Angeblicher Antisemitismus Jüdischer Knauf-Mitarbeiter sieht sich diskriminiert

Hakenkreuz-Schmierereien, Hitlergrüße und Gewalt: Zehn Jahre lang sollen Mitarbeiter des deutschen Baustoffkonzerns Knauf einen jüdischen Kollegen gemobbt haben. Als Frédéric Menard die Schikanen der Unternehmensleitung meldete, wurde er gefeuert. Wegen Störung des Betriebsfriedens.

Frédéric Menard

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Am Anfang war es nur ein einziges Hakenkreuz. Aber bald prangten sie überall in der Fabrik des deutschen Konzerns: auf Frédéric Menards Spind, auf Spiegeln und sogar auf einem Ofen des Isolava-Gipsplattenwerks im belgischen Wielsbeke. Und auf eine Säule im Tochterbetrieb des fränkischen Baustoffmultis Knauf kritzelte jemand das "SS"-Logo. Zehn Jahre lang hat "Freddy, der Jude", wie seine Peiniger den französischen Arbeiter tituliert haben sollen, laut eigener Aussage alles fast wehrlos eingesteckt: die Schmierereien, die Hitlergrüße, die KZ-Witze und die Beleidigungen wie "dreckiger Jude" oder "Schuft", mit denen ihn zwei Kollegen und ein Vorgesetzter gemobbt haben sollen. Als sie dann gewalttätig geworden seien, hat Menard die Vorfälle gemeldet. Jetzt hat ihn die Firma gefeuert: Sie nennt ihn einen Störenfried.

Der Knauf-Generaldirektor für Belgien, Patrick Renard, verteidigt den Beschluss. "Wir sind ein multikulturelles Unternehmen", sagt der Manager auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Rassismus und Antisemitismus hätten bei Knauf keinen Platz. Menard sei ein "Unruhestifter" gewesen. "Er hatte große persönliche Probleme." Mehrmals sei er zu spät gekommen, "hatte Zehntausende Euro private Schulden und ständig Streit. Er hat überall Durcheinander verursacht". Man habe ihm die Versetzung in eine andere Fabrik angeboten, aber Menard habe abgelehnt. Für seine Antisemitismus-Vorwürfe gebe es "keine Beweise". Und zu den unübersehbaren Hakenkreuz-Schmierereien in der Fabrik erklärt Renard: "Einige Mitarbeiter sagen, Herr Menard habe das selbst gemacht."

Verfolgung oder Verfolgungswahn?

Haben Knauf-Mitarbeiter jahrelang ungehindert ihren jüdischen Kollegen schikaniert? Versuchen Manager des milliardenschweren Baustoffkonzerns nun alles unter den Tisch zu kehren? Oder sind es Hirngespinste eines enttäuschten, gefeuerten Mannes? Diese Frage müssen nun die Gerichte klären, vor denen Menard die Knauf-Tochter Isolava verklagen will: mithilfe einer der führenden jüdischen Organisationen Belgiens.

Es ist eine traurige, ja ungeheuerliche Geschichte, die der heute 44-Jährige über die Zustände bei der Knauf-Tochter erzählt. Sie beginnt 1998, als Menard als Aushilfe anheuert. Und seinen Glauben verleugnet, auf inständiges Bitten seiner jüdischen Mutter. "Sie hat gesagt: 'Leben wir versteckt, dann passiert uns nichts'", berichtet Menard im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sechs Jahre lang arbeitet er sich hoch bis zum Chefmechaniker, ohne Probleme mit Kollegen. Bis einer beim Umziehen das Davidstern-Amulett entdeckt, das Menard unter der Kleidung verborgen hat. Bald, so erzählt Menard, beginnen drei Mitarbeiter, ihn zu terrorisieren.

"Schau, das ist für die Juden und die Homos"

Nach dem Tod seiner Mutter outet sich Menard dann auch als Jude. Er schaltet einen Anwalt ein, der im Januar 2012 Knauf-Direktor Renard und der Knauf-Zentrale in Franken per Brief den Vorwurf antisemitischer Diskriminierungen schildert.

