Klimaschutz BDI macht Vorschläge für industriefreundliche Energiewende

Deutschlands mächtigster Industrieverband geht in die Vorwärtsverteidigung. Nach SPIEGEL-Informationen hat der BDI umfassende Empfehlungen für eine industriefreundliche Klimapolitik gesammelt.

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Den Klimaschutz vorantreiben und gleichzeitig den Industriestandort Deutschland stärken - das ist einer der größten Widersprüche, mit denen sich die kommende Regierung befassen muss. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gibt der Politik nun nicht ganz uneigennützig Unterstützung.

In den kommenden Tagen wollen die Lobbyisten umfassende Vorschläge vorlegen, wie die deutschen Klimaziele erreicht werden können, ohne dass die Industrie darunter leidet. Die Empfehlungen gehen aus einer Studie hervor, die von der Boston Consulting Group (BCG) und dem Institut Prognos für den BDI erstellt wurde. Ein Entwurf dieses Papiers liegt dem SPIEGEL vor.

Eine zentrale Rolle beim Konzept eines industriefreundlichen Klimaschutzes spielen demnach alternative Lösungen für die oft sehr energieintensive Herstellung von industriellen Grundstoffen. Nötig sei daher eine gezielte Förderung von Zukunftstechnologien wie die Herstellung von Brenn- und Treibstoffen sowie Chemikalien mittels Ökostrom, schreibt der BDI.

Es sollte zudem mehr Anreize für energieintensive Industrien geben, ihre Produktion in Zeiträume zu verlagern, in denen Wind- und Solaranlagen gerade besonders viel Strom zur Verfügung stellen, fordert der BDI.

Der BDI versucht, sich neu zu erfinden - ein bisschen

Die Politik sollte zudem dafür sorgen, dass Investitionen von Unternehmen in energieeffiziente Technologien sich betriebswirtschaftlich rechnen, heißt es in dem Papier weiter. Entsprechende Projekte sollten steuerlich besser abgeschrieben werden können. Die Erforschung und Entwicklung solcher Technologien sollte stärker gefördert werden.

Das BDI-Papier zeigt, wie sich Deutschlands mächtigster Industrieverband darum bemüht, seine politische Rolle neu zu definieren. Bislang hatte der BDI vor allem gemahnt, den Industriestandort Deutschland nicht durch allzu viel Klimaschutz zu gefährden.

In dem aktuellen Papier heißt es dagegen nur, man müsse den "Erhalt industrieller Wertschöpfung als gleichgewichtetes Ziel neben dem Klimaschutz" begreifen. "Investitionen in den Klimaschutz sind Investitionen in eine zukunftsfähige Infrastruktur", schreibt der Verband. "Bei effizienter Umsetzung können diese zugleich langfristig Vorteile für den Industriestandort bringen."

Ganz kann sich der BDI allerdings noch nicht von seiner alten Rolle lösen. So finden sich in dem Papier neben allerlei konstruktiven Vorschlägen nach wie vor auch Forderungen, Deutschlands Ambitionen im Klimaschutz zu mäßigen. Die deutsche Regierung müsse sich auf internationaler Ebene dafür einsetzen, dass auch andere Staaten ihre Klimapolitik ehrgeizig voranbringen, schreibt der Verband zum Beispiel. Sollte dies nicht möglich sein, müsse auch Deutschland bei den eigenen Klimazielen einen Gang herunterschalten, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie nicht zu gefährden.

Der BDI empfiehlt auch, die Bundesregierung solle das Ziel, den eigenen CO2-Ausstoß bis zur Mitte des Jahrhunderts um 95 Prozent zu reduzieren, besser gleich aufgeben. Die dafür nötigen gesellschaftlichen und industriepolitischen Einschnitte seien einfach zu groß.



