Krim-Krise Was für deutsche Konzerne in Russland auf dem Spiel steht

Für seinen Putin-Besuch muss Siemens-Chef Kaeser Kritik einstecken, doch in der Wirtschaft bekommt er Beifall. Allein die Dax-Konzerne fürchten in Russland um Milliardenumsätze und -investitionen. Was auf dem Spiel steht - der Überblick.

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Metro-Supermarkt in Moskau: Milliardengeschäft für deutsche Konzerne
REUTERS

Metro-Supermarkt in Moskau: Milliardengeschäft für deutsche Konzerne


Hamburg - Der Russlandbesuch von Joe Kaeser provozierte Empörung. Mitten in der Krim-Krise hatte sich der Siemens-Chef mit Präsident Wladimir Putin getroffen. Und mit Eisenbahnchef Wladimir Jakunin, obwohl der auf der Sanktionsliste der Vereinigten Staaten steht. Nach dem Besuch lobte Kaeser dann auch noch die "vertrauensvolle Beziehung" zu Russland und spielte das Weltereignis Krim-Annexion zur "kurzfristigen Turbulenz" herunter.

Selbst in deutschen Konzernen fand man das Auftreten des Siemens-Chefs diplomatisch ungeschickt. Gleichzeitig hätten auch viele Wirtschaftsvertreter Kaesers Botschaft begrüßt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Freitag.

Die Wirtschaft dürfe für die Belange der Politik nicht instrumentalisiert werden, finden manche. Kaesers Auftritt - ein willkommenes Signal gegen Sanktionen. Aus Sicht der Konzernlenker kann man das verstehen, denn in dem einstigen Boomland steht für sie viel auf dem Spiel - wie folgende Tabelle zeigt:

Das Russland-Geschäft der Dax-Konzerne


(Zur Sortierung klicken Sie auf die Spaltenköpfe)

Konzernname in Russland seit Umsatz in Russland 2012, in Mrd. Euro Wachstum 2011/2012, in % Umsatz-
anteil am Gesamt-
umsatz 2012, in %
Russische Mitarbeiter 2012 (teils gerundet)
Adidas 1992 1,095 26 7,4 5000
Allianz 1991 0,573 13 0,5 4500
BASF 1874 1,300 8 1,7 500
Bayer 1978 0,720 31 1,8 400
Beiersdorf 1998 0,237 16 3,9 200
BMW 1999 1,984 32 2,6 200
Commerzbank 1993 0,081 1 0,4 150
Continental 1994 k.A. k.A. k.A. 1300
Daimler 1994 2,340 19 2,0 1000
Deutsche Bank 1998 0,406 19 1,2 1020
Deutsche Börse 2007 k.A. k.A. k.A. k.A.
Deutsche Post 1986 0,245 12 0,4 3000
Deutsche Telekom 1995 0,040 48 0,1 750
E.on 1975 1,879 16 1,4 5038
Fresenius Medical Care 1996 0,091 42 0,7 1200
Fresenius 1990 k.A. k.A. k.A. k.A.
Heidelberg Cement 2001 0,300 15 2,1 4000
Henkel 1990 1,080 7 6,5 1972
Infineon 2005 0,0004 k.A. k.A. k.A.
K+S k.A. k.A. k.A. k.A. k.A.
Lanxes 2009 0,080 k.A. 0,9 250
Linde 1994 0,085 21 0,6 500
Lufthansa 1972 0,150 k.A. 0,5 200
Merck 1898 k.A. k.A. k.A. k.A.
Munich Re 1991 k.A. k.A. k.A. k.A.
RWE 1994 k.A. k.A. k.A. k.A.
SAP 1992 0,403 15 2,5 760
Siemens 1853 1,600 10 2,1 3120
ThyssenKrupp 1999 0,280 30 0,7 1100
Volkswagen 1993 6,500 35 3,4 5713

Quelle: EAC Consulting

Allein die Umsätze der Dax-Konzerne in dem einstigen Boomland beliefen sich im Jahr 2012 auf mindestens 21,5 Milliarden Euro, wie die Unternehmensberatung EAC Consulting kürzlich in einer Studie feststellte. Insgesamt macht das Russlandgeschäft bis zu 7,5 Prozent des gesamten Konzernumsatzes aus.