Im April 2013 sei ein Kollege ihm gegenüber handgreiflich geworden und habe ihm einen scharfen Spachtel an die Kehle gehalten. Ein anderes Mal habe der Vorgesetzte ein Cuttermesser vor ihm hin- und hergeschwenkt und gesagt: "Schau, das ist für die Juden und die Homos." Als ihm im April 2014 schließlich einer seiner Feinde mit bloßen Händen an die Gurgel gegangen sei, rief Menard die Polizei, verzichtete aber auf eine Anzeige, "weil ich die angespannte Situation nicht weiter aufheizen wollte". Danach schaltete er die Belgische Liga gegen Antisemitismus ein, eine der führenden jüdischen Organisationen im Land, ging mit ihren Vertretern zur Direktion und forderte die Entlassung seiner Peiniger. Aber am 18. Juni erhielt Menard selbst die Kündigung, weil "Sie konfliktgeladene Beziehungen mit einigen Ihrer Kollegen hatten und das gute Funktionieren des Unternehmens zerstörten", wie der Personalchef schrieb.

Knauf sieht sich als multikulturelles Unternehmen

Joël Rubinfeld ist empört. "Hier wird das Opfer bestraft und nicht die Täter", sagt der Präsident der Belgischen Liga gegen Antisemitismus (LBCA). Seine Organisation habe Menards Vorwürfe genau geprüft; "wir haben keine Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit". Das Knauf-Management indes sei radikal umgeschwenkt.

So schrieb der Isolava-Personalchef am 25. April an Menard: "Die Fakten mit den Beweisen […] haben uns komplett überrascht, und wir bestätigen Ihnen, dass wir Gegenmaßnahmen ergreifen werden." Am 4. Mai wandte sich Direktor Renard persönlich an den jüdischen Mitarbeiter: "Diese Situation […] ist inakzeptabel." Er habe ein "Treffen organisiert, um das Problem zu klären, und Gegenmaßnahmen sowie die notwendigen Präventionsmaßnahmen zu treffen". Danach kündigte Renard Menard per E-Mail an, er habe Zeugenaussagen über einen mutmaßlichen Hakenkreuz-Schmierer. Diesen erwarte nach Anhörung nun eine "Suspendierung". Auch der Vorgesetzte werde bestraft: wegen unterlassener Hilfe und weil er die Direktion nicht informiert habe. Noch wenige Tage vor der Entlassung versprach Renard seinem Angestellten Menard auf dessen Anrufbeantworter ein Treffen mit einem Mitglied der Eigentümerfamilie Knauf. Dieses kam nie zustande. Die Tonbandaufzeichnung und alle Dokumente liegen SPIEGEL ONLINE vor.

LBCA-Rechtsvertreter Christophe Goossens erklärt die abrupte Kehrtwende mit betriebswirtschaftlichen Motiven. "Für den Arbeitgeber ist es einfacher, das Opfer zu bestrafen. Der jüdische Störer ist weg, die Firma hat ihren Frieden." Renard bestreitet Goossens Vorwürfe. "Wir haben alles versucht, diesen Konflikt zu lösen." Aber Menard habe nicht mitgemacht.

"Dahin will ich auf keinen Fall zurück"

Und was sagt die deutsche Konzernzentrale? Der Fall sei ihm "nicht bekannt", schreibt Jörg Schanow, Mitglied der Geschäftsleitung der Knauf Gips KG, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Ich darf Ihnen jedoch versichern, dass jede Form von Diskriminierung gegen unseren Verhaltenskodex verstößt und von der Geschäftsleitung strikt abgelehnt wird." Er werde Rücksprache mit dem belgischen Direktorium halten.

Der arbeitslose Menard will nun das Management verklagen - mit Unterstützung der LBCA. Menard, der nach eigener Aussage vor Gericht Zeugen für mehrere Vorfälle präsentieren will, strebt Schadensersatz von Knauf an, nicht aber die Wiedereinstellung: "Dahin will ich auf keinen Fall zurück."

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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