Kritik an Schweizerischer Nationalbank: Leidgenossen in der Franken-Falle

Von , Luzern

Die Schweizerische Nationalbank gerät zunehmend in die Kritik. Obwohl sie bereits 200 Milliarden Franken in den Markt gepumpt hat, steigt der Franken-Kurs immer weiter. Experten fordern eine Obergrenze - und verweisen auf Erfolge in der Vergangenheit.

Demonstrant vor der Schweizerischen Nationalbank: Der Druck auf die Notenbanker wächst Zur Großansicht
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Demonstrant vor der Schweizerischen Nationalbank: Der Druck auf die Notenbanker wächst

Das Tempo der Franken-Aufwertung hat die Schweizer überrumpelt. "Wer vor ein paar Monaten einen Euro-Kurs von 1,10 Franken für denkbar hielt, galt als Schwarzmaler", sagt Marcel Perren. "Das hat niemand für möglich gehalten." Perren ist Tourismusdirektor der Stadt Luzern, er erlebt die Folgen der starken Währung derzeit hautnah. Zusammen mit der Exportindustrie leidet der Tourismus am stärksten unter dem Franken-Höhenflug.

Im Vergleich zum Euro legt der Franken immer weiter zu: Statt 1,35 Franken wie Anfang des Jahres kostet der Euro Chart zeigen mittlerweile nur noch 1,13 Franken. Vor zwei Wochen war es sogar kurzzeitig nur gut ein Franken. Das bedeutet, dass die Preise in der Schweiz für Gäste aus Euro-Ländern extrem hoch sind. Für Luzern bedeutet das massive Einbußen: Wie keine andere in der Schweiz ist die Stadt abhängig von ausländischen Gästen.

Perren und die Luzerner hoffen auf die Schweizerische Nationalbank (SNB). Und tatsächlich: Nach langem Zögern pumpt die Zentralbank seit Anfang August massiv Franken in den Geldmarkt. Die Liquidität der Geschäftsbanken wurde in drei Etappen von 30 Milliarden auf 200 Milliarden Franken erhöht - das ist mehr als ein Drittel der Schweizer Wirtschaftsleistung.

Es ist ein bewährtes Mittel von Notenbanken, die Geldmenge zu erhöhen. Damit wird die Währung geschwächt, Unternehmen können ihre Waren günstiger ins Ausland verkaufen.

Doch diesmal scheint das Manöver kaum zu wirken: Der Franken hat sich trotz der massiven Intervention nur geringfügig verbilligt. Nach einem Sprung auf 1,15 Franken verharrt der Euro-Kurs seit zehn Tagen wieder unter dieser Marke. Nach der letzten Ausweitung der Geldmenge in der vergangenen Woche wurde der Franken sogar zeitweise stärker. Ein der Kaufkraft entsprechender Kurs dürfte aber laut Schätzungen zwischen 1,30 und 1,60 Franken liegen.

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Währungskrise: Wer unter dem starken Franken besonders leidet
Wegen der Schuldenkrisen in den USA und in der Euro-Zone scheint der Franken für die Anleger so attraktiv zu sein, dass sie trotz der Interventionen fleißig weiterkaufen. Experten werfen der SNB nun vor, sie handele zu zaghaft. Statt lediglich immer frisches Geld in den Markt zu pumpen, müsse die Zentralbank eine Obergrenze zum Euro definieren - also einen Kurs festlegen, über den der Franken nicht steigen darf.

"Die SNB hat eine phantastische Gelegenheit verpasst", kritisiert Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. "Nun dürfte es deutlich teurer werden, den Franken auf ein erträgliches Maß zu bringen." Als der Franken sich der Euro-Parität näherte, ein Euro also fast nur noch einen Franken wert war, hätte die Nationalbank die Grenze ziehen müssen, sagt Straumann.

