Von Christian Teevs, Luzern
Das Tempo der Franken-Aufwertung hat die Schweizer überrumpelt. "Wer vor ein paar Monaten einen Euro-Kurs von 1,10 Franken für denkbar hielt, galt als Schwarzmaler", sagt Marcel Perren. "Das hat niemand für möglich gehalten." Perren ist Tourismusdirektor der Stadt Luzern, er erlebt die Folgen der starken Währung derzeit hautnah. Zusammen mit der Exportindustrie leidet der Tourismus am stärksten unter dem Franken-Höhenflug.
Im Vergleich zum Euro legt der Franken immer weiter zu: Statt 1,35 Franken wie Anfang des Jahres kostet der Euro
mittlerweile nur noch 1,13 Franken. Vor zwei Wochen war es sogar kurzzeitig nur gut ein Franken. Das bedeutet, dass die Preise in der
Schweiz für Gäste aus Euro-Ländern extrem hoch sind. Für Luzern bedeutet das massive Einbußen: Wie keine andere in der Schweiz
ist die Stadt abhängig von ausländischen Gästen.
Perren und die Luzerner hoffen auf die Schweizerische Nationalbank (SNB). Und tatsächlich: Nach langem Zögern pumpt die Zentralbank seit Anfang August massiv Franken in den Geldmarkt. Die Liquidität der Geschäftsbanken wurde in drei Etappen von 30 Milliarden auf 200 Milliarden Franken erhöht - das ist mehr als ein Drittel der Schweizer Wirtschaftsleistung.
Es ist ein bewährtes Mittel von Notenbanken, die Geldmenge zu erhöhen. Damit wird die Währung geschwächt, Unternehmen können ihre Waren günstiger ins Ausland verkaufen.
Doch diesmal scheint das Manöver kaum zu wirken: Der Franken hat sich trotz der massiven Intervention nur geringfügig verbilligt. Nach einem Sprung auf 1,15 Franken verharrt der Euro-Kurs seit zehn Tagen wieder unter dieser Marke. Nach der letzten Ausweitung der Geldmenge in der vergangenen Woche wurde der Franken sogar zeitweise stärker. Ein der Kaufkraft entsprechender Kurs dürfte aber laut Schätzungen zwischen 1,30 und 1,60 Franken liegen.
"Die SNB hat eine phantastische Gelegenheit verpasst", kritisiert Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. "Nun dürfte es deutlich teurer werden, den Franken auf ein erträgliches Maß zu bringen." Als der Franken sich der Euro-Parität näherte, ein Euro also fast nur noch einen Franken wert war, hätte die Nationalbank die Grenze ziehen müssen, sagt Straumann.
Märkte reagierten auf ein Gerücht
Denn offenbar reagierten die Anleger weniger auf die eigentliche Aktion der SNB - sondern vielmehr auf das Gerücht, die Schweizer könnten tatsächlich ein Kursziel gegenüber dem Euro festsetzen. Diese Spekulationen könnten auf Aussagen des SNB-Vizepräsidenten Thomas Jordan im Schweizer "Tages-Anzeiger" beruhen. Auf die Frage, ob er sich eine vorübergehende Anbindung an den Euro vorstellen könne, antwortete Jordan, die SNB könne "grundsätzlich alle Maßnahmen ergreifen, die mit der Erfüllung unseres Mandats vereinbar sind". Dieses sieht vor, dass die Nationalbank eine unabhängige Geldpolitik verfolgt und die Preise stabil hält.
"An den Märkten wurde das so aufgefasst, als ob die Zentralbank schon bald ein Kursziel definieren werde", sagt Straumann. Doch danach habe die SNB es verpasst, nachzulegen und den Gerüchten Taten folgen zu lassen.
Dabei werden die Stimmen nach einer Obergrenze immer lauter. Straumann verweist darauf, dass das Rezept bereits einmal erfolgreich gewirkt habe. Im Sommer 1978 legte der Franken gegenüber der D-Mark und dem Dollar um 40 Prozent zu. Statt wie normal 80 bis 90 Rappen bekam man für eine D-Mark nur noch 75 Rappen. Die SNB rang sich zu einem Experiment durch: Die Notenbanker kündigten an, mit unbegrenzten Interventionen auf dem Devisenmarkt dafür zu sorgen, dass die Schwelle von 80 Rappen pro D-Mark nicht mehr unterschritten werde.
Um das Ziel zu erreichen, verkaufte die Notenbank mehr als zehn Milliarden Franken. Die Geldmenge stieg um 17 Prozent, statt nur fünf Prozent, wie Anfang 1978 verkündet. Das Experiment gelang: Der Franken-Kurs gab schnell nach und pendelte sich 1979 bei 90 Rappen ein. Bis zur Einführung des Euro 1999 sank er nie wieder unter 80 Rappen.
Die Nationalbank hat nur einen Schuss frei
"Das zeigt, wie es gehen kann", sagt der Wirtschaftshistoriker Straumann. Eine Obergrenze wäre keine echte Anbindung an den Euro. Diese scheuen die Schweizer wegen des Wunsches, eine unabhängige Geldpolitik zu verfolgen. "Das Limit könnte vielmehr wie ein Sprungbrett wirken, also dazu führen, dass weltweit Anleger Franken verkaufen und den Euro-Kurs senken."
Die SNB will sich nicht zu ihrer Strategie äußern. Ein Sprecher sagte lediglich, es gelte weiterhin der Satz des SNB-Vizechefs, die Nationalbank werde "bei Bedarf weitere Maßnahmen gegen die Franken-Stärke erlassen".
Klar ist: Die Notenbanker müssen bei einer Obergrenze zwei grundlegende Risiken bedenken. Erstens hat die SNB nur einen Schuss frei: Wenn die Banker ein Kursziel festlegen, muss sie dieses verteidigen, egal, was kommt. Die SNB wäre gezwungen, massiv Euro zu kaufen und notfalls riesige Mengen an Franken zu drucken.
Zweitens könnten die unbegrenzten Interventionen sehr teuer werden - und am Ende sogar die Möglichkeiten der SNB überfordern. Bereits im vergangenen Jahr verbuchte die Nationalbank einen Verlust von 20 Milliarden Franken - 3,7 Prozent des Schweizer Bruttoinlandsproduktes.
Außerdem könnten die Eingriffe zu einer hohen Inflation im Land führen. Angesichts der massiven Probleme für den Export dürfte dieses Problem aber in den Hintergrund rücken, sagt Jan-Egbert Sturm von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. "Spätestens wenn der Euro erneut unter die Grenze von 1,10 Franken fällt, wird die SNB über eine Obergrenze zum Euro nachdenken müssen."
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