Konjunktur Der unheimliche Aufschwung

Rund um den Globus stehen die Zeichen auf konjunkturelle Belebung. Deutschland steht am Beginn eines Booms. Kann das gut gehen?

Baukräne
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Eine Kolumne von


Die erste Hürde ist genommen. Gut möglich, dass Europa auch die zweite Hürde nimmt. Die Niederländer haben bei den Wahlen in der zurückliegenden Woche der populistischen Versuchung widerstanden. Auch in Frankreich, so sagen es die Umfragen vorher, wird die Nationalistin Marine Le Pen im zweiten Wahlgang scheitern. Zwei EU-Kernstaaten wären dann auf Jahre auf proeuropäischem Kurs.

Europa könnte durchstarten - genauso wie sich das die meisten Staats- und Regierungschefs wünschen, die sich am Samstag in Rom treffen, um feierlich das 60. Jubiläum der Gründung der EU zu begehen. Mehr noch: Die Weltwirtschaft könnte einen überraschenden Aufschwung genießen. Schließlich wäre eines der großen politischen Risiken - ein Auseinanderbrechen der Eurozone infolge rechtspopulistischer Wahlsiege - deutlich reduziert.

In der Tat ist dies das wahrscheinlichste weltwirtschaftliche Szenario für die nähere Zukunft: mehr Wachstum. Überraschend viel Wachstum. Womöglich zu viel Wachstum?

Vier Indizien für einen kräftigen Aufschwung

Bereits seit einiger Zeit lässt sich der konjunkturelle Aufwärtstrend an diversen Indikatoren ablesen. Nur wird er bislang übertönt von all dem politischen Lärm, den die großen Staatsdarsteller - Trump, Erdogan, Putin und Co. und ihre europäischen Sympathisanten - verbreiten.

Es sind vor allem vier Indizien, die die Hoffnung auf einen kräftigen Aufschwung begründen: die Laune, die Preise, das Öl und das Geld.

Umfragen bei Managern von Unternehmen zeigen, dass rund um den Globus die Stimmung so gut ist wie lange nicht. (Neue Zahlen für die Eurozone gibt's am Freitag.) Auch in Deutschland weist der Ifo-Geschäftsklimaindex auf exzellente Laune in der Wirtschaft hin. Ob Industrie, Großhandel oder Bau - die Manager sind mit der aktuellen Lage überaus zufrieden. Nach Ifo-Definition befindet sich Deutschland derzeit in einem "Boom".

Die Inflation zieht an. Offenkundig geht die Zeit unausgelasteter Produktionskapazitäten und hoher Arbeitslosigkeit zu Ende. Über Jahre waren die Preissteigerungsraten sehr niedrig und teils sogar negativ. Das nährte die Angst, große Teile der Weltwirtschaft könnten in eine deflationäre Dauerkrise abrutschen. Doch nun ziehen die Inflationsraten an: In den USA stiegen die Konsumentenpreise zuletzt um 2,7 Prozent, in Deutschland um 2,2 Prozent, in der Eurozone insgesamt um zwei Prozent. Selbst Japan hat nach Jahren der schleichenden Deflation wieder positive Inflationsraten.

Öl bleibt billig. Aller Ankündigungen der großen Ölstaaten zum Trotz ist der wichtigste Energieträger günstig - etwa halb so teuer wie zu Beginn dieses Jahrzehnts. Der Grund liegt in strukturellen Verschiebungen: Kleinere US-Produzenten, die per Fracking-Technologie Öl aus Gesteinsschichten herausholen, sind in der Lage, ihre Fördermengen flexibel der Nachfrage anzupassen. Das stabilisiert den Preis.

Und dann ist da noch der vierte Faktor, vielleicht der wichtigste von allen: billiges Geld.

Fed, EZB und Co. lassen Konjunktur und Inflation erst mal laufen

Immer noch sind die großen Notenbanken weit davon entfernt, den Aufschwung zu bremsen. Die EZB und die Bank von Japan kaufen nach wie vor in großem Stil Wertpapiere auf und halten die Zinsen bei null. Die US-Notenbank Fed hat zwar gerade den Leitzins angehoben, allerdings auf immer noch sehr niedrigem Niveau. So wird es wohl auf absehbare Zeit bleiben: Die Fed hat angekündigt, die Zinsen deutlich langsamer anzuheben in als in früheren Aufschwungphasen.

Es sieht so aus, als würden die Notenbanken die Konjunktur - und die Inflation - erst mal laufen lassen. Denn die Verschuldung, insbesondere der Unternehmen und der Staaten, ist weltweit auf Rekordhöhe. Und sie steigt immer noch weiter. Schwellenländer wie China versuchen mit billigen Krediten die Wirtschaft anzukurbeln. Höhere Zinsen sind derzeit nicht opportun - und könnten den Aufschwung abrupt beenden.

