Karstadt-Krise: Alle zahlen, nur Berggruen nicht

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Investor Berggruen: Karstadt-Eigentümer quasi ohne finanzielles Risiko

Mit dem Abgang von Karstadt-Chef Andrew Jennings scheint die Strategie endgültig gescheitert, den Warenhauskonzern ohne frisches Geld zu sanieren. Eigentümer Nicolas Berggruen kann es egal sein: Er hat nichts zu verlieren - denn gezahlt haben bislang vor allem Mitarbeiter, Staat und Vermieter.

Hamburg - Als Andrew Jennings im August 2012 über seine Strategie für Karstadt sprach, griff der Vorstandschef des Warenhauskonzerns zu einem sportlichen Vergleich: "Um in einem Marathon erfolgreich zu sein, muss man die gesamte Distanz laufen." Seit diesem Wochenende steht fest: Der Brite steigt vorzeitig aus, noch bis Jahresende läuft sein Vertrag als Konzernchef.

Das ist eine erstaunliche Entwicklung. Denn auch in jüngerer Zeit hatte der 2011 von Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen installierte Jennings stets den Eindruck erweckt, das eng mit ihm verbundene Konzept "Karstadt 2015" trotz offenbar miserabler Geschäftszahlen entschlossen weiter vorantreiben zu wollen. "Ich habe bis 2015 Zeit, Karstadt umzubauen", sagte Jennings etwa dem "Handelsblatt" Ende Mai.

Nun soll ausgerechnet Jennings Unmut über ausbleibende und angeblich versprochene Investitionen Berggruens Grund für den Abgang sein, wie "Handelsblatt" und "Bild am Sonntag" übereinstimmend berichten. Das würde unterstreichen, wie aussichtslos die bisherige Rettungsstrategie ohne frisches Kapital offenbar selbst von ihrem exponiertesten Verfechter eingeschätzt wird. Allerdings dementierten Karstadt und Berggruen umgehend: Die Berichte über Differenzen mit Jennings seien nicht korrekt, beide stünden zur Strategie. Zudem solle Jennings auch nach Vertragsende im Unternehmen involviert bleiben.

Berggruens finanzieller Einsatz ist bislang bescheiden

Berggruens Position im Karstadt-Abenteuer ist jedenfalls komfortabel. Der selbsternannte Vorkämpfer eines mitfühlenden Kapitalismus kann als Eigentümer des Warenhauskonzerns nur gewinnen - solange er kein eigenes Geld riskiert. Mit den kühlen Augen eines Finanzinvestors betrachtet, wäre etwa eine Zerschlagung des Unternehmens eine gute Lösung: Die Edelwarenhäuser KaDeWe (Berlin), Alsterhaus (Hamburg) und Oberpollinger (München) sowie die Sporthäuser gelten als attraktive Verkaufsobjekte.

Selbst eine erneute Pleite Karstadts wäre kaum ein Problem des Eigentümers. Denn Berggruens eigener finanzieller Einsatz ist bislang überschaubar: Einen Euro zahlte er 2010 für den insolventen Konzern - ein symbolischer Betrag, der ihm im Gegenzug die sonst fällig gewordene Schenkungsteuer ersparte.

Zudem kaufte er damals die Markenrechte an "Karstadt" für kolportierte fünf Millionen Euro. Arbeitnehmervertreter werfen Berggruen und seiner Holding vor, über Lizenzgebühren regelmäßig Millionen aus dem Konzern zurückzubekommen. Das ZDF-Magazin "Frontal 21" präsentierte im vergangenen November einen Beleg, wonach die Summe allein im laufenden Geschäftsjahr neun Millionen Euro beträgt. Bereits dadurch wäre das investierte Geld wieder eingespielt, und zwar mit immenser Rendite.

Verzichten mussten bislang vor allem andere

Auch einen Kredit über 65 Millionen Euro, den der damalige Insolvenzverwalter zur Bedingung für einen Zuschlag gemacht hatte, hat der Konzern kurz nach der Übernahme wieder zurückgezahlt - der "SZ" zufolge hatte Berggruen dafür sehr hohe Zinsen verlangt.

