Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
In Bangladesch verbrennen mehr als hundert Arbeiterinnen in einer Textilfabrik, ihr Chef hat nichts getan, um Vorkehrungen zum Feuerschutz zu treffen. Ihnen wurde, wie es jetzt heißt, auch noch gesagt, der Feueralarm sei nur eine Übung und sie sollen gefälligst weiter arbeiten.
Dieser Textilfabrikant ist ein Krimineller. Er muss zur Verantwortung gezogen werden. Zur Abschreckung für alle anderen. Damit so etwas nie wieder geschieht.
Leider wird daraus nichts werden. Es wird immer wieder geschehen. Denn das eigentliche Problem sind nicht gierige Fabrikbesitzer in Billiglohnländern, denen das Leben ihrer Angestellter keinen Cent wert ist.
Auch deutsche Firmen sind an dieser tödlichen Ausbeutung beteiligt. Als im vergangenen September in Pakistan in einer Textilfabrik fast 300 Menschen qualvoll verbrannt waren, geriet der Billiganbieter Kik in die Kritik, der dort Jeans hatte nähen lassen. Jetzt, nach dem jüngsten Brand in Bangladesch, sagt dessen Chef Michael Arretz, die Notwendigkeit des Feuerschutzes sei "einfach noch nicht in allen Köpfen in den Produktionsländern angekommen". Notfalls, sagt er, müssten die großen Handelskonzerne das gemeinsam in die Hand nehmen. Das klingt gut. Aber glaubt Arretz selbst, was er da sagt?
Seit einigen Jahren versuchen Billiganbieter, und nicht nur jene für Textilien, sondern auf nahezu jedem Warensektor, uns Verbraucher glauben zu machen, dass sie längst nicht so böse sind, wie immer wieder berichtet wird. Nun arbeiten im Management solcher Konzerne möglicherweise keine selbstlosen Menschenfreunde, aber ganz sicher keine Idioten. Sie kennen die Wünsche ihrer Kunden genau, und nicht nur jene, die die neueste Mode betreffen. Sie wissen: Wir Kunden wollen mit gutem Gewissen einkaufen.
Kapitalismus 2.0, jetzt auch kompatibel mit kritischen Konsumenten
Der typische Konzern reagiert auf die regelmäßig wiederkehrenden Brand-, Ausbeutungs- oder Kinderarbeitsskandale genau wie jetzt Kik: mit Verhaltensregeln, die er den Zulieferfirmen auferlegt. Es gibt Missstände? Schlimm! Die müssen abgestellt werden. Man wird Mitglied in wohlklingenden Programmen, die diese Verhaltensregeln überprüfen sollen. All das tun Kik und Konsorten nicht, weil ihnen die Arbeiterinnen in Bangladesch oder sonstwo am Herzen liegen. Sondern ihr Absatz, ihre Kunden. Das ist der Kapitalismus 2.0: jetzt auch kompatibel mit kritischen Konsumenten.
Die Argumentation ist immer dieselbe, in jeder Branche, sowohl beim globalen Wareneinkauf als auch bei den Arbeitsbedingungen in den hiesigen Filialen: Der Konzern bemüht sich, aber Fehler können überall vorkommen. Wenn er Fehler erkennt, tut er sein Möglichstes, diese zu beseitigen. Und wir Konsumenten? Zucken mit den Schultern. Geben uns zufrieden. Wir lassen uns davon einlullen, dass der Konzern, bei dem wir kaufen, versprochen hat, anders als früher dafür zu sorgen, dass es Notausgänge gibt und Teepausen und dass die Fabrik nicht demnächst wegen Baufälligkeit zusammenkracht oder abbrennt.
Wir Konsumenten übersehen den wesentlichen Grund für die schrecklichen Arbeitsverhältnisse in den Ländern, aus denen unsere Unterwäsche kommt. Diese Fabriken brennen, weil wir billig einkaufen wollen. Und billig bedeutet zwangsläufig, dass in letzter Konsequenz immer der Zulieferer zum Zug kommt, der am wenigsten Geld ausgibt für Löhne oder Feuerlöscher. Die Textilverkäufer schauen nicht so genau hin, weil sie sich darauf verlassen können, dass wir nicht genau hinschauen. Das ist das eigentlich Schlimme.
Und jetzt können wir weitermachen mit der Shoppingtour. Bis zum nächsten Mal.
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