Kirgisien Machtkampf um das Gold von Kumtor

Auf 4000 Metern Höhe graben Kanadier an der Grenze zu China nach Gold. Die Kumtor-Mine sorgt für mehr als ein Zehntel der Wirtschaftsleistung im verarmten Kirgisien. Das weckt Begehrlichkeiten: Nationalisten wollen die Mine verstaatlichen, Reiter greifen die Stromversorgung an.

AFP

Von Marcus Bensmann und


Keine Fotos von den Gesichtern der Arbeiter, keine Nennung von Namen, das sind die Bedingungen, denen sich unterwerfen muss, wer das Allerheiligste der Kumtor-Mine betreten will: die Goldschmelze. Wachen durchsuchen die Besucher.

Die Schmelze ist eine fensterlose Halle. Ein mächtiger Ofen steht darin, eine Waage und ein Safe. Zwei Männer in glänzenden Schutzanzügen stechen mit einer Eisenlanze in den Ofen. Rot glühend ergießt sich daraus flüssiges Gold.

Die Kumtor-Goldmine in Kirgisien ist Quelle enormen Reichtums. In guten Jahren entfallen bis zu zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes auf die Mine, 15 Prozent der Steuereinnahmen und 50 Prozent der Exporte. Sie ist aber auch Quell für Neid und Unruhe in dem bitterarmen zentralasiatischen Land.

In Kirgisien ist ein Konflikt um die Kontrolle der Mine entbrannt. Kumtor wird seit Jahren von kanadischen Bergbaukonzernen betrieben, erst von der Firma Comeco, dann von der Gesellschaft Centerra. Vor vier Jahren handelten die neuen Herren aus Toronto mit Kirgisien einen Vertrag aus. Sie taten dies allerdings nicht direkt mit der Regierung, sondern mit dem zwielichtigen Sohn des als korrupt verschrieenen damaligen Präsidenten Kurmanbek Bakijew.

Bakijew wurde 2010 gestürzt. Seither ruhen begehrliche Blicke auf der Mine. Die Regierung will ihren Anteil steigern, von derzeit 33 Prozent auf mindestens 50 Prozent. Die oppositionellen Nationalisten wollen den Kanadiern Kumtor gleich ganz wegnehmen und das Unternehmen verstaatlichen.

Kumtor liegt auf dem Dach der Welt. Auf 4000 Metern Höhe, knapp unter den Gletschern des Tianschian-Gebirges an der Grenze zu China, gewinnen rund 2500 Arbeiter das Edelmetall. Das Gold wird nicht in Stollen abgebaut, sondern in einem offenen Tagebau. Kumtor ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Goldgrube. Schätzungen gehen davon aus, dass hier rund 300 Tonnen Gold unter den Gletschern liegen. Riesige Schaufelbagger graben sich in den Permafrost und verladen das erzhaltige Gestein auf Kipplaster mit mannshohen Reifen.

Umweltschützer beklagen die Zerstörung der Umwelt

Für Kirgisien ist die Mine Fluch und Segen zugleich. Ein Segen ist sie für die Wirtschaft des verarmten Landes. Die Goldgewinnung ist einer der wenigen florierenden Sektoren in Kirgisien. Er macht das Land aber auch verwundbar. 2012 riss eine Krise der Mine Kirgisien in die Rezession. Nach sechs Prozent Wachstum im Vorjahr sank das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 Prozent, die Industrieproduktion stürzte wegen der Schwierigkeiten von Kumtor gar um rund 20 Prozent ab.

Für die Förderung zahlt Kirgisien einen hohen Preis. Umweltschützer beklagen die Zerstörung von Bergen und Gletschern. Sprengungen treiben den Minentrichter immer tiefer in den Grund, seine Ränder fräsen sich in den Gletscher. Mit giftigen Chemikalien versetzter Schlamm sammelt sich in einem künstlichen See. "Alles ist sicher und unter Kontrolle, und wenn wir gehen, wird das hier rekultiviert", versichert Rodney Stuparyak, der Vizechef der Mine. Und der Giftsee? Sei natürlich kein schöner Anblick, sagt er. Aber "Bergbau ist Bergbau".

Umweltschützer warnen: Erdbeben könnten den Damm des Sees beschädigen, dann würde sich das Gift in den Fluss Naryn ergießen, dessen Wasser Millionen Menschen trinken. Mehr als die Gefahr für die Umwelt treibt die Kirgisen aber die Verteilung der Gewinne von Kumtor um. Über Jahre wurde das Geschäft mit dem Gold von Maxim Bakijew kontrolliert, dem Sohn des damaligen Präsidenten.

Bakijew junior und seine Seilschaften bereicherten sich ungeniert an Kirgisiens Wirtschaft. Das war auch ein Auslöser für die Revolution, in deren Folge Staatschef Kurmanbek Bakijew nach Weißrussland fliehen musste.