Wirklich bluten mussten für die Karstadt-Rettung bislang lediglich Mitarbeiter, Staat und Geschäftspartner des Konzerns:

  • Die Mitarbeiter verzichteten in einem Sanierungstarifvertrag drei Jahre lang bis Sommer 2012 auf insgesamt etwa 150 Millionen Euro Einkommen. Nun will Karstadt eine "Tarifpause" bis 2015 einlegen - und dadurch SPIEGEL-Informationen zufolge erneut 36 bis 38 Millionen Euro an Gehältern sparen. Trotz der Zugeständnisse verkündete der Konzern im Juli 2012 den Abbau von 2000 Stellen.
  • Der Fiskus musste dem "Handelsblatt" zufolge am Ende auf mehr als 97 Prozent jener 150 Millionen Euro an Mehrwertsteuereinnahmen verzichten, die während der Insolvenz im Sommer 2009 anfielen. Zudem entging den Finanzämtern auch durch den Gehaltsverzicht der Mitarbeiter entsprechend Einkommensteuer.
  • Die Bundesagentur für Arbeit hatte laut "Handelsblatt" bereits im Vorfeld des 2009 eröffneten Insolvenzverfahrens drei Monate lang die Gehälter der Karstadt-Mitarbeiter bezahlt - im geschätzten Umfang von rund hundert Millionen Euro.
  • Das Konsortium Highstreet verzichtete im September 2010 nach harten Verhandlungen bis 2018 auf insgesamt rund 400 Millionen Euro an Mietzahlungen für viele der Warenhaus-Filialen und machte damit den Weg frei für die Übernahme Karstadts.

Auch zu diesen Summen äußerte sich das Unternehmen auf Anfrage bislang nicht.

Nicolas Berggruen könnte sich also entspannt zurücklehnen - trotz der offenbar miserablen Lage Karstadts. Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht, erst mit großer Verzögerung veröffentlichte der Konzern im Februar die Bilanz für das Geschäftsjahr 2010/2011. Damals setzte Karstadt rund 3,2 Milliarden Euro um und erwirtschaftete einen Verlust von mehr als 20 Millionen Euro.

Auf 3,5 Milliarden Euro Umsatz wollte Jennings den Konzern bis zum Jahr 2015 steigern. Doch die Pläne scheinen unerreichbar: Allein in diesem Februar lagen die Umsätze nach SPIEGEL-Informationen fast zwölf Prozent unter den Planungen. Im gesamten ersten Halbjahr sanken die Erlöse laut "SZ" um fast zehn Prozent. Wenn es so weiter geht, könnte Karstadt in 12 bis 18 Monaten das Geld ausgehen, schätzt das "Handelsblatt".

