Wüstenstromprojekt Konzerne lassen Desertec fallen

Ende für ein Großprojekt: Die Wüstenstrominitiative Desertec in ihrer bisherigen Form wird abgewickelt. Einige wenige Gesellschafter wollen das Vorhaben in kleinem Rahmen fortführen. Noch mit dabei ist der deutsche Konzern RWE.

Windpark in Marokko: Scheitern der Wüstenträume
DPA

Windpark in Marokko: Scheitern der Wüstenträume


Berlin/München - Die meisten der zuletzt noch 20 Gesellschafter steigen aus: Das Wüstenstromprojekt Desertec ist fünf Jahre nach seiner Gründung am Ende. Die Desertec Industrial Initiative (DII) werde sich künftig auf Dienstleistungen für ihre verbleibenden Gesellschafter konzentrieren, teilte die Gemeinschaftsfirma mit. Zu den Gesellschaftern der neuen DII gehören demnach der deutsche Stromerzeuger RWE, der saudische Energiekonzern Acwa Power und der chinesische Netzbetreiber SGCC.

Somit hat sich auch die Münchner Rück als treibende Kraft von der Vision verabschiedet, Nordafrika und Europa mit Solarenergie aus der Sahara zu versorgen. Auch die Schweizer ABB und die Deutsche Bank haben sich abgewandt.

Die Desertec-Initiative war mit dem Ziel gestartet, Sonnen- und Windenergie in den nordafrikanischen Wüsten zu erzeugen und ab dem Jahr 2050 rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken. Die neuen Kraftwerke und Hochspannungstrassen sollten 400 Milliarden Euro kosten. Aber die offene Finanzierung, die politischen Umbrüche und Bürgerkriege in der Region sowie der Ausbau der Wind- und Solarenergie in Deutschland ließen die Verwirklichung der Vision immer weiter in die Ferne rücken.

Dass Desertec in der Krise steckt, hatte sich in den vergangenen Monaten bereits abgezeichnet. Zum Jahreswechsel verließ die HSH Nordbank als Finanzier das Wüstenstromprojekt, im Frühjahr verkündeten Bilfinger und E.on ihren Ausstieg. Bereits zuvor hatten Siemens und Bosch dem Vorhaben den Rücken gekehrt, ebenso wie die ursprünglich namensgebende Desertec-Stiftung. Der Club of Rome, in dem sich Experten mit Themen wie Nachhaltigkeit und Grenzen des Wachstums beschäftigen und in dessen Mitte die Idee einst geboren worden war, wandte sich enttäuscht von der Industrie ab.

bos/dpa/Reuters

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sponnerd 14.10.2014
1.
Man sollte sich nichts vormachen. Solange die Region ein politischer und religiöser Krisenherd bleibt, wäre jedwedes Investment in dieser Region Irrsinn! Wir haben daheim genug Investitionsmöglichkeiten.
criticalsitizen 14.10.2014
2. Befreiung vorausgesetzt
Man muss Niordafrika ja erstmal befreien. MIt den jetzigen (wechselnden) Machthabern dort gehts wohl auch schlecht durchzuführen.
vhe 14.10.2014
3. War klar.
War eigentlich schon am Anfang klar und wurde auch in den Foren hier so diskutiert. Solange irgendein Dorfzauberer den Leuten erfolgreich erzählen kann, dass die Kolonialisten die Sonne rauben und der Imam um die Ecke, dass die Ungläubigen die gute Sonne nicht verdienen, ist es völlig aussichtslos, so etwas hochziehen zu wollen. Alles, was es kostet, sind ein paar umgesägte Strommasten und in Europa wird's dunkel. Nicht so, wie bei Öl oder Gas, wo man eine strategische Reserve aufbauen kann, hier ist es in Sekundenbruchteilen zappenduster. Am Ende hätte man auf die Solarkosten auch die Kosten der dort kasernierten Armeen draufschlagen müssen, die nichts anderes tun, als die Anlagen gegen die Einheimischen zu verteidigen, wenn die mal wieder durchdrehen.
syracusa 14.10.2014
4. billiger PV-Strom aus DE macht Desertec unwirtschaftlich
Zitat von sponnerdMan sollte sich nichts vormachen. Solange die Region ein politischer und religiöser Krisenherd bleibt, wäre jedwedes Investment in dieser Region Irrsinn! Wir haben daheim genug Investitionsmöglichkeiten.
Die politische Instabilität der Region wäre wegen des sehr langfristigen Zeithorizonts des Projekts kein brennendes Problem. Viel gravierender ist, dass der in Deutschland bzw Europa erzeugte Solarstrom wegen des Preisverfalls der PV-Module so billig geworden ist, dass Desertec niemals dagegen konkurrieren könnte. Die Kosten der Stromübertragung aus der Sahara wären deutlich teurer als die Kosten der Speicherung des zuhause erzeugten PV-Stroms. PV-Strom in Deutschland ist selbst unter Einbeziehung der Speicherkosten bereits heute (!) billiger als Atomstrom. Desertec lohnt sich da nicht mehr.
jenli 14.10.2014
5. Wenn der PV-Strom so billig ist ...
... warum heult dann die ganze Branche auf, wenn die Einspeisevergütung gekürzt werden soll? Das etwas billig sein soll, das uebers Jahr gerechnet nur ca. 14 % seiner Nennleistung erbringt, ist wohl ein kleines Wunder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.