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Konsumverweigerer: Geschichten vom Loslassen

Von Anja Dilk und Heike Littger

Konsumverweigerer: Für sie ist weniger mehr Fotos
Andreas Labes

Immer mehr Menschen zweifeln am Modell des ewigen Wachstums. Doch nur wenige ziehen die Konsequenzen: Sie verweigern sich dem Konsum - und entdecken dadurch oft neue Werte und Freiheiten.

Sie bauen Gemüse auf den Dächern der Stadt an. Sie stellen Kleidung, Schmuck und Alltagsgegenstände aus gebrauchten Jeans, Nespresso-Cups oder alten Skateboards her. Sie holen Lebensmittel aus den Müllcontainern der Supermärkte - prall gefüllt mit einwandfreier Ware. Sie kaufen Bauern Gemüse ab, das nicht der Norm entspricht und verarbeiten es zu Snacks für eilige Stadtmenschen. Sie reduzieren ihre Habe, um nur noch das Nötigste zu besitzen. Statt Auto fahren sie Fahrrad. Statt Fleisch gibt es Gemüse. Statt Billigsemmeln Biobrot vom Vortag.

Über die gesamte Republik verteilt suchen Menschen nach einem Leben jenseits von Alles-immer-Mehr-Sofort. "Es ist, als hätte die Krise 2007 Raumwellen losgeschickt, die jetzt bei uns ankommen: in Form vieler zwingender Fragen", sagt der britische Wirtschaftswissenschaftler Robert Skidelsky. Endloser Konsum habe den Menschen kein Glück beschert. Im Gegenteil: "Wir gewöhnen uns schnell an jeden neuen Standard von Wohlstand, sind erneut unzufrieden und verlangen alsbald nach mehr." Skidelskys Buch, das er zusammen mit seinem Sohn Edward geschrieben hat, trägt den Titel "Wie viel ist genug?". Die Resonanz ist groß, nach eigenen Angaben kommt der Verlag kaum mit dem Drucken nach.

Svenja Flaßpöhler wundert die Sehnsucht nach Alternativen nicht. Wenn sie aus ihrer Wohnung im Berliner Prenzlauer Berg tritt, beobachtet die stellvertretende Chefredakteurin des "Philosophie Magazins", wie sich Mittelschichtsmenschen im Konsumrausch verheddern. "Konsum ist heute ein Zeitvertreib, der um seiner selbst willen geschieht und deshalb die Tendenz zur Maßlosigkeit in sich trägt." Und noch mehr Geld verdienen, um sich einen noch besseren Computer zu leisten, um noch mehr und besser zu arbeiten? Sie schüttelt den Kopf. "Das ist es nicht."

Schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel habe in seiner Erzählung von Herr und Knecht gezeigt, wie es die Menschen entfremdet, wenn Genuss zum Selbstzweck wird. Nach einem Zweikampf muss der Verlierer unermüdlich schuften, der Sieger legt die Beine hoch und ruft nach immer mehr. "Das macht ihn für Hegel im Verlauf der Geschichte zum wahren Verlierer." Weil er kein Verhältnis mehr zu den Dingen hat und ihren Wert nicht mehr einschätzen kann.

Wir haben uns verrannt. Ohnehin, selbst wenn wir wollten, so weitermachen wie bisher ist nicht mehr drin. Würden alle so viel Fleisch essen wie wir, jedem Modetrend hinterherrennen, so viel Auto fahren und fliegen, bräuchten wir laut der Organisation Global Footprint Network die Erde fast dreimal.

Konsum ufert aus. Allein die Ausstattung mit elektronischen Geräten ist in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen. Zehn Millionen Fernseher, 13 Millionen Computer, 22 Millionen Handys gingen allein 2012 über den Tresen. Vieles gibt es mehrfach. Auf 100 Haushalte kamen 2011 160 Mobiltelefone. Forscher schätzen, dass bereits ein 18-Jähriger im Schnitt 500 Produkte in seinem Zimmer hortet.

