Wirtschaft

Seat, Lidl und Co.

Katalonien droht der wirtschaftliche Exodus

Nicht nur einheimische Konzerne wollen weg aus Katalonien. Auch die Ableger deutscher Unternehmen diskutieren längst Notfallpläne. Kann der wirtschaftliche Druck die Separatisten stoppen?

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AP

Barcelona

Freitag, 06.10.2017   18:26 Uhr

Der Konflikt um die nach Unabhängigkeit strebende spanische Region Katalonien sorgt für einen Exodus von Unternehmen aus der Region: Die größte Bank, die Caixabank, verlässt ihre Heimat und zieht nach Valencia. Das teilte das Unternehmen am Abend mit.

Mit 32.400 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 357 Milliarden Euro ist die Caixabank das größte Unternehmen, das Katalonien angesichts der Turbulenzen den Rücken kehrt. Einen Tag zuvor hatte bereits die zweitgrößte Bank der Region, die Banco Sabadell, mitgeteilt, aus der Region abzuwandern und ihren Hauptsitz nach Alicante zu verlegen.

Beide Banken fürchten Rechtsunsicherheit und institutionelle Schwierigkeiten. Sie wollen zudem dem Risiko vorbeugen, dass Kunden und Investoren panisch und in großem Stil Geld abziehen, weil sie fürchten, dass Katalonien die EU und damit den Euroraum verlassen könnte.

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Auch die deutsche Wirtschaft beobachtet die Entwicklungen mit Sorge. Zahlreiche Konzerne haben ihre Spanien-Zentralen in und um Barcelona. Lidl sitzt in Montcada i Reixac, Aldi ein paar Kilometer weiter in El Prat de Llobregat, ebenso Media Markt Saturn. Der Bayer-Konzern hat seinen Sitz wiederum in Sant Joan Despí. Insgesamt sind von den rund 1600 in Spanien aktiven Firmen etwa 800 in Katalonien ansässig.

Zwischen den Fronten

Auf offizielle Anfragen nach möglichen wirtschaftlichen Folgen für das Geschäft reagieren die Pressestellen ausweichend. Sie flüchten sich in blumige Plattitüden - verständlich angesichts der unklaren Lage. Der Lebensmitteldiscounter Lidl etwa lässt wissen, die Firma sehe es "als Hauptaufgabe an, Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen". Der Medienkonzern Bertelsmann unterstreicht, man sei "generell für ein starkes Europa". Fragen nach Vorkehrungen für eine Abspaltung bleiben unbeantwortet.

Dabei diskutieren Manager deutscher Firmen intern durchaus detaillierte Notfallpläne für den Fall, dass Katalonien tatsächlich den Bruch mit Spanien vollzieht. Nur soll davon möglichst wenig nach außen dringen - schon gar nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Die Firmen müssen befürchten, im Konflikt zwischen der Zentralregierung und den Separatisten zwischen die Fronten zu geraten. Die Manager haben Sorge, in der aufgeputschten Stimmung könnte es zu Demonstrationen und Blockaden von Unternehmen kommen, die ihren Umzug verkünden.

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Seat-Fertigung in Martorell

Wie schnell ein Unternehmen von einer Seite im Konflikt für sich vereinnahmt werden kann, hat die VW-Tochter Seat erfahren. Am Montag berichtete die rechtskonservative spanische Zeitung ABC mit triumphierenden Unterton, Seat-Arbeiter würden sich nicht an dem von Separatisten ausgerufenen Generalstreik beteiligen. Am Freitag dann verkündete das Blatt, der "Motor der katalanischen Industrie" habe bereits einen Notfallplan in der Schublade - und peile eine Verlagerung des Hauptsitzes an, von Martorell bei Barcelona nach Madrid. Seat beschäftigt an drei Produktionsstandorten in Katalonien rund 14.000 Mitarbeiter. Ein Seat-Sprecher wollte den Bericht über den Notfallplan auf SPIEGEL-Anfrage nicht kommentieren. Es sei "noch zu früh, um über mögliche Konsequenzen zu sprechen".

