Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Konkurrenz für Deutsche Bahn: Stadt, Land, Bus

Von Julia Kimmerle

Überregionale Buslinien sind in Deutschland verboten - ein Gesetz von 1931 schützt die Bahn vor unliebsamer Konkurrenz. Doch nun will die Regierung den Fernverkehr liberalisieren. Busunternehmer fiebern dem Tag X entgegen, für die Kunden könnte das Reisen von Stadt zu Stadt deutlich billiger werden.

Überlandbus in Brandenburg: Liberalisierung durch die Hintertür? Zur Großansicht
DDP

Überlandbus in Brandenburg: Liberalisierung durch die Hintertür?

Berlin - Wer mit dem Zug nach München fährt, kann sich schon heute die Zukunft des Reisens ausmalen. Denn direkt am Hauptbahnhof steht seit einem halben Jahr das "Raumschiff": ein futuristisches 50-Millionen-Euro-Gebäude, verkleidet mit 30 Kilometer Aluminiumrohr. Dabei ist das neue architektonische Wahrzeichen der Stadt ein reiner Zweckbau - ein Omnibusbahnhof.

Ginge es nach Heinz Gilmer, würden bald noch mehr Reisende das Gebäude bewundern - nämlich bei der Ankunft mit dem Bus. Gilmer ist Projektleiter für Fernbusse bei Veolia Verkehr, dem größten privaten Verkehrsunternehmen in Deutschland. Das Tochterunternehmen des französischen Veolia-Konzerns hat bereits 1500 Busse im Einsatz.

Im innerdeutschen Fernverkehr konnten sie bisher allerdings nicht fahren. Schuld daran sind gesetzliche Vorschriften, die bis in die Weimarer Republik zurück reichen. Die "Überlandverkehrsordnung" von 1931 untersagte Buslinien überall dort, wo die Bahn bereits fuhr. Das Quasimonopol auf innerdeutschen Fernstrecken hat die Zeit gut überdauert: Auch heute noch findet sich die alte Vorschrift in einer ähnlichen Formulierung im aktuell gültigen Personenbeförderungsgesetz.

Doch das soll sich nun ändern. Denn Union und FDP haben die Liberalisierung des Busverkehrs in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten. Wenn der Fahrplan des Verkehrsministeriums eingehalten wird, könnte die Gesetzesänderung schon kommendes Jahr in Kraft treten. Der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Patrick Döring, verspricht: "Endlich brechen wir ein altes Monopol der Bahn und schaffen in Deutschland ein ganz neues Angebot."

Die Firmen hoffen auf ein wichtiges Urteil

Bei manchen Busunternehmen herrscht deshalb Aufbruchstimmung. Wie sich Veolia Verkehr seine Zukunft vorstellt, kann man auf einer großen Deutschlandkarte in Glimers Büro sehen. Drei neue Linien sollen Kiel, Essen, Mönchengladbach und München miteinander verbinden, zwei Strecken würden am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in München enden. Mit anderen Worten: Veolia will in den Bus-Fernverkehr einsteigen - und der Deutschen Bahn Konkurrenz machen. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt gekommen", sagt Gilmer.

Allerdings teilen nicht alle in der Branche diesen Optimismus. "Die Politiker reden schon so lange darüber. Ich glaube es erst, wenn ich es sehe", sagt der Busunternehmer Andreas Keuchel von Gullivers Reisen.

So manches private Busunternehmen schaut deshalb nicht nur auf die Politik in Berlin, sondern auch nach Leipzig. Denn dort wird das Bundesverwaltungsgericht am 24. Juni entscheiden, ob das Unternehmen Deutsche Touring künftig mit seinen Bussen zwischen Frankfurt und Dortmund fahren darf. In dem Verfahren geht es um die entscheidende Frage, was eigentlich ein "verbessertes Verkehrsangebot" ist. Falls ein solches vorliegt, wäre die Busroute legal - obwohl sie der Bahn Konkurrenz macht.

Zwanzig Euro soll die einfache Fahrt von Frankfurt nach Köln kosten, halb so viel wie mit der Bahn. "Ein günstiger Preis ist durchaus eine Verbesserung", sagt Michael Svedek, Manager der Deutschen Touring. "Wenn diese Entscheidung ein Präzedenzfall wird, dann wäre das die Liberalisierung durch die Hintertür." Nach fünfjährigem Rechtstreit könnte das Unternehmen schon im Herbst neue Verbindungen anbieten.

