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Krim-Krise: Deutsche Wirtschaft warnt vor Sanktionen gegen Russland

BdB-Präsident Fitschen (Archivbild): "Neuauflage des Kalten Krieges vermeiden" Zur Großansicht
REUTERS

BdB-Präsident Fitschen (Archivbild): "Neuauflage des Kalten Krieges vermeiden"

In der deutschen Wirtschaft wächst die Sorge über mögliche Folgen der Krim-Krise. Bankenpräsident Fitschen und BGA-Präsident Börner warnen vor einem Handelskonflikt. Einige Firmen seien so stark im Russland-Geschäft tätig, dass Sanktionen existenzbedrohend für sie wären.

Berlin/Frankfurt am Main - Vertreter der deutschen Wirtschaft warnen vor Sanktionen gegen Russland in der Krim-Krise. Zwar befürchten Konjunkturexperten nur einen begrenzten Dämpfer für den Aufschwung. Trotzdem träfen Sanktionen viele deutsche Unternehmen hart, sagte der Präsident des Außenhandelsverbands (BGA), Anton Börner.

Börner rechnet zwar weiter mit einem Anstieg der deutschen Exporte um drei Prozent und einem Importplus von zwei Prozent. "Diese Prognosen können jedoch sehr schnell Makulatur sein, sollte die Krise auf der Krim weiter eskalieren", sagte er in Berlin. Eine Sanktionsspirale gegen Russland könne unabsehbare Folgen haben. Es gebe Firmen, die so stark im Russland-Geschäft tätig seien, dass für sie massive Sanktionen existenzbedrohend wären.

Für Russland wären entsprechende Maßnahmen allerdings noch schlimmer: "Im Ergebnis wäre ein Handelskonflikt für Deutschlands Wirtschaft schmerzhaft, für die russische Wirtschaft aber existenzbedrohend." Auch die Weltkonjunktur könnte massiv beeinträchtigt werden.

Ähnlich äußerte sich Bankenpräsident Jürgen Fitschen: "Eine Neuauflage des Kalten Krieges sollten wir unter allen Umständen vermeiden", sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit". Im Fall von Sanktionen sehe er "die Gefahr, dass sich Russland noch weiter vom Westen distanziert. Das wäre weder für Deutschland noch Europa gut, politisch wie wirtschaftlich", sagte Fitschen - der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) ist zugleich Co-Chef der Deutschen Bank.

Die Wirtschaftsbeziehungen mit Russland seien beträchtlich, sagte Fitschen: "Deutsche Unternehmen haben dort mehr als 20 Milliarden US-Dollar investiert. Es gibt mehr als 6000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung." Nehme man die Ukraine allein, seien die Folgen für die deutsche Wirtschaft allerdings begrenzt.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble rechnet derzeit zwar nicht mit unkalkulierbaren Konsequenzen der Ukraine-Krise für die Wirtschaft. Er glaubt, dass die finanzpolitischen Folgen "beherrschbar sind und bleiben". Schäuble sagte aber auch: "Wir schätzen die finanz- und wirtschaftspolitischen Risiken der schwierigen Situation im Zusammenhang mit der Ukraine sehr ernst ein".

Krim-Krise drückt auf die Börse

Diese Einschätzung teilen offenbar zunehmend Vertreter der deutschen Wirtschaft. Der Weltluftfahrtverband Iata (International Air Transport Association) senkte am Mittwoch seine Gewinnerwartung um eine Milliarde Dollar auf 18,7 Milliarden Dollar.

Auch der Verband der chemischen Industrie (VCI) reagierte mit Sorge. Eine Verschärfung der Krim-Krise könne den moderaten Aufschwung gefährden, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann. Zwar gingen nur zwei Prozent des Exportvolumens nach Russland, und für die Ukraine liege der Wert lediglich bei 0,1 oder 0,2 Prozent. Die Gefahr bestehe aber, dass die Firmen rasch ihre Anlagen herunterführen. "Die Unsicherheit ist einfach die gesamtwirtschaftliche Lage, die sich verändern kann." Der US-Chemiekonzern DuPont hat bereits gemeldet, seine Geschäfte würden durch die Krim-Krise belastet, weil die Saatgut-Auslieferung beeinträchtigt sei. DuPont stellt in der Ukraine Saaten für Mais, Sonnenblumen und Raps her.

