S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warum der Käuferstreik die Euro-Retter antreibt

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Früher fluchte man, wenn die Hedgefonds kamen. Jetzt flucht man, wenn sie europäische Staatsanleihen verschmähen. Der Käuferstreik ist alarmierend - doch er könnte auch heilsam sein. Denn er befördert eine Lösung der Euro-Krise.

Die wichtigste Wirtschaftsnachricht dieser Tage ist die Rückkehr der Krise in Spanien. Ich hatte das erwartet - aber es gab für mich doch eine Überraschung. Es war die Nachricht, dass sich einige große Investitionsgesellschaften aus dem Euro-Raum verabschieden. Die "Financial Times" nannte die Allianz-Tochter Pimco, Blackrock sowie eine Reihe von Staatsfonds. Demnach haben Investoren allein in Spanien innerhalb von zwei Jahren mehr als hundert Milliarden Euro abgezogen. Früher fluchte man, wenn die Hedgefonds kamen. Jetzt flucht man, weil sie gehen.

Ich halte den Rückzug der Großinvestoren für alarmierend. Denn er wird das giftigste Element der Euro-Krise verstärken - die Verflechtung europäischer Banken und ihrer Regierungen. Und er erschwert den Ländern unter dem Rettungsschirm die Rückkehr an die Kapitalmärkte.

Die enge Verknüpfung der Banken und Staaten war immer ein Problem. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Problem mit ihrer großzügigen Liquiditätspolitik verschlimmert. Indem sie den Banken insgesamt eine Billion Euro zur Verfügung stellte, gab sie den Anreiz, das Geld in Staatsanleihen zu investieren. Das war kein Unfall, sondern Absicht. Die EZB darf die Anleihen schließlich nicht direkt von den Staaten kaufen. Deshalb wählte sei den Umweg über die Banken.

Die Kreditinstitute und Staaten werden durch die Anleihenkäufe noch mehr voneinander abhängig. Die internationalen Investoren verstärken mit ihrem Rückzug diesen Trend. Auch höhere Zinsen können sie nicht locken. Für die paar Prozentpünktchen Aufpreis wollen sie das Risiko nicht eingehen, Geld ihrer Anleger in Spanien zu investieren.

Es braut sich eine giftige Mischung zusammen

Die Investoren erwarten nicht einmal unbedingt einen Austritt Spaniens aus dem Euro-Raum oder gar einen Schuldenschnitt. Aber sie haben das Vertrauen in die Krisenpolitik verloren und sie wollen das ständige Auf und Ab spanischer Wertpapiere nicht mehr mitmachen. Einige der Investoren ziehen sich in sogenannte sichere Häfen wie Deutschland zurück. Andere meiden den Euro-Raum komplett. Hier braut sich eine giftige Mischung zusammen.

Die Auswirkungen des Rückzugs der Investitionsgesellschaften auf den weiteren Verlauf der Krise ist nicht zu unterschätzen. Er führt dazu, dass die Anleihenmärkte in den Krisenländern auf absehbare Zeit nicht funktionieren werden. Klamme Banken verharren in einer ähnlichen Situation wie japanische Institute während der dortigen Wirtschaftskrise in den neunziger Jahren - Zombie-Banken wurden sie damals genannt. Hier entsteht wieder einer dieser gefährlichen Teufelskreise, wie wir sie in dieser Krise immer wieder gesehen haben.

In Spanien kommt noch ein realwirtschaftlicher Teufelskreis hinzu. Er besteht darin, dass das Land sein Defizit innerhalb von nur zwei Jahren um 5,5 Prozentpunkte verringern muss. All das würde unter normalen Umständen ausreichen, ein Land in die Knie zu zwingen.

Zurückhaltende Investoren, wacklige Banken und der Sparzwang führen Spanien mit seiner aktuellen Politik in eine Sackgasse. Diese Problematik sieht man im außereuropäischen Ausland viel klarer als in Spanien selbst.

Nur Euro-Bonds können den Markt wiederbeleben

Es gibt noch eine andere, meist übersehene Konsequenz der Investorenflucht. Die Anleger werden ohne Euro-Bonds, also gemeinsame Anleihen der Euro-Länder, nicht zurückkommen.

Darum funktioniert die derzeitige Rettungsstrategie nicht. Sie setzt eine Rückkehr der Krisenländer wie Griechenland und Portugal an die Kapitalmärkte voraus. Doch die Käufer der Anleihen werden fehlen.

