Hamburg - Für die deutsche Atombranche war dieser Schritt nur eine Frage der Zeit: In Kürze wollen die großen Energieversorger gegen die Zwangspause von sieben Kraftwerken klagen. Die juristischen Abteilungen der Versorger bereiten nach Informationen des SPIEGEL bereits Widersprüche und Schadensersatzforderungen vor.
Begründung der Konzerne: Allein aus aktienrechtlichen Gründen habe man kaum andere Möglichkeiten, als das von der Bundesregierung beschlossene Moratorium juristisch zu prüfen und anzufechten - zumal die Einspruchsmöglichkeiten an enge Fristen gebunden sind, sagten Juristen im Umfeld von RWE
. Spätestens in der zweiten April-Woche müssen bei den Aufsichtsbehörden entsprechende Schreiben eingegangen sein.
Beim größten Energieversorger E.on heißt es, wirklich abschließende Vorstandsentscheidungen seien in den kommenden 10 bis 14 Tagen zu erwarten.
Merkel-Kritiker wollen eigenes Beratungsgremium einrichten
Wichtige Mitglieder der Koalition halten das von Angela Merkel durchgesetzte Atommoratorium ebenfalls für falsch. So hat auch die vergangene Woche von der Kanzlerin einberufene Ethikkommission nach SPIEGEL-Informationen nur geringe Akzeptanz. Die Kommission soll sich unter der Leitung des früheren CDU-Umweltministers Klaus Töpfer mit der Zukunft der Kernenergie befassen. Dem Gremium gehörten zwar atomkritische Vertreter etwa der Kirchen an, aber keine Fachpolitiker der Regierungsfraktionen, so die Kritik. "Es kann nicht sein, dass am Ende Töpfer mit seinen Bischöfen kommt und dem Parlament sagt, wie es das Atomgesetz zu ändern hat", heißt es dazu in der Spitze der Unionsfraktion.
Die Merkel-Kritiker in der Union gehen nun in die Offensive: Sie wollen in der kommenden Sitzungswoche des Bundestags ein eigenes Beratungsgremium zur Zukunft der Kernenergie aufstellen. Diesem sollen auch jene Wirtschafts-, Umwelt- und Energiepolitiker der Unionsfraktion angehören, die für einen atomfreundlichen Kurs eintreten. "In der Atomfrage wurde überhitzt eine Entscheidung getroffen, die unsere Glaubwürdigkeit in Frage stellt", sagte der CDU-Energiepolitiker Thomas Bareiß. "Unsere bisherige Argumentation in der Kernenergie ist in sich zusammengefallen."
Auch der für Wirtschaft mit zuständige Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU) warnt: "Wenn diese sieben Kraftwerke nicht mehr ans Netz gehen, wird es schwieriger, unsere ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen." Fuchs befürchtet, dass auf den Steuerzahler finanzielle Belastungen zukommen. Ähnlich argumentiert der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer: "Wenn wir jetzt die günstigen Kernkraft-Erzeugungskapazitäten vom Netz nehmen, wird dies den Druck auf die Strompreise noch einmal drastisch erhöhen. Wir können es uns nicht leisten, dass die stromintensiven Industrien deswegen aus Deutschland weggehen."
Beim Koalitionspartner FDP halten viele Bundestagsabgeordnete den Kurs ebenfalls für verfehlt. Wirtschaftspolitiker Martin Lindner sprach von einer "Hauruck-Entscheidung". Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle, der Merkels Atompolitik gegenüber Fraktionsmitgliedern vergangene Woche mehrmals als "hysterisch" bezeichnet hatte, bekam starken Zuspruch. "Das Abschalten der Kernkraftwerke haben die Unionsministerpräsidenten durchgesetzt, die damit Fakten geschaffen haben", sagte Finanzexperte Hermann Otto Solms. Dadurch sei "der falsche Eindruck entstanden, die Überprüfung sei nicht ergebnisoffen".
