Landwirtschaft in Indien Bauern kämpfen gegen Wal-Mart und Gen-Food

Indien wächst und hungert. Die Regierung bekommt die bald größte Bevölkerung der Welt nicht satt. Jetzt sollen ausländische Unternehmen die Ernährung des Boomlands sicherstellen. Doch der Widerstand gegen Weltkonzerne wie Wal-Mart, Tesco und Syngenta ist groß.

Von , Bangalore

Anne-Laure Cahen

An sechs Tagen in der Woche öffnet Radhish seinen kleinen Kiosk in Indiens drittgrößter Stadt, Bangalore. Auf den Straßen herrscht reger Betrieb, Rikschas fahren hupend vorbei, Männer stehen rauchend auf dem Bürgersteig, Frauen tragen Obst und Gemüse nach Hause. Doch abgesehen von kleinen Chipstüten und Päckchen mit asiatischen Instantnudeln ist Radhishs Laden leer: keine Ware, keine Käufer. Erst in ein paar Tagen sollen neue Lieferungen kommen, wann genau, weiß er nicht.

Radhishs Kunden sind Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, Familien mit einem Monatseinkommen unter 50 Euro. Ein Viertel der Gesamtbevölkerung, 300 Millionen Inder, erhalten in Läden wie diesen Reis, Weizen, Zucker und Kerosin zu vergünstigten Preisen. Auch Rita wartet auf den nächsten Einkauf bei Radhish. Seit 18 Jahren kauft die 43-Jährige hier mit ihrer Lebensmittelkarte von der Regierung einmal im Monat für ihre dreiköpfige Familie ein. Warum sich die Preise für Lebensmittel in anderen Geschäften in den vergangenen Jahren zum Teil verdoppelt haben, weiß sie nicht.

Indiens Bevölkerung, Wirtschaft und Konsum wachsen rasant und weitaus schneller als die Lebensmittelproduktion. Im Jahr 2025 soll Indien laut Prognosen mehr Einwohner haben als China, doch schon jetzt schafft es das Land nicht, seine 1,2 Milliarden Menschen satt zu kriegen: In keinem Land hungern so viele Menschen, nach Unicef-Berechnungen leben 42 Prozent aller weltweit untergewichtigen Kinder unter fünf Jahren in Indien. Die Welthungerhilfe spricht in ihrem aktuellen Index von einer "sehr ernsten" Situation und stuft das Land damit in dieselbe Kategorie ein wie Äthiopien und Kambodscha.

"Die Regierung weiß, dass Indien eine neue grüne Revolution braucht", sagt Abhay Laijawala, Leiter der Forschungsabteilung bei der Deutschen Bank in Mumbai. Die erste grüne Revolution fand in den sechziger Jahren statt, der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln steigerte die Erträge. Doch den Hunger hat man nicht besiegt. Landflucht, Mangel an mechanisierter Landwirtschaft und Wasserknappheit sind bis heute Probleme des indischen Agrarsektors. Der typische Bauer erntet auf seinem kleinen Grundstück gerade mal so viel, dass es für die Familie und vielleicht ein paar Verkäufe auf dem lokalen Markt reicht.

Gen-Saatgut für alle?

Könnten ausländische Unternehmen die indische Nahrungsmittelkrise lindern? Der Schweizer Saatguthersteller Syngenta hat 80 Bauern aus der Umgebung zu einem PR-Termin mit ausländischen Journalisten in das indische Dorf Idera in Rajasthan geladen. Einige kommen barfuß. Sie sitzen auf Plastikstühlen im Schatten eines großen Innenhofes und erzählen von steigender Produktivität dank Syngentas Pestiziden und hybridem Saatgut. Madhav Lalmenaria verdient zehnmal mehr, seitdem er das westliche Pflanzenschutzmittel auf seinen vier Hektar Land versprüht. Er hat ein Haus gebaut, einen Traktor gekauft, seine zwei Kinder gehen zur Schule, sagen die Syngenta-Manager.

Das veränderte Saatgut bringt zwar mehr Ertrag, ist aber auch teurer, muss ständig nachgekauft werden, braucht stärkere Düngung und ist häufig anfälliger für Krankheiten. "Viele Bauern können sich dieses Saatgut nicht leisten", sagt Bheku Singh Gaden. Er selbst benutzt Hybridsaatgut nur für die Ernte, die er auf dem Markt verkauft. Seine eigene Familie ernährt er mit herkömmlichem Saatgut. "Der Geschmack ist besser", sagt er. Auch Sima scheut die ausländischen Produkte. Die Farmersfrau hat Angst vor gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen. Tatsächlich tauchen immer wieder Berichte von erhöhten Krebsraten unter Bauern auf, die ungeschützt mit Pestiziden arbeiten. Ein Syngenta-Mann unterbricht das Gespräch: "Sie ist nicht die Entscheidungsträgerin der Familie."

