Kritik an Ökonomen Die Mär von der Zauberkugel

Blindgänger, Geschichtenerzähler, Schaumschläger: In Zeiten von Wirtschaftskrisen müssen Ökonomen als Sündenböcke herhalten. Volkswirt Hanno Beck erwidert den Kritikern: Der weit verbreitete Glaube an Zaubersprüche und Kristallkugeln zeuge von Naivität.

"Wirtschaftsweise" Bofinger, Weder di Mauro und Franz (v.l.): Alles Märchenerzähler?
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"Wirtschaftsweise" Bofinger, Weder di Mauro und Franz (v.l.): Alles Märchenerzähler?


Hamburg - Bisweilen sind es nicht nur Kinder, denen man Märchen erzählt, sondern auch Erwachsene. Und folgt man Volkes Stimme, werden viele Erwachsenenmärchen von Ökonomen erfunden. In Zeiten schwerer Wirtschaftskrisen gibt es kaum leichtere Opfer als Banker und Professoren, die sich mit der Welt der Wirtschaft befassen.

Da werden Ökonomen in einem gleichnamigen Buch als "Blindgänger" verspottet, der damalige SPD-Fraktionschef Peter Struck schlägt im Zuge der Finanzkrise vor, den Sachverständigenrat für Wirtschaft abzuschaffen, weil er mit seinen Prognosen sowieso "vor allem viel heiße Luft" produziere. Und zuletzt hat Hans Magnus Enzensberger im SPIEGEL die Wirtschaftswissenschaften als "Märchenstunde" verspottet.

Sind Ökonomen also Märchenonkel? Verschärfen Sie unsere wirtschaftlichen Probleme sogar statt zu ihrer Lösung beizutragen?

Nein. Kritiker wie Enzensberger unterliegen vier Irrtümern:

  • Wissenschaft muss die Realität exakt abbilden.
  • Ökonomen unterstellen den auf Profitmaximierung ausgerichteten Menschen.
  • Märkte funktionieren nie.
  • Prognosen müssen immer exakt sein.

Enzensberger glaubt, Ökonomen erzählten Märchen, wenn sie ihren Theorien den homo oeconomicus zugrundelegen, also den Menschen, der alle Entscheidungen stets rational trifft und immer seinen eigenen Nutzen maximiert. Das sei realitätsfern, schreibt Enzensberger. Menschliches Verhalten lasse sich nicht verallgemeinern.

Dieser Vorwurf resultiert aus mangelhaftem Wissenschaftsverständnis: Wer die Realität verstehen will, muss sich ein vereinfachendes Abbild von ihr, ein Modell, machen. Deshalb treffen Ökonomen Annahmen darüber, wie Menschen sich verhalten. Ein Modell, das jegliches Verhalten zulässt, erklärt nichts. Ohne Vereinfachungen wie den homo oeconomicus kommt keine Wissenschaft aus. Es sei denn, sie versuchte die Welt im Maßstab 1:1 abzubilden - ein ebenso unmögliches wie sinnloses Unterfangen.

Was will man Ökonomen also vorwerfen? Dass sie zum Zweck der Theoriebildung und Erkenntnisgewinnung vereinfachende Annahmen über die Realität und den Charakter von Menschen machen? Und damit bislang recht erfolgreich waren? Das wäre absurd.

Nutzenmaximierung und Profitstreben müssen nicht identisch sein

Um zu belegen, dass die Annahme des profitmaximierenden Menschen ein Märchen sei, ziehen die Kritiker der Ökonomenzunft gerne Beispiele von Personen heran, die auf Geld verzichten oder ihren Mitmenschen helfen. Diesem beliebten Argument liegt der nächste Irrtum zugrunde: Dass sich bei Ökonomen alles um Geld oder Profit dreht.

Wer so denkt, hat noch nie seine Nase in ein wirtschaftswissenschaftliches Buch gesteckt: Ökonomen geht es um die Maximierung des Nutzens, also die Frage "Was verbessert mein Wohlbefinden?" Es geht eben nicht um das Volumen der Brieftasche, also die Frage: "Wie verdiene ich am meisten Geld?" Viele vermeintlich irrationale Handlungen, auch die Ergebnisse der von Kritikern gerne bemühten verhaltenswissenschaftlichen Ökonomie, lassen sich unter diesem Aspekt sehr gut erklären. Ein Mensch, der die Chance auslässt, sein Gegenüber zu übervorteilen, hofft auf längerfristige Geschäftsbeziehungen und möchte deswegen seinen guten Ruf gewahrt wissen. Was soll daran irrational sein?

Daraus folgt: Der Hinweis, dass Ökonomen irren, weil Menschen nicht immer an Geld oder Profit denken, resultiert aus einer falschen Vorstellung der Wirtschaftswissenschaften.