In Wirtschaftskreisen kann Merkel ohnehin nicht auf Rückendeckung hoffen. Der frühere BDI-Präsident Michael Rogowski wirft der Kanzlerin vor, eine "spontane Entscheidung ohne rationales Überdenken" getroffen zu haben: "Das stellt die Glaubwürdigkeit der Politik in Frage." Selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, warnt vor einem übereilten Ausstieg aus der Atomkraft. "Zunächst einmal gilt: Wir brauchen eine stabile und zuverlässige Energieversorgung", sagte der Freiburger Erzbischof dem "Hamburger Abendblatt".
Immerhin trägt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer den Kurs der Kanzlerin mit. Er glaube nicht, dass die sieben nun abgeschalteten Kernkraftwerke wieder in Betrieb genommen werden, sagte der CSU-Chef dem SPIEGEL. "Ich kann mir schwer vorstellen, dass es wirtschaftlich ist, sie noch einmal nachzurüsten." Er wünsche sich bis 2020 einen weitgehenden Abschied von der Kernenergie.
Umweltbundesamt hält Ausstieg bis 2017 für machbar
Nach neuen Berechnungen des Umweltbundesamts (UBA) könnten alle Kernkraftwerke sogar bis 2017 stillgelegt werden, ohne dass die Versorgung oder die Klimaschutzziele gefährdet wären. Im deutschen Kraftwerkspark bestünden laut UBA Überkapazitäten von elf Gigawatt, was es erlaube, die sieben ältesten Kernkraftwerke plus Krümmel nicht wieder anzuschalten, heißt es in der Analyse. Vor allem Erdgas-Wärme-Kraftwerke könnten bis 2017 sukzessive die Stromproduktion der neueren Meiler übernehmen. Deutlich höhere Strompreise werde es infolge eines Schnellausstiegs nicht geben.
Allerdings warnt der Vorsitzende der Ethikkommission, Töpfer, vor einem vorschnellen Umstieg auf Erdgas und Kohle. Auch der nötige Neuanfang in der Energiepolitik werfe ethische Fragen auf, sagte er dem SPIEGEL. "Wenn wir verstärkt auf Erdgas setzen, dann müssen wir uns auch fragen, was die ökologischen Folgen der neuen Erdgasfördertechniken sind."
Einem Ausbau von Kohlekraftwerken steht Töpfer nicht nur aus klimapolitischen Gründen "äußerst skeptisch" gegenüber. Der frühere Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) sagte, die Reaktorkatastrophe von Fukushima sei ein desaströser Anlass, "doch zugleich auch eine Chance, von einem Pfad abzukommen, der Kollaps, Katastrophen und Kriege heraufbeschwört". Er sehe es positiv, dass die deutsche Gesellschaft nun "nicht mehr für immer mehr Bruttoinlandsprodukt immer mehr Risiken in Kauf nehmen will".
AKW-Betreiber wollen Leistung steigern
Die AKW-Betreiber wollen die Leistung ihrer Reaktoren sogar steigern. Dies sehen Anträge vor, die E.on und RWE bei den Aufsichtsbehörden eingereicht haben. Nach SPIEGEL-Informationen betrifft dies die vier jüngeren Kraftwerke Emsland, Gundremmingen, Grafenrheinfeld und Grohnde, die wegen des Atommoratoriums nicht abgeschaltet werden mussten.
Über den Antrag für das AKW Emsland hat das Umweltministerium in Niedersachsen schon im vergangenen Jahr positiv beschieden. Das Bundesumweltministerium forderte vorigen Monat indes weitere Unterlagen von RWE für die Entscheidung. Denn mehr Leistung birgt Sicherheitsrisiken. "Es ist ein bisschen wie bei aufgemotzten Autos, die schneller kaputtgehen", sagte Wolfgang Renneberg, Ex-Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Ministerium. Bei Druckwasserreaktoren etwa steigt die Temperatur im Reaktor. Versagt das Kühlsystem wie im japanischen Kraftwerk von Fukushima, bleibt den Technikern weniger Zeit, die Anlage zu stabilisieren.
Das Umweltministerium in Bayern behauptet gegenüber dem SPIEGEL, die Anträge seien "schon vor dem Moratorium zurückgestellt worden". Dem widerspricht eine Sprecherin von E.on: Man arbeite gerade "eine Vielzahl von Fragestellungen" der Behörden ab. Betreiber RWE geht davon aus, dass das BMU die Anträge derzeit prüfe.
yes
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