Kohlekraftwerk Moorburg Festakt für das CO2-Monster

Ein seltsamer Festakt verdeutlicht das Planungschaos der Energiewende: In Hamburg weiht der Bürgermeister ein bereits laufendes Kohlekraftwerk ein - in Berlin beginnt die Regierung derweil mit dem Kohleausstieg.

Kohlekraftwerk Moorburg: Klimapolitischer Anachronismus
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Kohlekraftwerk Moorburg: Klimapolitischer Anachronismus

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Im Süden von Hamburg fand am Vormittag eine seltsame Veranstaltung statt. Vor rund 500 Gästen drückt Olaf Scholz, stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender und Erster Bürgermeister der Hansestadt, im Kraftwerk Moorburg auf einen symbolischen Startknopf und nimmt so Deutschlands größten Kohlemeiler offiziell in Betrieb.

Am Ende wird brav geklatscht. Auch wenn sich mancher der Anwesenden gefragt haben dürfte, wofür. Denn eigentlich ist das Kraftwerk schon seit Monaten im Betrieb. Block B ging Ende Februar ans Netz, Block A Ende August.

Der verspätete Festakt hat eine eigene, unfreiwillige Symbolik. Denn das Kraftwerk wirkt selbst wie ein Anachronismus. Es wurde für eine Energiewelt gebaut, die es heute nicht mehr gibt.

Die Leistung des Kraftwerks liegt bei 1650 Megawatt, die Kesselhäuser sind 102 Meter hoch. Bei voller Kraft kann die Anlage die Millionenmetropole Hamburg fast allein mit Strom versorgen. Als 2006 die Bauentscheidung fiel, war solch Gigantomanie im deutschen Energiesektor noch der Normalzustand. Die vier führenden Konzerne waren Börsenriesen, die sich gegenseitig mit immer größeren Großprojekten zu übertrumpfen versuchten.

"Kohle von Beust"

Auch die Politik schwelgte seinerzeit im Größenwahn. So war es der damals allein regierende Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der Vattenfall überzeugte, das Kraftwerk Moorburg doppelt so groß zu bauen, wie geplant. "Kohle von Beust" spotteten die Grünen, das Kraftwerk Moorburg erklärten sie zum "CO2-Monster".

Monströse Ausmaße nahm auch die Bauphase an. Das Kraftwerk wurde fast drei Jahre später fertig als geplant und kostete fast doppelt so viel wie angepeilt. Gut drei Milliarden Euro musste Vattenfall am Ende berappen - nicht zuletzt wegen der Grünen, die ab 2008 in Hamburg mitregierten und den Bau des ungeliebten Kohlemeilers mit immer neuen Umweltauflagen teurer und komplizierter machten.

Kraftwerk Moorburg - wichtige Fakten
  • Getty Images

    Kosten des Baus: ca. 3 Milliarden Euro

    Leistung: ca. 1650 Megawatt

    Maximale Stromproduktion: 11 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr

    CO2-Ausstoß bei voller Auslastung: 8,7 Millionen Tonnen

Nun wirkt der Meiler schon bei seiner offiziellen Einweihung veraltet. Die Stadt Hamburg nennt sich jetzt "Windhauptstadt Deutschlands". Die Zukunft gehört nach Meinung vieler Analysten kleinen, dezentralen Ökostromanlagen. Allein zwischen 2008 und 2014 ist die Zahl solcher Minikraftwerke in Deutschland von knapp 500.000 auf rund 1,6 Millionen gestiegen.

Der Kohlekoloss an der Süderelbe wirkt im Vergleich dazu wie ein Auslaufmodell. Analysten schätzen, dass die Anlage aufgrund der hohen Ökostromproduktion nur zur Hälfte ausgelastet sein wird.

Kohleausstieg? Kohleeinstieg?

Vattenfall stellt das freilich anders da. Die Anlage Moorburg sei eine gute Ergänzung zu den erneuerbaren Energien, teilt der Konzern mit. Binnen einer Viertelstunde könne sie ihre Leistung um 600 Megawatt hoch- oder herunterfahren. Dadurch könne das Kraftwerk rasch einspringen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht - und dann gutes Geld verdienen. Denn in knappen Zeiten ist Strom besonders teuer.

Betriebswirtschaftlich gesehen ist das ein Geschäftsmodell, das noch eine Weile funktionieren kann. Klimapolitisch indes gilt die Anlage schon jetzt als Fehlgriff. Denn ein Gaskraftwerk, wie es bis zur Jahrtausendwende am Standort Moorburg betrieben wurde, wäre ähnlich flexibel gewesen, hätte aber nur halb so viel Kohlendioxid ausgestoßen wie der Kohlemeiler.

