Gekündigt wegen Pfandbons Was wurde eigentlich aus Kassiererin Emmely?

Von der Berliner Verkäuferin zur Jeanne d'Arc aller Lohnknechte: Ihre Kündigung wegen zweier Pfandbons veränderte das Leben von Barbara "Emmely" Emme. Was brachte ihr Kampf vor Gericht für andere Arbeitnehmer?

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Kassiererin "Emmely": "Es lohnt sich zu kämpfen"
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Kassiererin "Emmely": "Es lohnt sich zu kämpfen"


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Hamburg - Eigentlich ist alles wie früher: Barbara Emme kassiert wieder bei Kaiser's in ihrem Viertel in Berlin-Hohenschönhausen. Ihre alte Arbeitsstätte gibt es zwar nicht mehr, doch nun zieht sie in einer Filiale in einem Kilometer Entfernung Barcodes über den Scanner.

In Wahrheit ist aber nichts wie früher seit dem Kampf gegen ihre Kündigung, der aus Emme "Emmely" machte. Viele Kunden wollen ihre Pfandbons nur bei ihr einlösen oder gleich ein Autogramm. Die heute 56-Jährige bereist Gewerkschaftskongresse in der ganzen Welt, sie hat Bücher über ihren Rechtsstreit geschrieben, über soziale Gerechtigkeit und über Bagatellen, mit denen Arbeitgeber unliebsame Angestellte entsorgen wollen. "Ich finde, mein Beispiel ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt zu kämpfen", schreibt Emme in einem ihrer Bücher.

Bis "Emmely" schien zu gelten: "Wer klaut, fliegt"

Kämpfen musste "Emmely" wegen zweier gefundener Pfandbelege im Wert von 1,30 Euro. Weil sie die selbst eingelöst haben soll, warf die Supermarktkette ihre Kassiererin im Februar 2008 raus - nach 31 Jahren anstandsloser Arbeit. Den anschließenden Rechtsstreit bis vor das Bundesarbeitsgericht (BAG) verfolgte die Republik voller Sympathie für Emme. Die Entscheidung der Vorinstanz, die Kündigung Emmes zu bestätigen, nannte der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse "barbarisch und asozial".

Mit der Aufhebung des Urteils im Juni 2010 verrückte das BAG die bisherigen Maßstäbe bei Bagatellkündigungen: Bislang galt der Grundsatz "Wer klaut, fliegt". Nun entschieden Deutschlands oberste Arbeitsrichter, ein Verstoß müsse mit dem "Kapital an Vertrauen" abgewogen werden, das eine Beschäftigte wie Emme über Jahrzehnte erworben habe. "Absolute Kündigungsgründe gibt es nicht - selbst wenn eine Straftat vorliegt", sagte der Vorsitzende BAG-Richter Burkhard Kreft später: "Zeit, dass das mal klargestellt wurde."

Was das Urteil anderen Arbeitnehmern gebracht hat, ist jedoch zweifelhaft. "Nur echte Bagatellkündigungen, bei denen es um ein oder zwei Euro geht, gibt es heute nicht mehr", sagt der Anwalt Stefan Kursawe. Für die sonstige Rechtsprechung sei der "Emmely"-Fall ein "Sturm im Wasserglas" gewesen.

Der Arbeitsrechtler von der Kanzlei Heisse Kursawe Eversheds kann eine ganze Reihe von Kündigungen wegen kleiner Diebstähle aufzählen, die Gerichte auch nach "Emmely" bestätigten: Wegen einer geklauten Zigarettenschachtel, wegen eines Taschenkalenders oder zwei Säcken Streusand.

Christian Götz, Jurist bei der Gewerkschaft Ver.di, hat einen anderen Eindruck: "Die Gerichte nehmen seitdem einen anderen Blickwinkel ein." Wer sich 30 Jahre lang tadellos verhalten habe, habe deswegen bessere Chancen, bei einer Kündigung wegen eines Bagatelldelikts mit einer Klage durchzukommen, sagt der Gewerkschaftssekretär.

