Kranker Steve Jobs Das 20-Milliarden-Dollar-Genie

Steve Jobs kündigt eine Krankheitspause an, er sagt nicht, was er hat oder wie lange er wegbleiben will. Die Aktie bricht ein: An der Börse in Frankfurt verliert Apple zeitweise mehr als 20 Milliarden Dollar an Wert. Warum der Manager der größte Segen des Konzerns ist - und sein größter Fluch werden kann.

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Konzernlenker Jobs: "Ich liebe Apple so sehr"
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Konzernlenker Jobs: "Ich liebe Apple so sehr"


Team,

auf meine Bitte hin hat mir der Verwaltungsrat erlaubt, eine Auszeit zu nehmen, damit ich mich auf meine Gesundheit konzentrieren kann. Ich werde aber Konzernchef bleiben und an wichtigen strategischen Entscheidungen beteiligt sein. (...)

Ich liebe Apple so sehr und hoffe, so bald wie möglich zurück zu sein. Bis dahin würden meine Familie und ich es zutiefst begrüßen, wenn unsere Privatsphäre akzeptiert wird.

Steve

Die Rundmail, die Steve Jobs an seine Mitarbeiter schickte, sagt viel über Apple und seinen Chef: Sie zeigt einen Unternehmensleiter, der mit seiner Firma so stark verschmolzen ist, dass er deren Geschicke noch vom Krankenbett aus lenken möchte. Selbst wenn ihn gesundheitliche Gründe zwingen, sich für eine Weile aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen.

Jobs' Liebe zu Apple hat Apple weit gebracht. Jobs hat das Unternehmen zum Kult-Konzern gemacht und zum drittwertvollsten Unternehmen der Welt. Er hat das iPhone erfunden und damit den Handymarkt revolutioniert. Hat mit dem iPad eine neue Mediengattung geschaffen, die sowohl PC-Hersteller als auch Microsoft seit vielen Jahren erfolglos zu etablieren versuchten. Hat sein Unternehmen zum One-Stop-Shop gemacht, der seinen Kunden vom winzigen iPod shuffle bis zum iMac mit 27-Zoll-Bildschirm so ziemlich alles liefern kann. Und er hat eine mächtige Vertriebsplattform für Filme, Musik und Software geschaffen.

Aber die Rundmail zeigt auch einen Mann, der ein Kontrollfreak ist, der sich abschottet, der bei vielem seine Person ins Zentrum gestellt hat. "Steve Jobs ist bei Apple der Mann mit der großen Vision", sagt Rüdiger Spies, IT-Experte beim Marktforscher IDC und seit 25 Jahren Beobachter der Branche. "Er lässt seine Techniker bisweilen Bausteine für Produkte entwickeln, ohne dass sie wissen wofür."

Warum Steve Jobs der Börse 20 Milliarden Dollar wert ist

Steve Jobs lebt das Unternehmen und seine Produkte. Er ist Apples größtes Glück und Apples größtes Problem. Wird er krank, zittert die Apple-Community, und die Börse bebt.

So auch diesen Montag: Nur wenige Minuten war die Nachricht von Steve Jobs' Auszeit in der Welt, da brach die Apple-Aktie ein. Bis zu acht Prozent verlor sie zwischenzeitlich an Wert, das Unternehmen büßte damit zeitweise mehr als 20 Milliarden Dollar an Wert ein. Auch wenn in Frankfurt nur ein Teil der Apple-Aktien gehandelt wird: Man kann diese Zahl als Anhaltspunkt dafür nehmen, wie viel Apples Nummer eins den Börsianern wert ist.

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Steve Jobs: Der Apple-Boss
Die US-Börsen blieben an diesem Montag wegen des Feiertags zu Ehren des ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King geschlossen. Am Dienstag will Apple seine jüngsten Quartalszahlen bekanntgeben. Experten schätzen, dass das Timing von Steve Jobs' kein Zufall ist. "Es ist denkbar, dass der Konzern versucht, die Kursreaktion in Amerika so gut es geht in Grenzen zu halten", sagt Thomas Liskamm, IT-Analyst bei der Commerzbank.

Warum erachten die Finanzmärkte Jobs als so wertvoll? Analysten attestieren ihm im Kern zwei Fähigkeiten, die ihn für Apple unersetzlich machen.