Wohin die Steuern überweisen: Nach Barcelona oder Madrid?

Die Firmen - nicht nur die ausländischen, auch die katalanischen - treibt die Frage um, ob ein unabhängiges Katalonien noch Teil des europäischen beziehungsweise des spanischen Binnenmarktes bleiben würde.

Die wirtschaftliche Stärke der Region macht sie zugleich verwundbar: Katalonien ist abhängig vom Außenhandel. Die Hälfte aller katalanischen Lieferungen geht in die anderen EU-Gebiete, insgesamt machen Ausfuhren aus Katalonien ein Viertel der gesamten Exporte Spaniens aus.

Die Separatistenregierung würde gern in der EU bleiben - und den Euro behalten. Aus Brüssel kommt aber Gegenwind. Das Referendum sei illegal gewesen, im Falle einer Unabhängigkeit müsste Katalonien erst einen langwierigen Beitrittsprozess absolvieren.

Albert Peters, Präsident des in Barcelona ansässigen Kreises der deutschsprachigen Führungskräfte (KDF), rechnet für den Fall eines Catalexit damit, dass die spanische Regierung Zölle auf Produkte erheben würde, die aus Katalonien ausgeführt würden. "Das wäre eine Strafmaßnahme Madrids, die für in Katalonien ansässige Unternehmen richtig teuer werden könnte. Eventuell würden auch andere EU-Länder hier nachziehen, da Katalonien ja dann nicht mehr Teil der Europäischen Union wäre", sagte Peters dem SPIEGEL.

Laut Walther von Plettenberg von der Deutschen Handelskammer für Spanien "erwägen einige Unternehmen den Aufbau von zusätzlichen Lagerkapazitäten außerhalb der Region". Sie hoffen, so die mögliche Zollpflicht zumindest zeitweilig zu umgehen.

Auch die Frage der Steuerpflicht bereitet den Konzernjuristen Kopfzerbrechen. Falls die Zentralregierung und Katalonien keinen Kompromiss finden, könnte die katalanische Regierung von Firmen mit Hauptsitz in Barcelona Körperschaftsteuer fordern - während die Steuerverwaltung in Madrid ebenfalls auf die Entrichtung der Abgaben an den spanischen Staat pocht.

Knicken die Separatisten noch ein?

Das wollen viele Unternehmen vermeiden - und gehen auf Nummer sicher. Der Energiekonzern Gas Natural verlegt seinen bisherigen Firmensitz aus Barcelona nach Madrid.

Auch der Sekthersteller Cordoníu erwägt offenbar den Abschied. "Wir hoffen, dass wir nicht so weit kommen müssen, aber im Fall der einseitigen Unabhängigkeitserklärung ist der Wechsel des Firmensitzes eine Möglichkeit", zitiert die Madrider Tageszeitung "El Mundo" eine Erklärung des Unternehmens.

Spaniens Regierung will den Firmen einen Umzug erleichtern und hat am Freitag ein Dekret beschlossen, das ein Verlassen Kataloniens erleichtert. Es erlaubt einen Wechsel des Firmensitzes, ohne dafür eine Aktionärsversammlung einberufen zu müssen.

In der katalanischen Separatistenregierung hinterlässt das Spuren. Der für Unternehmen zuständige "Conseller" Santi Vila macht sich bereits für einen "Waffenstillstand" zwischen beiden Seiten stark. Es müsse nun "eine Zeit ohne Aggression" geben. Vila plädiert für eine Aussetzung der Unabhängigkeitserklärung und Verhandlungen. Dies sei aber keine "Kapitulation".


Zusammengefasst: Nachdem erste spanische Banken aus Barcelona wegziehen, bereiten auch deutsche Firmen Notfallpläne vor. Intern spielen sie die Verlagerung des Hauptsitzes durch und den Aufbau von Ausweichlagern. Nach außen hin geben sie sich allerdings zugeknöpft - aus Angst, in der Auseinandersetzung zwischen Separatisten und Zentralregierung zwischen die Fronten zu geraten.

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