"Dieser rücksichtslose Verschleiß war möglich, solange sich nur ein oder zwei Milliarden Menschen im Wohlstand sonnen wollten", sagt David Bosshart, Geschäftsführer des Gottlieb-Duttweiler-Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in der Nähe von Zürich. "Doch durch die rasch wachsenden Mittelschichten in den Schwellenländern schwindet diese Möglichkeit mit jedem Tag ein bisschen mehr." Beispiel Automobil: 13 Millionen Autos fahren heute über Chinas Straßen, bis 2050 werden es zwischen 470 und 660 Millionen sein, fast so viele wie zurzeit weltweit unterwegs sind: 820 Millionen.

"Wir müssen uns vorbereiten auf das Leben mit weniger, damit es uns nicht so hart trifft, wenn es so weit ist", sagt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, Autor des Buches "Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen." Brachland kultivieren, Leihbörsen in der Nachbarschaft organisieren, das Fahrrad selber flicken. "Viele Fähigkeiten haben wir verkümmern lassen. Wir müssen sie wiederentdecken und unsere Kreativität in den Umbau der Gesellschaft von quantitativem zu qualitativem Wachstum stecken."

Durchgesickert ist die Erkenntnis schon länger, der Wille auch da. Laut der Umweltbewusstseinsstudie 2012 sind 80 Prozent der Befragten bereit, ihr Konsumverhalten zu ändern. Nur mit der Umsetzung hapert es noch. Es scheren zwar immer mehr Menschen aus, doch die breite Masse kommt nur schwer in Bewegung. Gründe dafür gibt es viele. Für Psychoanalytiker Schmidbauer ist es vor allem die "ungeheure Angst, alles zu verlieren". Die Furcht, "überwältigt zu werden von dem Zwang zum Verzicht". Für David Bosshart ist es unsere Art zu sein. "Wir sind mit Leib, Herz und Seele Konsumenten. Wir shoppen nicht, weil wir ein Bedürfnis haben. Wir shoppen, um uns anregen zu lassen. Erst die Waren teilen uns mit, welche ungeahnten Wünsche noch in uns schlummern."

Für den Bremer Hirnforscher Gerhard Roth ist es unser Gehirn. "Es hat keine eingebaute Konsumbremse." Im Gegenteil. "Es belohnt uns, wenn wir uns den Bauch vollschlagen. Durst löschen, Sex haben und Spaß." Körpereigene Endorphine durchfluten das Nervensystem und signalisieren: gut gemacht, weiter so. Schließlich war es vor 100.000 Jahren, als sich unser Gehirn entwickelt hat, überlebenswichtig, nach Kräften zuzugreifen. Wer wusste schon, wann es wieder etwas geben würde?

Die Belohnungsmaschinerie tickt aber nicht bei jedem gleich, so Roth. "Bei manchen Menschen schüttet das Gehirn viele Belohnungsstoffe aus, sobald sie konsumieren, bei anderen weniger." Festgelegt wird das von zwei Faktoren: den Genen und der Konditionierung in der Kindheit. Wer mit einem ausgeprägten Belohnungsbedürfnis auf die Welt kommt und als Kind den Konsumrausch der Eltern beobachtet, ist schon als Jugendlicher eingeschworen. "Daran lässt sich nach dem zehnten Lebensjahr nur noch schwer etwas ändern, weil sich das Verhaltensmuster längst in den Basalganglien der Großhirnrinde eingebrannt hat, die über das Bewusstsein kaum zu erreichen sind." Wie ein Alkoholiker, der weiß, dass er den Schnaps stehen lassen sollte und trotzdem zugreift, kann der willfährige Konsument seinen inneren Automatismen kaum widerstehen. Roth: "Einsicht hilft ebenso wenig wie Abschreckung. Das Gehirn lässt sich jetzt nur noch mit Gefühlen erreichen: Vorbilder, die emotional berühren."

Bei der Wienerin Nunu Kaller hat das funktioniert. In der Zeitung hat sie einen Artikel über eine Frau gelesen, die ein Jahr lang nicht geshoppt hat: keine Klamotten, keine Schuhe, keine Taschen, keine Accessoires. "Das mache ich auch", sagte sich Kaller und stieg aus. Von Mitte Januar 2012 bis Mitte Januar 2013. Es ging ihr nicht, wie sie sagt, um ein "Öko-Statement". Sie wollte nicht die Welt retten, sondern einfach nur raus aus dem Automatismus: Stress in der Arbeit, nach Feierabend schnell rein in irgendeinen Shop und mit ein, zwei Tüten ab nach Hause. Kaller: "Die ersten zwei, drei Wochen war es hart, doch dann eine echte Befreiung".

