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Kursabsturz: Tippfehler verursachte möglicherweise Wall-Street-Chaos

Nach dem dramatischen Crash an der Wall Street hat die Suche nach Erklärungen begonnen: War ein Tippfehler die Ursache für den Kursabsturz? Die Börsenaufsicht untersucht den Fall. Weltweit geraten die Börsen in den Sog des Wall-Street-Crashs, Japans Notenbank pumpt Milliarden in den Markt.

Händler an der New York Stock Exchange: "Kampf der Algorithmen" Zur Großansicht
dpa

Händler an der New York Stock Exchange: "Kampf der Algorithmen"

New York - An den internationalen Märkten sitzt der Schock nach dem dramatischen Kurssturz an der Wall Street von Donnerstag tief. Doch es verdichten sich die Hinweise, dass lediglich ein läppischer Tippfehler Auslöser für den Kursverfall war - und nicht in erster Linie die Angst vor einem Flächenbrand in Europas Schuldenstaaten.

Laut einem US-Börsenhändler könnte sich am Donnerstag an der Wall Street Folgendes ergeben haben: Ein Händler verkauft 16 Milliarden Aktien statt 16 Millionen. Denn im Englischen macht nur ein Buchstabe den Unterschied: Billion (Milliarden) statt Million (Millionen). Das löste dann die automatischen Verkäufe aus, die zum Kurssturz führten.

Binnen Minuten war der Dow-Jones-Index um fast tausend Punkte abgestürzt und lag somit zwischenzeitlich unter der psychologisch wichtigen Marke von 10.000 Punkten. In Punkten gemessen war es der stärkste Kursrutsch in der Geschichte der Wall Street. Doch fast genau so schnell wie der Index abgerutscht war, erholte er sich auch wieder. Er schloss bei rund 10.520 Zählern - immer noch ein Minus von mehr als 350 Punkten, rund 3,2 Prozent. Der breiter gefasste S&P-500-Index verlor 3,24 Prozent auf 1128 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq fiel 3,44 Prozent auf 2319 Punkte.

Geradezu reflexartig reagierten US-Politiker auf den Vorfall und forderten noch am Donnerstag schärfere Kontrollen für den Computerhandel. Es sei wieder die Gefahr deutlich geworden, dass "Hochgeschwindigkeits-Computer falsche Geschäfte generieren und am Markt Chaos erzeugen", erklärte der demokratische Senator Edward Kaufman. Der "Kampf der Algorithmen" sei für die Börsenaufsicht SEC nicht ansatzweise zu durchschauen und müsse daher "bald in einen sinnvollen Regulierungsrahmen eingebettet werden". Kaufman und sein Kollege Mark Warner forderten eine Untersuchung des Kongresses zu dem Vorfall. Ein Ausschuss des Repräsentantenhauses kündigte für Dienstag eine Anhörung an.

Panik auch an Japans Börsen: Der Nikkei-Index brach kurzzeitig ein

Einige Händler glaubten jedoch nicht ganz an die Theorie eines Tippfehlers: Denn an den Märkten hatte angesichts der Finanzkrise in Griechenland schon seit Tagen Unruhe geherrscht. Seit Dienstag hatte der Dow Jones Chart zeigen 631 Punkte oder 5,7 Prozent verloren. Es waren die größten Verluste innerhalb von drei Tagen seit März 2009, als die Finanzkrise in den USA ihren Höhepunkt erreicht hatte. Zudem hatte es am Donnerstag in dem Moment den größten Ausschlag nach unten gegeben, als Händler Bilder von neuen Zusammenstößen in Athen sahen, nachdem das Parlament das einschneidende Sparprogramm gebilligt hatte.

"Der Markt erkennt nun, dass Griechenland in den nächsten paar Jahren eine Depression durchmachen wird", sagte Analyst Peter Boockvar von Miller Tabak. "Europa ist ein wichtiger Handelspartner von uns, und das bedroht die gesamte globale Wachstumsstory."