Sofern nicht doch noch ein Handelskrieg ausbricht, sofern ein großer Finanzunfall ausbleibt (eine Anti-Euro-Wahl in Italien beispielsweise oder ein Crash an den hochgejazzten Anleihemärkten), falls geopolitische Konflikte unter Kontrolle bleiben (Regionen mit angespannter Lage gibt es eine Menge, Naher Osten, Persischer Golf, Nato-Ostgrenze, Nordkorea, Südchinesisches Meer…) - so lange stehen die Zeichen auf Boom in der Weltwirtschaft. Krasse Übertreibungen inklusive.

Wie geht es Deutschland in fünf Jahren?

Überhitzungserscheinungen werden sichtbar. Gerade auch in Deutschland. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat kürzlich ausgerechnet, was unter den gegebenen Bedingungen auf die Bundesrepublik zukommt: ein fiebriger Aufschwung.

In den kommenden fünf Jahren dürfte die Wirtschaftsleistung schneller wachsen als die Produktionskapazitäten, wie sich vor allem in der Industrie und auf dem Bau zeigt. In mehr und mehr Branchen und Regionen werden Arbeitskräfte knapp, auch weil die Zahl der Zuwanderer in den deutschen Arbeitsmarkt aus dem übrigen Europa zurückgeht. Entsprechend steigen die Löhne und die Inflationsraten.

Der Boom der nächsten Jahre ist getrieben von Bau und Konsum (neue Zahlen zum Konsumklima gibt's am Donnerstag). Eine durchaus problematische Entwicklung. Statt in neue Anlagen, in neues Wissen, in bessere Infrastruktur oder saubere Verkehrsmittel zu investieren, die uns langfristig voranbringen würden, fließen die Mittel vor allem in die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse.

Schon jetzt explodieren die Immobilienpreise förmlich. Um knapp 16 Prozent liegen die Preise bundesweit derzeit über ihrem langfristigen Durchschnittswert, hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich berechnet. In den Ballungsräumen sind die Werte noch viel höher.

Entsprechend fließt viel Geld in den Neubau. Nicht nur die Großstädte, auch ländliche Regionen werden inzwischen von der Dynamik erfasst. Die bereits ordentlich aufgeblähte Immobilienblase wird immer größer. Sie wird platzen. Und den Boom beenden. Unweigerlich. Irgendwann.

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Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Brüssel - Euro-Planung - Treffen der Euro-Finanzminister. Themen unter anderen: Haushaltspläne der Mitgliedstaaten, Zustand und Perspektive der Rentensysteme.

Frankfurt am Main - Update für Weise - Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Wirtschaftsweise") legt eine neue Konjunkturprognose vor.

Louisville - Gefangen im Wahlkampfmodus - US-Präsident Trump gibt sich mit Regieren nicht zufrieden, sondern hält weiterhin Großveranstaltungen ab, dieses Mal in Kentucky.

München - Aufarbeitung einer Großpleite - Der Prozess gegen Georg Funke, den früheren Vorstandsvorsitzenden der Hypo Real Estate (HRE), beginnt. Es geht um die Verantwortung für den größten Bankenzusammenbruch in Deutschland während der Finanzkrise.

Paris - Madame fatale - TV-Debatte der französischen Präsidentschaftskandidaten. Ernsthafte Chancen, in die Stichwahl zu kommen, haben den Umfragen zufolge die Rechte Marine Le Pen und der Unabhängige Emmanuel Macron.

Hannover - Digitale Datenschau - Erster Tag der Technologiemesse CeBIT.

DIENSTAG

Brüssel - Amerikaner und andere - Treffen der EU-Finanzminister. Thema u.a.: Berichte vom G20-Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs Ende der Vorwoche in Baden-Baden.

Edinburgh - Vor dem Scoxit - Schottlands Parlament debattiert über ein Unabhängigkeitsreferendum (bis 22. März). Dass die Abgeordneten sich für die Volksabstimmung über einen Austritt aus dem Vereinigten Königreich aussprechen werden, gilt als sehr wahrscheinlich.

München - Superdoppelniere - Bilanzpressekonferenz von BMW.

MITTWOCH

Berlin - Ganz oben - Frank-Walter Steinmeier wird als Bundespräsident vereidigt in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat.

DONNERSTAG

Nürnberg - Deutschland in Stimmung - Neue Daten vom Konsumklima in der Bundesrepublik.

Jahresabschluss I - Geschäftszahlen der Deutschen Bahn, Postbank, Stada.

FREITAG

Brüssel - Launen der Wirtschaft - Neue Daten zur Stimmung bei den Einkaufsmanagern von Unternehmen im Euroland.

Hamburg - Jahresabschluss II - Geschäftszahlen von Hapag-Lloyd.

SAMSTAG

Rom - Blick zurück - Blick nach vorn? - Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten (ohne Brexit-Großbritannien) anlässlich des 60. Jubiläums der Unterzeichnung der Römischen Verträge - gewissermaßen dem Gründungsakt der heutigen Europäischen Union.

