Kaufhauskonzern in der Krise: Karstadt steigt aus Flächentarifvertrag aus

Von Susanne Amann, Florian Diekmann und Christian Rickens

Eingang zur Karstadt-Zentrale in Essen: Konzern verkündet Tarifpause Zur Großansicht
DPA

Eingang zur Karstadt-Zentrale in Essen: Konzern verkündet Tarifpause

Die Warenhauskette spricht von einer "Tarifpause": Karstadt steigt aus dem Flächentarifvertrag aus. Mitarbeiter behalten zwar ihre bisherigen Ansprüche, profitieren aber künftig nicht mehr von tariflichen Lohnerhöhungen - der klamme Konzern kann sie sich offenbar schlicht nicht leisten.

Düsseldorf/Essen - Karstadt will bei den Beschäftigten sparen: Der Warenhauskonzern steigt aus dem Flächentarifvertrag aus. Das Unternehmen lege eine sogenannte Tarifpause ein, teilte Karstadt am Montag mit: "Künftige Entwicklungen der Tarifverträge des Einzelhandels werden auf Arbeitsverhältnisse der Karstadt-Gruppe keinen Einfluss haben." Ziel sei es, ab 2015 erneut in die Tarifbindung einzusteigen.

Damit können die Karstadt-Beschäftigten vorerst nicht mehr auf Lohnerhöhungen aus den Tarifrunden der Branche setzen. Der nun angekündigte Ausstieg aus der Tarifbindung sei für die "vollständige Gesundung" des Unternehmens nötig, hieß es von Karstadt zur Begründung. Allerdings gelten die bisher tariflich vereinbarten Bedingungen für bereits angestellte Karstadt-Mitarbeiter weiter, sie können nicht einseitig gekündigt werden.

Das Management des Konzerns hatte seine Betriebsräte für diesen Montag zu Gesprächen einbestellt. Nach SPIEGEL-Informationen warnte die Konzernspitze vor den hohen Kosten einer Tariferhöhung. Bei angenommenen Erhöhungen von 3,5 Prozent für 2013 und 2,5 Prozent für 2014 würde dies Karstadt rund 35 Millionen Euro kosten. Damit fiele der Konzern bei der Liquidität unter die 100-Millionen-Euro-Marke, "und dann würde es kritisch", hieß es. Karstadt-Chef Andrew Jennings warnte vor Streiks - diese hätten "katastrophale Folgen".

Betriebsräte verlassen Treffen unter Protest

Bei der Versammlung ging es nach Teilnehmerangaben hoch her. So verließ ein Drittel der 300 Betriebsräte zwischenzeitlich den Raum. Fragen sollten erst nur schriftlich eingereicht und verlesen werden. Nach heftigem Protest durften die Betriebsräte ihre Fragen dann doch selbst stellen. Für Unmut sorgte zudem, dass der Ausstieg aus dem Tarifvertrag noch während der Veranstaltung im Intranet verkündet wurde.

Ein Betriebsrat sagte dem SPIEGEL, der US-deutsche Investor Nicolas Berggruen müsse "nun Farbe bekennen". "Wir erwarten, dass er seine Versprechen hält."

Auch die Tarifpartner im Einzelhandel reagierten auf den Entschluss der Karstadt-Führung. "Wir sehen den Ausstieg von Karstadt aus dem Flächentarifvertrag mit großem Bedauern", sagte Heribert Jöris, Geschäftsführer Recht, Bildung und Arbeit des Handelsverbands Deutschland (HDE), gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Karstadt ist ein großer Player in unserer Branche und sein Rückzug ein weiterer Schlag gegen die Tarifbindung im Einzelhandel."

Jöris stellte klar, dass die Tarifbindung für alle derzeit Beschäftigten bei Karstadt nachwirke, die Arbeitsbedingungen könnten nur im Einvernehmen mit den Beschäftigen geändert werden. Das gelte aber nicht für Mitarbeiter, die erst nach Ende der Tarifbindung eingestellt werden. Offen ist also, wie deren Verträge gestaltet sein werden.

Die Gewerkschaft spricht von einem Skandal

Für Jöris zeigt der Ausstieg von Karstadt, wie dringend reformbedürftig der Einzelhandels-Tarifvertrag sei: "Einfache Tätigkeiten müssen derzeit laut Tarifvertrag relativ hoch bezahlt werden, Öffnungszeiten nach 19 Uhr kosten beim Personal hohe Zuschläge." Das sei vor allem für ein Handelsunternehmen mit vielen Filialen in Innenstadtlage wie Karstadt schwierig. Der HDE als zuständiger Arbeitgeberverband versucht derzeit mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di einen neuen Tarifvertrag auszuhandeln.

Ver.di bezeichnete die Entscheidung als einen Skandal. Es handele sich um eine weitere Fehlentscheidung des Karstadt-Managements, sagte eine Sprecherin. Die Beschäftigten des Warenhauskonzerns hätten in der Vergangenheit bereits zahlreiche Belastungen auf sich genommen, um einen Beitrag zur Sanierung zu leisten.

