Übernahmen (wird natürlich so nicht praktiziert, reine Satire von mir). Und lassen Sie sich von Anfang an ein schönes Paket zusichern, falls Sie den Herschern in Management und Betriebsrat am Ende nicht passen.
klauspeterstuder 08.12.2015
5. Keine Ahnung
Jetzt müssen sich wieder die zu Wort melden, die vom VW Konzern keine Ahnung haben. "Endlich mal jemand, der nicht aus dem Klüngel eines Autobauer kommt". Wovon reden Sie da? Neumann kam nicht aus diesem Klüngel und sein Vorgänger auch nicht. Nicht der Klüngel hat Milliarden versenkt, das waren die Manager und feige Technokraten. Bei VW hat es immer wieder Einschnitte gegeben. Trotz Klüngel. Viele wünschen sich massive Entlassungen und Lohnkürzungen bei VW. Was treibt sie an? Neid und Missgunst. Ich glaube am meisten treibt das gerade die an, die mehr haben als der durchschnittliche VW Arbeiter. Bei VW wird es die gewünschten Einschnitte geben. Die Manager haben betrogen und einnen Milliarden Schaden angerichtet, die Arbeiter bezahlen die Zeche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.