Wal-Mart soll kommen

Während der Absatz von Hybridsorten steigt, verhandeln Agrochemiekonzerne seit Jahren mit den Politikern in Neu-Delhi und in den Bundesstaaten um weitere Genehmigungen. Sie wollen auch Saatgut für genmanipuliertes Gemüse verkaufen dürfen, das bislang nur für Baumwolle zugelassen ist. Die Erlaubnis für eine Gen-Aubergine von Monsanto wurde im vergangenen Jahr allerdings auf Eis gelegt - der Widerstand im Volk und bei Umweltinitiativen war zu groß. Auch Nichtregierungsorganisationen sind skeptisch: Noch gebe es kein gentechnisch-verändertes Saatgut, das nachhaltig die Armut bei Kleinbauern in Entwicklungsländern reduzieren könne, heißt es bei der Welthungerhilfe. Auch seien die gesundheitlichen Risiken nicht ausreichend erforscht.

Doch selbst wenn die Bauern mit Hilfe von Pestiziden und verändertem Saatgut höhere Erträge erzielen, ist fraglich, ob die Produkte auf den Tellern landen. 30 bis 40 Prozent der 300 Millionen Tonnen in Indien angebauter Früchte und Gemüse verderben jedes Jahr. Die Infrastruktur ist miserabel und erschwert eine reibungslose Lieferkette, Kühlhäuser sind Mangelware. Auch hier sollen internationale Konzerne Abhilfe schaffen: Die Regierung von Ministerpräsident Manmohan Singh will den milliardenschweren indischen Einzelhandel für Supermarktketten wie Wal-Mart, Carrefour und Tesco öffnen.

Deutsche Software

Die umstrittenen Pläne werden in diesen Tagen wieder auf den Titelseiten der indischen Zeitungen diskutiert. Einige wichtige Koalitionspartner wehren sich gegen ausländische Investitionen im Einzelhandel; Familienbetriebe, kleine Läden und Zwischenhändler fürchten um ihre Jobs. Die Verhandlungen eskalierten, ein Oppositionspolitiker drohte sogar, Wal-Mart-Geschäfte in Brand zu stecken.

Die Regierung hat die Entscheidung nun erneut vertagt. Experten gehen dennoch davon aus, dass die Reform kommen wird und ausländische Konzerne sich bald zu 51 Prozent an indischen Supermärkten beteiligen können. "Indien muss diesen Schritt gehen", sagt Deutsche-Bank-Manager Laijawala.

"Die indische Landwirtschaft hat viel Potential - auch aus eigener Kraft", sagt hingegen Heinz Peters von der Welthungerhilfe. Mit neuen Bewässerungssystemen und einer Abkehr von Monokulturen sowie besserer Lagerung könnte schon viel erreicht werden. Eine Neuerung kommt in jedem Fall: Singhs Regierung hat einen Vertrag mit SAP unterzeichnet, das deutsche Software-Unternehmen stellt seit November das System der Lebensmittelverteilung für die Ärmsten der Armen von manueller Buchhaltung auf eine digitale Abwicklung um. Das Riesenprojekt soll die richtige Mengenzuteilung erleichtern und Korruption bei den Zwischenhändlern erschweren. Wenn alles gut läuft, stünde dann auch Radhishs Laden nicht mehr tagelang leer.