Abgesehen davon muss man fragen, wie weit die Idee der Uneigennützigkeit trägt: Wer glaubt, dass Menschen primär uneigennützig sind, glaubt an ein Steuersystem, bei dem jeder freiwillig Steuern zahlt, vertraut jedem Versicherungsmakler und kontrolliert beim Einkaufen nie das Wechselgeld. Diese Menschen mag es geben, Ökonomen untersuchen auch solches Verhalten. Aber taugt das wirklich als Grundlage für eine pragmatische Wirtschaftspolitik für 80 Millionen Menschen? Nicht wirklich.

Millionen von Märkten funktionieren effizient

Märchen erzählen Ökonomen angeblich auch, wenn sie die Effizienz von Märkten loben, also zugespitzt davon ausgehen, dass Märkte immer optimale Ergebnisse bringen. Hat die jüngste Finanzkrise diese Annahme nicht widerlegt? Diese Argumentation ist beliebig: Sie unterschlägt unzählige Märkte, die täglich funktionieren. Ob die Gemüsemärkte in Tausenden Städten, Dienstleistungsmärkte oder andere Gütermärkte - solche Märkte funktionieren, und sie sind Bestandteil menschlichen Verhaltens.

Stattdessen erregen sich die Kritiker über die vergleichsweise wenigen Märkte, die nicht reibungslos laufen. Dass sie nicht funktionieren, liegt oft aber daran, dass die Politik sie mit staatlichen Eingriffen verpfuscht hat - ein mahnendes Beispiel dafür ist die Agrarpolitik der EU, die jahrelang Menschen dafür bezahlte, dass sie nutzlose Butterberge und überflüssige Milchseen anlegten.

Ökonomen plädieren auch nicht für eine "anarchische Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht", wie beispielsweise Heiner Geißler schreibt. Sie untersuchen, wann und unter welchen Bedingungen Märkte funktionieren. Und wo sie nicht funktionieren, raten sie zu den nötigen Konsequenzen. Oft entstehen Katastrophen nicht durch mangelnde Regulierung, sondern durch falsche Regulierung. Das zeigt auch das Beispiel der Banken, die alles andere als unreguliert sind.

Für ein Märchen hält Enzensberger auch die Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung: Ökonomen - so schreibt der Dichter - würden sich mit ihren Voraussagen blamieren. Diese in Talkshows gerne geteilte Kritik beruht auf einer falschen Vorstellung davon, was Wissenschaft leisten kann: So wie ein Physiker nicht exakt bestimmen kann, wohin eine Billardkugel rollt, wenn sie angestoßen wird, können auch Ökonomen nicht die Welt voraussagen. Sie haben keine Kristallkugel. Und wie alle Wissenschaftler werden deswegen auch Ökonomen von der Realität bisweilen überrascht.

Sollen wir deswegen auf Prognosen verzichten? Nein. Der Physiker kann zwar nicht vorhersagen, wo die Billardkugel stoppen wird, aber er kennt die Kräfte, die auf sie einwirken, und lernt daraus, wie er die Kugel stoßen muss. Genau so wissen Ökonomen um die Kräfte, die auf eine Volkswirtschaft einwirken, können Zusammenhänge beschreiben und der Politik Wege aufzeigen.

Doch ebenso wenig wie der Physiker das Ergebnis des konkreten Stoßes errechnen kann, können Ökonomen die Welt exakt vorhersagen. Der Vorwurf falscher Prognosen ist plump: Man fordert von einer Wissenschaft Unmögliches und beklagt sich, dass sie es nicht leisten kann.

Manche Menschen sind ökonomischen Argumenten nicht zugänglich

Ökonomische Theorie ist kein Märchen. Sie ist weder frei erfunden, noch ist sie beliebig. Sie kennt Kontroversen, Irrtümer und ungelöste Fragen - wie jede Wissenschaft. Nur eine Religion ist widerspruchsfrei und hat Absolutheitsanspruch.

Die Kritik an den Wirtschaftswissenschaften kommt zumeist nicht einmal ansatzweise in die Nähe der echten Probleme. Vor allem, weil sie oft aus Unwissenheit resultiert und von einem falschen, unsachlichen Bild der Ökonomie und von mangelhaftem Wissenschaftsverständnis geprägt ist.

Hier liegt der Kern des Ärgers über die Ökonomen: Je weniger man von Wirtschaft weiß, desto weniger versteht man all die bedrohlichen Bankenkrisen, beängstigenden Börsencrashs und komplizierten Rettungsschirme. Und um sich die Welt verständlich und damit sicher zu machen, sucht man nach einfachen Erklärungen.

Das vermeintliche Versagen der Ökonomen ist eine solch einfache Erklärung. Und: Man kann sie umso leichter anbringen, je weniger man versteht, was Ökonomen eigentlich machen. Das erklärt, warum manche Menschen ökonomischen Argumenten schwer zugänglich sind: Wer schon eine Meinung hat, möchte ungern mit Fakten verwirrt werden.

