Streit über Behandlungsfehler Kliniklobby zerpflückt Todesfälle-Report der AOK

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft attackiert die AOK für deren Report über Behandlungsfehler. Die Zahl von 19.000 vermeidbaren Sterbefällen sei maßlos übertrieben, das Verhalten der Kasse ungeheuerlich. Die verteidigt sich mit einer "Faustformel".

OP-Team: AOK und Kliniklobby streiten über Zahl von tödlichen Behandlungsfehlern
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OP-Team: AOK und Kliniklobby streiten über Zahl von tödlichen Behandlungsfehlern

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Hamburg - "Tendenziöse Darstellung", "unwissenschaftlich", "nicht belegte Vorwürfe": Der Krankenhausreport der AOK stößt beim Lobbyverband der Kliniken auf massive Kritik. "Was die AOK da macht, ist ungeheuerlich", sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Alfred Dänzer, SPIEGEL ONLINE. "So dürfen die Kassen mit den Kliniken nicht umgehen."

Hintergrund des Ärgers ist vor allem eine Zahl: Laut dem AOK-Report sterben jährlich 19.000 Klinikpatienten durch vermeidbare Behandlungsfehler. In einem Rundschreiben, das am Freitag veröffentlicht wird, bezeichnet die DKG die Zahl als "nicht nachzuvollziehen und in Zehnerpotenzen überschätzt".

Die Krankenkasse leitet die Zahl in ihrem Report wie folgt her: Bei rund 19 Millionen Klinikfällen im Jahr könne eine "Größenordnung von einem Prozent Behandlungsfehler und 0,1 Prozent Todesfälle, die auf Fehler zurückgehen, angenommen werden". Die daraus errechneten 19.000 Todesfälle wären fünfmal so viele wie im Straßenverkehr.

Die DKG hält das für maßlos überschätzt und zweifelt die Datenbasis der AOK an. In dem neunseitigen Rundschreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es, die Annahme beruhe auf Analysen aus dem Jahr 2007. "Die zugrunde liegenden Daten sind rund 10 Jahre alt." Seitdem habe sich die Bedeutung des klinischen Risikomanagements völlig verändert, zahlreiche Maßnahmen zur Risikominimierung seien eingeführt worden. "Die Annahmen haben daher heute keine Gültigkeit mehr."

Die DKG nennt auch eigene Zahlen aus dem Jahr 2012: Demnach haben Ärztekammern und der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) 4862 Behandlungsfehler gutachtlich festgestellt. Etwa 70 Prozent dieser Fehler sind im Krankenhaus entstanden. Bei einer Rate von Todesfällen nach Behandlungsfehlern von 3,6 Prozent kommt die DKG auf 122 Todesfälle im Jahr 2012. Weiter heißt es in dem Rundschreiben: "Selbst unter der Annahme einer Dunkelziffer von Behandlungsfehlern kommt man bei weitem nicht auf die von der AOK genannten 19.000 Toten."

AOK nennt Empörung "schwer nachvollziehbar"

Die AOK weist die Kritik zurück, nennt aber auf Nachfrage nur Schätzungen als Datengrundlage. Ein Sprecher teilte mit, im Report werde eine seit Jahren bekannte "Faustformel" verwendet. Die Schätzung stamme aus einer Analyse des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) und sei bereits 2007 ins Sachverständigengutachten eingeflossen. "Für uns gibt es keinen Grund, die Datenbasis anzuzweifeln", sagte der AOK-Sprecher. "Die Empörung über die Nennung dieser Zahlen ist schwer nachvollziehbar." Ziel des Reports sei es, zu beschreiben, wie die Patientensicherheit im Krankenhaus gestärkt werden kann. "Dazu gehören auch ein offener Umgang mit Fehlern und die ehrliche Abschätzung von Risiken", so der Sprecher.