Und "ein unglaublicher Zeitgewinn". Die 31-Jährige hat sich stattdessen Nähen und Stricken beigebracht und viel gelesen: Wo kommen die Sachen her? Unter welchen Bedingungen werden sie produziert? Schon komisch, findet sie heute. Als Pressesprecherin für Global 2000, eine österreichische Umweltorganisation, hatte sie jahrelang Interviews zu Klimawandel und Ressourcenverbrauch gegeben. Doch über ihre Fünf-Euro-T-Shirts hatte sie sich keine Gedanken gemacht. "Es hat mich auch nie jemand darauf angesprochen."

Kritischer Konsum ist belastend

Widersprüche bemerken, im Einzelfall abwägen - für den kritischen Konsumenten wird das zur Daueraufgabe. "Die Menschen geraten in Ziel- und Wertekonflikte, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen", sagt Silke Kleinhückelkotten vom Ecolog Institut für sozialökologische Forschung und Bildung in Hannover. Springe ich bequem zum Supermarkt um die Ecke oder radle zum Biobauernhof vor der Stadt? Ist mir trendige Mode wichtiger oder nachhaltige Produktion? "Konsumieren hängt natürlich auch mit Lebensstil und Identität zusammen: Wer bin ich, zu wem gehöre ich, wer möchte ich sein?"

Harald Welzer kennt diese Konflikte. Der Berliner Sozialpsychologe und Buchautor leitet die Berliner Stiftung Futurzwei und ist gern gesehener Vortragsredner zum Thema "Nachhaltiger Konsum". Erst kürzlich war er in einer deutschen Großstadt zu Gast. Nach seiner Rede gab es erst Applaus, dann - in einem schicken Restaurant - Thunfisch! Welzers kategorischer Imperativ gelebter Zukunftsfähigkeit lautet, sich nicht schuldiger zu machen als unvermeidlich - und Thunfisch essen geht für ihn "gar nicht mehr". Trotzdem musste er überlegen: Bleibe ich mir treu und nehme in Kauf, die anderen Gäste bloßzustellen? "Damit wäre ich in jeglicher Hinsicht asozial: der Partykiller." Oder schiebe ich mir das saftig-rote Stück rein - ist eh schon tot - und genieße es? Es gibt Handlungsspielräume, und sie werden immer größer. Doch es kostet noch Kraft und Überwindung, sie zu nutzen. "Einverstanden zu sein, bedeutet Entlastung; Nichteinverstandensein bedeutet Belastung", so Welzer. "Das muss man sich zumuten wollen."

Das Leben als kritischer Konsument kann anstrengend sein. "Ständig musst du abwägen, was kann ich vertreten, was nicht, nach Alternativen suchen", sagt Nunu Kaller. Immerhin, mit der Zeit werde es leichter. Die parfümierte Luft, die laute Musik, die Massen an Leuten und Waren, alle paar Wochen neue Farben, neue Schnitte, neue Trends: "Früher fand ich das toll, heute überfordert es mich." Stattdessen geht sie zu privaten Tauschpartys oder in Boutiquen mit ökofairen Labels. Nur bei Schuhen fällt es Kaller schwer, umzusteigen. "Da liegt meine persönliche Grenze."

Hirnforscher Gerhard Roth rät zu kleinen Schritten. "Große Schritte führen unweigerlich zum Rückfall, weil sich die Ganglien im Gehirn nur langsam verändern." Da bleibt nur: Neue Verhaltensweisen unermüdlich einüben, erst einmal im Monat, dann einmal die Woche, schließlich täglich. Der österreichische Philosoph und Dichter Günther Anders nannte das "moralische Streckübungen". Dabei bleibt Raum für eine gewisse Großzügigkeit sich selbst gegenüber. "Zu viel Anstrengung verengt den offenen Blick - den braucht man, um Handlungsspielräume zu sehen, wo andere keine sehen", so Sozialpsychologe Welzer. Außerdem gehen ihm Fundamentalismus und Frömmigkeit auf die Nerven. "Wenn mein Sohn in die USA fliegen möchte - soll ich ihm das allen Ernstes verbieten? Es gehört schon eine gewisse Weitläufigkeit dazu, die Welt zu verstehen."

