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Fabrikbrand in Pakistan: Menschenrechtler drohen Kik mit Klage

Von Nils Klawitter

Menschenrechtsorganisationen wollen Kik in Deutschland vor Gericht bringen. Ihr Ziel: Der Textildiscounter soll pakistanischen Brandopfern endlich höhere Entschädigungen zahlen.

Abgebrannte Textilfabrik in Karatschi: Hier wurde für Kik genäht Zur Großansicht
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Abgebrannte Textilfabrik in Karatschi: Hier wurde für Kik genäht

Das Leben einer Arbeiterin in Pakistan ist nicht viel wert. Ein paar Tausend Dollar. Höchstens. Der Textildiscounter Kik aus dem westfälischen Bönen kalkulierte ein Leben mit weniger als 2000 Dollar. Das war vor zwei Jahren. Damals, am 11. September 2012, war die Textilfabrik Ali Enterprises in Karatschi abgebrannt, wo Kik lange Hauptkunde war. Es war der schwerste Industrieunfall in der Geschichte Pakistans. 254 Menschen starben. Es gab in der Fabrik kaum Fluchtwege. Bis auf einen Notausgang waren alle übrigen verriegelt.

Die damalige Soforthilfe von 500.000 Dollar (oder knapp 2000 Dollar pro Toten) hat Kik inzwischen auf eine Million Dollar erhöht. Doch auch diese Summe, sagt Wolfgang Kaleck, "ist nicht viel mehr als ein Almosen". Kaleck ist Anwalt und Chef der Berliner Menschenrechtsorganisation ECCHR (European Center for Constitutional and Human Rights). Die Nichtregierungsorganisation (NGO) initiiert und unterstützt juristische Verfahren, um Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu machen - und im Augenblick hat Kaleck Kik auf dem Kieker.

Im Fall der pakistanischen Brandkatastrophe seien mindestens acht Millionen Dollar nötig, um Verdienstausfälle der Haupternährer zu kompensieren und auf eine Entschädigung zu kommen, die etwa den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation entspricht. Doch davon sind die Beträge, die die deutsche Billigkette und der pakistanische Staat bisher zur Verfügung stellten, weit entfernt. Die deutschen Manager, so Kaleck, hätten Verhandlungen über weitere Entschädigungen verschleppt, was diese bestreiten. "Bewegt sich Kik in den nächsten zwei Monaten nicht, werden wir die Betroffenen dabei unterstützen zu klagen - vor einem deutschen Gericht". Entsprechende Vollmachten betroffener Familien liegen dem ECCHR vor.

Nicht nur juristisch wäre ein solcher Schritt Neuland: Ein Verfahren könnte Unternehmen wie Kik zwingen, zu belegen, wie sie ihrer Verantwortung für den Arbeitsschutz entlang ihrer Lieferkette nachkommen. Mit diesem Verantwortungsbewusstsein sah es im Fall der pakistanischen Brandkatastrophe offenbar nicht besonders gut aus. Kiks Nachhaltigkeitsmanager berichtete dem SPIEGEL nach dem Unglück sogar, ihm seien Mängel bekannt gewesen. Die jedoch seien "keine gravierenden" gewesen. In Prüfberichten war allerdings mal von offenen Kabeln die Rede, mal von ungesicherten elektronischen Anlagen und unbeleuchteten Notausgängen. Von nicht eingehaltenen Arbeitszeiten sowieso. 14 Stunden am Tag waren keine Seltenheit. Pro Hose bekamen die Näherinnen ein paar Rupien, das entspricht wenigen Cent.

Kik sieht sich als unbeteiligten Dritten

Dennoch wird eine Klage nicht einfach sein. Kik betont nicht nur, die Gespräche in Pakistan fortsetzen zu wollen. In einem internen Schreiben heißt es zudem, man habe weder das Feuer verursacht, noch sei man juristisch für dessen Umstände verantwortlich. Der Discounter sieht sich als unbeteiligten Dritten.

Kaleck sieht das anders. Analog zu den Schadensersatzregelungen des BGB sieht er das pakistanische Unternehmen von der deutschen Kette "vereinnahmt". Die Geschäftsbeziehung habe der eines Mutterkonzerns zu seinem Tochterunternehmen geähnelt. "Sie war zumindest derart eng, dass Kik nach geltenden Rechtsstandards für seinen Zulieferbetrieb einstehen muss." Selbst Kik räumte ein, bei Ali Enterprises zeitweise 75 Prozent der Produktion belegt zu haben.