  • Erstens gilt Jobs als treibende Kraft hinter allen Erfolgen des Konzerns. "Er kennt die Produkte en detail und feilt oft bis zur letzten Minute an ihnen", sagt Spies. "Er ist die zentrale Innovationskraft im Unternehmen."
  • Zweitens ist Jobs ein exzellenter Verkäufer. Als er das iPhone präsentierte, erntete er von Anwesenden frenetischen Applaus - nur dafür, dass er ein Telefon aus der Tasche zog. Jobs wirkt davon überzeugt, dass seine Produkte die besten der Welt sind. Und diese Überzeugung trägt er so stark nach außen, dass ihm nachgesagt wird, er könne eine Art Reality Distortion Field erzeugen: ein Kraftfeld, das die Realität verzerrt und mit dem sich im Grunde alles verkaufen lässt.

Vor Jobs' Lebertransplantation geriet Apple in ein Formtief

Auf Jobs' Innovationskraft und Verkaufstalent kann Apple nicht verzichten. Und so werden die Börsen nervös, wenn der Konzernchef eine Auszeit ankündigt. Auch wenn der Apple-Chef bislang keine konkreten Gründe dafür nannte und auch nicht sagte, wie lange er fehlen wird: An der Börse wetten manche schon darauf, dass Apple vielleicht ohne ihn auskommen muss.

Zwei Mal war Steve Jobs in den vergangenen Jahren ernsthaft krank. 2004 hatte er Krebs an der Bauchspeicheldrüse - er besiegte ihn. 2009 musste er sich einer Lebertransplantation unterziehen.

Ganz ohne Wirkung waren diese Auszeiten nicht: 2009, kurz vor Jobs' Lebertransplantation, geriet der Konzern in ein Formtief. Damals hatte, völlig überraschend und zunächst ohne Erklärung, Marketingchef Phil Schiller die Eröffnungsrede zur Macworld-Expo-Messe in San Francisco gehalten. Sein Auftritt ließ im Nachhinein vermuten, dass Jobs schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die Zügel in der Hand hielt. Denn während Apple die Macworld-Expo bis dahin genutzt hatte, um innovative Produkte vorzustellen, waren Schillers Highlights nur eine neue Version des 17-Zoll-Macbooks - und der generelle Verzicht auf einen Kopierschutz bei Musik aus dem iTunes Store.

Als Schiller allerdings sechs Monate später wieder auf die Bühne trat, um Apple-Neuheiten zu zeigen, hatte er Mühe, alle News in einer Rede unterzubringen. Das iPhone 3 GS war viel schneller geworden, die neuen Laptops sollten länger ohne Steckdose durchhalten als je zuvor, und das damals neue Betriebssystem Mac OS X 10.6 "Snow Leopard" wurde zum Kampfpreis von 29 Dollar auf den Markt geworfen. Wie groß Jobs' Anteil an diesen Entwicklungen war, hat Apple nicht preisgegeben.

"Der Apple-Chef hat es versäumt, einen Nachfolger aufzubauen"

Dieses Mal dürfte der Ausfall von Steve Jobs für Apple zunächst keine spürbaren Auswirkungen haben. Das iPad 2 ist Berichten aus Asien zufolge bereits in der Produktion, es soll im April vorgestellt werden. Das iPhone 5 dürfte im Juni auf den Markt kommen. Im Übrigen sind für die erste Jahreshälfte bei Apple keine bahnbrechenden neuen Produkte zu erwarten. Den iMacs dürfte ein technisches Update mit neuen Prozessoren bevorstehen, den Profi-Rechnern vom Typ Mac Pro ebenso.

Spannend ist aber, was in der zweiten Jahreshälfte passiert. Irgendwann 2011 werde das nächste große Betriebssystem-Update, Mac OS X 10.7 "Lion" kommen, hatte Steve Jobs 2010 versprochen. Es soll den Mac-Desktop mit den Funktionen von iPad und iPhone verbinden - und ist augenscheinlich noch lange nicht fertig. Für die zweite Jahreshälfte sind zudem neue Notebooks zu erwarten. Apple führt solche Geräte gerne rechtzeitig zum Ende der Sommerferien ein, weil zu dieser Zeit viele Schüler neue Computer kaufen.

"Die Veröffentlichung dieser Produkte kann Apple weitgehend ohne Steve Jobs stemmen", sagt IT-Experte Liskamm von der Commerzbank. Auf lange Sicht aber sind Steve Jobs' Ausfälle für den Konzern eine ernste Gefahr. "Der Apple-Chef hat es bislang versäumt, einen Nachfolger aufzubauen", sagt IDC-Experte Spies. "Im Gegenteil: Er hat das Unternehmen immer enger mit seiner Person verwoben."