Jede Form von Radikalität, von pedantisch kontrolliertem Verzicht führe in die Irre, meint Philosophin Flaßpöhler. "Statt sich nach strikten Vorgaben zu richten und zwanghaft Maß zu halten, geht es darum, sich selbst zu fragen: Warum fühle ich gerade jetzt den Drang in mir, konsumieren zu müssen? Was brauche ich wirklich, um gut leben zu können?" Flaßpöhler weiß, wie schwer das in einer Gesellschaft ist, die permanent dabei ist, die Lust des Individuums und den Bedarf von Unternehmen in Deckung zu bringen.

Wir sehnen uns nach Sinn? Die Yogamatten liegen schon bereit. Wir dürsten nach Anerkennung? Die Arbeitswelt verspricht sie uns, wenn wir uns nur anstrengen. Mittlerweile ist das Glücksversprechen des Konsums so tief in unsere Gefühlswelt eingesickert, dass wir kaum noch zwischen eigenem Wunsch und kommerziellem Angebot unterscheiden können. Erst das kuschelige Designersofa macht den innigen Abend zu zweit zu einer runden Sache. Flaßpöhler lacht. "Ich selbst gehe jeden Mittag schwimmen. Dabei fühle ich mich gut - und fitter für den Rest des Arbeitstages. Auch das ist im Grunde systemaffirmativ."

Suffizienz nennen Wissenschaftler ein Verhalten, das bei jeder Kaufentscheidung neu auf den Prüfstand stellt: Brauche ich das? Welche Alternativen gibt es? Muss es der Wein aus Südafrika sein oder geht auch der aus dem Rheingau? "Ein suffizienter Lebensstil kann den Energie- und Ressourcenverbrauch senken und dabei die Lebensqualität erhöhen", glaubt Oliver Stengel, Konsumforscher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Wer mit dem Fahrrad fährt, schont nicht nur die Umwelt, sondern stärkt auch sein Herz-Kreislauf-System. "Das macht die Strategie doppelt interessant."

Allerdings: Auch Stengel glaubt nicht mehr, dass sich über die Moralisierung der Märkte allein die Welt retten lässt. "Vor zehn Jahren noch war man überzeugt, dass der kritische Konsument die Wirtschaft in die Knie zwingen könnte." Heute ist klar: Das Kalkül geht nicht auf. Zum einen boomen Schnäppchenmarkt und Discounter immer noch stärker als Bio und Qualität. Zum anderen wird es den kritischen Konsumenten schwer gemacht. Stengel: "Die Industrie ist auf den Zug aufgesprungen und hat in den vergangenen zehn Jahren mit etwa 900 Nachhaltigkeitslabels Verwirrung gestiftet: für ein besseres Image, Marktvorteile, Kundenbindung. Wie soll sich der Verbraucher da zurechtfinden?" Alle müssten an einem Strang ziehen, damit sich etwas verändert - Konsumenten, Politik und Unternehmen.

Ralf Fücks hat soeben sein Buch "Intelligent wachsen - die grüne Revolution" auf den Markt gebracht. "In den nächsten 20, 25 Jahren wird es weltweit eine reale Verdopplung der Wirtschaftsleistung geben", so der Vorstand der -Heinrich Böll-Stiftung. Wenn man die Folgen des globalen Wachstums durch Konsumverzicht in den reichen Ländern abfedern wollte, müssten diese ihren Konsum um 80 oder 90 Prozent herunterfahren. "Das wäre eine Dekarbonisierung, die in ein radikales Verarmungsprogramm mündet. "

Seine Strategie: "Unsere Art des Wachstums ändern. Statt Wachsen auf Kosten der Natur, Wachsen mit der Natur." Insbesondere die Art und Weise der Produktion sei das Entscheidende. Fücks: "Wie können wir wirtschaftliche Wertschöpfung und Naturverbrauch entkoppeln? Das ist die Frage der Zukunft."