Bislang haben Befürworter von Euro-Bonds - wie ich selbst - argumentiert, man brauche Gemeinschaftsanleihen, um die betroffenen Länder zu entschulden. Andere sehen Euro-Bonds als politisches Instrument zur Integration. Der Investorenstreik liefert den wichtigsten Grund für eine gemeinsame europäische Schuldenpolitik: Man braucht Euro-Bonds, um den Markt für Staatsanleihen in Europa wiederzubeleben.

Ohne Gemeinschaftsanleihen wird es außerhalb Deutschlands keine funktionierenden Anleihenmärkte geben. Die wiederkehrende Aussage in den Krisenländern, man werde laut Rettungsplan im Jahr 2013 oder 2014 wieder an den Markt gehen, ist reine Illusion. Wer würde denn angesichts dessen, was passiert ist und angesichts der öffentlichen Diskussionen in diesen Ländern noch griechische oder portugiesische Staatsanleihen kaufen? Selbst zu einem Ramschpreis würden ernsthafte Investoren nicht mehr reingehen. Übrig bleiben nur Zocker und heimische Banken.

Internationale Investoren sind im Gegensatz zu europäischen Regierungen krisenerprobt. Aus Asien, Russland und Lateinamerika kennen sie die politische und ökonomische Dynamik einer Finanzkrise. Sie hängen auch nicht an fundamental-konservativen ökonomischen Theorien. Wenn Spanien sein Defizit innerhalb von nur zwei Jahren um 5,5 Prozentpunkte drücken will, dann applaudiert der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. Der Hedgefonds-Manager aber rennt weg. Denn er weiß, dass kein großes Industrieland in jüngerer Zeit eine derart ambitionierte Anpassung unternommen hat. Aus Investorenperspektive ist das ein waghalsiges Experiment.

Die Flucht der Investoren bringt die Entscheidung näher

Wenn sich die großen Investitionsgesellschaften zurückziehen, gerät die aktuelle Krisenpolitik in eine Falle. Nach dem zweiten Griechenland-Paket kommt das dritte, das vierte und fünfte. Dazu kommen noch Pakete für andere Länder. Ich schätze, dass auch Spanien bald unter den Rettungsschirm kommt. Und keines der Krisenländer wird in der Lage sein, an den Kapitalmarkt zurückzukehren, solange die Verzahnung zwischen heimischen Banken und Regierungen besteht und solange es keine Euro-Bonds gibt.

Es ist der Rückzug internationaler Investoren, der die Politik letztendlich zur Einführung von Euro-Bonds oder zur Einrichtung einer Auffanggesellschaft für marode Banken treiben könnte. Auch eine solche Auffanggesellschaft müsste am Ende durch Gemeinschaftsanleihen finanziert werden - und somit wäre auch sie eine Form von Euro-Bonds.