Kik könnte sich dennoch zurücklehnen: Viele der ECCHR-Klagen - erst vor Kurzem etwa eine Strafanzeige gegen Nestlé-Manager wegen Verantwortung für Gewerkschafter-Morde in Kolumbien - scheiterten bisher.

Doch gerade gegen einen deutschen Discounter gab es auch einen erstaunlichen Erfolg: Nach einer Klage des ECCHR und der Kampagne für Saubere Kleidung verpflichtete sich Lidl, nicht mehr mit fairen Arbeitsbedingungen zu werben.

Eine Klage gegen Kik könnte dem Ruf des mit 1,7 Milliarden Euro umsatzstärksten Textildiscounters deutlich schaden. Kik ist das einzig bisher bekannte Unternehmen, das in allen drei großen asiatischen Fabriken Aufträge platziert hatte, in denen es in den letzten Jahren zu Katastrophen gekommen war: Nicht nur bei Ali Enterprises - auch nach dem Brand bei Tazreen in Dhaka (117 Tote) und dem Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes in Dhaka (1127 Tote) fanden sich Kik-Etiketten in den Trümmern.

Zwar kündigte der Discounter einen Strategieschwenk an. In Zukunft, hieß es, solle vermehrt Ware in Südeuropa produziert werden. Doch zuletzt ist der Anteil der Importe aus Asien bei Kik wieder gestiegen, auf 67,5 Prozent.

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1. Mumpitz...
fatherted98 10.09.2014
...es gibt zwar eine moralische aber keine rechtliche Verantwortung eines Bestellers von Artikeln bei einem maroden Produktionsunternehmen. Wenn das Produktionsunternehmen zusammenfällt, müssen sich die Geschädigten leider an die Besitzer des Produktionsunternehmen halten...nicht an dessen Kunden. Besser wäre es die Gewinnmargen von Kik bis P&C bis zu den Edelmarken mal offen zu legen...da würden den Kunden die Haare zu Berge stehen wieviel Sie bezahlen und wie viel die Unternehmen verdienen.
2. Was
Checkker 10.09.2014
erlauben Menschenrechtler? Sind doch nur Pakistani.
3. Entschuldigung
Minette 10.09.2014
vorab bei allen, die aus finanziellen Gründen bei Kik kaufen "müssen"........ Liebe Leute, überlegt Euch das gut. Lieber weniger kaufen in diesem miesen Laden als sich mitverantwortlich fühlen müssen für den Tod vieler Menschen aus Asien. Man kann mit deutlich weniger Klamotten auskommen, wählt man eine bessere Qualität. Und es ist längst überfällig, daß den Konsumenten Firmen genannt werden, die nicht so und da produzieren, wie diese Billomarken, a la Kik, Ernstings Familiy usw usw!!
4. regulierungswütige EU
regensommer 10.09.2014
Das wäre doch ein Fall für die EU. Etiketten mit Warnhinweisen wie bei den Zigaretten. Bilder von Brandopfern, Bilder von den Wohnumständen der MA, etc. ... Wie war das? Ca. 70% der Fläche einer Zigarettenschachtel sollen auf das Risiko zu rauchen hinweisen. 70% eines Jeans - Etikettes mit Schockbildern wäre da ebenfalls angebracht. Denn Jeans aus solchen Produktionsstätten sind auf alle Fälle gefährlich für die Gesundheit.
5.
mirstobom 10.09.2014
"...es gibt zwar eine moralische aber keine rechtliche Verantwortung eines Bestellers von Artikeln bei einem maroden Produktionsunternehmen. Wenn das Produktionsunternehmen zusammenfällt, müssen sich die Geschädigten leider an die Besitzer des Produktionsunternehmen halten...nicht an dessen Kunden." (fatherted98 heute, 12:13 Uhr) ...da wäre ich mir nicht ganz so sicher. Ich bin zwar kein Jursit, könnte mir aber schon vorstellen, dass neben den Eigentumsverhältnissen auf dem Papier auch faktische Beherrschungen (und danach sieht es ja aus, wenn KiK der einzige, bzw. der mit Abstand größte Kunde war) von dem Gericht bewertet werden.
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Fotostrecke
Brand in pakistanischer Fabrik: Katastrophe beim Kik-Zulieferer

Fläche: 796.095 km²

Bevölkerung: 191,710 Mio.

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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