Apple bleiben deshalb nur zwei Wege, um langfristig Erfolg zu haben: Steve Jobs muss lernen loszulassen - oder Apple muss in seiner Abwesenheit über Jobs hinauswachsen.

Buchhalter ersetzt Prediger

Beides aber ist nicht in Sicht: Das Tagesgeschäft übernimmt erst einmal wieder Tim Cook. Er führte die Geschäfte schon 2004 und 2009 für Jobs. Cook ist Manager für das internationale operative Geschäft und damit nach Jobs die Nummer zwei im Unternehmen.

In puncto Arbeit gilt Cook, der passionierte Fahrradfahrer und Energieriegel-Esser, als ebenso exzessiv wie Jobs. Weltweite Telefonkonferenzen hält er, wenn es sein muss, schon mal Sonntagnacht ab. Bei Apple hat sich Cook viele Meriten verdient. Er optimierte den Vertrieb, lagerte die Produktion größtenteils aus und verschaffte dem IT-Konzern damit viel finanziellen Spielraum.

Doch während Jobs bei öffentlichen Auftritten Funken erzeugen kann, ist Cook analytisch und detailorientiert. Kritiker sagen, er sei mehr Buchhalter als Prediger, mehr Arbeitstier als Visionär.

IT-Experte Spies hält Cook zumindest in puncto Außenpräsenz nicht für den Mann, den Apple an der Spitze braucht. "Wenn Steve Jobs jetzt gehen müsste", sagt er, "würde Apple in ein großes Loch fallen."



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insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
stesoell 17.01.2011
1. oo
Steve Jobs ist seit Jahren an Krebs erkrankt und der Autor spricht von einem möglichen Fluch für Apple. Schämen Sie sich!
freh 17.01.2011
2. HIV positiv
Laut Wikileaks gibt es ein Dokument, das einen Untersuchungsbericht zeigt, aus dem hervorgeht, dass Steve Jobs HIV positiv getestet sein soll. Nicht's desto trotz, kein Mensch ist unersetzlich und unser Leben ist nur ein winziger Funke im großen Werden und Vergehen. Wenn sich das mal jeder in seinem kleinlichen Alltag vor Augen halten würde, dann könnte ich mir vorstellen, dass Menschen vieleicht sinnvoller mit Ihrer Zeit umgehen. Was passiert denn mit den Milliarden? Putzen sich jetzt ein paar Anleger, damit den Hintern oder werden Kinder unterstützt, die jeden Morgen aufwachen und nicht wissen, wie Sie den Tag überleben sollen? Dreimal dürft Ihr raten.
24moskito 17.01.2011
3. Taschengeld
Zitat von stesoellSteve Jobs ist seit Jahren an Krebs erkrankt und der Autor spricht von einem möglichen Fluch für Apple. Schämen Sie sich!
Das ist wohl schon eine Weile bekannt. Anderes Szenario: Jobs verkauft bei Höchststand ne Menge Aktien, kündigt anschliessend seine Pause wegen Krankheit an, der Kurs fällt s.o. und schwups kauft Apple eigene Aktienpakete zum Tiefstpreis zurück....schönes Taschengeld mal eben nebenbei verdient (: ....jaja, so etwas haben DIE natürlich gar nicht nötig LOL
Izmir.Übül 17.01.2011
4. Krebs besiegt?
2004 hatte er Krebs an der Bauchspeicheldrüse - er besiegte ihn. Genau das dürfte, entgegen aller offiziellen Verlautbarungen und der Tatsache, dass Steve Jobs sich die besten Therapien der Welt leisten kann, nicht stimmen.
enforca, 17.01.2011
5. Trotzdem gute Besserung
Der Personenkult und der Markenkult um apple machen überhaupt keinen Sinn. Apple ist als Marke sowieso total overrated. Es werden Produkte wie mp3-player zu total überteuerten Preisen verkauft, weil die mainstream-Konsumenten sich von den Medien (Auch hier hat der SPIEGEL sich mal wieder nicht mit Ruhm bekleckert und ist immer ganz vorne dabei unter den Apple-groupies) weißmachen lassen, dass diese Marke total hip wäre und Apple überhaupt für einen tollen neuen lifestyle stünde... lächerlich
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