Technisat sind solche Fragen nicht fremd. Zumindest mit Sollbruchstellen, Wegwerfware und kurzen Produktzyklen will der Hersteller von Elektrogeräten aus dem rheinland-pfälzischen Daun nichts zu tun haben. So gibt Technisat auf Fernseher fünf Jahre Garantie, mehr als doppelt so lange wie in der Branche üblich. "Nur wenn die Kunden lange Spaß an unseren Geräten haben, können wir sie auch langfristig halten." Das 2000-Mann-Unternehmen will mit hoher Qualität, gutem Service und fairer Produktion punkten. Fast alle Geräte werden nur in Deutschland hergestellt. Dass die Elektronik dadurch teurer wird, ficht Sprecher Tyrone Winbush nicht an. "Unseren Kunden ist das etwas wert. Jeder weiß doch: Wer zu Billigem greift, zahlt zweimal."

Auch Outdoor-Profi Patagonia ermuntert seine Kunden zum wohlüberlegten Konsum. "Kaufen Sie diese Jacke nicht", stand in einer Anzeige, die das Unternehmen kurz vor Weihnachten 2011 veröffentlichte. Die Umweltbilanz einer seiner meistgekauften Jacken schlüsselte Patagonia genau auf: 135 Liter Wasser verbraucht die Herstellung, gut zehn Kilogramm CO2 verursachte der Transport von der Fabrik zur Firmenzentrale in Kalifornien, Müll in Höhe von zwei Dritteln ihres Eigengewichts fiel dabei an - obwohl die Jacke zu 60 Prozent aus recyceltem Material besteht.

Großbritannien kann ein Vorbild sein

Der Kölner Filmemacher Valentin Thurn hat die Lebensmittelbranche unter die Lupe genommen. Nach seinem Kinohit "Taste the Waste" (2011) über die ungeheure Verschwendung von Lebensmitteln nimmt sein neuer Film Vorbilder ins Visier, die "Essensretter": In München serviert das Weiße Bräuhaus seinen Gästen nur noch eine halbe Haxe, dadurch landen zwei Spanferkel weniger pro Woche im Müll. In Berlin bietet die Bio Company auch dreibeinige Möhren und zu klein geratene Auberginen an - mit Erfolg: In wenigen Tagen sind die Kisten leer, krumm und knubbelig sieht mehr nach Natur aus. In den Niederlanden versucht die Supermarktkette Plus, zusammen mit Edel-Caterer Bob Hutten aus Lebensmittelresten Gerichte zu zaubern. Der Wert von zu viel produziertem Fleisch, Brot, Obst und Gemüse liegt bei 500 Millionen Euro pro Jahr.

So ermutigend die Initiativen sind, Thurn ist skeptisch, ob der Wille Einzelner ausreichen wird. Oder besser: Er hat gesehen, wie viel schneller es gehen kann, wenn die Politik nicht nur wie hierzulande Aktionsbündnisse schmiedet. "England ist das einzige Land, das in den vergangenen Jahren den Trend zu immer mehr Müll umdrehen konnte", sagt Thurn. 15 Prozent weniger Lebensmittel werden weggeworfen. Erreicht wurde das durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und neue Gesetze.

Holger Rogall, Direktor des Instituts für Nachhaltigkeit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, sagt dazu "ökologische Leitplanken setzen". Seine Formel: "Die Ressourcenproduktivität muss größer sein als das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts." Dafür brauche es ökologisch wahre Preise, Einfuhrzölle für besonders umweltbelastende Produkte, verbindliche Recyclingquoten, das Denken in Kreisläufen.

