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Krankenkassen-Zusatzbeiträge: Neun Antworten auf die Verunsicherung

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Der Streit um die Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenversicherungen entwickelt sich zum Informationsdesaster. Regierung und Kassen schieben sich gegenseitig die Schuld zu und verunsichern so die Bürger. SPIEGEL ONLINE erklärt, was Versicherte jetzt wissen müssen.

Patienten-Behandlung: Regierung und Kassen streiten um Zusatzbeiträge Zur Großansicht
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Patienten-Behandlung: Regierung und Kassen streiten um Zusatzbeiträge

Hamburg - Im deutschen Gesundheitsbetrieb herrscht helle Aufregung. Seit acht gesetzliche Krankenkassen angekündigt haben, Zusatzbeiträge zu erheben, ist ein heftiger Streit um die Misere des Gesundheitswesens entbrannt - und keiner will schuld sein am Finanzloch: Die Bundeskanzlerin schimpft auf die Kassen, ebenso Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), die die Zusatzbeiträge gar als rechtswidrig kritisiert. Die Kassen wehren sich gegen die Vorwürfe, fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

An die rund zehn Millionen Versicherten denkt dabei kaum jemand - obwohl das Chaos von Ankündigungen, Dementis und Forderungen bei ihnen vor allem eines auslöst: Verunsicherung.

Denn wenn sich schon die zuständige Verbraucherschutzministerin in Widersprüche verwickelt, der Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) schweigt und aus jeder Ecke andere Informationen kommen, weiß auch der geduldigste Kassenpatient irgendwann nicht mehr, was er glauben soll.

Wann kann ich kündigen? Müssen Hartz-IV-Empfänger die Beiträge selbst zahlen oder nicht? Sind die Zusatzbeiträge von der Steuer absetzbar und lohnt es sich überhaupt, eine neue Kasse zu suchen, die dann vielleicht im nächsten Jahr auch Zusatzbeiträge erhebt?

SPIEGEL ONLINE erklärt, was Versicherte jetzt wissen müssen:


Darf jede Kasse einfach einen Zusatzbeitrag fordern?

Sie darf - aber nur, wenn sie mit dem Budget, das ihr aus dem Gesundheitsfonds zugeteilt wird, nicht auskommt. Die Aufschläge müssen sich die Kassen dann von ihrem Verwaltungsrat absegnen lassen und anschließend ihre Satzung ändern. Genehmigt werden die Zusatzbeiträge vom Bundesversicherungsamt (BVA), das auch prüft, ob deren Höhe dem Bedarf angemessen ist.

Das Bundeskartellamt kann theoretisch gegen die zusätzlichen Beiträge einschreiten und je nach Ausgang ihrer Untersuchungen eine Untersagungsverfügung erlassen oder sogar Geldbußen verhängen, denn die Krankenkassen unterliegen in den meisten Fällen dem Kartellrecht. In der Behörde liegen einem Sprecher zufolge bereits mehrere Beschwerden von Verbrauchern vor, die nun geprüft würden. Allerdings ist nach Einschätzung von Experten nicht völlig klar, inwieweit das Kartellrecht bei den gesetzlichen Krankenkassen greift.


Wann muss mich die Kasse über Zusatzbeiträge informieren?

Die Krankenkassen müssen ihre Mitglieder spätestens einen Monat, bevor der erste Beitrag fällig wird, über die Erhöhung informieren. Die Fälligkeit des Zusatzbeitrags liegt sechs Wochen nach dem Tag zu dem sie erhoben werden. Also: Erhebt eine Kasse den Zusatzbeitrag zum 1. Februar, wird er am 15. März fällig. Die Kasse muss die Mitglieder also bis zum 15. Februar informieren. Die Mitglieder haben dann vier Wochen Zeit, den Zusatzbeitrag zu überweisen.

Werden die Mitglieder später als bis zum 15. Februar informiert, verlängert sich das Sonderkündigungsrecht um vier Wochen. Diese Fälligkeitsregelung wird aus der alten gesetzlichen Regelung zur Fälligkeit der Beiträge vor Einführung des einheitlichen Beitragssatzes abgeleitet. Damals waren die Beiträge auch zum 15. des Folgemonats fällig.


Wie kündige ich meiner Kasse, wenn sie einen Zusatzbeitrag verlangt?

Gesetzlich Versicherte haben ein sofortiges Sonderkündigungsrecht, wenn ihre Krankenkasse Zusatzbeiträge ankündigt. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange sie bereits bei ihrer Versicherung Mitglied sind. Die Kündigungsfrist beträgt zwei Monate zum Monatsende. Erfährt ein Versicherter im Januar, dass seine Kasse einen Zusatzbeitrag erhöht und kündigt noch im selben Monat, kann er seine Kasse Ende März verlassen. Zusatzbeiträge muss er dann nicht zahlen, die normalen Beiträge hingegen schon.

Um zu kündigen reicht ein einfaches Kündigungsschreiben. Innerhalb von 14 Tagen muss die Kasse eine Kündigungsbestätigung schicken. Diese muss dann bei der neuen Kasse eingereicht werden. Der alten Kasse muss der Versicherte wiederum die Mitgliedsbestätigung der neuen Kasse schicken. Erst dann ist der Wechsel wirksam.


