Von Stefan Schultz
Hamburg - Wer durch ein altes Bilderalbum blättert, kann Momente seiner Vergangenheit neu durchleben. Doch Erinnerungen sind trügerisch. Es ist nicht gesund, wenn man ihnen zu ausgiebig nachhängt, wenn man die Vergangenheit zu lange gegen den Einbruch einer neuen Wirklichkeit verteidigt. Weder für Privatpersonen noch für Firmen.
Am Donnerstag hat der Kamerahersteller Kodak Insolvenz angemeldet, Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts. 132 Jahre, nachdem die Firma die erste Kamera für Endverbraucher auf den Markt brachte. Es ist das Ende eines langen Niedergangs. Die Geschichte eines Pioniers, der erst die Fotografie revolutionierte und dann selbst Opfer anderer Revolutionen wurde: Erst kam die Digitalisierung, dann der Siegeszug der Fotohandys. Beides machte Kodaks Geschäftsmodell obsolet, ließ die Umsätze der US-Firma verblassen wie ein altes Foto.
Kodaks Niedergang ist kein Ausnahmefall. Die gleichen Kräfte der Veränderung, die bei Kodak wirken, haben Internet-Pioniere wie Lycos weggewischt; sie bedrohen die Existenz von Yahoo, Blackberry und Nokia; sie wirken auf Microsoft, selbst auf Google; in ein paar Jahren werden sie wohl auch auf Facebook wirken und noch später auf die Firmen, die dereinst Facebooks Existenz bedrohen werden.
Auch wenn die Geschäftsmodelle all dieser Konzerne grundverschieden sind, geht es im Kern immer um die gleiche Geschichte: Einen Konzern, der die Technologieführerschaft in einem Markt übernimmt, mit diesem Innovationsvorsprung Unmengen von Geld verdient - und dann zur Geisel des eigenen Erfolgs wird, weil er den nächsten Technologietrend verpasst, der den eigenen Vorsprung wieder zerstört.
Gefangen in der Erfolgsfalle
Der Harvard-Professor Clayton Christensen spricht vom "Innovator's Dilemma". Dieses Dilemma ist der Grund, warum Microsoft das Internet verpennte, Google lange die Social Networks, Blackberry die Touchscreen-Displays und Apps - und Yahoo so ziemlich alles. Das Problem sei, so Christensen, dass die Konzerne zu lange ihre alten Geschäftsmodelle verteidigen. Statt in ihre Zukunft zu investieren und sich selbst neu zu erfinden, verteidigen sie das, was sie erschaffen haben. Hängen zu lange ihren Erinnerungen nach. Blättern zu ausgiebig in den Fotoalben ihres eigenen Erfolgs.
Es kommt regelmäßig vor, dass Unternehmen in diese Falle tappen. Doch das Innovator's Dilemma lässt sich auch vermeiden. Kodaks Niedergang ist nur der eine Erzählstrang in der Geschichte der Digitalfotorevolution. Der andere Strang handelt von einem Konzern, der den Umbruch überstanden hat: von der japanischen Firma Fuji.
Anfang der achtziger Jahre noch waren Kodak und Fuji in einer ähnlichen Situation. Kodak hatte ein Quasimonopol in Amerika, Fuji die Technologieführerschaft in Japan. Und beide sahen voraus, dass die Digitalisierung ihr Geschäftsfeld grundlegend verändern würde.
Kodak erfand die verhängnisvolle Technologie sogar mit: Schon 1975 entwickelte der Konzern eine Digitalkamera, eine der ersten überhaupt, verstaute sie aber flugs wieder im Regal, um nicht das Geschäft mit Fotofilmen zu gefährden. Fuji indes habe früh begriffen, dass der Digitalfotografie die Zukunft gehöre, schreibt der "Economist" in einer Analyse beider Unternehmen. Doch zugleich habe Fuji auch erkannt, dass sich mit Digitalfotografie niemals so hohe Umsätze und Margen erzielen lassen würden wie mit analogen Filmen - und suchte deshalb nach neuen Geschäftsfeldern.
Warum Fuji es schaffte - und Kodak nicht
Fortan entwickelten sich die Unternehmen in unterschiedliche Richtungen. Während Fuji sich konsequent umstrukturierte, zauderte Kodak.
Auch bei der Eroberung neuer Wachstumsmärkte gab es große Unterschiede.
Die Japaner diversifizierten sich konsequent, die Amerikaner irrlichterten herum.
Die verbleibenden 17.000 Kodak-Mitarbeiter hoffen nun auf eine letzte Chance. Bis 2013 will sich der Konzern unter Gläubigerschutz saniert haben. Seine Patente will er für mehrere Milliarden Euro an einen Konkurrenten verkaufen - und so einen Teil seiner rund acht Milliarden Dollar schweren Schuldenlast abbauen. Doch schon jetzt steht fest: Vom Technologieführer Kodak wird nicht viel mehr bleiben als eine Erinnerung, die allmählich verblasst.
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