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Kommentar: Warum Standard & Poor's richtig liegt

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Weil die USA ihr Top-Rating verloren haben, drohen neue Turbulenzen an den Finanzmärkten. Doch die Herabstufung könnte sich als gute Nachricht erweisen: Sie beweist die Unabhängigkeit der Rating-Agenturen - und zwingt die Amerikaner, endlich die Steuern zu erhöhen.

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AFP

Börse in New York: Neue Turbulenzen drohen

Da ist sie wieder, die Kritik an den Rating-Agenturen. Die US-Regierung spricht von einer "krassen Fehlentscheidung". Und der Rest der Welt fragt sich: Musste das sein? Musste die weltgrößte Agentur Standard & Poor's (S&P) ihre Bewertung der weltgrößten Volkswirtschaft USA ausgerechnet jetzt herunterstufen, wo doch die Finanzmärkte ohnehin schon in Turbulenzen stecken?

Ja, sie musste. Wenn die Analysten bei den Rating-Agenturen davon überzeugt sind, dass der Streit um das amerikanische Sparpaket der langfristigen Kreditwürdigkeit des Landes geschadet hat, dann sollten sie diese Meinung auch äußern. Das ist ihre Aufgabe. Und die haben sie erfüllt.

Was wurde den drei großen Rating-Agenturen S&P, Moody's und Fitch in den vergangenen Monaten nicht alles vorgeworfen: Sie würden die Euro-Krise absichtlich anheizen, weil sie ihre Noten für Länder wie Griechenland, Portugal oder Irland immer dann senkten, wenn die Finanzmärkte ohnehin schon nervös waren. Ihre Ratings seien intransparent und ungerecht. Und sie würden die USA bevorzugen: Das Land, dessen Defizit in den vergangenen Jahren so gigantisch schnell gestiegen ist. Das Land, das mit rund hundert Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung deutlich höher verschuldet ist als zum Beispiel das vielgescholtene Euro-Mitglied Spanien. Das Land, in dem alle drei Rating-Agenturen ihren Hauptsitz haben.

Zumindest den Vorwurf der US-Hörigkeit dürfte S&P nun entkräftet haben. Obwohl die amerikanische Regierung bis zuletzt mit aller Macht versucht hat, die Herabstufung zu verhindern, sind die Analysten standhaft geblieben. Das ist ein gutes Zeichen: Es zeugt von einer Unabhängigkeit, die man bei den Agenturen im Umgang mit ihren Unternehmenskunden manchmal vermisst.

Die Logik des Systems

Auch in der Sache liegen die Analysten durchaus richtig: Der peinliche Streit um das US-Sparpaket hat gezeigt, dass das politische System der USA derzeit nicht besonders effektiv und verlässlich funktioniert. Die von S&P geäußerte Sorge, dass die zerstrittenen Parteien das Schuldenproblem des Landes nicht in den Griff bekommen, ist durchaus begründet.

Im Umgang mit der Staatsschuldenkrise ist den Rating-Agenturen bisher ohnehin wenig vorzuwerfen. Während sie im Vorfeld der Finanzkrise noch krass versagt hatten, weil sie die gebündelten US-Hauskredite viel zu lange viel zu gut bewertet hatten, haben sie diesmal früher reagiert und die Investoren vor dem Bonitätsverlust einzelner Staaten gewarnt.

Reaktionen auf die Herabstufung

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Natürlich bleiben Zweifel an ihrer Arbeit: Warum sollten ausgerechnet die Mitarbeiter einer Rating-Agentur bewerten können, ob die USA nun genug und an der richtigen Stelle sparen? Aber das ist eine andere Frage. Solange die Investoren - und im übrigen auch die staatlichen Aufsichtsbehörden und Notenbanken - die Meinung der Rating-Agenturen hören wollen, sollten diese sie auch ehrlich äußern - ohne Rücksicht auf politische Einflussnahme und mögliche Reaktionen an den Finanzmärkten.

Und was ist mit der Reaktion der Finanzmärkte? Sicher, die Herabstufung der USA kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Sie könnte die Turbulenzen der vergangenen Wochen weiter verschärfen - so war es teilweise auch bei den Ratings zu den überschuldeten Euro-Ländern. Doch das ist nun mal die Logik des Systems: Wenn sich die Konjunktur und die Lage an den Finanzmärkten verschlechtern, leiden darunter auch die finanziellen Aussichten eines Staates. Und genau die haben die Rating-Agenturen zu bewerten. Deshalb werden ihre Herabstufungen immer dann kommen, wenn die Situation ohnehin schon nicht mehr so rosig ist. Selten sind sie die ersten, die vor einem Problem warnen.