Die Krim-Krise drückte auch auf die Börsen. Der Dax verlor bis zum Mittwochnachmittag mehr als 1,6 Prozent. Auch in Fernost gaben die Aktienmärkte nach. Die stärksten Einbußen verbuchte die Börse in Tokio mit einem Minus von rund 2,6 Prozent. Am Dienstag hatten bereits die US-Börsen mit Abschlägen geschlossen. Die Anleger reagierten wenige Tage vor dem Referendum der ukrainischen Halbinsel Krim über einen Beitritt zu Russland nervös.

Die sieben führenden Industrienationen der Welt (G7) haben die Regierung in Moskau vor einer Annexion der Krim gewarnt. Sollte sich Russland die ukrainische Krim einverleiben, drohen die G-7-Staaten mit Sanktionen. In der Erklärung heißt es: "Ein solches Referendum hätte keine Rechtskraft" - die Volksabstimmung verstoße gegen ukrainisches Recht und das Völkerrecht:

bos/dpa/Reuters

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1. Pfeffersäcke
rechtsanwalt@mueller-guel 12.03.2014
Ich hoffe nur, dass die Politiker ihre Entscheidungen bzgl. Russland nicht von Partikularinteressen einzelner in Russland engagierter Pfeffersäcke beeinflussen lassen. Es ist schlimm genug, dass es keine Industriepolitik gibt, die dafür sorgt, dass wir von den Rohstoffquellen unsicherer, weil undemokratischer Staaten ohne funktionierende Rechtsordnung abhängig sind, und nicht nur das: die autoritären und korrupten Lumpenregimes solcher Länder auch noch durch unsere Devisen stabilisieren und mächtig machen. Krisen entstehen nicht von ungefähr, sondern dadurch, dass lange Zeit notwendiges versäumt wurde. In der Krise sollte man, anstatt in Hektik zu verfallen, die Dinge nachholen, die zuvor versäumt worden sind. Im vorliegenden Fall also: uns so schnell wie möglich von den Gas- und Öllieferungen solcher Staaten unabhängig machen, die unsere Werte nicht teilen und Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat missachten. Und das ist nicht nur Russland.
2. Ausnahmsweise haben die Polen mal recht,
just_ice 12.03.2014
wenn sie behaupten, dass Deutschland zu sehr abhängig und damit erpressbar ist vom russischen Erdgas. Wir leben im 21. Jhdt., und man macht den Sprung zurück in die Steinzeit, wo man schon mit fossilen Energieträgern heizte, die eher früher als später ohnehin aufgebraucht sein werden. Und was dann? Die Kernenergie ist DIE Energieform des 20. und 21. Jhdts. Man hätte sie lieber noch eine Weile beibehalten sollen, bis die Kernfusion industriell nutzbar ist. Wenn man nur einen Bruchteil von dem in die Fusions-Grundlagenforschung investiert hätte, was man für Sonne/Wasser/Wind aufbrachte, könnte das Ganze heute schon funktionieren.
3. eine Neuauflage des kalten Krieges
Fackel01 12.03.2014
hätte allein Russland zu verantworten. Und auch, wenn es der dt. Industrie weh tun würde, wäre es auf russischer Seite sehr viel mehr schmerzen. Beobachter der russischen Wirtschaft gehen von einer sehr kurzen Zeit aus bis Russland einbrechen würde/müsste. Vielleicht sollte es mal besser kurzfristig etwas weh tun als alle Werte, die man hat, zu verkaufen.
4. Frei nach dem Motto. ..
weelee 12.03.2014
was geht mich anderes Elend an, Hauptsache wir streichen Gewinne ein...
5.
mfgausmoskau 12.03.2014
Meinen Sie ernst? Wilkommen in Realitaet - Japanische Auslandminister - Japan wird keine Sanktionen gegen Russland verhängen. Punkt. Das bedeutet - Toyota statt BMW und VW. Sony statt Philips. Mitshubishi statt Siemens. Auch gibt es auch China und SuedKorea-) 6. Maerz - Nissan investiert in Ru und moechtet ca. 10% Automarkt eroebern.
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Fotostrecke
Halbinsel am Schwarzen Meer: Die Krise auf der Krim

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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