Bangladesch Kik-Shirts in Katastrophenfabrik gefunden

Mehr als 400 Menschen starben beim Einsturz eines Fabrikkomplexes in Bangladesch. In den Trümmern haben Helfer nun Ware des deutschen Textildiscounters Kik gefunden. Das Unternehmen hatte bisher behauptet, seit 2008 keine direkten Geschäftsbeziehungen mehr mit der Katastrophenfabrik zu haben.

Von Nils Klawitter

BGIWF

Dhaka - Noch am Donnerstagvormittag ließ der deutsche Textildiscounter Kik mitteilen, es bestünden "seit 2008 keine direkten Geschäftsbeziehungen" zu den Textilfabriken im eingestürzten Rana-Plaza-Gebäude in einem Vorort von Dhaka. Letztmals will Kik dort 2008 direkt Aufträge platziert haben. Das Wort "direkt" diente Kik bisher als eine Art Versicherung. Mit ihm gelang es dem Unternehmen aus dem westfälischen Bönen, weitgehend aus der Schusslinie zu kommen.

Doch was ist eigentlich mit den indirekten Aufträgen? Mit den Aufträgen von Kiks etwa 250 Importeuren, die ihre Ware aus Fabriken beziehen, die Kik gar nicht kennt? Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, ob Kik womöglich über Zwischenhändler bis vor kurzem in dem eingestürzten Komplex produzieren ließ, teilte eine Sprecherin mit, "keinerlei Geschäftsbeziehung zu einer der Fabriken am Unglücksort" zu haben.

So wie es aussieht, ist dies nichts als Wortklauberei, denn Kik war offenbar bis zuletzt Empfänger der Ware aus einer der Unglücksfabriken. Helfer und Aktivisten vor Ort haben unter den Trümmern etliche Textilien der Kik-Hausmarke okay gefunden. Shirts und Tops waren darunter, die die Helfer nun bei der Arbeit im Schutt als Schürzen verwenden.

Sie sei schockiert, sagt Frauke Banse von der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC), einer Nichtregierungsorganisation, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in Textilfabriken einsetzt. "Es zeichnet sich ab, dass Kik abermals in ein schweres Unglück in einer Textilfabrik involviert ist." Bisher hatten nur zwei deutsche Firmen bestätigt, bis vor kurzem Lieferbeziehungen mit der Katastrophenfabrik bei Dhaka gehabt zu haben: der Textildiscounter NKD und einer seiner Lieferanten, die Firma HCT aus Ahrensburg bei Hamburg.

Um den ramponierten Ruf seines Billiglohn-Unternehmens zu polieren, engagierte Kik-Gründer Stefan Heinig vor gut zwei Jahren Michael Arretz. Er ist der neue Nachhaltigkeitsmanager des Konzerns. Arretz kam von Systain, einer zum Otto-Konzern gehörenden Firma, die auch die Zustände bei dessen Zulieferern überprüfte. Arretz' Arbeit wird begleitet von einer großen Münchner PR-Agentur, deren Vertreter auch mit am Tisch sitzen, wenn Arretz mal etwas erzählen darf - wie etwa nach dem Brand der Fabrik Ali Enterprises in Pakistan im vergangenen Oktober. 259 Menschen starben damals. Ali Enterprises sei ein "zuverlässiger" Kik-Lieferant gewesen, betonte Arretz damals. 75 Prozent der Produktion belegte der deutsche Discounter dort zeitweise.

Mängel seien ihm zwar bekannt gewesen, räumte Arretz damals gegenüber dem SPIEGEL ein. Aber es seien "keine gravierenden" gewesen. Nicht gravierend? Mal war in Prüfberichten von offenen Kabeln die Rede, mal von ungesicherten elektronischen Anlagen und unbeleuchteten Notausgängen. Und immer wieder von überschrittenen und nicht dokumentierten Arbeitszeiten.

Arretz ist angetreten, dies zu ändern, doch der jüngste Einsturz bei Dhaka zeigt, wie wenig das gelingt: Das Heer der Zulieferer für die 250 Kik-Importeure ist noch immer anonym. Einem Abkommen zum Brandschutz und zur Gebäudesicherheit ist Kik - anders als etwa Tchibo - nicht beigetreten. "Die Unternehmen wurden aufgefordert, das Abkommen zu unterstützen, aber sie wollen nicht unterschreiben und reden sich mit eigenen Maßnahmen heraus", sagte Kirsten Clodius von der Kampagne für Saubere Kleidung. "Dass diese nicht wirken, zeigt sich ja jetzt angesichts der erneuten Katastrophe."

Als SPIEGEL ONLINE Kik die Ordernummern einiger der gefundenen okay-Etiketten mitteilte, kündigte eine Sprecherin an, mit dem entsprechenden Importeur "umgehend den intensiven Austausch" zu suchen.

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csmart48 02.05.2013
1. optional
Wann rafft es der Deutsche ? Billige Sachen können nur da hergestellt werden. Ein Deutscher würde sich für 30 cent am Tag nicht in eine Fabrik stellen.
k70-ingo 02.05.2013
2.
Es ist davon auszugehen, daß diese Tatsache niemanden wundert.
SPONU 02.05.2013
3. Das Reinwaschen über
...Agenten und Intermediäre funktioniert auch gut in der Pharmabranche. Da sitzt dann ein Distributor in Shanghai und schmiert fröhlich Gesundheitsministerien und Beamte damit Produkt A gekauft wird. Vom Konzern in Europa kommen monatliche Ueberweisungen für "Administrativen Aufwand" etc. Pocket money...de facto Bestechungsgelder. Machen alle so. Und sollte mal eine auffliegen gibt man ganz den Entrüsteten und verweist auf wertloses Compliance Papier mit schönen Unterschriften.
desaint 02.05.2013
4. an KIK Klamotten klebt Blut...
wir haben den günstigsten Preis, koste es was es wolle (auch Menschen)
axel_roland 02.05.2013
5. die wahren schuldigen
die wahren schuldigen sind doch die Kunden, die einen Pulli für 3€ kaufen möchten. Da kann man lange Konzernen vorschreiben sie sollen ethisch und verantwortungsvoll agieren, aber das ist doch idealistische Augenwischerei realitätsferner alt-Linker. Tatsächlich müssen wir als Konsumenten Verantwortung übernehmen und bereits sein mehr Geld für nachhaltig produzierte Klamotten auszugeben.
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