Wer das Schuldenproblem erst jetzt erkennt, dem ist nicht zu helfen

Was S&P und die anderen da machen, ist keine Hexerei. Sie stützen ihre Bewertungen auf längst bekannte Fakten, die allen zugänglich sind. Wenn sich die Investoren an den Finanzmärkten nun durch die Herabstufung beeindrucken lassen, kann das nur zwei Gründe haben: Entweder sie können vor lauter Krisengeklingel nicht mehr rational denken - oder sie fürchten, dass genau das auf alle anderen Investoren zutrifft und sie deshalb einem allgemeinen Abwärtstrend zuvorkommen müssen.

Was die Fakten angeht, überbringt S&P den Anlegern auch diesmal keine Neuigkeit. Die USA sind nicht Zypern oder Kasachstan, wo ein Rating-Bericht vielleicht noch für Überraschungen sorgen kann. Kein Kapitalmarkt der Welt wird von den Investoren so genau beobachtet wie der amerikanische. Wer erst jetzt auf die Idee kommt, dass die USA ein Problem mit ihrer Verschuldung bekommen könnten, dem ist einfach nicht mehr zu helfen.

Mittelfristig könnte die standhafte Haltung von S&P sogar positive Auswirkungen haben. Vor allem mit der Ankündigung, das Rating weiter runterzustufen hat die Agentur die Parteien in Washington unter Druck gesetzt, die ausufernden US-Staatsfinanzen endlich den Griff zu kriegen. In ihrem Rating-Bericht weisen die Analysten mehrmals explizit darauf hin, dass dies nur funktionieren kann, wenn die Steuern erhöht werden beziehungsweise die noch von der Bush-Regierung beschlossenen Steuererleichterungen für Besserverdiener endlich gekappt werden.

Sollte die Angst vor einem weiteren Bonitätsverlust dazu beitragen, dass die Republikaner ihre bornierte Haltung in dieser Frage endlich aufgeben, dann war die Herabstufung diesmal wirklich zu etwas nütze.

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1. "Wer das Schuldenproblem erst jetzt erkennt, dem ist nicht zu helfen"
duffybarracuda, 07.08.2011
da war wohl dem Spiegel nicht mehr zu helfen, denn kein zweites dt. Blatt agierte dermaßen gegen Mccain, dessen Wahlkampf auf Schuldenabbau beruhte. Ist ja absurd dass man nun so tut, als hätte man das schon lange verstanden mit dem Schuldenabbau.
2. Wählt Intelligente in die Parlamente!
Björn Borg 07.08.2011
Zitat von sysopWeil die USA ihr Top-Rating verloren haben, drohen neue Turbulenzen an den Finanzmärkten. Doch die Herabstufung könnte sich als gute Nachricht erweisen: Sie beweist die Unabhängigkeit der Rating-Agenturen - und zwingt die Amerikaner, endlich die Steuern zu erhöhen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778831,00.html
Nicht die Rating-Agenturen machen mich wütend, sondern die Art und Weise, wie Politiker sich von ihnen abhängig gemacht haben, und die Ohnmacht, als 'normaler Mensch' weder gegen das eine noch gegen das andere irgendetwas unternehmen zu können.
3. weder
mhwse 07.08.2011
weder die Sowiet Kommunisten noch die Nationalsozialisten mit all ihrem Militär, Falschgeldrucken, Polemik, waren in der Lage der Kreditwürdigkeit der USA zu schaden. Die konservativen Teaparty Anhänger haben geschafft, was die Machthaber und Widersacher der USA erträumt haben. Hip Hip Hurray! (eine geringe Steuererhöhung wären ein laues Lüftchen gegen die jetzt zu erwartenden (stürmischen) Verluste gewesen.)
4. Propaganda
Gman 07.08.2011
Zitat von sysopWeil die USA ihr Top-Rating verloren haben, drohen neue Turbulenzen an den Finanzmärkten. Doch die Herabstufung könnte sich als gute Nachricht erweisen: Sie beweist die Unabhängigkeit der Rating-Agenturen - und zwingt die Amerikaner, endlich die Steuern zu erhöhen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778831,00.html
Die Herabstufung ist sicherlich richtig und längst überfällig. Vergessen bzw. bewusst verschwiegen werden in dem Kommentar jedoch folgende Fakten: Die Ermittlung des jeweiligen Ratings ist intranspararent und oftmals interessengesteuert. Die Ratingagenturen sind daran interessiert, dass sie Gewinne für sich und Ihre Kunden erwirtschaften. Daher geben sie Prognosen oder Ratings ab, um u.a. Märkte, Entwicklungen und Finanzprodukte gezielt zu beeinflussen. Weiterhin sind die Ratingsagenturen nicht in der Haftung für Ihre Bewertungen. Das ist weiterhin ein sehr großes Dilemma und zementiert den Status Quo. Das ist besonders in den letzten Jahren derartig perfide, da eben diese Agenturen, jahrelang den Handel mit undurchsichtigen Finanzprodukten durch nicht nachvollziehbare Top-Ratings weltweit befeuert und zu der Blasenbildung auf diesem Sektor MAßGEBLICH beigetragen haben. Als diese Blase geplatzt ist, haben die Industriestaaten diesen Sektor durch unvorstellbare Summen vor dem Kollaps gerettet, in dem sie u.a. die Neuverschuldung massiv ausweiten mussten. Weiterhin wurden die Zentralbanken weltweit angewiesen, den Geldmarkt mit Geld, zeitweise zinslos, zu versorgen. Zentralbanken haben sogar massivst Staatsnleihen aufgekauft. Es ist daher schon grotesk, diese Staaten für diese Rettungsaktion zu "bestrafen" und durch ständige Abwertungen in die Zinsfalle zu treiben. Ratingagenturen sind per se nicht "Schlechtes", verdeutlichen im jetzigen Stadium nur weiterhin eindrucksvoll, dass ein unkontrollierter Finanzmarkt nicht funktionieren kann und mittlerweile bedrohlichere Auswirkungen als militärische Massenvernichtungswaffen haben kann. Der Burgfrieden der Ratingagenturen mit den USA scheint aufgekündigt zu sein. Es ist auch nicht auszuschließen, dass mit dieser Maßnahme eine Wiederwahl von Obama verhindert oder zumindest erheblich erschwert werden soll. Superreiche sollen & wollen weiterhin nicht mehr Steuern zahlen. Der Markt soll "ungestört arbeiten". Das ist eindeutig die Wählerklientel der Republikaner bzw. der GOP, denen derartige Ratings erheblich in die Hände spielen, um politischen Druck aufzubauen. Nicht nur die Medien entscheiden im Wahlkampf, nun sind es auch die Ratingsagenturen und die Finanzmärkte...
5. Wählt Intelligente in die Parlamente!
Björn Borg 07.08.2011
Zitat von sysopWeil die USA ihr Top-Rating verloren haben, drohen neue Turbulenzen an den Finanzmärkten. Doch die Herabstufung könnte sich als gute Nachricht erweisen: Sie beweist die Unabhängigkeit der Rating-Agenturen - und zwingt die Amerikaner, endlich die Steuern zu erhöhen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778831,00.html
Nicht die Rating-Agenturen machen mich wütend, sondern die Art und Weise, wie Politiker sich erst auf unsere Kosten maßlos everschuldet und dann von denen abhängig gemacht haben, und die Ohnmacht, als 'normaler Mensch' weder gegen das eine noch gegen das andere irgendetwas unternehmen zu können.
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Die drei Rating-Riesen
Standard & Poor's
Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's . Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service , die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch Ratings
1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings . Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.

Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
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Die wichtigsten Eckpunkte zum US-Schuldenkompromiss
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Wie viele Schulden darf Amerika künftig machen?
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Wie viel Geld will Amerika sparen?
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Was wird in der ersten Etappe eingespart?
Insgesamt geht es um 917 Milliarden Dollar. 350 Milliarden Dollar der rasch fälligen Einsparungen entfallen auf die Militärausgaben. Hinzu kommen Einsparungen im Regierungsapparat. Renten und Sozialbezüge werden fürs Erste nicht gekappt. Steuererhöhungen stehen zunächst ebenfalls nicht zur Debatte.
Wer legt die Einsparungen der ersten Etappe fest?
Den kleineren Teil des Sparprogramms müssen Repräsentantenhaus und Senat bis Dienstag absegnen. Die Abstimmungen dürften knapp ausfallen: Linke Demokraten und rechte Republikaner sind mit vielen Details des Abkommens unglücklich.
Was wird in der zweiten Etappe eingespart?
Hier geht es um 1,5 Billionen Dollar innerhalb der kommenden zehn Jahre. Die Maßnahmen können alles umfassen. Allein im Bereich Militär sind Kürzungen von mindestens 500 Milliarden Dollar geplant. Hinzu kommen Kürzungen bei Renten, Sozialausgaben (wie das Arbeitslosengeld und Lebensmittelmarken) und der Krankenversicherung für Senioren (Medicare) und Arme (Medicaid). Auch Steuererhöhungen dürften diskutiert werden.
Wer legt die Einsparungen der zweiten Etappe fest?
Bis Ende November soll ein sogenannter Super-Kongress alle weiteren Sparmaßnahmen beschließen. Es handelt sich dabei um einen Sonderausschuss aus sechs Demokraten und sechs Republikanern.

Sollte sich der Super-Kongress auf keine konkreten Maßnahmen einigen können oder der Kongress diese nicht bis Weihnachten 2011 absegnen, treten automatische Kürzungen in Kraft. Diese würden auf jeden Fall Kürzungen bei Sozial- und Verteidigungsausgaben umfassen. Renten-und Sozialschecks würden in diesem Fall kategorisch ausgespart.

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