Machtwechsel bei Siemens: Sich öffnen, aufräumen, angreifen

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Siemens-Zentrale in München: Der Konzern muss sich neu erfinden

Der Machtkampf bei Siemens ist zu Ende, die Probleme aber bleiben; und es sind sehr deutsche Probleme. Siemens muss sich jetzt neu erfinden. Die Frage ist nur: Ist der designierte neue Vorstandsboss Joe Kaeser der richtige Mann für die Wende?

Hamburg - Siemens ist kein normaler Konzern, und das hat nicht nur damit zu tun, dass er das fast schon biblische Alter von 166 Jahren erreicht hat. Es ist ein Gemischtwarenladen, wie es ihn nach Ansicht mancher Analysten gar nicht mehr geben dürfte. Daimler oder VW bauen Autos - kleine, große, aber immer Autos. Siemens produziert Niederflurbahnen, intelligente Stromnetze, Computertomografen, Gasturbinen, ICE-Züge, sogar Software-Teile für den Mars-Rover "Curiosity" - und ganz nebenbei jede Menge Schlagzeilen.

Denn bei den Münchnern ist alles ein bisschen größer als bei anderen: die Aufgaben, aber auch die Probleme, die Krisen und die Kräche wie jetzt um die Ablösung von Vorstandschef Peter Löscher. Der Österreicher wurde, das darf man nicht vergessen, im Jahr 2007 geholt, um die gewaltigste Korruptionsaffäre aufzuarbeiten, die ein hiesiges Unternehmen je erlebt hat. Und er machte das nicht schlecht.

Siemens ist aber auch ein unglaublich deutscher Konzern, und das hat nicht nur damit zu tun, dass immerhin noch fast jeder dritte seiner rund 370.000 Beschäftigten hierzulande arbeitet. Siemens steht - zumindest im Ausland - durchaus für Tugenden wie Effizienz, Präzision, Erfindungsreichtum.

Siemens hat die gleichen Probleme wie Deutschland

Siemens und die Bundesrepublik sind sich erstaunlich ähnlich: Beide gelten als groß, manchmal arrogant, immer ein bisschen dröge, aber mächtig. Vor allem: Beide suchen schon seit geraumer Zeit nach ihrer Rolle, ihrem Weg, ihrer Identität. Berlin laviert sich durch die Euro-Krise, München durch eine Vielzahl an technischen Pannen und strategischen Peinlichkeiten. Wie das Land braucht auch sein ältester Industriekonzern nun eine neue Story. Klar scheint: Eine Aktiengesellschaft kann sich leichter Ziele setzen als eine Bundesregierung.

Siemens muss aufräumen! Von den vier Sektoren des Konzerns sind drei nicht auf der Höhe. Der Bereich Industrie ist extrem konjunkturanfällig, der Sektor Energie nicht nur mit den Offshore-Windanlagen schwer belastet. Und der noch junge Bereich Infrastruktur und Städte wirkt wie eine Resterampe, auf die alles geschmissen wurde, was anderswo nicht mehr richtig passte. Nur die Medizintechnik funktioniert. Und selbst die hat heute schon mehr mit Biotechnologie, Pharmazie oder Molekular-Diagnostik zu tun als mit klassischem Elektrizitäts- und Energiegeschäft, das den Konzern einst groß gemacht hat.

Siemens muss sich öffnen! So paradox das klingt: Es muss globaler denken, um deutsch zu bleiben. Ein Unternehmen, das weltweit Erfolg haben will und muss, braucht auch an der Spitze Köpfe aus anderen Erdteilen - nicht weil man das eben heute so macht, sondern weil es nicht mehr reicht, deutsche Ideen exportieren zu wollen. Siemens muss genau hinhören, was Gesellschaften in unterschiedlichsten Entwicklungsstadien für Bedürfnisse haben. In einem älter werdenden Europa wird die Medizintechnik eine tragende Rolle spielen, im arabischen Raum eher das Thema Energie. Andere Staaten haben die Industrialisierung noch vor sich. Peter Löscher hat sich keine Freunde gemacht, als er mal sagte, das Unternehmen sei zu weiß, zu deutsch, zu männlich. Das heißt nicht, dass er damit unrecht hatte.

Siemens muss angreifen! Nur wer angreift, kann den Aktienkurs steigern. Und nur wenn der Kurs steigt, entledigt sich ein Unternehmen der Gefahr, irgendwann zerschlagen zu werden. Zwei Drittel seines 78-Milliarden-Euro-Umsatzes macht der Konzern heute in gesättigten Märkten, in denen kein Wachstum mehr zu erwarten ist. Es gilt, endlich neue Geschäftsfelder zu erobern.