Mit Spannung hat der Wissenschaftler den Abschlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität" erwartet, der Mitte April erschien. 34 Sachverständige waren fast zweieinhalb Jahre damit beschäftigt, über grundlegende Fragen nachzudenken: Wie viel Wirtschaftswachstum braucht das Land? Wie müssen Unternehmen wirtschaften, um den Planeten nicht vollends zu zerstören? Wie lässt sich Wohlstand am besten messen? Und welche Rolle spielt der Staat? Doch die Reaktionen auf das 1000-Seiten-Dokument sind verhalten. "Umsonst war die Arbeit der Kommissionsmitglieder zwar nicht", sagt Rogall. "Aber es gab offenbar nur wenige Konsenspunkte." Was ist aus den angedachten Obergrenzen für den Verbrauch von Energie und Ressourcen geworden? Oder aus dem Wohlstandsindex, der nicht nur Waren und Dienstleitungen zählt, die unser Land in einem Jahr produziert, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie gut es Mensch und Umwelt geht?

Neue Leitbilder für den Wandel

"Keiner traut sich, unser Wachstumsmodell grundsätzlich in Frage zu stellen", so Uwe Schneidewind, Direktor des Wuppertal-Instituts. Selbst die Grünen nicht. "Denen sitzt noch immer ihre Offensive von 1998 in den Knochen." Fünf Mark der Liter Benzin, autofreier Sonntag, Fernreise mit dem Flieger nur alle paar Jahre - neue Wähler gewannen die Grünen so nicht.

Ob in Politik, Wirtschaft oder bei den Konsumenten selbst - der Wandel der Konsumkultur braucht Zeit. Neue kollektive Gewohnheiten müssen sich herausbilden. Mit bis zu 30 Jahren rechnet Nachhaltigkeitsexperte Stengel. "So lange hat es beispielsweise bei den Rauchern gedauert - erschwert natürlich durch das erhebliche Suchtpotential von Nikotin." In den Fünfzigern rauchten 50 Prozent der Bevölkerung in westlichen Ländern, die ersten Studien über die Gesundheitsschädlichkeit von Zigaretten in den Sechzigern haben erste Zweifel aufkommen lassen, den Durchbruch brachten die Erkenntnisse über das Passivrauchen in den Achtzigern. "Heute greifen nur noch 25 Prozent der Erwachsenen zur Zigarette."

Psychoanalytiker Schmidbauer hält das für realistisch. "Wir sehen bei der Atomkraft, was möglich ist. Vor dreißig Jahren hätte nie einer gedacht, dass 2013 die Mehrheit für die Energiewende ist." Er vergleicht die Entwicklung mit einem Tunnel, an dem von zwei Seiten gegraben wird: auf der einen Seite durch wachsenden Handlungsdruck angesichts realer Katastrophen, auf der anderen durch die wachsende Einsicht in die Notwendigkeit, etwas zu verändern.

Auf der Berliner Konferenz zur Tauschwirtschaft Mitte Mai konnte man einige Tunnelgräber sehen. Einen Tag lang diskutierten sie in der Kalkscheune die Potentiale von Foodsharing, Sofavermietung und Beziehungswirtschaft. Menschen wie Pola und Thekla, die in Hamburg mit der Kleiderei einen lässigen Leihshop für Kleider eröffnet haben. Wie Michael, dem Gründer von Tamyca, über dessen Plattform Privatleute ihr Auto vermieten. Wie Markus, der ein "Ebay zum Vermieten" plant. Ihren Kunden ist eines gemeinsam: "Sie haben den Besitzgedanken aufgegeben", sagt Thekla. Sicher, noch sind sie eine Randerscheinung. Doch Wuppertal-Institut-Forscher Stengel ist sich sicher: "Kollaborativer Konsum gehört zu den zukunftsfähigsten Trends der Gegenwart."

Das Thema geht besonders jene an, die die Wahl haben. "Der ökologische Rucksack eines Hartz-IV-Beziehers ist in der Regel prima. Er wohnt in einer kleinen Wohnung, kann sich keine Fernreisen leisten und auch keinen Wein aus Südafrika", sagt Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. "Lassen wir die wohlhabende Mittelschicht anfangen, dann kommen wir einen entscheidenden Schritt weiter."

Bevor Nunu Kaller loszieht, stellt sie sich vor ihren Kleiderschrank: Was fehlt mir eigentlich? Die Jagd nach dem einen nötigen Teil kann dann gerne etwas länger dauern. Kaller: "'Weniger ist mehr' hört sich platt an - doch sich ab und an etwas Schönes zu leisten, gibt Shoppen definitiv einen höheren Wert. Vor kurzem hat sie neue Sandalen gekauft. Das Leder ist pflanzlich gefärbt, die Sohlen sind aus recyceltem Gummi.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".