Der CO2-Ausstoß von Moorburg wird im Vollbetrieb auf bis zu 8,7 Millionen Tonnen pro Jahr beziffert. Das passt nicht in eine Zeit, in der die Bundesregierung allerlei Aktionspläne zur CO2-Einsparung abarbeitet, um die nationalen Klimaziele zu erfüllen. Und es passt schon gar nicht zu einem Anfang November erlassenen Gesetz, dass die Stilllegung von acht alten, klimaschädlichen Braunkohleblöcken anordnet.

"Klimapolitisches Nullsummenspiel"

Es mutet in der Tat seltsam an, dass in Hamburg der Bürgermeister ein Kohlekraftwerk einweiht, während in Berlin die Regierung langsam den Kohleausstieg einleitet. Und Vattenfalls Meiler ist noch nicht einmal der letzte seiner Art. Bis 2016 gehen noch zwei weitere große Kohlekraftwerke ans Netz.

Geplante Steinkohlekraftwerke in Deutschland

Name des Kraftwerks Unternehmen Standort Geplanter Start Kapazität in MW
Moorburg Vattenfall Europe Generation AG Hamburg 2015 1650
Kraftwerk Wilhelmshaven GDF SUEZ Energie Deutschland AG Wilhelmshaven 2015 731
HKW West (neue Dampfturbine) Mainova AG Frankfurt am Main 2016 39
Datteln E.ON Kraftwerke GmbH Datteln ? 1055

Quelle: Bundesnetzagentur

Grund dafür ist das Planungschaos bei der Energiewende: Die Regierung hat den Ausbau der erneuerbaren Energien so ruckartig eingeleitet und so massiv vorangetrieben, dass es im System nun zu teuren, ineffizienten Überlappungen kommt.

Besonders deutlich wird das am Beispiel Vattenfalls: Der CO2-Ausstoß des Kraftwerks Moorburg beträgt bei halber Auslastung gut vier Millionen Tonnen. Gleichzeitig muss Vattenfall auf Geheiß der Regierung zwei alte Braunkohlemeiler in der Lausitz stilllegen; nach Berechnungen von Greenpeace spart das ebenfalls gut vier Millionen Tonnen CO2 ein. Für die Stilllegung seiner Kraftwerke streicht der Konzern gut 600 Millionen Euro Entschädigung ein.

Für die Klimapolitik sei die Veränderung in Vattenfalls Kraftwerkpark ein "Nullsummenspiel", kritisiert die Umweltorganisation. Für den Steuerzahler indes sei sie eine "teure Zumutung".

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Seite 1
bobrecht 19.11.2015
1. Warum ist das dem Bürgermeister nicht peinlich?
Man muss vermuten, dass hier auch Gelder fliesen, die nicht nur herkömmlichen Kosten geschuldet sind ...
leo19 19.11.2015
2. Im Gegensatz zum BER ist das Kohlemonster immerhin fertiggeworden.
Das Planungschaos der Energiewende hält vermutlich an. Dafür darf dann der Stromkunde bezahlen. Wenigstens entsteht kein Atommüll, der nicht in Hamburg endgelagert werden kann. Dank ständiger Winde ist ja auch die Luftverschmutzung nicht so schlimm.
opinio... 19.11.2015
3. Sprachlos
Macht mich dieser Irsinn. Wo kommt die Kohle her, aus China, Australien, Südafrika? CO2 Champions sind wir geworden Dank Atomausstieg. Allein mit den noch auf Abtransport wartenden Brennstäben hätten wir viel CO2 nicht ausgestoßen - ohne das Atommüllvolumen merklich zu vergrößern. Abgeschaltet wegen Tsunami, Erdbeben und Flugzeugabsturz. Das Risiko haben wir geschafft.
jowitt 19.11.2015
4. Nunja,..
was soll man da sagen? Logisch, dass bei solchen planlosen, aprupten Änderungen in der Energiepolitik nun Kraftwerke fertig werden, die damals unter ganz anderen Bedingungen begonnen wurden zu bauen. Mir stellt sich hier immer die Frage, ob das o.k. ist, so mit Investoren umzugehen. Erst planen die und bauen, aufgrund von vorhandenen gesetzen und dann: Schwubdiwupp werden die Gesetze geändert und der Investor schaut dann u.U. qauf seine teu´re Investitionsruine. Von der Politik sollte man verlangen dürfen, dass auch verlässlich in Deutschland noch Großprojekte geplant werden können. Leider ist das bei Wende-Angie ja scheints nicht der Fall. Allein der Atomkompromiss: Beschlossen und alle stellten sich drauf ein (SPD/Grüne). Dann kam die CDU an die Regierung und kippte diesen Kompromiss ohne Not. Dann der abermalige Salto rückwärts nach Fukoschima: Jetzt aber schnell panikartik raus aus dem Atom. Ist mir unverständlich, wie da ein Energieunternehmen überhaupt noch planen kann.
rmuekno 19.11.2015
5. Und das alles dank
der Unfähigkeit unserer Bundesmutti, das Fähnchen im Wind
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