"Die Deutsche Bahn ist der größte Busunternehmer Deutschlands"

Die Bahn selbst hält sich bedeckt. "Die Deutsche Bahn ist der größte Busunternehmer Deutschlands", sagt ein Sprecher lediglich. Damit hat er Recht: Viele regionale Busunternehmen gehören dem Staatskonzern. Hinzu kommt die Firma Berlin Linienbus, ein Verkehrsverbund, an dem die Deutsche Bahn über Tochterunternehmen beteiligt ist.

Bezeichnenderweise bereitet man sich auch hier längst auf die Liberalisierung vor. Gleich mehrere neue Linien hat das Unternehmen beantragt.

Schon jetzt ist Berlin Linienbus der größte Anbieter von Fernverkehrsverbindungen. Auf der Linie zwischen Berlin und Hamburg befördert das Unternehmen etwa 400.000 Passagiere pro Jahr. Dass die Strecke in Konkurrenz zur Bahn befahren werden darf, geht auf eine Ausnahmeregelung aus DDR-Zeiten zurück.

Das schlagende Argument für den Bus ist der Preis: eine einfache Fahrt nach Hamburg kostet regulär 27 Euro. Im ICE sind es 70 Euro.

In Zukunft dürften immer mehr Kunden auf den Bus umsteigen - und zwar deutschlandweit. Mit ein Grund sei die Wirtschaftskrise, sagt Heinz Gilmer von Veolia: "Für Fernbusse gibt es eine immer größere Zahl von Kunden, die sich die Bahnpreise kaum noch leisten können." Verkehrsforscher der TU Dresden halten in den niedrigeren Einkommensklassen einen Marktanteil von über fünf Prozent für realistisch.

Auch die Bahn könnte gewinnen

Das besondere daran: Ausgerechnet die Deutsche Bahn könnte zu den Gewinnern einer Liberalisierung zählen. Das behaupten zumindest viele Busunternehmer. "Für die Bahn hätte eine Liberalisierung große Vorteile und die wird sie auch nutzen", sagt Heinz Gilmer. Denn auch für Fahrgäste der bahneigenen Busgesellschaften gelten bislang eigenwillige Regelungen. So dürfen sie zwar von Ulm nach Berlin fahren, nicht aber von Ulm nach Würzburg, Schweinfurt oder Bamberg - obwohl der Bus Richtung Berlin auch in diesen Städten hält.

"Wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg ist ja nicht die einzelne Linie, sondern das Netz - und da ist keiner besser aufgestellt als die Bahn", sagt denn auch Andreas Keuchel von Gullivers Reisen. Tatsächlich hat die Bahn im Gegensatz zu den privaten Unternehmen schon jetzt ein sehr gut ausgebautes Vertriebssystem. Und sie könnte den Fernverkehr auf Schiene und Straße schnell miteinander verzahnen.

