Freiwilliges Textilbündnis Kleiderfirmen veröffentlichen Nachhaltigkeitsziele

Einige Modefirmen haben sich in einem freiwilligen Bündnis zusammengeschlossen und müssen nun Maßnahmen für nachhaltigere Lieferketten offenlegen. Kritiker monieren das langsame Tempo und fordern strengere Gesetze.

Näherinnen in einer Textilfabrik in Myanmar
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Näherinnen in einer Textilfabrik in Myanmar


Sie versprechen weniger schädliche Chemikalien und wollen mehr Bio-Baumwolle: Erstmals haben die Mitglieder des Bündnisses für nachhaltige Textilien offenlegen müssen, wie sie für bessere Sozial- und Umweltstandards bei ihren Lieferanten eintreten wollen.

Das Bündnis teilte mit, dass die ersten 60 "Roadmaps" nach externer Prüfung veröffentlicht wurden. Von diesem Jahr an müssen teilnehmende Unternehmen und Verbände ihre Fortschritte dokumentieren und veröffentlichen.

Das Bündnis war Ende 2014 als Antwort auf tödliche Unfälle in Textilfabriken in Bangladesch und Pakistan von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU gegründet worden. Ziele sind existenzsichernde Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion, sowie die Vermeidung gesundheitsschädlicher Chemikalien. Dem Bündnis gehören Modefirmen, Handelsketten, Verbände, Behörden und Hilfsorganisationen an. Zusammen repräsentieren sie knapp 50 Prozent des deutschen Textilmarktes.

Insgesamt hat das Bündnis 128 Mitglieder. 116 von ihnen müssen Berichte einreichen. Darunter sind bekannte Namen wie H&M, Kik, Primark, Aldi oder Gerry Weber. Sie sollen auch in Zukunft regelmäßig Maßnahmenpläne veröffentlichen, wie sie für mehr Nachhaltigkeit in der Textil-Lieferkette sorgen wollen. 2019 müssen die Mitglieder über ihre Erfolge oder Misserfolge bei der Umsetzung öffentlich Rechenschaft ablegen.

Unterschiedliche Ausgangspunkte der Firmen

Die Mitglieder starten an unterschiedlichen Ausgangspunkten. Die Billigkette Kik etwa will den Anteil der nachhaltigen Baumwolle in ihren Textilien auf gerade mal 0,45 Prozent heben. Auf der anderen Seite steht der Otto-Konzern, der den Anteil nachhaltiger Baumwolle dieses Jahr von 78 auf 85 Prozent steigern will.

Die Teilnahme an dem Bündnis ist freiwillig. Bereits 25 Mitglieder haben es in diesem Jahr verlassen. Wie das Textilbündnis berichtete, mussten kürzlich sieben Mitglieder mit sofortiger Wirkung ausgeschlossen werden, weil sie die Anforderungen nicht erfüllten. Einige weitere Mitglieder traten seit Jahresbeginn freiwillig aus.

"Das wirkt wie ein Exodus, ist aber nicht so", sagte eine Sprecherin. Es seien vor allem Verbände und kleine Unternehmen ausgetreten, für die die Dokumentationspflichten nicht leistbar gewesen wären. Die Marktabdeckung sei deshalb kaum gesunken, da auch große Modeunternehmen dazugehörten.

Der Hemden-Fabrikant Olymp etwa verließ das Bündnis nach eigenen Angaben, weil sich abzeichnete, "dass die Bündnisarbeit nur sehr mühsam und unbeständig voranschritt, bei gleichzeitig unverhältnismäßig hohem Personal- und Mitteleinsatz". Dennoch bleibe es "höchstes Bestreben" von Olymp, seine Produkte unter sozial-, gesundheits- und umweltverträglichen Bedingungen herzustellen, sagte ein Firmensprecher.

"Gefahr, wirkungslos zu bleiben"

Aber auch innerhalb der Initiative gab es Kritik. Manchen Hilfsorganisationen, die dem Bündnis angehören, ist das Tempo nicht hoch genug. Berndt Hinzmann vom entwicklungspolitischen Inkota-Netzwerk bemängelte kürzlich, der Steuerungskreis des Bündnisses habe für 2018 das Thema existenzsichernde Löhne als Schwerpunkt festgelegt, doch passiert sei wenig. "Das Textilbündnis läuft derzeit Gefahr wirkungslos zu bleiben, wenn die selbst gesteckten Schwerpunkte nicht eingehalten werden", sagte er. Immer wieder wird in den Hilfsorganisationen der Ruf nach einer gesetzlichen Regelung laut. (Lesen Sie hier mehr zum Geschäft mit der Wegwerfmode)

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast kritisierte ebenfalls, dass sich gerade bei den existenzsichernden Löhnen für die Näherinnen wenig bewege.

Ein weiterer Kritikpunkt ist Künast zufolge das Prinzip der Freiwilligkeit. "Was wir in der globalen Textilindustrie brauchen, sind verbindliche Sorgfalts- und Transparenzpflichten für alle Textilunternehmen entlang der gesamten Produktions- und Lieferkette." Sie forderte eine europäische Richtlinie, die Transparenz und Sorgfalt regelt. "Von allein werden die Menschenrechte nicht eingehalten und erkennen die Kunden nicht, was sie kaufen."

cop/AFP/dpa-AFX



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dasfred 14.08.2018
1. Nachhaltigkeit klingt ja löblich
Schade nur, dass die wenigsten Kunden die Nachhaltigkeit zum Kaufkriterium machen. Für die meisten stehen Preis und Mode ganz oben. Nachhaltigkeit für den Verbraucher würde bedeuten, auch wesentlich weniger und gezielter einzukaufen. Trotzdem sollte der Ansatz so lange weiterverfolgt werden, bis es ins Bewusstsein einsickert, dass auch die Lebensbedingungen der Erzeuger in unserer Verantwortung liegen. Nicht nur im Textilbereich.
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