Kleinaktionäre auf Hauptversammlungen "Alternative zur Kaffeefahrt"

Bei Daimler klauen sie Würstchen, anderswo protestieren sie gegen mieses Catering. Auf Hauptversammlungen genießen Kleinaktionäre ihre Macht. Eindrücke vom Dividendenbüfett.

Verena Brandt

Ein Interview von Ann-Kathrin Terfurth


Ein Mann im hellblauem Sakko, die grauen Haare sorgsam zurückgekämmt, den Gehstock unter den Arm geklemmt, steht bei der Lufthansa Hauptversammlung am Büfett. Er beäugt kritisch das Angebot.

Man kennt sich am Büfett, geredet wird trotzdem wenig. Höchstens sind Gespräche über Anlagetipps zu belauschen. Für Außenstehende wirkt die Welt der Kleinaktionäre wie ein Mikrokosmos mit eigenen Regeln. Bereits der Besitz einer einzigen Aktie reicht, um eine Eintrittskarte zu ergattern.

Die Journalistin Nadine Schmid und die Fotografin Verena Brandt wollten sich von dieser mysteriösen Welt nicht ausschließen lassen. Ein Jahr lang sind sie durch Deutschland gereist, haben beobachtet, sind ins Gespräch gekommen - und haben sich durchaus amüsiert. Ihre Eindrücke haben sie im Bildband Dividendenbüfett festgehalten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Brandt, auf der Aktionärsversammlung bei Daimler ist ein Streit um Würstchen entflammt, wundert Sie das?

Brandt: Es amüsiert mich, wundern tut es mich nicht. Es gibt einige Aktionäre, die nur kommen, um sich am Büfett zu bedienen. Für sie ist die Hauptversammlung eine Alternative zur Kaffeefahrt. Streit kann da schon vorkommen. Wir haben einen Kleinaktionär erlebt, der seine Redezeit dazu benutzt hat, sich darüber zu beschweren, dass das Büfett nicht dem Standard des Vorjahres entsprach.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Aktionäre kommen jedes Jahr wieder?

Brandt: Für viele sind die Versammlungen schon Tradition. Sie sind zuverlässige Stammbesucher. Einige planen ihren Frühsommer sogar um Dutzende dieser Veranstaltungen herum. Bei Beate Uhse in Flensburg haben wir ein Paar getroffen, das seinen Jahresurlaub darauf ausgerichtet hatte: Erst die Hauptversammlung, danach Ferien in Dänemark.

SPIEGEL ONLINE: Was für Menschen sind Sie auf Ihrer Reise begegnet?

Brandt: Vielen verschiedenen, verallgemeinern kann man das nicht. Es gibt die schon erwähnten Kleinaktionäre, die mit Tupperdosen anreisen und sich ihre Taschen mit Präsenten voll packen. Wir haben "Aktiensportler" getroffen. Die halten sich für die absoluten Experten, wollen ihr vermeintliches Insiderwissen mit jedem teilen und glauben sich voll im Bilde über das Unternehmen. Aber es gibt auch jene, die kommen, um ihrem Unternehmen auf die Finger zu gucken. Nach dem Motto: "Die sollen ruhig wissen, dass wir nicht mit allem einverstanden sind!"

SPIEGEL ONLINE: Können die Aktionäre überhaupt Einfluss nehmen?

Brandt: Theoretisch schon. Bei den Hauptversammlungen soll ganz oben auf ganz unten treffen, und das auf Augenhöhe. Doch in der Praxis können die kleinen Aktionäre kaum konkret Einfluss nehmen. Sie besitzen so wenige Aktien, dass sie überstimmt werden. Ihnen bleibt nur das Rederecht - aber ob diese Form der Öffentlichkeit immer effektiv ist, ist auch fraglich. Man merkt manchen Vorständen an, dass es für sie nur eine lästige Pflichtveranstaltung ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aktionärsversammlung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Brandt: Die Veranstaltung bei Beate Uhse in Flensburg war schon sehr skurril. Da grinsen einen halbnackte Frauen von Plakaten an und davor wird ganz nüchtern über Gewinnentwicklungen diskutiert - absurd.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in dem einen Jahr auf vielen Versammlungen, haben Sie manche Gesichter wiedererkannt?