SONNTAG

Saarbrücken - Vorboten für Berlin - Landtagswahlen im Saarland.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Ketterich 19.03.2017
1. Postfaktische Traumdeuterei aus dem Wolkenkuckkucksheim
An dem Artikel stimmt kein Wort - dass hat ein Knabe aus seinem Wunderhorn ge....schüttet. Deutschland verliert in der Relation in der Weltwirtschaft immer mehr an Boden. Andere Länder waschen seit Jahrzehnten mit 6 % und mehr (selbst die Türkei) und in Deutschland müssen die Statistiken gefälscht werden (z.B. durch Hineinnahme von Schmuggel und Prostitution als Wirtschaftsfaktor in das Sozialprodukt), damit man überhaupt noch so was wie Wachstum erkennen kann. Das Deutschland der Medien dümpelt jubelnd vor sich hin.
pygmy-twylyte 19.03.2017
2. Möge der Kelch an uns vorübergehen
"Irgendwann" wird es zu einer Immobilienblase kommen - wohl aber nur im Falle einer weltweiten Wirtschaftskrise und eines damit verbundenen massiven Abbaus von Arbeitsplätzen (Stichwort: Digitalisierung bzw. Technisierung). Momentan ist ja das Gegenteil der Fall. Im Großraum München zum Beispiel sind Immobilien heiß begehrte Mangelware, der Markt ist leergekauft. Die niedrigen Zinsen und das billige Geld hat ja vor allem viele Gutverdienende bzw. Vermögende dazu veranlasst, die teure Mietwohnung gegen eine Erstimmobilie einzutauschen oder gar eine Zweitimmobilie zu erwerben. Das alles bei solider Finanzierung, d.h. hohem Gehalt und hohem Eigenkapital. Etwas anders sieht es bei denjenigen aus, die von den Banken als "gerade noch kreditwürdig" eingestuft werden, hohes Fremdkapital aufnehmen und von Anfang an ganz knapp kalkulieren (müssen). Sie werden bei einer Wirtschaftskrise (neben den Besitzern von Gewerbe-Immobilien) die Ersten sein, die von den Hunden gebissen werden. Man kann nur hoffen, dass es noch lange boomen möge und Digitalisierung und Automatisierung nicht so schnell wie befürchtet voranschreiten bzw. marktbereinigend in die Tat umgesetzt werden und das Schreckensszenario lange auf sich warten lässt.
apollo.11 19.03.2017
3. Nicht nur ...
...die Immobilienblase wird platzen. Mit dem immer weiteren, und jetzt auch noch sich beschleunigenden Wachstum wird vor allem die Ökoblase platzen. Unsere gute alte Erde wird uns eher früher als später die Grenzen des Wachstums aufzeigen. Die Sozialblase wird auch platzen, wenn nämlich im nächsten Abschwung unsere (und andere) Sichererungssystem kollabieren. Nur die Weltbevölkerungsblase, diese von keinem Politiker ernsthaft angegangene, maßgebliche Ursache künftiger Krisen platzt einfach nicht. Hier findet ein besonders ungehemmtes Wachstum statt. Trotzdem schön, dass es uns heute so gut geht, lasst es uns einfach noch genießen, der 'Point of no Return' ist überschritten.
meine_foren 19.03.2017
4.
Zitat von KetterichAn dem Artikel stimmt kein Wort - dass hat ein Knabe aus seinem Wunderhorn ge....schüttet. Deutschland verliert in der Relation in der Weltwirtschaft immer mehr an Boden. Andere Länder waschen seit Jahrzehnten mit 6 % und mehr (selbst die Türkei) und in Deutschland müssen die Statistiken gefälscht werden (z.B. durch Hineinnahme von Schmuggel und Prostitution als Wirtschaftsfaktor in das Sozialprodukt), damit man überhaupt noch so was wie Wachstum erkennen kann. Das Deutschland der Medien dümpelt jubelnd vor sich hin.
Das kann man nicht miteinander vergleichen. Die Türkei braucht dauerhaft enorm hohe Wachstumszahlen, um irgendwann überhaupt erst mal unser jetziges Niveau zu erreichen. BIP pro Kopf (IWF 2015): Türkei: 9.200 Euro Dollar Deutschland: 41.000 Dollar 6 Prozent in der Türkei: 552 Dollar 1,3 Prozent in Deutschland: 648 Dollar Bei dauerhaften 6 Prozent würde die Türkei unser jetziges Niveau in zirka 25 Jahren erreichen. Realistisch in der heutigen politischen und wirtschaftlichen Situation? Entscheiden Sie. ;-)
meine_foren 19.03.2017
5.
Ups, vertippt. 1,3 Prozent in Deutschland sollten ebenfalls 552 Dollar wie bei 6 Prozent in der Türkei sein. Nicht 648.
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