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Seite 1
cato-der-ältere 17.12.2011
1. Deutsche Bank...
Die Deutsche Bank muss natürlich auch hier wieder ihre Finger im Spiel haben! Walmart und Co. werden den Kleinhandel vernichten, mit schrecklichen Folgen für Millionen hart arbeitender Menschen, die damit ihre Familien ernähren. Und die Praktiken von Monsanto sind auch ausreichend dokumentiert... Eine Oberschicht die für den "Fortschritt" über Leichen geht, paktiert hier mit einer internationalen Kapital-, Handels- und Agro-Mafia. Walmart hat sogar in den USA selbst Unheil angerichtet und Mittelstand vernichtet, für eigene Proftmaximierung. Dafür zahllose prekäre Arbeitsplätze geschaffen. Wo gehobelt wird fallen Späne denkt man sich halt, aber selbst ist man natürlich der Hobel, nicht der Span... Es gäbe es auch Alternativen. Es gibt genug integre und kompetente Experten und NGOs. Aber der klassisch kapitalistische Weg ist so viel einfacher, glamouröser und einträglicher, auch für die politische Klasse.
raiog 17.12.2011
2.
Wenn Wall markt, Tesco und Deutsche Bank kommt wird der Hunger nicht stark abnehmen. Die Produktin wird steigern und die Lebensmittel zu Preisen angeboten die sich die meisten nicht leisten können. Außerdem werden dann Bauern enteignet. Die Gewinne fließen dann in die große Konzerne. Oder es wird Biosprit für die Eu und USA angepflanzt. Ich versteh nicht ganz die indische Regierung warum sie nicht selbst die Landwirtschaft unterstützt mit Fortbildung im Ackerbau, groß angelegte Bewässerung, finazielle Unterstützung Subventionen. Die Indische Wirtschaft boomt ja, dann muß ja Geld da sein. Hoffe das es den indischen Bauern nicht so geht wie viele ihrer Kollegen in Afrika, enteignet und vertrieben.
gbtate 17.12.2011
3. Danke für die Aufklärung
Zitat von cato-der-ältereDie Deutsche Bank muss natürlich auch hier wieder ihre Finger im Spiel haben! Walmart und Co. werden den Kleinhandel vernichten, mit schrecklichen Folgen für Millionen hart arbeitender Menschen, die damit ihre Familien ernähren. Und die Praktiken von Monsanto sind auch ausreichend dokumentiert... Eine Oberschicht die für den "Fortschritt" über Leichen geht, paktiert hier mit einer internationalen Kapital-, Handels- und Agro-Mafia. Walmart hat sogar in den USA selbst Unheil angerichtet und Mittelstand vernichtet, für eigene Proftmaximierung. Dafür zahllose prekäre Arbeitsplätze geschaffen. Wo gehobelt wird fallen Späne denkt man sich halt, aber selbst ist man natürlich der Hobel, nicht der Span... Es gäbe es auch Alternativen. Es gibt genug integre und kompetente Experten und NGOs. Aber der klassisch kapitalistische Weg ist so viel einfacher, glamouröser und einträglicher, auch für die politische Klasse.
Sicher haben Sie einige Jahre in Indien gelebt. Damit meine ich nicht in irgendwelchen Hotels und an den Hotelbars, sonder im Land mit den Leuten. Ganz sicher haben Sie auch mit diesen Leuten gearbeitet. Wo sonst kämen denn diese kenntnisreichen und damit auch hilfreichen Vorschläger her. Sie sagen es ja selbst: ....selbst ist man der Hobel... Damit meinen Sie doch hoffentlich selbst auch? Ich habe einige Jahre auf dem Subkontinent gearbeitet und kann immer nur staunen über das, was da an Erkenntnissen ausgeschüttet wird von Leuten, die man seltsamerweiser vor Ort selten, dafür aber an den Hotelbars, in den Tennisclubs usw.... trifft. Aber Ihr User-Name sagt ja schon einiges aus.
immigrantin 17.12.2011
4.
Zitat von sysopIndien wächst und hungert. Die Regierung bekommt die bald größte Bevölkerung der Welt nicht satt.*Jetzt sollen ausländische Unternehmen die Ernährung des Boomlandes sicherstellen. Doch der Widerstand gegen Weltkonzene wie Wal-Mart, Tesco und Syngenta ist groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802807,00.html
Indien sollte eine vernunftige Geburtenregulierung einführen. Ansonsten kann Indien niemand helfen. Dort, wo es Essen von Hilfsorganisationen umsonst gibt, vermehren sich die Menschen noch schneller und das Elend bleibt konstant.
raiog 17.12.2011
5.
Zitat von immigrantinIndien sollte eine vernunftige Geburtenregulierung einführen. Ansonsten kann Indien niemand helfen. Dort, wo es Essen von Hilfsorganisationen umsonst gibt, vermehren sich die Menschen noch schneller und das Elend bleibt konstant.
Ja das habe ich vergessen. Das ist ein sehr guter Ansatz. Wenn das die Chinesen nicht gemacht hätten würden jetzt in China die meisten hungernde Menschen leben. Allerdings wird sich die Geburtenkontrolle frühestens in 10 Jahren auswirken.
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