Werden langfristig alle Kassen einen Zusatzbeitrag erheben?

Gesundheitsexperten rechnen damit, dass bis zur Jahresmitte jeder zweite gesetzlich Versicherte Zusatzbeiträge zahlen muss. In diesem Jahr können einige Kassen voraussichtlich darauf verzichten, spätestens im kommenden Jahr wird nach Ansicht von Doris Pfeiffer, Chefin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der Zusatzbeitrag flächendeckend erhoben. Der Verwaltungsaufwand für die Erhebung der Zusatzbeiträge kostet die Kassen insgesamt eine Milliarde Euro.


Müssen auch Hartz-IV-Empfänger den Beitrag zahlen?

Im Prinzip ja. Im Sozialgesetzbuch ist ausdrücklich geregelt, dass die Zusatzbeiträge der Krankenkassen nicht von der Bundesagentur für Arbeit übernommen werden. Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung will der Bund aber möglicherweise die zusätzlichen Beiträge für Langzeitarbeitslose übernehmen. Entsprechende Überlegungen gebe es für den Fall, dass die Krankenkassen flächendeckend Zusatzbeiträge erheben, berichtete das Blatt unter Berufung auf Regierungskreise.

Das würde den Bund allerdings teuer zu stehen kommen: Nach Schätzungen des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn müsse der Bund bei einer Übernahme der Zusatzbeiträge mit Mehrausgaben von rund 300 Millionen Euro im Jahr rechnen, hieß es in dem Bericht.

Der Arbeitsmarktexperte des IZA, Hilmar Schneider, sagte der "Bild"-Zeitung: "Bei flächendeckenden Zusatzbeiträgen ist es kaum denkbar, dass der Bund die Kosten nicht trägt." Schließlich würden die Regelsätze nach einem Warenkorb festgelegt, aus dem man nicht einfach acht Euro herausnehmen könne.

Die Bundesregierung dementierte jedoch, sie würde die Zusatzbeiträge für Hartz-IV-Empfänger übernehmen. Derartige Überlegungen gebe es nicht, insbesondere nicht im Bundesarbeitsministerium, sagte ein Sprecher.


Wie hoch darf der Zusatzbeitrag sein?

Der Zusatzbeitrag darf, wenn er über acht Euro beträgt, höchstens ein Prozent des Einkommens ausmachen. Ein Rentner mit 1100 Euro im Monat muss also maximal elf Euro zahlen. Allerdings dürfen die Kassen pauschal acht Euro im Monat verlangen. Erst ab dieser Schwelle müssen die Einkommen der Versicherten individuell geprüft werden. Das würde einen noch höheren Verwaltungsaufwand bedeuten.


Sind die Zusatzbeiträge steuerlich absetzbar?

Dem Bürgerentlastungsgesetz zufolge, das am 1. Januar in Kraft trat, sind die Zusatzbeiträge genauso wie die übrigen Kassenbeiträge als Sonderausgabe steuerlich absetzbar. Von der Absetzbarkeit profitieren aber nur diejenigen, die nennenswert Steuern zahlen. Im Extremfall muss bei sehr hohen Einkommen effektiv nur noch die Hälfte gezahlt werden. Wer keine oder nur wenig Steuern zahlt, bleibt dagegen auf dem vollen Betrag sitzen.


Welche Kassen verlangen in diesem Jahr keinen Zusatzbeitrag?

Einige Kassen haben angekündigt, 2010 keinen Zusatzbeitrag zur erheben. Dazu gehören die AOK Berlin/Brandenburg, die AOK Sachsen-Anhalt, die AOK Bremen/Bremerhaven, die AOK Westfalen-Lippe, die Signal Iduna IKK, nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" auch die HKK, die BKK Oetker, die BKK VBU, die Siemens BKK und die BIG direkt gesund.


Was passiert, wenn ich meinen Zusatzbeitrag nicht zahle?

Die Krankenkasse kann ein Inkassoverfahren einleiten. Da das aber sehr hohe Kosten verursacht, die die acht Euro schnell auffressen könnten, wollen viele Kassen nach Angaben des "Handelsblatt" ein Inkassoverfahren erst einleiten, wenn der Schuldenstand 50 Euro erreicht.

Mit Material von ddp, dpa, AP und APN

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Forum - Wohin steuert unser Gesundheitssystem?
insgesamt 11904 Beiträge
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1.
Interessierter0815 27.01.2010
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Korruption wohin das Auge auch sieht. Wohin wird das GesundheitsSYSTEM wohl steuern? Die 3. klassengesellschaft schreitet weiter und weiter, bald werden sicherlich alle "wertlosen" markiert und sollen froh sein, wenn es noch ein kanten Brot gibt und evt. eine rote Pille oder Tiergrippenimpfung.
2.
genugistgenug 27.01.2010
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
ABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
3. Großeltern?
Interessierter0815 27.01.2010
Zitat von genugistgenugABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Welcher vernünftige Mensch möchte in diese asoziale Gesellschaft Kinder setzen? Nene, sich alleine durchzuboxen wird schon hart genug.
4. +++
saul7 27.01.2010
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
5.
Stefanie Bach, 27.01.2010
Zitat von saul7Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Norbert Blüm trifft es sehr genau: "Man kann aus Schaden klug werden. Man muss es aber nicht. Mit der Kopfpauschale ging die CDU in der Bundestagswahl 2005 baden. 2009, nach der Bundestagswahl, versucht sie es wieder mit dem einkommensunabhängigen Beitrag zur Krankenversicherung, der für alle gleich hoch sein soll." Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
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Der Zusatzbeitrag