In Japan ließen sich Händler daher auch von der Panik nach dem Crash am Donnerstag anstecken: Der Nikkei-Index Chart zeigen für 225 führende Werte brach zwischenzeitlich um mehr als vier Prozent ein. Zum Handelsende notierte das Börsenbarometer bei einem Verlust von 3,1 Prozent, das entspricht einem Stand von 10.364 Punkten. Angesichts der Turbulenzen pumpte Japans Zentralbank am Freitag zwei Billionen Yen (17 Milliarden Euro) in den Geldmarkt. Es war die größte derartige Notmaßnahme seit Dezember 2008.

Deutliches Minus beim Dax

Auch die Börse in Frankfurt am Main geriet in den Abwärtssog. In den ersten Handelsminuten gab der Dax Chart zeigen rund zwei Prozent ab. Ähnlich war es an anderen europäischen Börsenplätzen. Der portugiesische Leitindex fiel in den ersten Minuten drei Prozent, die spanische Börse verlor 2,2 Prozent. In London gab der Index 1,6 Prozent nach.

An der Wall Street haben unterdessen die Aufräumarbeiten begonnen: Die Technologiebörse Nasdaq teilte mit, dass alle offensichtlich irrtümlichen Handelsaktionen zwischen 14.40 Uhr und 15 Uhr rückgängig gemacht würden. Ein Grund wurde nicht genannt.

yes/apn/Reuters

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Das griechische Sparprogramm
Wie viel Griechenland sparen möchte
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Bis 2013 möchte die Regierung in Athen insgesamt 30 Milliarden Euro einsparen. Alleine in diesem und im kommenden Jahr will das Land insgesamt 7,6 Milliarden Euro weniger ausgeben. Das Sparpaket ist Bedingung für die Bereitstellung der Hilfskredite der Euro-Staaten und des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Höhe von insgesamt 110 Milliarden Euro.

Das Haushaltsdefizit soll schrittweise von derzeit rund 15,4 Prozent auf 2,6 Prozent des BIP im Jahr 2014 gedrosselt werden - und damit unter die EU-Schuldengrenze. Wegen der erforderlichen Neuaufnahme von Krediten wird der griechische Schuldenberg aber voraussichtlich bis zunächst 2013 auf rund 190 Prozent des BIP ansteigen.

Folgen für den Staat und seine Bediensteten
Die öffentlichen Investitionen werden um 1,5 Milliarden Euro zurückgefahren. Die Verkleinerung des Staatsapparats soll eine weitere Milliarde Euro einsparen. Das 13. und 14. Monatsgehalt für Staatsbedienstete ist gestrichen worden, wobei niedrige Gehaltsgruppen einen Ausgleich in Höhe von jährlich 1000 Euro erhalten.

Zudem soll im öffentlichen Dienst nur jede fünfte Stelle, die frei wird, neu besetzt werden. Spätestens im Herbst 2011 sind darüber hinaus weitere Stellenstreichungen geplant.

Folgen für Rentner
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Die höchsten Pensionen sind gekürzt worden, zudem erhalten Pensionäre weniger Urlaubs-, Weihnachts- und Ostergeld. Das Renteneintrittsalter ist erhöht worden: 40 Jahre lang müssen Arbeitnehmer künftig Beiträge einzahlen, um die volle Rente zu erhalten.
Steuererhöhungen
Griechenland hat die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent erhöht. Auch die Steuern auf Alkohol, Tabak und Benzin sind gestiegen. Die Regierung erhebt zudem eine Ökosteuer, auch Glücksspiele und Unternehmensgewinne werden besteuert. Für illegale Bauvorhaben ist eine Strafsteuer fällig. Insgesamt sollen die Erhöhungen in den kommenden zwei Jahren 7,8 Milliarden Euro in die Kassen spülen.
Folgen für die griechische Wirtschaft
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Durch die radikalen Einsparungen rechnet das griechische Finanzministerium zunächst mit einem Verlust der Kaufkraft und damit mit einem Rückschlag für die Wirtschaft. Prognosen sagen in diesem Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um vier Prozent voraus, 2011 soll das BIP demnach um weitere 3,0 Prozent schrumpfen. Erst für 2012 rechnen die Experten wieder mit einem leichten Wachstum.


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