Die Flucht der Investoren aus dem Euro-Raum bringt uns näher an den Punkt, den Kanzlerin Angela Merkel vor sich herschiebt - den Punkt einer Entscheidung.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
firlefranz2 18.04.2012
Eurobonds verstossen gegen das Grundgesetz, wie das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum ESM angedeutet hat.
2.
nudelsuppe 18.04.2012
Zitat von sysopFrüher fluchte man, wenn die Hedgefonds kamen. Jetzt flucht man, wenn sie europäische Staatsanleihen verschmähen. Der Käuferstreik ist alarmierend - doch er könnte auch heilsam sein. Denn er befördert eine Lösung der Euro-Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828211,00.html
Eurobonds sollen die Lösung sein? Das ich nicht lache. Das Schulden machen geht munter weiter, bis auch Deutschland am Abgrund steht. Das ist keine Lösung. Es wird nur für sehr sehr viel Geld Zeit gekauft. Probleme werden dadurch nicht gelöst. Es wird an den Symptomen herum gedoktort, und nicht die Ursachen beseitigt. Immer nur neue Schulden machen kann auf Dauer nicht funktionieren. Und wenn die heimische Wirtschaft vom Staat mit Schulden gefüttert wird, dann bedeutet das logischerweise, das bei der Reduktion der Neuverschuldung die Wirtschaft leidet. Das ist eben so, wenn man über seine Verhältnisse lebt. Und das machen die Spanier, und nicht nur die!
3. ...
Zereus 18.04.2012
Zitat von sysopFrüher fluchte man, wenn die Hedgefonds kamen. Jetzt flucht man, wenn sie europäische Staatsanleihen verschmähen. Der Käuferstreik ist alarmierend - doch er könnte auch heilsam sein. Denn er befördert eine Lösung der Euro-Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828211,00.html
Ach, wieder Euro-Bonds als Heilsbringer. Was machen wir eigentlich, wenn diese tolle Erfindung in ein paar Jahren auch wieder versagt hat - was passieren wird, weil die grundsätzlichen Fehlkostruktionen der Währungsunion damit nicht angetastet werden - und sich Eurobonds verkaufen wie heute Anleihen aus Spanien? Machen wir dann Nordatlantik-Bonds? Oder Eurasien-Bonds?
4. Netter Bericht …
wika 18.04.2012
… nur die Schlussfolgerungen mag ich so nicht stehen lassen, denn auch die Euro-Bonds werden das grundlegende Problem nicht beseitigen. Und dieses Kernproblem ist nach wie vor ein völlig kaputtes und marodes Geldsystem, welches auf exponentiellem Geldwachstum basiert, ein Umstand der der Realwirtschaft schon physisch nicht gegeben ist. Damit ist der Eklat vorprogrammiert, ob nun mit oder ohne Hedgefonds oder auch mit Euro-Bonds. Lieber Herr Münchau, wenn sie dem kaputten System schon das Wort reden und für dessen Erhalt eintreten, dann machen sie einfach mal einen Vorschlag der das alles kombiniert, so einen wie diesen hier: *BfA will Banken-Gründungswelle in Deutschland* (http://qpress.de/2011/09/17/bfa-will-banken-grundungswelle-in-deutschland/) … da machen wir die Hartz IV Bezieher zu Bankern, mit der Auflage nur mündelsicher an Staaten verleihen zu dürfen und die Zinseinnahmen aus der Differenz zwischen EZB und Markt beseitigt zunächst jegliche Not im Staate. Keine Hartz IV Ich AG Bank wäre „too big to fail“ und der Staat würde dank der straffen Regulierung dieser kleinen Banken auch noch im Geld ersaufen. Damit wäre dann das kranke System wenigstens etwas sozialer, man könnte direkter Weise die Piraten mit ihrer Bürgergeld-Vorstellung übertrumpfen und allen Menschen ginge es gut … eben nicht nur den Eignern der Banken, dem legendären 1% … also wie wäre es, jetzt mal eine Lösung zugunsten echter Sozialstaatlichkeit, oder wollen wir doch lieber dessen endgültige Abschaffung ohne es offen zu sagen?
5.
elwu 18.04.2012
Eurobonds sind gegen die deutsche Verfassung, gegen die Europaverträge, und gegen die Interessen der Bürger Deutschlands. Und zu allem: sie lösen keine Probleme sondern schaffen welche. Zwischen 2001 und 2008 gab es bereits de facto Eurobonds, die Spreads zwischen deutschen Anleihen und denen der GIPSIFs lagen um die 0,25%. Das Ergebnis ist bekannt - die GIPSIFs haben das allzu billige Kreditgeld nicht zum Abbau der Staatsverschuldung und Aufbau der Wettbewerbsfähigkeit genutzt, sondern zum verteilen von Wohltaten. Es gibt aber auch nicht den geringsten Grund für die Annahme, dass das bei der nächsten Runde billigen Geldes anders würde. Im Gegenteil: bei jeder wie auch immer gearteten Konstruktion, die Risiken und Schulden europaweit vergemeinschaftlichen würde, also zu den Steuerzahlern in Deutschland etc. transferiert, würden die GIPSIFs noch bedenkenloser prassen. Sie wüssten ja, dass andere die Rechnung zahlen. Also verschonen Sie uns bitte endlich mti dem Eurobonds-Unsinn, Herr Münchau.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Spur des Geldes
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 80 Kommentare
Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

Spanien im Aufbruch
Der benötigte Flash Player 10 wurde nicht gefunden. mehr...

Niemanden hat der wirtschaftliche Absturz Spaniens so hart getroffen wie die junge Generation des Landes. Eine Woche lang berichten SPIEGEL-ONLINE-Reporter aus Madrid, Bacelona und Cordoba. Sie beschreiben eine Jugend zwischen Arbeitslosigkeit und Aufruhr - aus der viele ihr Glück nun in Deutschland suchen wollen.

Klicken Sie auf die roten Karten-Markierungen, um die Reportagen zu lesen.