insgesamt 137 Beiträge
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sekundo 17.01.2018
1. Das sieht denen ähnlich!
Der Leute vom BDI sollten sich dringend mit den neoliberalen Turbo-Kapitalisten der FDP zusammentun und putschen. Unter Auslassung von Umweltfragen und sozialen Aspekten bekommen wir dann endlich eine Politik nach Industriellen-Gusto!
darthmax 17.01.2018
2. Energieintensive Industrie
muss einfach aus Beutschland in andere Länder verlagert werden und schon brauchen wir weniger Energie. Muiss die Produktion von Aluminium denn nun wirklich in Deutschland stattfinden ? Stahl ? Chemie ? Die können doch gleich in die Schwellenländer umziehen, wo deren Produkte auch stärker in der weiteren Produktion verlangt werden. Die Arbeitsplätze gehen verloren, ein Problem der Gewerkschaften, entstehen aber an anderer Stelle neu. Ob bei der Verlagerung ( die schon jetzt laufend stattfindet ) die Gesamtsituation Klima verbessert wird darf natürlich in Frage gestellt werden.
rkinfo 17.01.2018
3. BDI = purer Realismus ;-)
Das aktuelle Energiekonzept ist konfus und produziert überflüssigerweise sogar unnötig CO2, weil wird Kohlekraftwerke als systemrelevante Reserve parallel zum Ökostrom betreiben. Nimmt man für 2050 40 Mio. E-Autos à 50 kWh Akku mit 8a Lebensdauer könnte man jene noch weitere 2a als Stromspeicher à 25 kWh netto/Zyklus einsetzen. Ergibt 10 Mio. Akkus à 25 kWh = 250 GWh, womit man das Stromnetz 5h voll puffern oder 1/4 des Netz 20h unterstützen könnten ... bescheiden! Daher benötigen wir sehr viel mehr EE-Kraftwerke als Verbrauch vorliegt und den Fokus auf Mindesteinspeiseleistung statt Volllaststunden leben. Dann haben wir plötzlich 200-300 GW PV und 150-200 GW Windkraft, die meist keine Abnehmer hätten. Power-to-Gas Anlagen könnte sich daraus nur zu 1/3 des Jahres bedienen, denn der Rest ist ineffizient. Bei allerdings 35-50 GW fossilen Kraftwerken in KWK und mit kanadischer CCS-Abschiedetechnik könnten wird diese Kraftwerke mit 1/3 Rest-CO2 und massiver Minderung des CO2 aus Heizungen betrieben. Die obigen Batterie-Stromspeicher hätten etwa doppelte Nutzungszeiten und wir könnten Power-To-Gas nahezu ganzjährig betreiben. Das Konzept überfordert aber Politiker bis viele Bürger ;-)
joG 17.01.2018
4. Leider ist der Bevölkerung....
....weitgehend unklar, wie groß die Einschnitte in die Lebensgewohnheiten sein werden, wenn wir rasch also bei heutiger Technologie umsteigen auf Karbonneutralität. Und das ist bei einem technologischen Stand, der wesentlich weiter ist als damals, als man hier Bush angriff, weil er lieber weiter forschen lassen wollte als ineffiziente Technologien aufzubauen. Es ist ja nicht ohne Grund, dass Deutschland seine Ziele nicht erreicht, obwohl das Land verhältnismäßig dicht bevölkert und politisch entwickelt ist. Man konnte nicht einmal die politische Kraft aufbringen das einzige wirklich effiziente Instrument des Zertifikatshandels anders einzusetzen denn zur Subvention. Man weiß, dass die Wähler rebellieren, wenn sie nicht mehr Fleisch auf dem Tisch sich leisten können oder zum Urlaub in ihr Haus im Süden fliegen können.
bennic 17.01.2018
5. Umwelt zuerst!
Mittlerweile müsste eigentlich jedem halbwegs gebildeten Menschen klar sein, dass die Zerstörung unserer Umwelt und die globale Erwärmung nur dann abgewendet werden können, wenn wir der Erde und der Umwelt Prio. Nr. 1 geben. Ansonsten bleiben diese Industriestudien und auch die deutsche Umweltpolitik Gedankenspiele und später wundern sich dann alle, warum es schief gegangen ist. Arbeitsplätze wird es nur dann noch geben, wenn das Ökosystem nicht zusammengebrochen ist...
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