Klimagipfel in Kopenhagen Umweltaktivisten geißeln Lobbyisten

Die Industrie hat zu viel versteckten Einfluss auf den Klimagipfel in Kopenhagen - das glauben zumindest zahlreiche Umweltschützer. Deswegen stellen sie die größten Strippenzieher mit einer Negativ-Auszeichnung öffentlichkeitswirksam an den Pranger.

AFP

Aus Kopenhagen berichtet


Wenn sie doch immer so leicht zu erkennen wären: Turmhohe schwarze Hüte haben die drei Herren auf, die Dame trägt einen Pelzkragen mit funkelnder Brosche. Und sie werfen mit Geld um sich, der ganze Boden ist schon voll davon. Dollarscheine quellen aus ihren Taschen und Kragen. "Rettet unsere Subventionen", steht auf einem Schild, das die Gruppe trägt - und: "Fossile Energien für immer." Nein, so dreist ist niemand, der es ernst meint. Aktivisten des Umweltbündnisses Avaaz machen auf dem Klimagipfel in Kopenhagen Front gegen Interessenvertreter der Industrie, die ihrer Meinung nach den Erfolg des Treffens behindern.

"Tausende und Abertausende Lobbyisten sind mittlerweile an den Verhandlungen beteiligt", beklagt Paul de Clerck vom Umweltbündnis Friends of the Earth. "Wir wollen der Öffentlichkeit und den Delegierten hier auf dem Gipfel zeigen, wie diese Lobbyisten die Verhandlungen beeinflussen und gute Lösungen verhindern." Um Sünder gezielt an den Pranger zu stellen, hat sich de Clercks Organisation deshalb mit anderen Partnern zusammengetan - darunter Attac Dänemark und das Corporate Europe Observatory. Das Bündnis hat eine Negativ-Auszeichnung geschaffen für Firmen und Verbände, die für den Verlauf der internationalen Klimaverhandlungen eine besonders problematische Rolle gespielt haben.

"Wütende Meerjungfrau" heißt der Preis, in Anspielung auf das Kopenhagener Wahrzeichen, die Kleine Meerjungfrau. Das Denkmal an der Uferpromenade der Langelinie erinnert an eine Erzählung von Hans-Christian Andersen - und soll diesmal als Symbol im Kampf der Aktivisten gegen die Geschäftsinteressen herhalten. Rund 10.000 Menschen hatten sich an einer Abstimmung beteiligt, welche Firma oder welcher Verband die wenig schmeichelhafte Ehrung bekommen soll. Die meisten Stimmen wurden online angegeben, aber auch auf dem Klimagipfel und der Alternativ-Veranstaltung Klimaforum am Kopenhagener Hauptbahnhof konnten sich Interessierte beteiligen.

Monsanto-Saatgut könnte als "klimafreundlich" eingestuft werden

Zur Auswahl standen acht Kandidaten, die die Organisatoren zuvor aus zwei Dutzend Einsendungen ausgewählt hatten. Die zweifelhafte Ehre des Sieges wurde schließlich dem Saatgutriesen Monsanto Chart zeigen zuteil, einem alten Bekannten vieler Umweltschützer und Globalisierungskritiker. Die Firma propagiere ihr umstrittenes genverändertes Saatgut nicht nur als Antwort auf den Hunger der Welt, sondern mittlerweile auch als Waffe im Kampf gegen den Klimawandel - vollkommen zu Unrecht, wie die Umweltschützer beklagen.

