Opfer von Fabrikbrand in Pakistan "Die saubere Kik-Filiale, das war sehr emotional"

Vor fünf Jahren starben bei einem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik 259 Menschen. Dort hatte der Hersteller Kik produziert. Vier Betroffene haben den Discounter in Deutschland verklagt - und hoffen auf Gerechtigkeit.

Die ausgebrannte Textilfabrik in Pakistan, einen Tag nach dem Brand.
DPA

Die ausgebrannte Textilfabrik in Pakistan, einen Tag nach dem Brand.

Ein Interview von Hannah Steinharter


Am 11. September 2012 erlebte Pakistan den wohl schlimmsten Industrieunfall seiner Geschichte. Im Stadtteil Baldia Town, am Rande der Millionenstadt Karatschi, fing die Textilfabrik Ali Enterprises Feuer. 259 Menschen starben, weil sie das Gebäude nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten.

Zur Zeit des Brandes wurde in der Fabrik unter anderem für die deutsche Firma Kik mit Sitz im nordrhein-westfälischen Bönen gefertigt. Überlebende und Angehörige der Toten machen den Kik für die mangelnden Brandschutzvorkehrungen mitverantwortlich - und fordern Schadensersatz. Im März 2015 reichten sie eine Klage beim Dortmunder Landgericht ein. Es ist der erste Prozess dieser Art, und vielleicht dauert er gerade deswegen so lange.

Juristische Unterstützung erhalten die Pakistaner von der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional Human Rights aus Berlin, unter anderem von der Anwältin Carolijn Terwindt. Sie erklärt im Interview, was den Klägern wichtig ist - und was sie vom Prozess erwarten.

Zur Person
  • Nihad Nino Pusija
    Carolijn Terwindt ist Juristin und arbeitet für die Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional Human Rights in Berlin. Sie hält Kontakt zu den Angehörigen der Opfer des Fabrikbrands.

SPIEGEL ONLINE: Sie begleiten als Juristin vier Pakistaner bei Ihrer Klage gegen Kik. Wie geht es den Klägern fast fünf Jahre nach dem Fabrikbrand?

Terwindt: Sie leiden natürlich immer noch unter den Folgen der Katastrophe. Einer der Kläger ist ein überlebender Arbeiter, der sich aber eine schwere Rauchvergiftung zugezogen hat. Er hat seit der Brandkatastrophe starke gesundheitliche Probleme und musste seinen Traum, Tänzer zu werden, aufgeben. Die anderen drei Kläger sind zwei Väter und eine Mutter. Sie haben ein geliebtes Familienmitglied verloren. Sie trauern.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich für die Familien in Pakistan verändert?

Terwindt: Es ging damals natürlich auch um einen finanziellen Verlust. Der Tod von Familienmitgliedern bedeutet fehlenden Lohn. Auch wenn viele Familien nicht über die finanziellen Konsequenzen reden möchten, um den Tod ihrer Söhne und Töchter nicht als materiellen Verlust darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Opfer und Hinterbliebenen bisher eine finanzielle Entschädigung erhalten?

Terwindt: Kik hat direkt am Anfang eine Million Dollar als Soforthilfe gezahlt und aufgrund starken internationalen Drucks kurz nach dem vierten Jahrestag des Unglücks weitere 5,15 Millionen Dollar als langfristige Entschädigung. Auch die Provinz und die Regierung haben finanzielle Unterstützung zu Verfügung gestellt. Die langfristigen Hilfen sollen monatlich ausgezahlt werden, wie eine Art Rente. So kann das Leben vor Ort weitergehen, und das ist wichtig. Aber das reicht nicht, und die Auszahlung hat auch noch nicht begonnen.

SPIEGEL ONLINE: Was erhoffen sich die Kläger durch den Prozess?

Terwindt: Die vier Kläger fordern mit der Klage Schmerzensgeld von Kik. Das Gericht soll feststellen, dass KiK als Hauptabnehmer der Ali Enterprises Fabrik in Pakistan Mitverantwortung für die Arbeitsbedingungen dort trägt. Damit wäre etabliert, dass Unternehmen in Europa mitverantwortlich für Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben sind und dass Arbeiterinnen und Arbeiter einen Anspruch auf Entschädigung haben. Die Kläger wollen nicht als namenlose Opfer dastehen, die abhängig von freiwilligen Zahlungen des Unternehmens sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum klagen nur vier der Überlebenden und Hinterbliebenen gegen KiK?

Terwindt: Die vier Kläger stehen stellvertretend für die gesamte Gruppe vor Gericht. Formal geht das leider nicht anders, da in Deutschland nur Individualklagen und keine Gruppenklagen möglich sind. Das wäre natürlich der Idealfall gewesen. So hat der Verein der Familien vier Personen ausgesucht, die das Vertrauen der Gruppe hatten, sich eine lange Reise nach Europa grundsätzlich vorstellen konnten, gesundheitlich dazu in der Lage waren und ihren Fall gut darstellen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Kläger während des Prozessverlaufs bereits in Deutschland?

Terwindt: Zwei der Kläger waren vergangenes Jahr hier und haben dabei eine Kik-Filiale gezeigt bekommen. Es war sehr emotional für sie, eine saubere Kik-Filiale zu sehen und dann an die Zustände in den Fabriken zu denken. Trotzdem schätzen die Pakistaner die Unterstützung aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Sie fühlen sich mit ihrem Los nicht alleine - die globalisierte Welt nimmt Anteil.

SPIEGEL ONLINE: Können die Beteiligten die Brandkatastrophe während des jahrelang andauernden Prozesses überhaupt verarbeiten?

Terwindt: Sie kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen, organisieren Demos und gehen auf die Straße in Pakistan. Sie wollen, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt. Kein Vater, keine Mutter und kein Arbeiter soll je noch mal sowas erleben müssen. Es ist ihre Art der Verarbeitung.

SPIEGEL ONLINE: Hätte das in jeder Textilfabrik passieren können oder war die KiK-Fabrik einfach besonders schlecht?

Terwindt: Grundsätzlich hätte das auch anderen Unternehmen passieren können, nicht nur Kik. Viele Fabriken haben ungenügende Feuersicherheitsvorkehrungen. Es war allerdings auffällig, dass Kik sowohl in der Fabrik in Pakistan, als auch in zwei weiteren Produktionshallen in Bangladesch produziert hat, in denen es ebenfalls gebrannt hat oder zu Einstürzen kam.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Prozess um die Schadensersatzklage gegen Kik Aussicht auf Erfolg?

Terwindt: Die Kläger haben bereits Prozesskostenhilfe genehmigt bekommen und das Gericht hat die Klage für zulässig befunden. Aktuell wird durch einen Gutachter entschieden, ob nach pakistanischem Recht eine rechtliche Grundlage für Haftungsansprüche gegen Kik besteht - was das Textilunternehmen bestreitet. Das pakistanische Recht muss für die Urteilsfindung geprüft werden, da sich der Brand in Pakistan ereignete. Verhandelt wird aber trotzdem vor dem Landgericht Dortmund, weil KiK eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach deutschem Recht mit Sitz in Bönen bei Dortmund ist. Wenn das Gutachten dem Gericht vorliegt, geht es weiter und wir erfahren, ob sie eine mündliche Verhandlung ansetzen. Bis das der Fall ist, wird es aber wieder ein paar Monate dauern. Die Kläger haben noch Hoffnung, und sie haben gute rechtliche Argumente auf ihrer Seite.



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