Nur in Märchen löst man Probleme per Zauberspruch - deswegen ist Ökonomie kein Märchen. Doch wer aus falschem Wissenschaftsverständnis und mangelnder Kenntnis des Faches die Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften über Bord wirft, ist wie jemand, der ein Schiff ohne Ruder und Kompass besteigt und nicht weiß, wohin er fährt. Wir wären schlecht beraten, eine solche Reise anzutreten.

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insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
digidigi 13.10.2011
1. ....
Also ich finde die ersten drei Worte aus dem Anreisstext passen hier beim SPON auch. Kompetenz allerorten. Nicht mal das Login-Fenster (dieses Quasi-PopUp-Fenster) für "Mein Spiegel" passt in seiner Größe zum Inhalt weil der Inhalt ja eigentlich für www.spiegel.de/meinspiegel gedacht ist. Aber wen interessiert das schon. QA ist wohl was für Warmduscher.
wika 13.10.2011
2. VWL und BWL ist fauler Budenzauber …
… und dient einzig und allein zur Ablenkung von einer klitzekleinen Kleinigkeit: Das unser Schuldgeld-System ein faules System ist, welches eben nicht den Menschen dient, sondern nur einer ebenso klitzekleinen Minderheit. Über Details kann man dann riesige Aufsätze und Doktorarbeiten Schreiben, viel Börsen-Woodoo betreiben und so die Mehrheit der Menschheit verarschen. Für nichts anderes wird diese Zauberkugel benötigt und ganze Heerscharen werden zu diesen Ablenkungsmanövern in Lohn und Brot gehalten. Und am Ende noch viel Schlimmer, die Umverteilung von unten nach oben funktioniert in Krisenzeiten noch besser, weil niemand diese klitzkleine Kleinigkeit wahrhaben will. Alle Menschen, die noch ein kleines Säckel voll haben lässt man diesen Traum träumen, dahinter kann sich dann die klitzkleine Minderheit wunderbar verstecken und ganz elegant den Rest der Welt an der Nase herumführen. Und so kommt es, dass die *„Fünfte Gewalt“ mit den ersten „Vier Gewalten“ spielt wie mit Marionetten* … Link (http://qpress.de/2011/05/21/die-mar-von-der-vierten-gewalt-die-funfte-machts/), stets in der Hoffnung die breite betrogene Schar möge es nicht bemerken. Sei es dass wir dafür abermals Top-Ökonmen Märchen erzählen lassen müssen. „Occupy Wall Street“ ist ein kleiner Hoffnungsstreif, dass der faule Budenzauber doch irgendwann mal auffliegt, wenn uns bis dahin nicht das gesamte Schuld-Geld-System schon um die Ohren geflogen ist. (°!°)
der.honk 13.10.2011
3. Vollkommen richtig
Zitat von sysopBlindgänger, Geschichtenerzähler, Schaumschläger: In Zeiten von Wirtschaftskrisen müssen Ökonomen als Sündenböcke herhalten. Volkswirt Hanno Beck erwidert den Kritikern: Der Glaube an Zaubersprüche und Kristalkugeln zeuge von Naivität. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,790941,00.html
Der Glaube an Zaubersprüche und Kristalkugeln zeugt in der Tat von Naivität! Ökonomen sind keine Schaumschläger und Märchenonkel, sondern hart arbeitende Menschen, die fest an den Nutzen ihres Tuns glauben und daran, ihren Mitbürgern zu helfen (... wie Astrologen im Übrigen auch.)
blurps11 13.10.2011
4. Hat Herr...
...Beck sich eigentlich auch echauffiert, als die Ökonomen in den Status von Halbgöttern erhoben wurden und zu wirklich jedem Thema ihre und auch nur ihre "Expertise" herangezogen wurde, auch auf Gebieten, von denen sie nichts verstehen ? Merke: Eine Gesellschaft ist nicht nur der Wurmfortsatz ihrer Volkswirtschaft und des dazugehörigen Marktes. Bezeichnend, dass diese eigentlich banale Erkenntnis auch in der vorliegenden Rechtfertigung des Ausnahmestatus der Ökonomie nirgendwo zu finden ist.
Leser161 13.10.2011
5. Sehr schön!
Endlich mal ein Text der die Denkfehler vieler Wirtschaftswissenschaftskritiker aufdeckt. Das heisst nicht das ich das aktuelle System befürworte -ABER man muss verstehen, was man kritisiert und wenn man noch nicht mal den Homo Oeconomicus versteht bzw. sich an jedes scheinbar altruistische verhalten klammert um ihn zu widerlegen, dann hat man die Wirtschaftswissenschaften nicht verstanden. Und was man nicht versteht kann man nicht bekämpfen. Schlimmer noch, man erweckt nur den Anschein der Bekämpfung und verhindert so wirkungsvolle Bekämpfung.
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