Bei Firmen außerhalb des Dax ist die Abhängigkeit teils noch weit höher. Die Knauf-Gruppe etwa erwirtschaftet rund 20 Prozent ihres Konzernumsatzes von rund fünf Milliarden Euro in Russland.

Nicht nur die Umsätze sind durch politische Unruhen und Sanktionen bedroht, sondern auch künftige Engagements. Laut Bundesbankstatistiken haben deutsche Firmen bislang gut 20 Milliarden Euro in Russland investiert, nun ziehen nach Angaben der Wirtschaftsberatung KPMG viele ihr Kapital ab. Ein Risiko für geplante und halbfertige Projekte, wie eine Übersicht des Ostausschusses zeigt:

  • Siemens ist demnach per Joint-Venture eng mit der Sinara-Group aus Jekaterinburg verbunden, zusammen mit Partnern will man von 2013 bis 2015 rund eine Milliarde Euro investieren.
  • Volkswagen hat in sein Werk in Kaluga bereits 1,3 Milliarden Euro investiert, 1,2 Milliarden sollen in den kommenden Jahren folgen. Russland ist für den Konzern Wachstumsmarkt Nummer eins in Europa, jährlich 300.000 Fahrzeuge werden dort verkauft.
  • Das Unternehmen Berlin Chemie baut gerade in Kaluga einen Standort auf, der noch im ersten Halbjahr in Betrieb gehen soll.
  • Bosch investiert bis Ende 2016 rund 50 Millionen Euro in ein neues Werk in Samara, zu dem Zeitpunkt sollen dort rund 500 Mitarbeiter arbeiten.
  • Fraport ist mit 35,5 Prozent am St. Petersburger Pulkovo-Flughafen beteiligt und will dort ein neues internationales Passagierterminal bauen.

Auch die Versorgung der Konzerne ist teils bedroht, nicht nur im Energiesektor. Airbus bezieht demnach 60 Prozent des für den Flugzeugbau entscheidenden Leichtmetalls Titan aus Sibirien.

Angesichts solch enger Verflechtungen fragt man sich, wie viel Spielraum die Bundesregierung mit weiteren Sanktionen gegen Russland hat. Weitere wirtschaftspolitische Strafaktionen werden auch den deutschen Konzernen wehtun, entsprechend werden sie im Kanzleramt Druck machen, dass es nicht so weit kommt.

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
felixbonobo 28.03.2014
1. Ach sooo
Es könnte uns etwas kosten? Na dann sorry ukraine, soo wichtig sind dann freiheit, pluralität, menschenrechte und rechtsstaatlichkeit auch nicht. Bei geld hört die solidarität dann leider auf. Unterwerft euch bitte putin, ihr stört sonst nur unsere geschäfte.
anonymus1 28.03.2014
2. Nur die
Das ist das Risiko mit dem diese Unternehmen bei ihren mießen Geschäften auf Kosten deutscher auswärts verlagerten deutschen Arbeitsplätzen in Diktaturen rechnen müßen , "falsch gepokert" Wir deutschen sind ja immer zu teuer ?!?! "Dreckiglach"
omniavinzitamor 28.03.2014
3. Lohnsteuer und Mehrwertsteuer müssen wir schon bezahlen
Lohnsteuer und Mehrwertsteuer müssen wir schon bezahlen, eigentlich doppelte Steuer einnahmen darf nicht geben. Alle soziale Plattformen werden kontrolliert, Meinungsfreiheit ja aber Konsequenzen hat man so oder so. Fr. Kanzlerin soll erst in Spiegel schauen, bevor Sie anderen Ländern was vorwirft.
Horst aus Wien 28.03.2014
4. Gut so!
Im letzten Weltkrieg hieß es: "Nach dem ersten deutschen Tank kam sofort die Dresdner Bank." Ich bin sehr froh daß die Zeiten sich geändert haben und die Konzerne jetzt bremsen wenn es zu arg hergeht.
geoman 28.03.2014
5. Weltereignis Krim-Krise
... kleiner als NRW, weniger Einwohner als Berlin - das Weltereignis! Spiegel, meinen Sie ernst was Sie schreiben oder sollen wir alle nur noch lachen? Übrigens: Helmut Schmidt und Gregor Gysi sind scheinbar noch die einzigen Politiker in Deutschland die rational denken können und sich nicht als Marionette der USA verkaufen ...
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