Brandt: Ja, es scheint so, als würden einige Aktionäre von Versammlung zu Versammlung reisen. Manche kennen sich auch untereinander. Richtige Bekanntschaften gibt es aber selten. Vorwiegend kommen eher ältere Menschen zu den Treffen, da sie während der Woche stattfinden, und die gehen lieber ihre eigenen Wege. Zu uns haben viele gesagt: "Ich bin anders als die anderen. Ich habe mit denen nichts zu tun." Es war ihnen anscheinend wichtig, sich von den anderen abzugrenzen.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Absurdeste, was Sie erlebt haben?

Brandt: Bei der Hauptversammlung der Halloren Schokoladenfabrik hat ein Mann nach und nach in aller Ruhe Bruchschokolade vom Tablett in die Innentasche seines Sakkos manövriert. Danach hat er den Chocolatier gefragt, bei welcher Temperatur Schokolade schmilzt. Offensichtlich nicht ohne Grund.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Ringmodulation 08.04.2016
1. Bei Daimler klauen sie Würstchen
Den Rassismus hat man uns ausgetrieben mit dem Imperativ "Nicht unzulässig verallgemeinern!". Nun bitte mal diesen Artikel, samt Abrisstext, lesen unter folgenden Wortersetzungen: "Flüchtling" statt "(Klein)aktionär", "Büfett" durch "unser Wohlstand". Wie war nochmal der Filmtitel mit China und den Hunden?
Greggi 08.04.2016
2. Na ja ...
wenn die Aktionäre (bin ja "Eigentümer") sich ein Schild um den Hals hängen müssten, ob eine oder tausend Aktien ihr Eigen ist, hätte sich das Thema erledigt. Und die Kaffeefahrten-Anbieter für Rheumadecken und Angora-Unterwäsche würden Hurra schreien. Wieder was gespart und die Dividende kann erhöht werden. Für Deutsche Bank & Co.
schlamassel_hoch_12 08.04.2016
3. Daimler ist einfach nicht kreativ
Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten: 1.) Dividenden nur noch in Form von Würstchen zahlen 2.) Würstchen-Vorzugsaktien rausgeben: kein Stimmrecht, aber mehr Würstchen + Senf + Brötchen 3.) einen Würstchen-Aufsichtsrat berufen. Peter Altmaier böte sich an, wenn dereinst die Bundestagswürstchen alle sind. und, und, und.... Wenn es Würstchen sind, was die Aktionäre wollen, sollen sie auch nichts anderes bekommen als Würstchen.
brooklyner 08.04.2016
4.
Ein alter Freund schenkte mir einmal eine Stuttgarter Hofbräu Aktie, die eigentlich nur als Eintrittskarte zur Aktionärsversammlung taugte. Dort waren dann viele Aktionäre, die genau eine Aktie besassen, um dem Gerstensaft zu frönen, der dort ausgeschenkt wurde. War lustig. Aber sehr nette Fotostrecke.
frank_hamatschek 08.04.2016
5.
Zitat von RingmodulationDen Rassismus hat man uns ausgetrieben mit dem Imperativ "Nicht unzulässig verallgemeinern!". Nun bitte mal diesen Artikel, samt Abrisstext, lesen unter folgenden Wortersetzungen: "Flüchtling" statt "(Klein)aktionär", "Büfett" durch "unser Wohlstand". Wie war nochmal der Filmtitel mit China und den Hunden?
Genau so ist es - da wird über DIE Aktionäre hergezogen. Das können eigentlich nur Leute machen, die keine Ahnung vom Aktionär haben, weil sie selbst auch keine Aktien haben und sich kaum dafür interessieren!
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