Textilwirtschaft in Afrika: "Made in Ghana" statt "Made in China"

Von Dre Hinshaw, Wall Street Journal Deutschland

Asien? Viel zu teuer! Auf der ewigen Suche nach dem billigsten Produktionsstandort haben die Textilkonzerne inzwischen westafrikanische Staaten wie Ghana für sich entdeckt. Die Löhne betragen ein Drittel von den in China gezahlten - und die Ware ist zehn Tage schneller in den Läden.

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AFP

Accra/Ghana - Als Isaac Osae 2011 seinen Job antrat, nähte er Sommerkleidung in tropischen Farben. Heute lernt der 24 Jahre alte Fabrikarbeiter Krankenhauskleidung anzufertigen.

Überall entlang Afrikas Atlantikküste schwenken Kleidungsproduzenten von traditioneller afrikanischer Kleidung auf OP-Kittel, Schürzen und Laborkittel um. Grund für den Wandel: Globale Unternehmen schätzen die billigen, Englisch sprechenden Arbeiter ebenso wie die Häfen, die per Schiff von der US-Ostküste zehn Tage schneller zu erreichen sind als die asiatischen Fabriken.

"Zehn Tage machen einen großen Unterschied im Bekleidungsgeschäft", sagt Clifford Schiffman, Direktor des weltweiten Einkaufs bei Itochu Prominents USA. Der Bekleidungsgroßhändler, eine Sparte der japanischen Firma Itochu, will in den kommenden drei Jahren bis zu 50 Millionen US-Dollar (ca. 38,4 Millionen Euro) in Anzughemden und Hosen aus Ghana investieren. Der größte Teil davon soll bei der US-Supermarktkette Wal-Mart verkauft werden. "Für mich ist Afrika die kommende Region für Kleidung", sagt Schiffman.

Textilerkunder wie Schiffman fahren nach Westafrika, nachdem Staaten wie Indien, Malaysia, Thailand und China die Mindestlöhne erhöht haben. Die Löhne in China sind allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um zehn Prozent gestiegen, was die Margen der Großhändler sinken lässt, so die Investmentbank Standard Chartered.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Wal-Mart kaufte in diesem Jahr mehr als eine halbe Million OP-Kittel von Lucky 1888 Mills Liberty & Justice, einer nachhaltig wirtschaftenden Entwicklungsgesellschaft aus Ghana, die rund 350.000 Hosen pro Monat für den US-Markt herstellt. Im benachbarten Liberia stellt Liberty & Justice Stofftaschen für den Schokoladenhersteller Godiva Chocolatier her.

Doch die Bekleidungsindustrie ist eine sprunghafte Branche, die schon zuvor immer wieder einmal über Afrika geschwappt ist - und dann ebenso schnell wieder verschwand. Sportbekleidungsfabriken schossen in Ostafrika im Jahr 2000 aus dem Boden und verdreifachten die Produktion innerhalb von fünf Jahren, nachdem der US-Kongress den African Growth and Opportunity Act verabschiedet hatte. Das Gesetz lässt demokratische Länder des Kontinents Kleidung zollfrei in die USA exportieren.

Selbst mit diesem Vorteil konnten die Nähereien in Ostafrika aber nicht mit den Massen an Bestellungen mithalten, die Chinas Fabriken erhielten. Das Gesetz läuft 2015 aus, und afrikanische Textilkonzerne sagen, dass sie die Produktion einstellen müssen, sollte es nicht verlängert werden.

"Asiatische Hersteller arbeiten sehr viel schneller"

Westafrika ist noch ein weißer Fleck auf der Weltkarte des Kleidungshandels. Jahrzehnte der Militärdiktatur in fast jedem westafrikanischen Land haben Investoren verschreckt. Die Wirtschaft Ghanas, eines Englisch sprechenden Landes, das 1957 von Großbritannien unabhängig wurde, stagnierte über 35 Jahre - eine Zeit, die durch Diktaturen geprägt war, unterbrochen von Versuchen der Demokratie. Nach Regierungsangaben produzierte Ghana 2005 nur noch die Hälfte der Kleidung, die es 1977 herstellte.

Heute jedoch ist das Land eine stabile Demokratie und eine der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das hat die Aussichten für Unternehmen wie Dignity Industries verbessert. Vergangenen Monat zeigte ein Zulieferer von Walmart.com Interesse bei Dignity zu bestellen - die Firma, bei der Isaac Osae nun an der Nähmaschine sitzt.