Wie aber kommt nun die Differenz von 19.000 Todesfällen aus der AOK-Schätzung und 122 aus den offiziellen MDK-Zahlen zustande? Klar ist, dass die Dunkelziffer bei Behandlungsfehlern hoch ist. Den Fehler eines Arztes zu beweisen, ist für Patienten nicht einfach. Für die tatsächliche Zahl der Pannen gibt es nur grobe Schätzungen. Das Gesundheitsministerium etwa ging 2012 von einer Spanne von 40.000 bis 170.000 Behandlungsfehlern pro Jahr aus.

Konkret für Unmut bei der DKG sorgte aber nun, dass die Schätzung der AOK teilweise wie eine Tatsache aufgefasst wurde. Die Kliniklobby kritisiert, die Kasse erwecke "den Eindruck, dass fehlende Patientensicherheit mit das größte Problem in den Krankenhäusern wäre. Dieser Eindruck ist falsch."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
quark@mailinator.com 24.01.2014
1. Piepegal
Ist doch egal, wieviele es genau sind. Jedenfalls offenbar mehr als die Opfer des deutschen Straßenverkehrs. Das kann man nun auf zwei Weisen sehen. Entweder man sagt, daß dies beim aktuellen Stand der Medizin und ihrer Finanzierung in der realen Welt unvermeidbar ist, oder es wäre eben doch vermeidbar. In letzterm Fall wären dann die Schuldigen auch haftbar zu machen. Doch da ist es wie oft bei der Polizei - Kollegen schützen sich gegenseitig. Und das ist es, was die Leute aufregt. Die genaue Zahl der Opfer ... zweitrangig. Laßt uns lieber am Problem arbeiten, statt abzulenken.
Vito.Andolini 24.01.2014
2. Unverschämtheit
Das Verhalten der AOK kann wirklich nur als unseriös und unverschämt bezeichnet werden. Ohne konkrete Tatsachengrundlage behauptet sie, daß die Klinikärzte jährlich 19.000 Patienten töten und bezeichnet dann die die Empörung der Ärzte als "schwer nachvollziehbar". Mit solchen Rechenspielchen und "Schätzungen" hilft man den Patienten überhaupt nicht. Vielmehr werden sie dadurch nur verunsichtert und verlieren jedes Vertrauen. Das dürfte ihre künftigen Behandlungen nicht gerade erleichtern und fördern. Im Übrigen sind nicht einmal die von dem MDK der Krankenkassen mitgeteilten Zahlen hinreichend belastbar. Denn dieser arbeitet im Interesse der Kassen und stellt oft genug Behandlungsfehler fest, die sich vor Gericht nicht bestätigen. Damit treiben sie die Patienten in unnötige Prozesse und verfälschen die Statistik. Und bevor hier Vermutungen angestellt werden: Nein, ich bin kein Arzt.
DirkBergmann 24.01.2014
3. Ja ja
Die Kliniklobby. Jeder weiß doch, dass schon Unterschiede zwischen Kassenpatienten und Privatpationten gemacht werden. Und da meine ich nicht die Einbettzimmer und die Chefarztbehandlung. Vielmehr Umfang und Qualitiät der Maßnahmen. Ist doch auch logisch. Wenn die Kassen nicht so viel bezahlen, dann wird eben weniger gemacht. Und wenn die Anzahl der Tage nicht bezahlt werden, dann müssen eben die Patienten eher nach Hause.
bohrendeworte 24.01.2014
4. Des Kaisers Bart
Wir brauchen eine Diskussion über Fehlermanagement in den Krankenhäusern. Vorbild sollte die Luftfahr sein. Über Zehnerpotenzen zu streiten ist nicht zielführend und daher überflüssig. Unstrittig ist, dass es in deutschen Kliniken keine angemessene Fehlerkultur gibt. Stattdessen Vertuschungsstrategien.
s.4mcro 24.01.2014
5. Behandlung in Kliniken
...jeder kennt eine oder zwei "berüchtigte" Kliniken, in die man besser nicht geht. Natürlich ist die "Lobby" nicht begeistert davon, dass dies öffentlich so hohe Zahlen zugeordnet bekommt, aber wen interessiert das außer die Lobby selbst!?
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