Besonders sauer stößt ihnen auf, dass Monsantos "RoundupReady"-Soja durch mehr als zehnjährige Lobbyarbeit die Anerkennung als "klimafreundliche Kultur" bekommen könnte. Das bedeutet, dass Firmen für den Anbau des Saatguts schon bald CO2-Zertifikate erhalten könnten, die sich dann verkaufen ließen. Hintergrund ist, dass der Boden beim Anbau nicht mehr mühselig gepflügt werden muss, wodurch gebundener Kohlenstoff frei würde. Mit Hilfe der Zertifikate ließe sich zum Beispiel Biosprit mit mehr als einer zweifelhaften Ökobilanz grünwaschen. Dabei drohten für die Monokulturen große Waldflächen geopfert zu werden, vor allem in Lateinamerika. Außerdem kämen beim Anbau des Monsanto-Saatguts oft große Mengen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, kritisieren die Umweltschützer.

Auf den weiteren Plätzen der Abstimmung folgten der Ölkonzern Shell (unter anderem wegen seiner Investitionen in die ökologisch problematische Förderung von Teersanden) und die Lobbygruppe American Petroleum Institute (unter anderem, weil das Bündnis die Mitarbeiter seiner 400 Mitgliedsfirmen aufgerufen hatte, gezielt gegen das Klimagesetz Front zu machen - und sich dabei als einfache Bürger auszugeben). Das Petroleum Institute ist auch einer der entscheidenden Gegner des Klimaschutzgesetzes, das derzeit im US-Senat umkämpft ist. Keine der drei Firmen wollte sich nach Angaben der Organisatoren zu der Kritik der Aktivisten äußern.

Freilich spielen längst nicht alle Industrievertreter eine ähnlich problematische Rolle auf dem Klimagipfel. Es gab Zeiten, da waren die Frontlinien deutlich vorhersehbarer: Aktivisten machten sich für den Schutz der Umwelt stark, Unternehmen und deren Interessenvertretern blieb währenddessen die Rolle der Fieslinge, die aus Profitinteresse die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährden.

Umweltschützer würden gern drastischer vorgehen

Mittlerweile ist die Unterscheidung längst nicht mehr so einfach - und sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) macht sich für ein ambitioniertes Klimaabkommen stark: "Der Klimaschutz kann wirkungsvoll nur auf weltweiter Ebene vorangebracht werden. Das erfordert auf der Klimakonferenz in Kopenhagen Anstrengungen aller Beteiligten", erklärte die BDI-Führung zum Gipfel. Gleichzeitig scheuen Konzerne wie Siemens Chart zeigen oder Coca-Cola Chart zeigen keine Kosten und Mühen, um sich in der Gipfelstadt, die sie PR-technisch perfekt in "Hopenhagen" umbenannt haben, mit einem grünen Image zu präsentieren.

Das macht allerdings einige Umweltaktivisten wütend. "Die unglaubliche Macht der Firmen hat dafür gesorgt, die echten Lösungen von der Tagesordnung zu halten", beklagt Naomi Klein. Die kanadische Journalistin und Buchautorin ("Die Schock-Strategie", "No Logo") gab die Preisträger des "Wütende Meerjungfrau"-Preises in Kopenhagen bekannt. "Es gibt hier endlose Sitzungen, wie sich Entwicklungsländer an den Klimawandel anpassen sollen. Aber kaum einmal wird darüber gesprochen, wie Firmen ihr Verhalten ändern müssen", beklagt Klein, eine Ikone der globalisierungskritischen Bewegung.

Auf dem Klimagipfel würden die Umweltschützer gern noch drastischer gegen problematische Lobbyisten vorgehen - doch strenge Regeln legen ihnen Fesseln an. "Wir dürfen keine Materialien hier hereinbringen, die Firmen direkt kritisieren", sagt Umweltschützer Paul de Clerck im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Uno will nicht, dass Nichtregierungsorganisationen das tun." Sogar die große Puppe einer wütenden Meerjungfrau habe man wegen firmenkritischer Aufdrucke nicht mit zur Preisverleihung bringen dürfen. Doch etwas ist den wachsamen Türstehern offenbar entgangen. Es ist de Clercks schwarzes T-Shirt. Darauf ist klar und deutlich eine grimmige weiße Meerjungfrau zu sehen.



insgesamt 4342 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.