Kritik an Versicherer: Ergo droht Ärger wegen falscher Riester-Verträge

Der zweitgrößte deutsche Versicherer steht massiv unter Druck: Ergo hat eingeräumt, 14.000 falsche Riester-Verträge abgeschlossen zu haben. Auch weitere Lustreisen von Firmenvertretern soll es gegeben haben, bestätigte das Unternehmen dem "Handelsblatt".

München - Dem Versicherer Ergo drohen strafrechtliche Konsequenzen. Hintergrund sind massenhaft zu teuer berechnete Riester-Verträge. Ergo bestätigte dem "Handelsblatt", man wisse seit mehr als fünf Jahren, dass Kunden höhere Verwaltungskosten berechnet wurden als vertraglich vereinbart. Ergo-Sprecher Alexander Becker sagte der Zeitung: "Wir haben ermittelt, dass der Fehler im Oktober 2005 der Antragsabteilung bekannt wurde. Wir untersuchen derzeit, was daraus geworden ist."

Das Unternehmen hat bislang 14.000 solcher Fälle eingeräumt, ehemalige Generalvertreter sprechen aber laut "Handelsblatt" von bis zu 70.000 falschen Verträgen. Laut Ergo wurde auf dem Antragsformular irrtümlich ein zu niedriger Kostensatz genannt. Die Kunden würden nun entschädigt.

Auf Anfrage der Zeitung räumte die Versicherung auch weitere Sex-Eskapaden ihrer Vertreter sein. Das "Handelsblatt" berichtet, dass 2002 Prostituierte bei einer Reise nach Kuba besucht wurden, bei der Jahresauftaktveranstaltung des Vertriebs im Januar 2007 zogen demnach bis zu 100 Vertreter ins Berliner Großbordell Artemis. Unklar ist, wer dafür zahlte. "Es gab keinen vom Unternehmen organisierten Programmpunkt", sagte Ergo-Sprecher Alexander Becker. Die Ergo könne aber "nicht ausschließen, dass einzelne Geschäftsstellen dies als eigene Veranstaltung angeboten haben". Und: "Es lässt sich nicht ausschließen, dass - wie im Fall der Budapest-Reise - solche Dienstleistungen in anderen Rechnungen oder Sammelposten versteckt sein könnten."

Bisher hatte die Ergo behauptet, die Lustreise ihrer Vertreter im Juni 2007 nach Budapest sei ein Einzelfall gewesen. Ebenfalls korrigieren musste die Versicherung die Darstellung des Vorstandsvorsitzenden Torsten Oletzky, die Verantwortlichen für die Sex-Orgie hätten das Unternehmen verlassen. Nun holt der Konzern dies eilig nach. Ergo-Sprecher Becker: "Der heutige Leiter des Strukturvertriebs war zur Zeit der Budapest-Reise Vertriebswegemanager. Wir sind inzwischen mit ihm übereingekommen, die Zusammenarbeit zu beenden."

Ergo räumt problematische Beratung ein

Das Unternehmen steht auch wegen weiterer Unregelmäßigkeiten in der Kritik: Ergo bestätigte am Montag einen Bericht der "Financial Times Deutschland". Danach haben Vertreter Kunden mit beitragsfrei gestellten Lebensversicherungen 2009 geraten, die Verträge zu kündigen und die ausgezahlten Summen in spezielle Unfallversicherungen zu stecken. Die Nachteile - die Aufgabe steuerlicher Privilegien oder Zinsgarantien - wurden dabei verschwiegen. Die Vertreter profitierten von dem Policen-Wechsel durch hohe Provisionen. Die Zeitung stützt sich auf Berichte von Mitarbeitern.

Ergo räumte die Praxis bei der Sparte Victoria ein, wehrt sich aber gegen den Eindruck einer systematischen und von oben angeordneten Aktion: "Nach ersten Hinweisen untersagte das für den Victoria-Vertrieb zuständige Vorstandsmitglied Olaf Bläser in einem Schreiben an die Vertriebsstellen Mitte August 2009 diese Praktiken umgehend", teilte eine Sprecherin mit. Der Fall werde weiter untersucht. Weitere Konsequenzen seien noch offen.

cte/Reuters

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