Erst im vergangenen Sommer war ein Sanierungstarifvertrag ausgelaufen, durch den die Karstadt-Beschäftigten sechs Jahre lang auf Gehaltsbestandteile wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet hatten. Karstadt hätte diese Regelung gern verlängert, die Gewerkschaft Ver.di hatte dies jedoch abgelehnt. Seitdem gilt bei dem Kaufhauskonzern wieder der Flächentarifvertrag der Branche.

Die Geschäftslage bei Karstadt ist schlecht. Nach Informationen des SPIEGEL hat der Konzern seit dem Beginn des Geschäftsjahrs im Oktober 2012 bis Februar 2013 nur 1,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht - das sind fast zehn Prozent weniger als geplant und 136 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum.

mit Material von Reuters

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Verdi
alice 13.05.2013
Zitat von sysopDer Warenhauskonzern spricht von einer "Tarifpause": Karstadt steigt aus dem Flächentarifvertrag aus. Alt-Mitarbeiter behalten zwar ihre bisherigen Ansprüche, profitieren aber künftig nicht mehr von tariflichen Lohnerhöhungen. Neue Angestellte dürften schlechter gestellt werden. Kriselnder Kaufhauskonzern Karstadt steigt aus Flächentarifvertrag aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kriselnder-kaufhauskonzern-karstadt-steigt-aus-flaechentarifvertrag-aus-a-899562.html)
drückt solange Lohnerhöhungen durch, bis die Unternehmen kaputt sind. Am Ende vom Lied stehen die Angestellten auf der Strasse.
2. Flächentarifvertäge sind nicht gut
mittagspause 13.05.2013
Gerechtigkeit kann man in viele Richtungen interpretieren, auch in die: Gerecht ist, wenn man sich von der gleichen Arbeit das gleiche Leisten kann. Das schlechte an Flächentarifverträgen ist, dass es sich für Firmen nicht lohnt in strukturschwache Gegenden zu gehen, da man kein Geld spart. Wäre z.B. In Meckelenburg Vorpommern der Stundenlohn niederiger als in München hätte MeckPomm einnen Wettbewerbsvorteil gegenüber München. Da aber in MeckPomm Mieten und Freizeitaktivitäten biliger sind muss es dem Arbeitnehmer deswegen nicht schlechter gehen.
3. Kein Geld
Yohimbin 13.05.2013
Wenn kein Geld mehr da ist, gibt's auch für die Angestellten nichts zu holen. Da kann sich die Gewerkschaft aufregen solange es ihr Freude macht. Und bis 2015 ist es noch ein Weilchen hin. Wer weiß, ob es Karstadt bis dahin überhaupt noch gibt.
4. Schade
roostercockburn 13.05.2013
Auch der Ausstieg aus der Tarifbindung wird nichts am baldigen Ende dieses traditionsreichen Unternehmens ändern. Wer diese Entwicklung ausschliesslich auf das Internet schiebt, springt zu kurz. Fakt ist, dass nach wie vor mehr als 80% des relevanten Umsatzvolumens im stationären Handel und eben nicht im Netz getätigt werden. Gravierende Fehler im Management, eine lahme Vertriebstruppe und die typische Gewerkschaftsmentalität fordern nun ihren Tribut.
5.
Zaunsfeld 13.05.2013
Zitat von alicedrückt solange Lohnerhöhungen durch, bis die Unternehmen kaputt sind. Am Ende vom Lied stehen die Angestellten auf der Strasse.
Ich glaube, Sie haben keine Ahnung vom Fall Karstadt, oder? Nicht die Löhne der Mitarbeiter haben da irgendetwas kaputtgemacht, sondern das Management hat den ganzen Konzern systematisch in Grund und Boden gewirtschaftet. Da wurden abenteuerlichste Spekulationen durchgeführt, abenteuerliche Immobiliengeschäfte mit Verkaufen und Rückmieten der Kaufhäuser usw., mit denen das Management sich und seine privaten Angehörigen bzw. Familien persönlich massiv bereichert hat. Das hat in wenigen Jahren Milliarden gekostet und das Eigenkapital des Konzerns fast vollkommen vernichtet, Milliarden! Büßen mussten dafür schon damals die Angestellten. Und heute büßen die Angestellten schon wieder und immer noch für die Fehler des Managements, die damals Unsummen verdient haben und noch mit einem goldenen Handschlag verabschiedet wurden, nachdem sie den ganzen Konzern und Zehntausende Arbeitsplätze an die Wand gefahren haben, ganz zu schweigen von den riesigen Summen, mit denen das Management sich und die eigenen Familien vorher am Konzernkapital auf Kosten der Mitarbeiter bereichert hat. Besten Gruß
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Karstadt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 75 Kommentare
  • Zur Startseite