Klimaökonom Nicholas Stern "Ich will keine Zimmertemperatur von 30 Grad"

Nicholas Stern warnte als erster Ökonom mit konkreten Zahlen vor den Folgen des Klimawandels. Trotz aller Rückschläge glaubt Stern noch immer an eine Lösung über die Marktwirtschaft - und an den deutschen Erfindergeist.

Kraftwerk in Brandenburg: "Es sollte einen Mindestpreis für CO2 geben"
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Berlin - Eine wissenschaftliche Arbeit mit Hunderten Seiten voller komplizierter Formeln: Das ist eigentlich nicht der Stoff, aus dem Schlagzeilen gemacht werden. Beim Report des Wissenschaftlers Nicholas Stern war das anders. Im Auftrag der britischen Regierung legte der frühere Weltbank-Ökonom 2006 den alarmierenden Bericht zu den Folgen des Klimawandels vor.

Sterns Berechnungen zufolge drohen der Menschheit durch die Erderwärmung Schäden in Höhe von bis zu einem Fünftel der jährlichen Wirtschaftsleistung. Doch es gab auch eine gute Nachricht: Jährliche Ausgaben von rund einem Prozent sollten genügen, um den Anstieg der Temperaturen zu begrenzen. Der Kampf gegen den Klimawandel erschien damit auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll.

Zur Person
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    Nicholas Stern wurde als Sohn eines vor dem NS-Regime geflohenen Sozialisten 1946 in London geboren. Nach dem Studium in Oxford und Cambridge war er Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und der Weltbank. Heute lehrt Stern an der London School of Economics und berät die britische Regierung.
Neuere Studien, wie der jüngste Bericht des Weltklimarates, sind in ihren Prognosen allerdings deutlich zurückhaltender, als Stern es war. Zugleich hat sich Sterns Hoffnung bislang nicht erfüllt, den Klimawandel durch Marktmechanismen in den Griff zu bekommen. Die Europäische Union führte zwar ein Handelssystem ein, in dem Unternehmen für ihre Treibhausgasemissionen Zertifikate erwerben mussten. Doch weil zu viele Verschmutzungsrechte auf dem Markt sind und die Industrie sich erfolgreich gegen Verschärfungen stemmt, funktioniert das System nicht wie geplant.

Nun ist Stern nach Deutschland gekommen, um bei hochrangigen Politikern und Wirtschaftsvertretern für einen neuen Bericht zu werben. Verfasst wurde er von der Global Commission on the Economy and Climate, die Stern gemeinsam mit dem mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón leitet. Einmal mehr mahnen die Autoren zu dringendem Handeln: In den kommenden 15 Jahren seien Investitionen in Höhe von rund 90 Billionen Dollar geplant, die im Sinne des Klimaschutzes eingesetzt werden müssten.

SPIEGEL ONLINE: Sir Nicholas, vor acht Jahren mahnten Sie die Welt mit dramatischen Prognosen zum Handeln gegen den Klimawandel. Wenn Sie sich heute umschauen: Haben Sie vergeblich gewarnt?

Stern: Nein, viel hat sich verändert - aber nicht annähernd schnell genug. Die Technologie hat sich rasant entwickelt. Eine Solarzelle kostet heute zum Beispiel nur noch ein Bruchteil des damaligen Preises. Das ist durch politische Entscheidungen gelungen, und Deutschland war dabei führend.

SPIEGEL ONLINE: Aber wegen der sinkenden Preise sind die meisten deutschen Solarfirmen mittlerweile im Konkurrenzkampf mit China gescheitert. Das Versprechen Ihres ersten Reports, dass der Kampf gegen den Klimawandel auch eine Geschäftschance ist, hat sich für sie nicht erfüllt. Zugleich haben viele Verbraucher in Deutschland das Gefühl, dass vor allem sie die Energiewende finanzieren. Haben wir hier zu viel oder zu wenig Markt?

Stern: Es ist sehr wichtig, dass Marktmechanismen funktionieren. Das geht nicht ohne die richtigen staatliche Vorgaben, vor allem für den CO2-Preis, den Unternehmen für ihren Schadstoffausstoß zahlen müssen. Hier war die Politik bislang nicht glaubwürdig genug.

SPIEGEL ONLINE: Der CO2-Preis sollte in der EU ursprünglich bei 30 Euro pro Tonne liegen, mittlerweile ist er unter fünf Euro gefallen. Wie kann das sein?

Stern: Man muss kein Professor an der London School of Economics sein, um zu sehen, dass das etwas mit dem Angebot zu tun hat. Es gibt zu viele Zertifikate, die hätte man während der Rezession reduzieren müssen. Um das Vertrauen zu erhöhen, sollte es einen Mindestpreis geben - wie wir ihn in Großbritannien seit 2013 haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Report betont die Bedeutung von Innovationen. Welche Erfindung brauchen wir im Kampf gegen den Klimawandel am dringendsten?

Stern: Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte, wäre das: bessere Energiespeicher. Aber es gibt so viele wichtige Entwicklungen, zum Beispiel intelligente Netze oder Niedrigenergiehäuser. Die meisten dieser Innovationen sind erst in den letzten sieben, acht Jahren entstanden. Das ist eine große Chance, gerade für Deutschland - denn ihr seid gut bei solchen Sachen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt allerdings die berechtigte Sorge vor einem Rebound-Effekt: Jede technologische Verbesserung wird durch erhöhten Verbrauch gleich wieder zunichtegemacht.

Stern: Es gibt diese Effekte, aber sie sind bescheiden. Nur weil mein Haus effizient ist, will ich keine Zimmertemperatur von 30 Grad haben. Und wie viel zusätzliche Zeit will ich wohl in meinem effizienteren Auto verbringen?

SPIEGEL ONLINE: Aber reichen Innovationen und freiwillige Entscheidungen? Vielleicht geht es angesichts der akuten Bedrohung durch den Klimawandel ja nur mit mehr Vorschriften.

Stern: Aber nicht, um den Menschen zu diktieren, was sie tun sollen. Vorschriften sind eine Möglichkeit, Innovationen zu fördern und bessere Märkte zu schaffen. Ich verstehe mich als entschiedenen Befürworter des Marktes. Seine Gegner sind jene, die das Versagen des Marktes zulassen - in Form von steigenden CO2-Emissionen, die nichts kosten. Wir würden den Leuten ja auch nicht erlauben, ihren Müll umsonst auf die Straße zu kippen.



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