Märkte reagierten auf ein Gerücht

Denn offenbar reagierten die Anleger weniger auf die eigentliche Aktion der SNB - sondern vielmehr auf das Gerücht, die Schweizer könnten tatsächlich ein Kursziel gegenüber dem Euro festsetzen. Diese Spekulationen könnten auf Aussagen des SNB-Vizepräsidenten Thomas Jordan im Schweizer "Tages-Anzeiger" beruhen. Auf die Frage, ob er sich eine vorübergehende Anbindung an den Euro vorstellen könne, antwortete Jordan, die SNB könne "grundsätzlich alle Maßnahmen ergreifen, die mit der Erfüllung unseres Mandats vereinbar sind". Dieses sieht vor, dass die Nationalbank eine unabhängige Geldpolitik verfolgt und die Preise stabil hält.

"An den Märkten wurde das so aufgefasst, als ob die Zentralbank schon bald ein Kursziel definieren werde", sagt Straumann. Doch danach habe die SNB es verpasst, nachzulegen und den Gerüchten Taten folgen zu lassen.

Dabei werden die Stimmen nach einer Obergrenze immer lauter. Straumann verweist darauf, dass das Rezept bereits einmal erfolgreich gewirkt habe. Im Sommer 1978 legte der Franken gegenüber der D-Mark und dem Dollar um 40 Prozent zu. Statt wie normal 80 bis 90 Rappen bekam man für eine D-Mark nur noch 75 Rappen. Die SNB rang sich zu einem Experiment durch: Die Notenbanker kündigten an, mit unbegrenzten Interventionen auf dem Devisenmarkt dafür zu sorgen, dass die Schwelle von 80 Rappen pro D-Mark nicht mehr unterschritten werde.

Um das Ziel zu erreichen, verkaufte die Notenbank mehr als zehn Milliarden Franken. Die Geldmenge stieg um 17 Prozent, statt nur fünf Prozent, wie Anfang 1978 verkündet. Das Experiment gelang: Der Franken-Kurs gab schnell nach und pendelte sich 1979 bei 90 Rappen ein. Bis zur Einführung des Euro 1999 sank er nie wieder unter 80 Rappen.

Die Nationalbank hat nur einen Schuss frei

"Das zeigt, wie es gehen kann", sagt der Wirtschaftshistoriker Straumann. Eine Obergrenze wäre keine echte Anbindung an den Euro. Diese scheuen die Schweizer wegen des Wunsches, eine unabhängige Geldpolitik zu verfolgen. "Das Limit könnte vielmehr wie ein Sprungbrett wirken, also dazu führen, dass weltweit Anleger Franken verkaufen und den Euro-Kurs senken."

Die SNB will sich nicht zu ihrer Strategie äußern. Ein Sprecher sagte lediglich, es gelte weiterhin der Satz des SNB-Vizechefs, die Nationalbank werde "bei Bedarf weitere Maßnahmen gegen die Franken-Stärke erlassen".

Klar ist: Die Notenbanker müssen bei einer Obergrenze zwei grundlegende Risiken bedenken. Erstens hat die SNB nur einen Schuss frei: Wenn die Banker ein Kursziel festlegen, muss sie dieses verteidigen, egal, was kommt. Die SNB wäre gezwungen, massiv Euro zu kaufen und notfalls riesige Mengen an Franken zu drucken.

Zweitens könnten die unbegrenzten Interventionen sehr teuer werden - und am Ende sogar die Möglichkeiten der SNB überfordern. Bereits im vergangenen Jahr verbuchte die Nationalbank einen Verlust von 20 Milliarden Franken - 3,7 Prozent des Schweizer Bruttoinlandsproduktes.

Außerdem könnten die Eingriffe zu einer hohen Inflation im Land führen. Angesichts der massiven Probleme für den Export dürfte dieses Problem aber in den Hintergrund rücken, sagt Jan-Egbert Sturm von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. "Spätestens wenn der Euro erneut unter die Grenze von 1,10 Franken fällt, wird die SNB über eine Obergrenze zum Euro nachdenken müssen."