Beim Münchner ZOB würde man sich über etwas mehr Busverkehr durchaus freuen. Bisher fahren dort etwa 80 Busse pro Tag ab, unter anderem nach Minsk, Zamosc, Sizilien. "Das liegt noch unter unseren Kapazitäten", sagt Gisbert Frühauf vom Bayerischen Roten Kreuz, das den neuen Vorzeigebusbahnhof betreibt. Welches Unternehmen die einzelnen Strecken befährt, spielt dort keine Rolle - Hauptsache, die Busse kommen pünktlich an.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Au weia
tomtigerxxl, 30.05.2010
Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber für mich sind Busfahrer verkappte Terroristen, denen der Rückspiegel, die Pause und die Inspektion fremd sind.
2. Auch das noch
Stäffelesrutscher, 30.05.2010
Stetes Gewäsch über Umweltschutz zählt natürlicht nicht, wenn die Klienten der Mövenpicker Geld scheffeln können. Ökologisch reisen? Nein, endlich über weite Strecken billig mit dem Bus. Bringt ja Geld. Nachdem allerlei Waren nur noch umweltverpestend mit LKWs und Flugzeugen transportiert werden und die Forderung nach mehr Verkehr nur in schönen Sonntagsreden stattfindet, kommt nun der nächste Streich. Ein Blick in die USA zeigt, wie es enden könnte. Quer durchs Land in billigen Bussen, Züge existieren schon kaum mehr.
3. Gegen Busfernverkehr
freduard 30.05.2010
Meiner Meinung nach ist das ein Schritt in die falsche Richtung. Die Straßen sind jetzt schon verstopft, der Ausbau geht immer zu Lasten der Allgemeinheit und verlagert den nächsten Knoten im Verkehrsnetz nur an die nächst engere Stelle. Wenn jetzt noch die Linienbusse mehrerer konkurrierender Busbetriebe auf die Straßen kommen ist das also - auch ökologisch! - ein Rückschritt. Allerdings fahre ich selbst nicht mit der Bahn, weil sie mir zu teuer ist. Meine Gegenfrage - seit Jahren - ist also: Warum wird die bahn nicht subventioniert? Sie ist umweltfreundlicher, entlastet die Straßen (und damit bei intensiverer Nutzung auch das Budget der Verkehrsminister) und wäre eine intelligente Antwort auf die knapper werdenden Ölreserven und den damit verbundenen hohen Benzinpreis. Wenn nicht die Bahn so dumm wäre, bei jeder Spritpreiserhöhung gleich selbst auch die Preise zu erhöhen, wäre sie längst ein Verkaufsschlager: Eine große Werbekampagne: "Spritpreise steigen - Bahn senkt die Preise um 25%" - und die Züge wären voll und trotz des geringeren Preises rentabler, die Straßen und die Umwelt entlastet. Wenigstens da, wo Bahnstrecken bestehen. Kommt mir eigentlich ganz logisch und plausibel vor. Liberalisierung und Konkurrenz ist nicht immer etwas Gutes, wir werden es an den noch verstopfteren Straßen sehen, auf denen die halbleeren Busse der verschiedenen Anbieter sich auf der selben Strecke sinnlos gegenseitig den Platz wegnehmen.
4. wo bleibt die holzklasse?
nuderider 30.05.2010
Zitat von sysopÜberregionale Buslinien sind in Deutschland verboten - ein Gesetz von 1931 schützt die Bahn vor unliebsamer Konkurrenz. Doch nun will die Regierung den Fernverkehr liberalisieren. Busunternehmer fiebern dem Tag X entgegen, für die Kunden könnte das Reisen von Stadt zu Stadt deutlich billiger werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,697004,00.html
klar ist es gut preiswert befördert zu werden - doch das sollte per bahn geschehen, die in zukunft immer weiter mit co2 freiem strom betrieben werden wird! busverkehr bedeutet verkehr von der schiene auf die straße zu verlegen, mit erdölverbrennungsmotoren und zusätzlicher verdichtung des verkehrs und stehen im stau - schöne neue welt! meiner meinung nach dient dies, siehe uk und usa, daß die bahn fast bedeutungslos wird und am ende tot ist und auto fährt - und dies ist die absicht der dahinterstehenden autoindustrie! klar können sich die leute eine bahnfahrt kaum leisten - ein blick die züge verrät, daß da ganz normale leute drinnen sitzen und kaum high glossy business leute. mit dem auto fährt man fast umsonst, wenn man noch mitfahrer hat. auto und bus sind für mich reiner schienenersatzverkehr. von der vernunft her hat der staat die aufgabe, eine bezahlbare, umweltschonende alternative zu unterstützen, die auch garkeinen gewinn abwerfen muß - nämlich die bahn, die eigentlich uns allen gehört! gerne kann eine billige "holzklasse" wieder eingeführt werden. stattdessen werden unprofitable strecken geschlossen, hochglanzbahnhöfe gebaut und englische (!) bahnen gekauft - also das gegenteil dessen, was das gemeinwesen benötigt. es läuft einiges schief hier in diesem land!
5. Zwiespältig
Mueller-Luedenscheid 30.05.2010
Einerseits sehe ich dem angesichts meiner Geldbörse mit Freue entgegen, andererseits sehe ich bereits jetzt lettische Busfahrer zu Dumpinglöhnen auf fragwürdig gewarteten Bussen über die Autobahnen heizen. Ok, fragwürdige Wartung gab es auch bei der Bahn, s. S-Bahn. Aber immer "Geiz ist geil?" Wenn die Bahn endlich wieder aufwacht und Tickets wie das "Guten-Abend-Ticket" als Antwort auflegt, dann soll es mir recht sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wie denkt mein Abgeordneter über das Thema? Auf abgeordnetenwatch. spiegel.de können Sie öffentlich mit Parlamentariern in Kontakt treten, Fragen stellen und Antworten bekommen. Geben Sie einfach Ihre Postleitzahl ein:



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: