Textilproduktion in Bangladesch: Brennende Gier

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Der Chef der abgebrannten Textilfabrik in Bangladesch wird von der Polizei vernommen. Doch eine Strafe wird leider nichts helfen, wenn die nächste Fabrik brennt. Und sie wird brennen, weil wir Konsumenten auf der Flucht sind - vor der Realität.

Arbeiterin der Brandfabrik in Bangladesch: Billigware für den Westen Zur Großansicht
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Arbeiterin der Brandfabrik in Bangladesch: Billigware für den Westen

In Bangladesch verbrennen mehr als hundert Arbeiterinnen in einer Textilfabrik, ihr Chef hat nichts getan, um Vorkehrungen zum Feuerschutz zu treffen. Ihnen wurde, wie es jetzt heißt, auch noch gesagt, der Feueralarm sei nur eine Übung und sie sollen gefälligst weiter arbeiten.

Dieser Textilfabrikant ist ein Krimineller. Er muss zur Verantwortung gezogen werden. Zur Abschreckung für alle anderen. Damit so etwas nie wieder geschieht.

Leider wird daraus nichts werden. Es wird immer wieder geschehen. Denn das eigentliche Problem sind nicht gierige Fabrikbesitzer in Billiglohnländern, denen das Leben ihrer Angestellter keinen Cent wert ist.

Auch deutsche Firmen sind an dieser tödlichen Ausbeutung beteiligt. Als im vergangenen September in Pakistan in einer Textilfabrik fast 300 Menschen qualvoll verbrannt waren, geriet der Billiganbieter Kik in die Kritik, der dort Jeans hatte nähen lassen. Jetzt, nach dem jüngsten Brand in Bangladesch, sagt dessen Chef Michael Arretz, die Notwendigkeit des Feuerschutzes sei "einfach noch nicht in allen Köpfen in den Produktionsländern angekommen". Notfalls, sagt er, müssten die großen Handelskonzerne das gemeinsam in die Hand nehmen. Das klingt gut. Aber glaubt Arretz selbst, was er da sagt?

Seit einigen Jahren versuchen Billiganbieter, und nicht nur jene für Textilien, sondern auf nahezu jedem Warensektor, uns Verbraucher glauben zu machen, dass sie längst nicht so böse sind, wie immer wieder berichtet wird. Nun arbeiten im Management solcher Konzerne möglicherweise keine selbstlosen Menschenfreunde, aber ganz sicher keine Idioten. Sie kennen die Wünsche ihrer Kunden genau, und nicht nur jene, die die neueste Mode betreffen. Sie wissen: Wir Kunden wollen mit gutem Gewissen einkaufen.

Kapitalismus 2.0, jetzt auch kompatibel mit kritischen Konsumenten

Der typische Konzern reagiert auf die regelmäßig wiederkehrenden Brand-, Ausbeutungs- oder Kinderarbeitsskandale genau wie jetzt Kik: mit Verhaltensregeln, die er den Zulieferfirmen auferlegt. Es gibt Missstände? Schlimm! Die müssen abgestellt werden. Man wird Mitglied in wohlklingenden Programmen, die diese Verhaltensregeln überprüfen sollen. All das tun Kik und Konsorten nicht, weil ihnen die Arbeiterinnen in Bangladesch oder sonstwo am Herzen liegen. Sondern ihr Absatz, ihre Kunden. Das ist der Kapitalismus 2.0: jetzt auch kompatibel mit kritischen Konsumenten.

Die Argumentation ist immer dieselbe, in jeder Branche, sowohl beim globalen Wareneinkauf als auch bei den Arbeitsbedingungen in den hiesigen Filialen: Der Konzern bemüht sich, aber Fehler können überall vorkommen. Wenn er Fehler erkennt, tut er sein Möglichstes, diese zu beseitigen. Und wir Konsumenten? Zucken mit den Schultern. Geben uns zufrieden. Wir lassen uns davon einlullen, dass der Konzern, bei dem wir kaufen, versprochen hat, anders als früher dafür zu sorgen, dass es Notausgänge gibt und Teepausen und dass die Fabrik nicht demnächst wegen Baufälligkeit zusammenkracht oder abbrennt.

Wir Konsumenten übersehen den wesentlichen Grund für die schrecklichen Arbeitsverhältnisse in den Ländern, aus denen unsere Unterwäsche kommt. Diese Fabriken brennen, weil wir billig einkaufen wollen. Und billig bedeutet zwangsläufig, dass in letzter Konsequenz immer der Zulieferer zum Zug kommt, der am wenigsten Geld ausgibt für Löhne oder Feuerlöscher. Die Textilverkäufer schauen nicht so genau hin, weil sie sich darauf verlassen können, dass wir nicht genau hinschauen. Das ist das eigentlich Schlimme.

Und jetzt können wir weitermachen mit der Shoppingtour. Bis zum nächsten Mal.