Zunächst allerdings muss seine Gruppe, die sich das Nähen selbst beigebracht hat, die Massenproduktion beherrschen. Eine philippinische Nähausbilderin, die von Dignity angestellt wurde, klopft auf den schlecht genähten Kragen eines Krankenhauskittels. "Das machst du noch mal", weist sie Osae an. "Ich weiß bereits, wie man näht", sagt Osae einem Besucher. "Nur die Nadeln müssten gerade sein."

Das Interesse an afrikanischer Kleidung lässt nach

Asiatische und lateinamerikanische Kleiderhersteller arbeiten tendenziell schneller. "Sehr viel schneller", sagt Sandra Garcia, eine honduranische Nähausbilderin bei Lucky 1888. Wenn die Fabriken in Ghana mit den weltweit größten Bekleidungsherstellern mithalten wollen, müssen sie einen Arztkittel in acht Minuten fertigstellen.

Ein Näher wie Osae verdient 100 Dollar im Monat. Das ist ein Drittel dessen, was Näherinnen in einigen Teilen Chinas erwarten, so die Weltbank. Doch Afrikas Bekleidungsindustrie wird durch Stromausfälle belastet, welche die Nähmaschinen immer wieder in Zwangspausen schicken.

Die Inhaberin von Dignity, Salma Salifu, eröffnete den Shop in den neunziger Jahren mit dem Ziel, Ghanas Top-Mode in die USA zu verkaufen. Auf dem Höhepunkt der Produktion lieferte Dignity jedes Jahr Hunderte farbenfrohe Kleidungsstücke aus, die von den Designern "afrozentrisch" genannt wurden. Im Black History Month, der in den USA jedes Jahr im Februar gefeiert wird, erreichte ein Kleid einen Preis von bis zu 300 Dollar. Ex-US-Präsident Bill Clinton besuchte die Fabrik 2002.

Doch das Interesse an afrikanischer Kleidung scheint nachzulassen. Viele der Fabriken, die Clinton einst besuchte, sind heute geschlossen. Afrikanische Boutiquen in Philadelphia und Washington, die Insolvenz anmelden mussten, schulden Dignity laut Inhaberin Salifu insgesamt 36.000 Dollar.

Mit dem Nähen von Kitteln lässt sich mehr verdienen

Deshalb hat sie ihre Fabrik umgestellt. Im Oktober schickte Salifu den ersten Protopyen eines Arztkittels an einen Wal-Mart-Lieferanten. Sie hofft, die Kittel einen Dollar über den Kosten für Fabrik und Stoff verkaufen zu können - was unter dem Strich einem Nettogewinn von zwei Cent entsprechen würde. Fabrikbesitzer aus der Nachbarschaft kämpfen um dasselbe Geschäft.

Seit vergangenem Jahr liefert Lucky 1888 vier Container mit Kitteln pro Monat an den Wal-Mart-Zulieferer aus. Die Kittel werden in einer einst stillgelegten Fabrik nahe dem Hafen von Accra hergestellt. Jonathan Simon, Geschäftsführer der amerikanisch-pakistanischen Firma, will die Produktion bis 2015 verdreifachen. Außerdem soll eine industrielle Webmaschine gekauft und Baumwolle aus dem nahen Burkina Faso mittels Lastwagen importiert werden. Er will 2.000 weitere Arbeiter in Fabriken beschäftigen.

In einer davon arbeitet die 25 Jahre alte Janet Azure an einer Nähmaschine. Vorher betrieb sie ihre eigene Werkstatt und stellte her, was in Ghana "Slit and Kaba" genannt wird: traditionelle Kirchengewänder, die aus zwei Teilen bestehen. Inzwischen verdient sie zehn Dollar mehr pro Monat durch das Nähen von Krankenhauskitteln.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