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insgesamt 163 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
c++ 27.08.2011
Kleiner Tipp an die Schweizer: statt den Franken an den Euro zu binden, schafft doch den Franken ab und führt den Euro ein, kann man sicherlich drehen. Dann habt ihr ganz andere Probleme.
2. Spielgeld
idealist100 27.08.2011
Zitat von sysopDie Schweizer Nationalbank gerät zunehmend*in die*Kritik. Obwohl sie bereits 200 Milliarden Franken in den Markt gepumpt hat, steigt der Franken-Kurs immer weiter. Experten fordern eine Obergrenze - und verweisen auf Erfolge in der Vergangenheit. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,782088,00.html
1.-DM=0,90 Rappen also 2.-DM = 1,80 SF = 1.-€. Jetzt 1,10 SF = 1.-€ daran erkennt welches Spielgeld man uns angedreht hat.
3. ...
.Zerberus. 27.08.2011
Zitat von sysopDie Schweizer Nationalbank gerät zunehmend*in die*Kritik. Obwohl sie bereits 200 Milliarden Franken in den Markt gepumpt hat, steigt der Franken-Kurs immer weiter. Experten fordern eine Obergrenze - und verweisen auf Erfolge in der Vergangenheit. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,782088,00.html
Das ist ja so ne traurige Geschichte, die armen armen Schweizer bekommen mehrheitlich Kaufkraft geschenkt - das ist ja echt tragisch ... ich verstehe einfach nicht, wie man eine schwache Währung immer als absolutes non Plus Ultra darstellen kann, ohne darauf einzugehen, dass Deutschland 6 Jahrzehnte mit einer Hartwährung gut gefahren ist. Während Länder die nie eine harte Währung hatten heute auch über keine Konkurrenzfähige Industrie verfügen - siehe die ganzen Südeuropäischen Staaten, die heute trotz schwachen Euros Pleite sind.
4.
Whitejack 27.08.2011
Zitat von idealist1001.-DM=0,90 Rappen also 2.-DM = 1,80 SF = 1.-€. Jetzt 1,10 SF = 1.-€ daran erkennt welches Spielgeld man uns angedreht hat.
Weil irgendein Depp eine teure Währung als "starke" Währung bezeichnet hat und jetzt jeder eine ganz toll starke Währung will. Vielleicht hätte man es umgekehrt machen sollen und eine billige Währung als "stark" definieren sollen, dann wäre die Reaktion genau andersherum... China macht derzeit übrigens genau das: Die Währung billig halten. Und die Wirtschaft brummt, was das Zeug hält. Soviel zum Thema "stark ist gut" und "schwach ist schlecht".
5. also jetzt mal für mich als Hauptschüler...
whocaresbutyou 27.08.2011
Die Schweiz, die ja auch zu einem Teil von Tourismus und Export lebt, macht beim Euro nicht mit, weil sie Angst hat, dass Resteuropa sie in den Keller zieht. Der Rest geht dann tatsächlich mal in den Keller und plötzlich kann sich keiner mehr die Schweiz leisten. Also druckt die Schweiz fix ein paar hundert Milliarden Alpentaler nach, damit die dann nichts mehr wert sind und die verarmten Eurostaatler sich im Skiurlaub wieder ein schweizer Taschenmesser leisten können... ... was aber irgendwie nicht funktioniert. Jetzt haben sie `ne gestiegene Inlandsinflation infolge Geldmengenerhöhung, Exportrückgänge, eine drohende Tourismusflaute... und alles nur, weil die da drüben so solide sind und die krisengebeutelten Finanzartisten daran natürlich teilhaben wollen... ALSO koppeln sie sich als letzte Rettung künstlich an den Euro, kämen aber natürlich nie auf die Idee da einzusteigen, denn DANN müsste man ja am Gesamtpaket mitzahlen... ... was vermutlich billiger käme als die Interventionen am Finanzmarkt... ??? *kopfkratz*
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