Die neue Führung in der Hauptstadt Bischkek will die Bedingungen des Goldgeschäfts mit den Kanadiern neu verhandeln. "Centerra hat 2009 durch Korruption einen günstigen Vertrag abgeschlossen", schimpft Wirtschaftsminister Temir Sarijew. Der Konzern zahle zu wenig Steuern und zu geringe Gebühren für angerichtete Schäden an der Umwelt. Centerra dementiert die Vorwürfe und verweist auf gültige Verträge.

Nationalisten fordern die Verstaatlichung der Mine

Die Regierung will den Staatsanteil an der Mine deutlich erhöhen. Die Nationalisten im Parlament fordern mindestens 70 Prozent oder gar die vollständige Verstaatlichung der Mine. Die Kanadier aber machen klar, dass sie weiter mindestens 50 Prozent an der Mine behalten wollen. Der Konflikt wird handfest ausgetragen. Im Mai griffen Hunderte kirgisische Reiter eine Umspannstation der Mine an. Kurzerhand schalteten sie den Kanadiern den Strom ab. Mehrere Tage stand die Goldförderung in Kumtor still.

Die Bewohner der Dörfer unweit der Mine am Issyk-Kul-See leben in Armut. Die Straßen sind marode, Schulen und Krankenhäuser verkommen. Ende Oktober nahmen Anwohner drei Mitarbeiter des kirgisischen Geheimdienstes als Geiseln, misshandelten sie und forderten von der Regierung die Verstaatlichung von Kumtor. Die Regierung in Bischkek war hilflos. Unterwürfig ersuchte sie die Entführer um die Freilassung der Männer.

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ihawk 01.12.2013
1. Das Gold von Kirgisien
Nun, das ist eben Raubtier-Kapitalismus vom feinsten. Der brutale Kampf um Rohstoffe wird sich noch verschärfen und immer brutaler werden. Die skrupellose Finanzmafia korrumpiert Regierungen nach belieben und die Bevölkerung leidet. Die Reaktion kann nur Verstaatlichung heißen, nur das Problem der Korruption kommt damit einer Lösung nicht näher.
Benko 01.12.2013
2. Und mit was? Mit Recht!
Die berufsmässigen Schreier der entwickelten Länder würden Zeter & Mordio veranstalten, hätten wir Rohstoffvorkommen die andere Länder in dem Maße ausbeuten würden. Natürlich gehört die Mine den Kirgisen, und wenn ich lese das die angrenzenden Dörfer -wie immer bei Ausbeutung- in Armut verotten, kommt mir nur noch das große Kotzen. Enteignen und selber machen, Know-How kann man einkaufen.
rwj 01.12.2013
3.
über die korrupten Eliten solcher Länder und die Ausbeutung solcher Länder durch (überwiegend) westliche Konzerne wird (auch hier ) genug geschrieben ,,, wie unterschiedlich auf diesem Globus agiert wird, Reiter !!! greifen an (wie vor Jahrhunderten) und andererseits sitzen Leute vor Konsolen und töten mit Knopfdruck Menschen , die tausende Kilometer entfernt sind... bunte Welt. ???
alldoc 01.12.2013
4. Wäre das ein deutsches Unternehmen, ...
hätte Frau Merkel sicher darauf hingewiesen das ein solches Verhalten von kirgisischer Seite nicht hinzunehmen sei und Unternehmen sowie Investoren vor solchen Übergriffen geschützt werden müssen. Es ist auch einfach mit dem Finger auf die zweifellos korrupten Kirgisen zu zeigen nur sind es immer irgendwelche westlichen Unternehmen die korrumpieren. Das Gold gehört dem Land und seinen Menschen, nicht kleinen Eliten und schon gar nicht irgendwelchen Kanadiern!
Celegorm 01.12.2013
5.
Zitat von BenkoDie berufsmässigen Schreier der entwickelten Länder würden Zeter & Mordio veranstalten, hätten wir Rohstoffvorkommen die andere Länder in dem Maße ausbeuten würden. Natürlich gehört die Mine den Kirgisen, und wenn ich lese das die angrenzenden Dörfer -wie immer bei Ausbeutung- in Armut verotten, kommt mir nur noch das große Kotzen. Enteignen und selber machen, Know-How kann man einkaufen.
Theoretisch ja, praktisch funktioniert das aber eher selten, zumindest nicht mit einem grösseren Nutzen für die Bevölkerung. Denn das Grundproblem ist in solchen Fällen eigentlich nicht privater oder staatlicher Betrieb, sondern die staatlichen Rahmenbedingungen dabei. Auch bei einer privaten Betreiberfirma liessen sich problemlos Konditionen aushandeln, die die Profite grösstenteils in die Staatskasse abschöpfen. Das Problem ist also eher, dass viele Regierungen auf angemessene Preise für Schürfrechte, Gewinnbeteiligungen, Steuern, etc. verzichten, aus Inkompetenz oder Korruption sei dahingestellt. Klar ist aber, dass angesichts diesem Scheitern bei simplen Verhandlungen der komplexe Vorgang eines eigenen Betriebs einer solchen Mine nicht unbedingt erfolgsversprechender ist. In Normalfall machen sich die zuständigen Personen nur umso schamloser die eigenen Taschen voll..
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