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insgesamt 168 Beiträge
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1. Unsinn!
der_pirat 27.11.2012
Ich würde gerne eine Jeans aus Deutschland kaufe. Die würde im Einkauf zwar vierzig statt drei EUR kosten, aber Arbeitsplätze und Steuern sichern. Wo kann ich die kaufen?
2. Geiz ist nicht geil...
Andreas J. 27.11.2012
Zitat von sysopDer Chef der abgebrannten Textilfabrik in Bangladesch wird von der Polizei vernommen. Doch eine Strafe wird leider nichts helfen, wenn die nächste Fabrik brennt. Und sie wird brennen, weil wir Konsumenten auf der Flucht sind - vor der Realität. Kommentar zum Brand in Textilfabrik: Brennende Gier - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kommentar-zum-brand-in-textilfabrik-brennende-gier-a-869609.html)
..., das sollte mittlerweile der letzte Konsument begriffen haben. Aber es ist leider nicht so. Alle Probleme, auf die wir aufmerksam gemacht werden sollen, begründen sich in der Unwilligkeit der Mehrheit der deutschen Konsumenten, mehr für ihre Einkäufe zu bezahlen. Letzendlich könnte der Unternehmer es sich dann leisten, mehr auf Brandschutz acht zu geben, kein Gammelfleisch zu kaufen, den Bauern mehr für ihre Milch zu geben, auf Schadstoffe im Spielzeug zu achten, die Friseure und Verkäufer gerecht zu entlohnen und so weiter. Höhere Preise würden sogar zu mehr Jobs im Lande führen, da wir mehr im Inland produzieren könnte.
3. Artikel gefällt...
zahorsky77 27.11.2012
aber mir fehlt ein bischen was wir tun könnten... Ist es besser wir kaufen alle Joop und Boss oder welche Firmen lassen so etwas nicht zu?
4. Brennende Gier
derandersdenkende 27.11.2012
Zitat von sysopDer Chef der abgebrannten Textilfabrik in Bangladesch wird von der Polizei vernommen. Doch eine Strafe wird leider nichts helfen, wenn die nächste Fabrik brennt. Und sie wird brennen, weil wir Konsumenten auf der Flucht sind - vor der Realität. Kommentar zum Brand in Textilfabrik: Brennende Gier - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kommentar-zum-brand-in-textilfabrik-brennende-gier-a-869609.html)
zeichnet dieses System aus. Warum tut man so überrascht, wenn dabei etwas in Flammen aufgeht? Und die sich darüber dann empören, sind die Stützen dieses Systems. Natürlich ist Arbeit ein Bedürfnis, Sinn des Lebens und die Möglichkeit zur Gestaltung und Finanzierung des eigenen Lebens. Sie ist aber auch Gegenstand grenzenloser, hemmungsloser Ausbeutung! Wenn Menschen irgendwo nicht mehr für Hungerlöhne arbeiten können oder wollen, zieht man weiter dorthin wo man Abhängige findet und beutet diese aus. Millionenfach wurde dies schon praktiziert und die wohlwollenden Begleiter der berichtenden und schönfärbenden Zunft fanden dies ganz und gar nicht anstößig!
5. Könnte es nicht sein, dass manche billig einkaufen müssen?
twister-at 27.11.2012
So richtig auh die Betrachtungsweise bei jenen ist, die mehr Geld ausgeben könnten, so wenig geht der Kommentar aber darauf ein, dass immer mehr Menschen nicht anders können als günstig/billig einkaufen. Nehmen wir mal die Aufstockerin, die 800 Euro für 40 Stunden/Woche mit nach Hause bringt. Wenn da Miete usw. gezahlt sind, dann bleibt nicht mehr viel, da wird natürlich geknapst wo nur möglich und letztendlich wird ja durch die Steuern, die sie zahlt, die eigene Billigjobberei mitfinanziert weil der "Staat aufstockt". Einfach gesagt: Unternehmen X zahlt ihr nur 5 Euro, der "Staat" gibt was dazu und das finaziert die Dame mit. Das Unternehmen freut sich. Aber welche Möglichkeit haben die vielen, die am oder knapp über dem Existenzminimum sind? So schön die Eier von glücklichen Hühnern auf grünen Wiesen sind, so hübsch auch der Gedanke, dass das Pullichen, das benötigt wird, fair hergestellt wird, ist... wenn das Pullichen dann 10% des monatlichen Einkommens ausmacht, sieht es anders aus. Und wenn dies auf alle Ausgaben, egal ob für Bücher (Billigübersetzungen), Kleidung (Billignäher), Schmuck (Billiglöter usw.), Essen (Massenfertigung) usw. ausgedehnt wird, dürfte klar sein, dass das "der Konsument hat es doch in der Hand" nur von jenen kommen kann, die ein wenig im elfenbeinfarbenen Türmchen sitzen und sich denken "hey, aber den fair gehandelten Kaffee für 13 Euro die Tüte oder den Pulli für 80 Euro kann sich doch jeder leisten" während sie wohl denken, die Leutchen, die bei der Tafel anstehen, wollen nur mal Polonaise mitmachen
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