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1. höhö...
fatherted98 11.06.2013
...Berggruen der große Retter...Witz komm raus. Das ganze Ding war von Anfang an nur ein Zock....
2. Je, ne, war klar,
eisbaerchen 11.06.2013
Zitat von sysopMit dem Abgang von Karstadt-Chef Andrew Jennings scheint die Strategie endgültig gescheitert, den Warenhauskonzern ohne frisches Geld zu sanieren. Eigentümer Nicolas Berggruen kann es egal sein: Er hat nichts zu verlieren - denn gezahlt haben bislang vor allem Mitarbeiter, Staat und Vermieter. Karstadt-Eigner Berggruen trägt bei Sanierung des Konzerns kaum Risiko - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/karstadt-eigner-berggruen-traegt-bei-sanierung-des-konzerns-kaum-risiko-a-904755.html)
wer sich mit Berggruen ein bisschen beschäftigt hat, weiss was dieser Blender so drauf hat...ein Kapitalist wie er im Buche steht...ach ja, Gas-Gerd gehört übrigens auch zu seinem "Freundeskreis"....
3. Abgang
kdshp 11.06.2013
Zitat von sysopMit dem Abgang von Karstadt-Chef Andrew Jennings scheint die Strategie endgültig gescheitert, den Warenhauskonzern ohne frisches Geld zu sanieren. Eigentümer Nicolas Berggruen kann es egal sein: Er hat nichts zu verlieren - denn gezahlt haben bislang vor allem Mitarbeiter, Staat und Vermieter. Karstadt-Eigner Berggruen trägt bei Sanierung des Konzerns kaum Risiko - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/karstadt-eigner-berggruen-traegt-bei-sanierung-des-konzerns-kaum-risiko-a-904755.html)
ABER so funktioniert nin mal die heutige wirtschaft sprich die eigentümer/unternehmer/unternehmen zahlen nis und alles geht auf kosten von Mitarbeitern, Staat und oder Vermieter. DAS nennt man dann Risikominimierung!
4. Bisschen Stimmungsmache bringt offenbar Spass...
witsbolt 11.06.2013
Wie wäre es mit ein wenig Geduld, schliesslich hat Berggruen dafür gesorgt, das unzählige Karstadt-Mitarbeiter nicht auf der Strasse stehen. Jetzt wird darüber lamentiert, das keine Gehaltserhöhungen stattfinden, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld etc. Der Eine oder Andere sollte sich mal im Mittelstand umschauen, da kann man von Gehaltserhöhungen, Weihnachtsgeld u. Urlaubsgeld nur träumen. Das sind Leistungen die vor Jahren gestrichen wurden und nie wiederkamen oder die es so nie gab. Die Karstadt - Mitarbeiter welche sich jetzt beschweren, vergegenwärtigen sich vielleicht mal, das die Situation auch anders hätte ausgehen können. Dann hätten vermutlich viele jetzt Probleme Ihre Kredite, Immobiliendarlehen etc. zu bedienen, neben dem Umstand der vielleicht erfolglosen Jobsuche, weil zu alt...etc.
5. So wird´s gemacht.
Spine 11.06.2013
Wenn man als Investor und Spekulant rein kapitalistisch denkt und handelt, hat Berggruen alles richtig gemacht. Wenn er es so machen würde wie es alle von ihm erwarten, wäre er die Wohlfahrt.
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Karstadts Kampf ums Überleben
9. Juni 2009
Die Insolvenzanträge für die Holding Arcandor und die Töchter Karstadt und Quelle werden gestellt.
1. September 2009
Das Essener Amtsgericht eröffnet die Insolvenzverfahren für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften, darunter die Karstadt Warenhaus GmbH. Insgesamt muss das Essener Gericht über rund 40 Einzelanträge entscheiden.
10. November 2009
Gläubiger stimmen dem Verkauf von Karstadt an einen Investor zu. Dennoch stehen harte Einschnitte bevor, einige Häuser müssen schließen.
1. Dezember 2009
Nach Angaben der Insolvenzverwaltung sollen zehn Karstadt-Standorte mit zum Teil mehreren Häusern geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen. 112 Waren- und Sporthäuser sowie acht Schnäppchencenter mit insgesamt mehr als 25.000 Beschäftigten sollen erhalten bleiben.
15. März 2010
Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt.
12. April 2010
Die Gläubiger stimmen dem Insolvenzplan zu.
23. April 2010
Als erster Interessent legt der Finanzinvestor Triton ein Angebot für Karstadt vor.
21. Mai 2010
Es wird bekannt, dass die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Investmentgesellschaft Berggruen Holdings Ltd. sämtliche Karstadt-Geschäftsaktivitäten übernehmen will.
28. Mai 2010
Unmittelbar vor einer Sitzung des Gläubigerausschusses wird das Angebot des Karstadt-Vermieters Highstreet bekannt. Nach der Präsentation der drei Rettungskonzepte vertagt der Ausschuss die Entscheidung über einen Zuschlag auf den 7. Juni. Der Kaufvertrag soll am 9. Juni unterschrieben werden.
1. Juni 2010
Nach monatelangen Gesprächen mit bundesweit 94 Kommunen über einen Verzicht auf Gewerbesteuer haben bis auf drei alle Kommunen zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.
3. Juni 2010
Kurz vor der Entscheidung im Karstadt-Bieterrennen bekräftigt der Handelskonzern Metro sein Interesse an Teilen der insolventen Warenhauskette.
7. Juni 2010
Nach langen Verhandlungen am Konzernsitz in Essen erteilt der Gläubigerausschuss dem Inverstor Nicolas Berggruen den Zuschlag für den Kaufhauskonzern. Karstadt-Vermieter Highstreet und der deutsch-skandinavische Investor Triton überzeugten mit ihren Angeboten nicht.
2. September 2010
Investor Berggruen bekommt die Zustimmung aller Gläubiger zu Mietsenkungen. Dies ist die vorletzte Hürde auf dem Weg zur Rettung des Konzerns. Noch fehlt die Zustimmung des Essener Insolvenzrichters zum Rettungsplan.

3. September 2010
Das Essener Amtsgericht billigt den Insolvenzplan. Damit ist die Übernahme der Warenhauskette durch Berggruen in letzter Instanz bestätigt. Karstadt kann das Insolvenzverfahren abschließen und schuldenfrei weitergeführt werden.
1. Oktober 2010
Letze Gläubiger ziehen ihre Beschwerden gegen den Insolvenzplan zurück. Damit ist der pünktliche Einstieg Berggruens bei Karstadt gesichert. jok/ulz/dpa
Juli 2012
Karstadt kündigt an, 2000 Stellen abbauen zu wollen. Dabei hatte Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen noch bei der Übernahme des Warenhauskonzerns versprochen, alle Jobs zu erhalten und die Rahmenbedingungen nicht zu verschlechtern.