Abmahnungen sind häufiger geworden

Allerdings hätten sich viele Arbeitgeber auf das "Emmely-Urteil" eingestellt: Um nachzuweisen, dass das Vertrauen schon vor dem konkreten Kündigungsanlass erodiert ist, führten diese Unternehmen neben der Personalakte "Parallelakten", sagt Ver.di-Jurist Götz. "Darin speichern sie jahrealte Abmahnungen, die längst aus der Personalakte hätten entfernt werden müssen." Dass Arbeitgeber seit "Emmely" ein längeres Gedächtnis bekommen haben, bestätigt auch Anwalt Kursawe. Abmahnungen würden fast nur noch als Reaktion auf eine entsprechende Entfernungsklage des Arbeitnehmers aus seiner Personalakte gestrichen. "Überhaupt wird heute schneller abgemahnt als in der Prä-Emmely-Zeit", sagt der Anwalt. Schließlich muss vielleicht mal nachgewiesen werden, dass dem Angestellten schon vorher nicht recht zu trauen war.

Umgekehrt würden Arbeitnehmer, die bei einer Straftat erwischt wurden, nun häufiger auf Kündigungsschutz klagen, hat Kursawe bemerkt. Meist aber, um eine Abfindung herauszuschlagen, sehr selten, um ihren alten Arbeitsplatz zurückzubekommen.

Ganz anders Barbara Emme: Nachdem sie sich ihren alten Arbeitsplatz erklagt hatte, blieb sie dort - bis heute. "Ich hatte ein Ziel", sagte sie der "Super Illu" kürzlich, "Ich wollte wieder an meiner Kasse sitzen."

Was wurde eigentlich aus...
Außerdem in dieser Serie erschienen: Schwuler NFL-Footballer Michael Sam, Waldsterben, Knall vom Wedding, Gefangenenlager Guantanamo, Flug MH370, Bayerische Amigos, BSE, Rossis Wunderreaktor, Gaddafi-Clan, Ungarns Mediengesetz, Anton Schlecker, Fukushima und die Kernenergie, Biosprit E10, Abu Ghraib, #Aufschrei, Deutschlands Solarindustrie, Lehman Brothers, Sarah Palin, Dubai nach dem Crash, Winnenden nach dem Amoklauf, Kassiererin Emmely, Die Piraten von Somalia, Die Opfer des Boston-Marathons, die Schweizer Volksabstimmung gegen "Masseneinwanderung", Felix Baumgartner, Stiftung Warentest gegen Ritter Sport, Andrea Ypsilanti, Stefan Mappus, Annette Schavan, Die Piratenpartei, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Mahmud Ahmadinedschad, Bischof Tebartz-van Elst, Dominique Strauss-Kahn, Der Pferdefleischskandal

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
tomxxx 28.08.2014
1. Medienwahrheit und das ganze Bild...
Seien wir ehrlich: das mag die Auswirkung des Falls gewesen sein. Aber klar ist auch, die Frau wollte man loswerden, den Grund dafür wissen wir alle nicht. Vielleicht zurecht, vielleicht auch nicht. Das hat mit juristisch möglichen Kündigungen erst einmal nichts zu tun. Dann hat man es eben mit der Bagatelle versucht und ist gescheitert.
spon-facebook-10000125619 28.08.2014
2. Diebstahl bleibt Diebstahl
Wer weiß, wie lange ein Arbeitnehmer, der 30 Jahre in einem Betrieb gearbeitet hat, seinen Arbeitgeber schon beschissen hat...
GrinderFX 28.08.2014
3.
Meine Erfahrung sagt mir, je besser man ist und je mehr man in der Firma gebraucht wird, je mehr kann man sich auch erlauben. Da würde kein Vorgesetzter überhaupt nur über eine Kündigung nachdenken.
lasorciere 28.08.2014
4.
Von der Frau hätte ich auch gern ein Autogramm.
uezegei 28.08.2014
5.
Wer bereit ist, so viel auf sich zu nehmen und zu kämpfen war den Mächtigen eben auch im "normalen" Berufsleben zu unbequem. Möglich wäre, dass sie sich geweigert hat, unbezahlte Überstunden zu leisten und nach Arbeitsschluss noch mal "eben schnell" den Markt zu putzen. Dafür hätte man sie nicht kündigen können, da muss man eben was "erfinden". Die Methoden Lidl, Aldi, Norma und Co. sind doch bekannt!
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