Siemens muss Risiken eingehen

In Zeiten alternder Industriegesellschaften muss man sich in neuen Regionen an neue Technologien wagen. Es war zum Beispiel nicht falsch, ein paar hundert Millionen Euro in der Partikeltherapie zu riskieren (und abzuschreiben), denn die hätte die gesamte Tumormedizin revolutionieren können. Aber es war völlig absurd zu glauben, man müsste zum Beispiel auch noch Offshore-Umspannwerke in der Nordsee bauen. So eine "Pionierleistung" sollte man Firmen überlassen, für die das eben keine mehr ist.

Ist der designierte Vorstandschef Joe Kaeser für diese Zukunft der richtige Mann? Immerhin ist der 56-Jährige ein klassischer "Siemensianer": geboren als Josef Käser im bayerischen Wald, aufgewachsen und sozialisiert und seit 33 Jahren an allen möglichen Ecken aktiv im Konzern. Er hat die Korruptionsaffäre er- und überlebt. Und als Finanzvorstand hat er jahrelang mit abgenickt, was seinem Vorgänger Löscher nun teils zum Vorwurf gemacht wird. Dennoch ist er die beste Wahl.

Er spricht die Sprache der Aktionäre und Investoren ebenso wie der 370.000 Beschäftigten. Er kennt das Geschäft und jede dunkle Nische bei Siemens. Er weiß, dass Nachhaltigkeit und Langfristigkeit zwar viele Aktionäre einen Dreck interessieren, sie aber dennoch Aufgabe eines guten Managements sind, um die Zukunft einer Firma zu sichern. Er kann knallhart sein, aber auch jovial und gewinnend. Als Finanzvorstand hat er Löschers Kurs kritisiert wie intern kein zweiter. Jetzt ist er nicht mehr der Oppositionskandidat, jetzt muss auch er liefern. Kurz: Er kann wenigstens dem Konzern eine neue Rolle schreiben, wenn schon das Land eher ängstlich weiter laviert.

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Von Kaeser seit langem eingefädelt
logisch_konsequent 28.07.2013
Kaeser konnte aus dem Wissen seiner CFO Position Investoren und Aktionäre direkt ansprechen, um den AR zu beeinflussen. Dann den CEO hängen lassen. Und jetzt in dem von ihm verursachten Scherbenhaufen sich als der gerieren, ohne den es nicht weitergeht? Zuviel Herrschaftswissen aufgebaut?
2. Was ist typisch deutsch?
mps58 28.07.2013
Deutsche Ingenieure werden weltweit dafür geschätzt, dass sie hoch-komplexe Produkt in bester Qualität liefern. Jenseits von technologischen Spitzenprodukten sind wir in der Regel nicht wettbewerbsfähig, weil das andere auch mit geringeren Löhnen machen können. Es war daher falsch von Löscher, auf das wohlfeile Gerede vom "grünen Jobwunder" hereinzufallen, denn die Technologie ist dort in der Regel eben nicht so komplex, wie in anderen Bereichen der Industrie. Siemens sollte sich daher wieder auf seine Wurzeln besinnen, und Dinge anpacken, die sich sonst niemand zutraut.
3. Der beste Mann
BettyB. 28.07.2013
Trotz der Lobeshymne: War Kaeser nicht für die "falsche" Planung zuständig? Was spricht da für die Qualifikation des Finanzchefs, was für die des Journalisten?
4.
micha.w 28.07.2013
Man soll neue nicht vorverurteilen, Finanzmenschen gehören sicher auch ganz oben hin, aber duch Führungsstärken, Motivation und Kreativität sind die Kontrollinggelenkten noch nirgends aufgefallen.
5. Angreifen - womit
smartphone 28.07.2013
Wenn solche Konzerne auf Bewerbungen von Spitzeningenieuren ( mit sogar nachgewiesener Berufserfahrung , Patent usw ) derart reagieren ,daß also auf eine(!) Bewerbung satte zwei(!) Absagen kommen , in der einen bekommt man gesagt : "man sei überqualifiziert" und in der kurz darauf "man sei unterqualifiziert " (seit wann ist einer von einer Excellenzuni unterqualifiziert..) da fragt man sich mehr als ernsthaft , wer hier DISqualifiziert ist . .....Im Grunde braucht SIEMENS eine Quotenregelung ..also nix Kaeser ...sondern man sollte aus dem Reservoir resoluter Putzfrauen eine auswählen ....Die kann wenigstens schon mal mit einen Besen /Putzfeudel so umgehen , wie es erforderlich ist ..... Vielleicht sollte man Ihr noch einen aus der Gartenabteilung als Assistent fürs Grobe beiseite stellen ..Im Sinne Eiserner Besen .......
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