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1. Verlängerte Werkbänke dieser Welt
mike007 09.12.2012
Solange es Entwicklungsländern nicht gelingt aus der fatalen Situation von Importüberschüssen und kränkelnden (schwachen) Währungen heraus zu kommen, solange werden sie nicht in der Lage sein, einen Entwicklungspfad zu verfolgen, der ihnen steigende Einkommen und Ausweg aus der Verschuldung ermöglicht. Nur diejenigen Länder dieser Erde, denen es gelingt, Exportüberschüsse zu erzielen, sind in der Lage die schlechte Qualität ihrer Währung zu überwinden und zu einem Player im Welthandel aufzusteigen. Entwicklungshilfe und Kreditfinanzierte Importe sind oftmals völlig fehl am Platz. Und Freihandel nutzt den bereits entwickelten Staaten, nicht aber den Staaten der Peripherie. Der IWF ist eine Institution der Mächtigen, die Strategieempfehlungen für Afrika oft sehr bedenklich.
2.
spon-facebook-10000283853 09.12.2012
Zitat von sysopAsien? Viel zu teuer! Auf der ewigen Suche nach dem billigsten Produktionsstandort haben die Textilkonzerne inzwischen westafrikanische Staaten wie Ghana für sich entdeckt. Die Löhne betragen ein Drittel von denen in China - und die Ware ist zehn Tage schneller in den Läden. Kleidungshersteller lassen kostengünstig in Afrika produzieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kleidungshersteller-lassen-kostenguenstig-in-afrika-produzieren-a-871519.html)
Das wäre eine Riesenchance für Afrika. Bisher war Afrika für jede Art von Geschäft sehr problematisch, kann man doch kein Handel treiben, wenn die Besitzverhältnisse im Land schon ungeklärt sind - Madonna kann "ein Lied von Singen" als sie dort ein Grundstück für ein Mädchenheim kaufte und es immer wieder niedergewalzt wurde, weil andere meinten, ihnen gehört das Land. Keine gute Atmosphäre für Handel - zu großes Risiko. Wenn das in Gana klappt ist das die Chance für das Land - genau so muss Globalisierung funktionieren: der Lebensstandard in China ist rasant gestiegen, damit auch die Gehälter und die Qualität der Ausbildung. Nun können die Chinesen mehr als nur Nähen und brauchen auch mehr, um zu leben ... In Gana können die Menschen nun mehr Geld mit dieser Arbeit - bei schlechter Ausbildung - verdienen, als irgendwo sonst im Land. Für uns ist das noch billig - so macht der Deal einen Sinn - und nur so sind Menschen und Länder bisher aus der Armut und unterentwicklung gekommen. Eitle Empörung, dass man ihnen doch mehr Geld schenken sollte (nur nicht das eigene ;) ist fehl am Platz. Das was die Milliarden an Spenden und Wohltaten erreicht haben, war unmündigkeit und auf Dauer abhänig zu sein.
3.
Jochen Binikowski 09.12.2012
2 Cent Nettoverdienst pro Kittel - Das hat mit Wirtschaft nichts zu tun sondern ist eine selbstverschuldete Wertschöpfungs - Abwärtsspirale. Mir ist schleierhaft wieso Regierungen in Entwicklungsländern so etwas zulassen. Es hat schon seinen Grund warum Schwellenländer wie China massiv die Mindestlöhne erhöhen. Billigs-Textilproduktion ist auch für den Staat und die Gesellschaft ein klares Minusgeschäft da die Umweltschäden, Brandkatastrophen, Erkrankungen der Arbeiter usw. nicht in die Kostenkalkulation einfliessen. Erfolgversprechender wäre es wenn Ghana & Co. einen Teil der Entwicklungshilfe dazu nutzen z.B. internationale Top-Designer und Marketing Experten zu engagieren und eigenständige Labels entwickeln. Das hat zwar keine Erfolgsgarantie, ist aber auf jeden Fall den Versuch wert. Im Erfolgsfall kann die Fabrik dann nämlich 500 Dollar im Monat Lohn zahlen und statt 2 Cent 5 Dollar pro Teil verdienen.
4. was würde eine Jeanshose welche...
tart 09.12.2012
..in Deutschland produziert wird kosten? ich wette der Unterschied ist nicht soooo gross. zudem würden die Transportkosten wegfallen und die Kapitalbindung während des Transports. Bei einen Verkaufspreis von 100 euro für markenjeans wündert es mich das wegen 1-2 euro produktionskosten soviel wind gemacht wird.
5. bald ist der tag erreicht, an dem...
spargel_tarzan 09.12.2012
Zitat von sysopAsien? Viel zu teuer! Auf der ewigen Suche nach dem billigsten Produktionsstandort haben die Textilkonzerne inzwischen westafrikanische Staaten wie Ghana für sich entdeckt. Die Löhne betragen ein Drittel von denen in China - und die Ware ist zehn Tage schneller in den Läden. Kleidungshersteller lassen kostengünstig in Afrika produzieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kleidungshersteller-lassen-kostenguenstig-in-afrika-produzieren-a-871519.html)
nur dort produziert wird, wo der arbeiter für seinen arbeitsplatz bezahlt. und das ende der profitfahnenstange ist dann erreicht wo jeder in heimarbeit sich seine kleidung selbst herstellen muß und dafür an den hersteller seiner wahl den preis dafür bezahlt. dies wird dann als der gipfel einer ökologischen weltrevoluzion gefeiert.
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