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insgesamt 199 Beiträge
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1. Das hat nichts mit Zweifel zu tun ..
blödföhn 27.10.2013
Zitat von sysopAndreas LabesImmer mehr Menschen zweifeln am Modell des ewigen Wachstums. Doch nur wenige ziehen die Konsequenzen: Sie verweigern sich dem Konsum - und entdecken dadurch oft neue Werte und Freiheiten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/konsumverweigerer-zweifel-am-model-vom-ewigen-wachstum-a-923964.html
In einem geschlossenen System kann es kein unbegrenztes Wachstum geben, dass ist nur Logisch.
2. Gar nicht so schwer
mamacru 27.10.2013
Veränderungen kann es nur geben, wenn man auch bereit ist zu verzichten. Wie soll ich Occupy-Aktivisten ernst nehmen, die sich gierig auf das neueste Smartphone stürzen? Habe seit 12 Jahren keinen Fernseher mehr, und habe auch kein Smartphone. Das Interesse an Trends oder Moden ist fast vollständig verschwunden. Ich lese Bücher und keine Magazine. Ob Kleidung oder Gebrauchsgegenstände: ich kaufe was mir gefällt und möglichst lange hält, gerne auch gebraucht. Wer sich gezielt der Werbung verweigert, macht einen großen und wichtigen Schritt. Ich fühle mich richtig befreit von diesem Konsumrausch. Mein Tipp: schmeißt die Glotze raus. Es gibt deutlich effizientere Methoden zu verblöden.
3. Ist doch klar ...
chickenkiller 27.10.2013
Zitat von sysopAndreas LabesImmer mehr Menschen zweifeln am Modell des ewigen Wachstums. Doch nur wenige ziehen die Konsequenzen: Sie verweigern sich dem Konsum - und entdecken dadurch oft neue Werte und Freiheiten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/konsumverweigerer-zweifel-am-model-vom-ewigen-wachstum-a-923964.html
...weil immer mehr Menschen älter werden! Proportional zur demographischen Kurve wird der Konsum hierzulande automatisch nachlassen. Warum wird denn immer die Gruppe der "bis 49jährigen" beworben? Weile einem spätestens ab dann klar wird, dass man nichts mitnehmen kann! Man braucht bestenfalls einen großen Fernseher, weil man schlechter gucken kann und Geltungsbedürfnis ansonsten sowieso nachlässt. Gibt natürlich Ausnahmen ... Zitat aus dem Artikel: "Festgelegt wird das von zwei Faktoren: den Genen und der Konditionierung in der Kindheit." Damit sind vermutlich Ferrari-Rentner und ältliche SLK-Bräute mit langen blonden Haaren gemeint???
4. zwei von drei....
derboesewolfzdf 27.10.2013
dargestellten sind selbstständig und damit auf den Konsum anderer angewiesen um selber leben zu können und schwadronieren gleichzeitig über den Konsumverzicht. Ist das nun Ironie, Sarkasmus oder Realsatire? der Wolf
5. Tägliche Geschichte des Loslassens
Ausland 27.10.2013
Automatisches Sorgerecht für unverheiratete Väter bei der Vaterschaftsanerkennung! Unterstützen Sie die Petition auf change.org Ledig Väter werden in Deutschland noch immer diskriminiert. Sie sind dem Wohlwollen der Mutter ihrer Kinder hilflos ausgesetzt. Auch die neue Gesetzgebung zum Sorgerecht, hat daran nichts geändert. Väter als Eltern zweiter Klasse zu behandeln ist ein grober Verstoß gegen die Menschenrechte. Gleichgewicht zwischen Frau und Mann, Gleiche Pflichten, gleiche Rechte, gleiche Freude!
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    Anja Dilk und Heike Littger arbeiten seit gut fünf Jahren als Autorenteam zusammen. Sie leben in Berlin und München. Ihre Schwerpunkte: Nachhaltigkeit, Arbeitswelt, gesellschaftlicher Wandel.
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