Die knapp 200 Krankenkassen in Deutschland bekommen aus dem inzwischen eingeführten Gesundheitsfonds für jedes Jahr eine feste Summe zugeteilt. Diese wird nach komplizierten Regeln ermittelt - unter anderem danach, wieviel Gesunde oder Kranke die Kasse versichert. Kommt die Kasse mit der zugeteilten Summe nicht aus, muss sie direkt bei ihren Mitgliedern zusätzliches Geld eintreiben, den sogenannten Zusatzbeitrag.

Er darf, wenn er über acht Euro beträgt, höchstens ein Prozent des Einkommens ausmachen. Ein Rentner mit 1100 Euro im Monat muss also maximal elf Euro zahlen. Der Zusatzbeitrag muss den Mitgliedern vier Wochen im Voraus angekündigt werden. Diese haben dann ein sofortiges Sonderkündigungsrecht. Hat die Kasse dagegen aus ihrer Zuteilung aus dem Fonds Geld übrig, darf sie ihren Mitgliedern eine Prämie ausschütten. AP


Welche Kassen bald Zusatzbeiträge einführen
Kranken- kasse Versicherte vermutl. Start Betrag pro Monat
DAK 6,4 Mio. 1. Februar 8 Euro
KKH Allianz rund 2 Mio. erstes Halbjahr 2010 8 Euro
BKK Gesundheit 1,4 Mio. 1. Februar/ 1. März 8 Euro
ktp BKK 130.000 1. April 8 Euro
BKK Westfalen- Lippe 30.000 1. Februar mehr als 8 Euro
Quelle: ddp
Schwarz-gelbe Gesundheitspläne
Die Gesundheitspolitik erwies sich als einer der Knackpunkte in den Koalitionsverhandlungen von Union und FDP. Bei der Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen haben sich die künftigen Koalitionäre nun auf eine grundlegende Neuordnung verständigt - ein Überblick.
Krankenkassen
Das bisherige System des Gesundheitsfonds mit dem Einheitsbeitrag von derzeit 14,9 Prozent bleibt zwar zunächst erhalten. Somit ist auch der allein von den Versicherten zu leistende Zusatzbeitrag weiter auf ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens begrenzt. Doch voraussichtlich ab 2011 wird es grundsätzliche Änderungen geben: Der Arbeitgeberanteil wird eingefroren, damit müssten Ausgabensteigerungen wohl allein von den Arbeitnehmern getragen werden. Für die Versicherten wird es dann einen einkommensunabhängigen Beitrag geben, was dem umstrittenen Modell einer "Kopfpauschale" nahekäme. Für Geringverdiener soll es einen sozialen Ausgleich geben, der durch Steuern finanziert würde.
Praxisgebühr
Die Praxisgebühr von zehn Euro, die die Versicherten seit 2004 pro Quartal für Arztbesuche zahlen müssen, soll durch eine neue Regelung ersetzt werden. Zeitungsberichten zufolge könnte es künftig zu einer geringeren Gebühr kommen, die dann aber bei jedem Arztbesuch fällig würde. Ziel der Praxisgebühr war es, das Kostenbewusstsein der Versicherten zu steigern und den Kassen vom Beitragssatz unabhängige Einnahmen zu sichern. Diese Steuerungswirkung, so kritisierten Gesundheitsexperten wiederholt, habe die Praxisgebühr aber verfehlt.
Private Krankenversicherung
Der Wechsel zu einer privaten Krankenkasse soll künftig wieder nach einmaligem Überschreiten der Versicherungspflichtgrenze möglich sein. Derzeit ist dies nur möglich, wenn das Einkommen mindestens drei Jahre lang diese Obergrenze überschreitet.
Elektronische Gesundheitskarte
Die umstrittene Gesundheitskarte, die die bisherige Krankenkassenkarte ablösen sollte, wird vorläufig gestoppt. Erst nach einer "Bestandsaufnahme" der bisherigen Erfahrungen in den Testregionen soll entschieden werden, ob die Karte sinnvoll ist, heißt es im Entwurf des Koalitionsvertrags.
Ärztehonorare
Die umstrittene Honorarreform für niedergelassene Ärzte, die zum Jahresbeginn in Kraft trat und für heftige Proteste sorgte, soll korrigiert werden.
Ärztemangel
Angesichts des drohenden Ärztemangels sollen die Anreize für niedergelassene Mediziner in unterversorgten Regionen verstärkt werden und Medizinstudenten gefördert werden. ssu/AFP


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